Wie steht es in Kardiologie und DGK um Gleichstellung und Chancengerechtigkeit?

Die DGK bündelt seit 2020 in der Projektgruppe "Frauen und Familie in der Kardiologie" ihre Aktivitäten zur Förderung der Chancengerechtigkeit bei den Geschlechtern. Der auf der DGK-Jahrestagung 2023 vorgestellte Bericht der Projektgruppe zeigt, wo Fortschritte gemacht wurden und Ungleichheiten bestehen. 1,2

Von Martin Nölke

 

21.04.2023

Die Gleichstellung der Geschlechter in der Wissenschaft und Medizin kann zu deutlichen gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Verbesserungen führen. So gibt es Belege, dass geschlechtergemischte Arbeitsumfelder eine höhere Produktivität, Innovativität und Zufriedenheit der Mitarbeitenden aufweisen. 3,4 Es zeigen sich auch positive Effekte für die Forschungsqualität und Patientenversorgung. 5–11


Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) möchte die Chancengerechtigkeit und Gleichstellung der Geschlechter fördern. Aus diesem Grund wurde die Projektgruppe „Frauen und Familie in der Kardiologie“ eingerichtet. Die Ziele sind es, Datentransparenz zu schaffen, Ursachen für Ungleichheiten zu identifizieren und geeignete Maßnahmen für eine nachhaltige Chancengerechtigkeit und Geschlechtergleichstellung zu entwickeln.

Systematische Analyse der Geschlechterrepräsentanz in Kardiologie und DGK

Bei der DGK-Jahrestagung 2023 präsentierte Dr. Carolin Lerchenmüller, Universitätsklinikum Heidelberg, den aktuellen Bericht der Projektgruppe „Frauen und Familie in der Kardiologie“. Anonymisiert und nach Geschlecht differenziert wurden umfassend Daten erhoben zu Mitgliedern, Organen, Arbeitskreisen, wissenschaftlichen Tagungen und Auszeichnungen der DGK.

 

Die Daten zeigen, dass von 2000 bis 2020 die Gesamtzahl der DGK-Mitglieder gestiegen ist und sich der Frauenanteil von 12,5 % auf 25,3 % erhöht hat. Deutschlandweit beträgt der Anteil weiblicher Kardiologinnen etwa 40 %.

 

Im Jahr 2021 lag der Frauenanteil beim DGK in den Karrierestufen vom Studium bis zu Fachärztin und Facharzt zwischen 40 % und 50 %, was vergleichbar ist mit dem Niveau in der Kardiologie an deutschen Universitätskliniken. Hinsichtlich der Geschlechterverteilung resümierte Lerchenmüller: „Es gibt kein Nachwuchsproblem.“

„Leaky Pipeline“ – geringerer Frauenanteil in hohen Karrierestufen und Schlüsselpositionen

Auf den höheren Ebenen sieht die Datenlage anders aus. „Wir sehen ein auch in vielen anderen Bereichen beobachtetes Phänomen: die Abnahme des Frauenanteils in Richtung der leitenden Funktionen – bekannt als Leaky Pipeline“, sagte Lerchenmüller. Unter den DGK-Mitgliedern betrug im Jahr 2021 der Frauenanteil bei den Chefärzten und -ärztinnen 7,1 %, in der Klinikdirektion 3,4 %.

Leaky-Pipeline-Phänomen bei weiblichen Mitgliedern der DGK (rot, Prozentangabe). Karrierestufe im Jahr 2021. 2

Bei den von der DGK geleiteten wissenschaftlichen Tagungen leisteten Frauen häufiger einen Beitrag in den Junior- als in den Senior-Rollen. Der Anteil der Frauen in den Arbeitsgruppen der DGK hatte sich insgesamt dem Geschlechterverhältnis angeglichen, aber die Kerngruppen und Sprecherpositionen waren überwiegend männlich besetzt. Auch die Vorstände und Projektgruppen waren überwiegend von Männern besetzt.

Hürden auf dem Weg zu Gleichstellung und Chancengerechtigkeit

Bei den Ursachen für die Unterrepräsentation von Frauen in der Medizin und Kardiologie verwies Lerchenmüller auf verschiedene Studien in dem Gebiet. 12,13 Die dort genannten Gründe sind vielfältig und komplex: Neben fehlender Unterstützung und Diskriminierung, intransparenter Weiterbildung und fehlenden weiblichen Vorbildern werden hier unter anderem eine zu geringe Flexibilität bei Arbeits- und Teilzeitmodellen aufgeführt. „Es fehlen Strukturen, um die kritischste Phase in der Karriere und die Phase der Familiengründung, die häufig zeitlich zusammenfallen, besser zu vereinbaren“, erklärte Lerchenmüller.

 

Trotz eines Tarif-kontrollierten Umfelds in Deutschland gibt es zudem einen Gender Pay Gap. Außerdem stellt die Strahlenexposition vor allem in interventionellen Fächern eine Hürde dar.

Weitergehende Maßnahmen und Ausblick

Mit dem veröffentlichten Bericht sieht Lerchenmüller eine wichtige Grundlage auf dem Weg zu Gleichstellung und Chancengerechtigkeit in der Kardiologie geschaffen: „Er bildet einen Referenzpunkt, an dem wir uns orientieren und weiter messen können.“

 

Die DGK-Projektgruppe „Frauen und Familie in der Kardiologie“ strebt eine dauerhafte Begleitung des Prozesses an. Dazu gehört neben DGK-internen Austausch- und Netzwerkaufgaben eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit.


Dies beinhaltet unter anderem einen jährlichen Statusreport, der in den Jahresbericht der DGK eingeht. Zudem ist derzeit eine eigene Webpräsenz im Aufbau. Es besteht bereits ein eigener Twitter-Account, über den sich Interessierte weiter zum Thema Gleichstellung und Chancengerechtigkeit in der Kardiologie informieren können.


Referenzen

  1. Lerchenmüller C. Chancengerechtigkeit in der DGK: Bericht der Projektgruppe 13. Sprecherin, wissenschaftliche Sitzung: Chancengerechtigkeit in der Kardiologie. Vorsitz: Morbach C, Zeiher AM, 89. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 14:35 Uhr, 14. April 2023.
  2. Lerchenmüller C, Zelarayan L, Streckfuss-Bömeke K, Rubini Gimenez M, Schnabel R, Hashemi D, Baldus S, Rudolph TK, Morbach C. Moving toward gender equity in the cardiology and cardiovascular research workforce in Germany: a report from the German Cardiac Society, European Heart Journal Open, Volume 3, Issue 2, March 2023, oead034, https://doi.org/10.1093/ehjopen/oead034
  3. Lau ES, Wood MJ. How do we attract and retain women in cardiology? Clin Cardiol 2018;41:264–268.
  4. Koning R, Samila S, Ferguson JP. Who do we invent for? Patents by women focus more on women's health, but few women get to invent. Science 2021;372:1345–1348.
  5. Nielsen, Mathias Wullum et al. Opinion: Gender diversity leads to better science. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America vol. 114,8 (2017): 1740-1742. doi:10.1073/pnas.1700616114
  6. Adams, Jonathan. Collaborations: The fourth age of research. Nature vol. 497,7451 (2013): 557-60. doi:10.1038/497557a
  7. Freeman, Richard B, and Wei Huang. Collaboration: Strength in diversity. Nature vol. 513,7518 (2014): 305. doi:10.1038/513305a
  8. Burns T, Huang J, Krivkovich A, Rambachan I, Trkulja T, Yee L. Women in the Workplace 2021 Report. 2021. https://www.mckinsey.com/~/media/mckinsey/featured%20insights/diversity%20and%20inclusion/women%20in%20the%20workplace%202021/women-in-the-workplace-2021.pdf
  9. Greenwood, Brad N et al. Patient-physician gender concordance and increased mortality among female heart attack patients. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America vol. 115,34 (2018): 8569-8574. doi:10.1073/pnas.1800097115
  10. Kim, Sun-Ouck et al. Gender Preferences for Urologists: Women Prefer Female Urologists. Urology journal vol. 14,2 3018-3022. 16 Mar. 2017
  11. Cho, Leslie et al. Increasing Participation of Women in Cardiovascular Trials: JACC Council Perspectives. Journal of the American College of Cardiology vol. 78,7 (2021): 737-751. doi:10.1016/j.jacc.2021.06.022
  12. Coe, Imogen R et al. Organisational best practices towards gender equality in science and medicine. Lancet (London, England) vol. 393,10171 (2019): 587-593. doi:10.1016/S0140-6736(18)33188-X
  13. Capranzano P, Kunadian V, Mauri J, et al. Motivations for and barriers to choosing an interventional cardiology career path: results from the EAPCI Women Committee worldwide survey. EuroIntervention. 2016;12(1):53-59. doi:10.4244/EIJY15M07_03

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