Der Octogenarian Shift - vom Katheterlabor zum Versorgungspfad: Der Wandel der kardiovaskulären Medizin im hohen Alter

M. Kutz (Herne)1, D. Bismpos (Herne)1, O. Shelepova (Herne)1, J. Wintrich (Homburg/Saar)2, P. S. Lange (Herne)1, O. Ritter (Brandenburg an der Havel)3, P. Jaehn (Brandenburg an der Havel)4, N. Pagonas (Neuruppin)5, C. Ukena (Herne)1, M. Christ (Bottrop)6, B. Sasko (Herne)1
1Marienhospital Herne, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum Med. Klinik II, Kardiologie u. Angiologie Herne, Deutschland; 2Universitätsklinikum des Saarlandes Innere Medizin III - Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin Homburg/Saar, Deutschland; 3Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel GmbH Zentrum für Innere Medizin I Brandenburg an der Havel, Deutschland; 4Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane Brandenburg an der Havel, Deutschland; 5Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg Med. Klinik A Schwerpunkt Kardiologie Neuruppin, Deutschland; 6Knappschaftskrankenhaus Bottrop GmbH Klinik für Innere Medizin IV - Kardiologie Bottrop, Deutschland
Hintergrund:
Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl akut stationär aufgenommener Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich an. Der „Octogenarian Shift“ beschreibt den Übergang von invasiv-prozeduralen Strategien hin zu funktionell und interdisziplinär orientierten Versorgungspfaden. Ziel war es, Unterschiede in Komorbiditäten, Versorgung und Outcomes zwischen < 80- und ≥ 80-jährigen Notfallpatient:innen mit Herzinsuffizienz (HF), Myokardinfarkt (AMI) oder Schlaganfall zu analysieren.
Methoden:
Datenanalyse von 1,8 Mio. Versicherten der Knappschaft Bahn-See (2012–2020). Eingeschlossen wurden 110 587 Patient:innen mit Erstdiagnose von HF, AMI oder Apoplex; 61 308 (55,4 %) waren < 80 Jahre, 49 279 (44,6 %) ≥ 80 Jahre. Analysiert wurden Komorbiditäten, stationäre Parameter (Case-Mix-Index [CMI], Verweildauer), pflegerische Versorgung, Entlassziele und Mortalität. Kategoriale Variablen wurden mittels OR (95 %-KI), kontinuierliche als Median [IQR] ausgewertet.
Ergebnisse:
Das mediane Alter betrug 65 Jahre [58–72] bzw. 85 Jahre [82–88]. Männer dominierten in der jüngeren Gruppe (58,1 % vs. 46,7 %, p < 0,001). Hochbetagte zeigten häufiger Hypertonie (90 % vs. 77,6 %), KHK (40,4 % vs. 27,0 %), Vorhofflimmern (28,8 % vs. 14,4 %), CKD (32,0 % vs. 16,3 %) und Demenz (10,2 % vs. 6,6 %; alle p < 0,001). Adipositas (18,4 % vs. 25,8 %) und Nikotinabusus (1,9 % vs. 9,8 %) waren seltener.
Pflegebedürftigkeit war ausgeprägter: Entlassung in Pflegeeinrichtung 7,3 % vs. 1,2 % (OR 6,94), Case-Management 18,3 % vs. 8,4 % (OR 2,41), DMP-Teilnahme 15,7 % vs. 11,2 % (OR 1,47; alle p < 0,001). Hochbetagte wurden häufiger auf internistischen (46,6 % vs. 38,5 %) und geriatrischen (7,2 % vs. 2,1 %) Stationen behandelt, seltener auf kardiologischen (15,8 % vs. 21,6 %) (p < 0,001).
Der mediane CMI war niedriger (1,33 vs. 1,55; p < 0,001), die Verweildauer länger (9 [6–13] vs. 7 [5–11] Tage; p < 0,001). Die 30-Tage-Mortalität betrug 4,2 % vs. 3,2 % (OR 1,33 [1,25–1,42]) und die 1-Jahres-Mortalität 17,4 % vs. 13,2 % (OR 1,39 [1,35–1,44]; beide p < 0,001).
Schlussfolgerung:
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich der Versorgungsfokus von invasiv-prozeduralen hin zu funktionell-geriatrischen Strategien. Hochbetagte weisen eine höhere Komorbiditätslast, längere Liegedauer und höhere Mortalität bei gleichzeitig niedrigerem CMI auf. Der „Octogenarian Shift“ verdeutlicht die Notwendigkeit altersadaptierter, interdisziplinärer Versorgungspfade mit stärkerer pflegerischer und sozialmedizinischer Einbindung.