Hintergrund/Einleitung:
Trotz klarer perioperativer Leitlinien bleibt die Leitlinienadhärenz in der klinischen Praxis suboptimal, insbesondere bei der präoperativen kardiovaskulären Risikoeinschätzung bei Patienten vor nicht-kardialen Eingriffen. Klinische Entscheidungsunterstützungssysteme (CDS) können eine strukturierte, leitlinienbasierte Versorgung fördern. Das KIPeriOP-Projekt untersuchte den Einfluss eines CDS-Tools auf die perioperative Leitlinienadhärenz und die Qualität diagnostischer Entscheidungen.
Zielsetzung:
Bewertung, ob die Einführung eines perioperativen CDS-Systems die Leitlinienadhärenz bei der präoperativen Risikoeinschätzung und Diagnostik bei Patienten mit nicht-kardialer Operation verbessert.
Methoden:
Diese multizentrische, randomisierte, kontrollierte Interventionsstudie wurde an zwei deutschen Krankenhäusern durchgeführt. Erwachsene Patienten (ASA III-IV), die sich einer nicht-kardialen Operation unterzogen, wurden entweder einer Standard-präoperativen Evaluation (Kontrollgruppe) oder einer CDS-unterstützten Evaluation (Interventionsgruppe) zugeteilt. Das CDS-System (ZAZA-Pro) bot eine strukturierte Risikoeinschätzung und evidenzbasierte diagnostische Empfehlungen. Primäre Endpunkte waren die Adhärenz zu leitlinienbasierten diagnostischen Empfehlungen und die Qualität diagnostischer Entscheidungen. Sekundäre Endpunkte umfassten die Übereinstimmung der ASA-Klassifikation sowie den geschätzten zusätzlichen Zeitaufwand für die Umsetzung der Leitlinien.
Ergebnisse:
Insgesamt wurden 229 Patienten randomisiert (CDS: 123, Kontrolle: 106). Die Ausgangscharakteristika waren vergleichbar. Die Übereinstimmung zwischen CDS-vorgeschlagener und vom Anwender vergebener ASA-Klassifikation war für ASA IV am höchsten (OR 5,58 [95 % KI 2,35–13,22], p < 0,001), jedoch gering für ASA III (OR 0,35 [0,18–0,67], p = 0,002). Die Adhärenz zu leitliniengerechter Diagnostik war in beiden Gruppen niedrig und unterschied sich nicht signifikant (z. B. EKG OR 0,78 [0,40–1,56], p = 0,518; Echokardiographie OR 1,33 [0,37–5,10], p = 0,774). Der Anteil korrekter diagnostischer Entscheidungen war ähnlich (CDS 67 % vs. Kontrolle 66 %, OR 1,06 [0,83–1,36], p = 0,679). Unterdiagnostik war die häufigste Form der Abweichung (82,9 % der nicht umgesetzten Empfehlungen in der CDS-Gruppe), während Überdiagnostik selten war (3,4 %). Die vollständige Umsetzung der CDS-Empfehlungen hätte im Mittel einen zusätzlichen Arbeitsaufwand von 20 Minuten pro Patient verursacht.
Schlussfolgerung:
Obwohl das CDS strukturierte, evidenzbasierte Empfehlungen lieferte, führte es nicht zu einer signifikanten Verbesserung der Leitlinienadhärenz oder diagnostischen Genauigkeit im Vergleich zur Standardpraxis. Die hohe Rate an Unterdiagnostik deutet darauf hin, dass die Hindernisse eher verhaltens- und organisationsbedingt als informationsbedingt sind. Zielgerichtete Implementierungsstrategien und eine bessere Workflow-Integration sind erforderlich, um das volle Potenzial perioperativer CDS-Systeme auszuschöpfen.