Versorgungsrealität und Therapieadhärenz bei Hypertonie: Analyse von Fragebogendaten und GKV-Routinedaten von 1.751 Versicherten der AOK Nordost

D. Bruch (Bernau)1, F. Schröter (Bernau)1, F. Seifert (Berlin)2, S. May (Rüdersdorf)3, F. Mühlensiepen (Rüdersdorf)3, X. Chen (Berlin)4, B. Krage (Berlin)4, M. Heinze (Rüdersdorf)5, J. Albes (Bernau bei Berlin)6, S. Spethmann (Berlin)2
1Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg, Herz- und Gefäßchirurgie Bernau, Deutschland; 2Charité - Universitätsmedizin Berlin Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin Berlin, Deutschland; 3Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane Zentrum für Versorgungsforschung Rüdersdorf, Deutschland; 4AOK Nordost. Die Gesundheitskasse Strategische Versorgungsanalysen/GeWINO Berlin, Deutschland; 5Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Rüdersdorf, Deutschland; 6Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg / Herzchirurgie Bernau bei Berlin, Deutschland

Hintergrund: Arterielle Hypertonie betrifft ca. 32% der deutschen Bevölkerung und stellt einen zentralen kardiovaskulären Risikofaktor dar. Trotz effektiver Therapieoptionen bestehen erhebliche regionale und sozioökonomische Unterschiede in der Hypertonie-Prävalenz. Zudem nimmt mehr als die Hälfte der Patient:innen ihre antihypertensive Medikation nicht adhärent ein. Diese Studie untersucht Versorgungspfade, Therapieadhärenz und Leitlinientreue bei Hypertonie-Patient:innen unter besonderer Berücksichtigung soziodemografischer Faktoren.

Methoden: Für die Mixed-Methods-Studie wurden 21.024 AOK-Nordost-Versicherte mit dokumentierter Hypertonie-Diagnose (2022) stratifiziert nach Geschlecht, Wohnort und Alter angeschrieben. Die quantitative Befragung (n=1.751) erfasste Einstellungen und Inanspruchnahme von digitalen Gesundheitsangeboten, digitale Gesundheitskompetenz, Adhärenz, die aktuelle Versorgungssituation und soziodemographische Merkmale. 1.514 Fragebögen wurden mit GKV-Routinedaten (2022-2023) verknüpft. Adhärenz wurde mittels validiertem Fragebogen nach Ude et al. (2013) erfasst. Die statistische Auswertung erfolgte deskriptiv sowie mittels χ² Tests und logistischer Regression.

Ergebnisse: Die Teilnehmenden (Mittelwerte:  63,3 Jahre, 52% männlich, 71% ländlich) zeigten hohe Inanspruchnahme hausärztlicher Versorgung: 99,7% hatten im Jahr 2022 und 2023 mindestens einen hausärztlichen Kontakt, 87,6% in 7 von 8 Quartalen. 91,4 % der Patient:innen erhielten eine blutdrucksenkende Medikation, wobei 98,8% die blutdrucksenkenden Medikamente durch Hausärzt:innen verschrieben bekamen. 32,5% hatten in 2022 und 2023 mindestens einen kardiologischen Versorgungskontakt (ambulant/stationär/Reha).Jüngere Patient:innen gingen seltener zum Arzt (20,1% nur 0-1/Jahr vs. 10,5% bei ab 50-Jährigen, p<0,001) und nutzten seltener kardiologische Versorgung (20,3% vs. 42,6%, p<0,001).

Deutliche Altersunterschiede zeigten sich bei der Therapieadhärenz: Während 72,6% der ab 50-Jährigen adhärent waren, erfüllten nur 45,2% der unter 50-Jährigen die Kriterien (p<0,001). 

Hinsichtlich Leitlinientreue zeigten sich geschlechts- und wohnortspezifische Unterschiede: Bei isolierter Hypertonie erhielten 21,6% Betablocker, obwohl diese nicht als Erstlinientherapie empfohlen sind. Frauen wurden doppelt so häufig mit Betablockern behandelt wie Männer (28,6% vs. 14,1%, p=0,003), unabhängig vom Alter. Patient:innen in ländlichen Regionen erhielten signifikant häufiger Betablocker als in städtischen Gebieten (24,7% vs. 13,7%, p=0,027). Fixed-Dose-Kombinationen waren entgegen der Leitlinienempfehlung wenig verbreitet.

Schlussfolgerungen: Die Studie identifiziert relevante Versorgungslücken: Jüngere Hypertonie-Patient:innen zeigen geringere Therapieadhärenz und Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen. Die hausärztliche Versorgung ist zentral, während fachkardiologische Betreuung weniger verbreitet ist. Geschlechts- und wohnortspezifische Unterschiede in der Pharmakotherapie weisen auf Optimierungsbedarf hinsichtlich Leitlinientreue hin. Zielgruppenspezifische Interventionen erscheinen notwendig zur Verbesserung der Versorgungsqualität.