Hintergrund: Arterielle Hypertonie betrifft ca. 32% der deutschen Bevölkerung und stellt einen zentralen kardiovaskulären Risikofaktor dar. Trotz effektiver Therapieoptionen bestehen erhebliche regionale und sozioökonomische Unterschiede in der Hypertonie-Prävalenz. Zudem nimmt mehr als die Hälfte der Patient:innen ihre antihypertensive Medikation nicht adhärent ein. Diese Studie untersucht Versorgungspfade, Therapieadhärenz und Leitlinientreue bei Hypertonie-Patient:innen unter besonderer Berücksichtigung soziodemografischer Faktoren.
Methoden: Für die Mixed-Methods-Studie wurden 21.024 AOK-Nordost-Versicherte mit dokumentierter Hypertonie-Diagnose (2022) stratifiziert nach Geschlecht, Wohnort und Alter angeschrieben. Die quantitative Befragung (n=1.751) erfasste Einstellungen und Inanspruchnahme von digitalen Gesundheitsangeboten, digitale Gesundheitskompetenz, Adhärenz, die aktuelle Versorgungssituation und soziodemographische Merkmale. 1.514 Fragebögen wurden mit GKV-Routinedaten (2022-2023) verknüpft. Adhärenz wurde mittels validiertem Fragebogen nach Ude et al. (2013) erfasst. Die statistische Auswertung erfolgte deskriptiv sowie mittels χ² Tests und logistischer Regression.
Ergebnisse: Die Teilnehmenden (Mittelwerte: 63,3 Jahre, 52% männlich, 71% ländlich) zeigten hohe Inanspruchnahme hausärztlicher Versorgung: 99,7% hatten im Jahr 2022 und 2023 mindestens einen hausärztlichen Kontakt, 87,6% in 7 von 8 Quartalen. 91,4 % der Patient:innen erhielten eine blutdrucksenkende Medikation, wobei 98,8% die blutdrucksenkenden Medikamente durch Hausärzt:innen verschrieben bekamen. 32,5% hatten in 2022 und 2023 mindestens einen kardiologischen Versorgungskontakt (ambulant/stationär/Reha).Jüngere Patient:innen gingen seltener zum Arzt (20,1% nur 0-1/Jahr vs. 10,5% bei ab 50-Jährigen, p<0,001) und nutzten seltener kardiologische Versorgung (20,3% vs. 42,6%, p<0,001).
Deutliche Altersunterschiede zeigten sich bei der Therapieadhärenz: Während 72,6% der ab 50-Jährigen adhärent waren, erfüllten nur 45,2% der unter 50-Jährigen die Kriterien (p<0,001).
Hinsichtlich Leitlinientreue zeigten sich geschlechts- und wohnortspezifische Unterschiede: Bei isolierter Hypertonie erhielten 21,6% Betablocker, obwohl diese nicht als Erstlinientherapie empfohlen sind. Frauen wurden doppelt so häufig mit Betablockern behandelt wie Männer (28,6% vs. 14,1%, p=0,003), unabhängig vom Alter. Patient:innen in ländlichen Regionen erhielten signifikant häufiger Betablocker als in städtischen Gebieten (24,7% vs. 13,7%, p=0,027). Fixed-Dose-Kombinationen waren entgegen der Leitlinienempfehlung wenig verbreitet.
Schlussfolgerungen: Die Studie identifiziert relevante Versorgungslücken: Jüngere Hypertonie-Patient:innen zeigen geringere Therapieadhärenz und Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen. Die hausärztliche Versorgung ist zentral, während fachkardiologische Betreuung weniger verbreitet ist. Geschlechts- und wohnortspezifische Unterschiede in der Pharmakotherapie weisen auf Optimierungsbedarf hinsichtlich Leitlinientreue hin. Zielgruppenspezifische Interventionen erscheinen notwendig zur Verbesserung der Versorgungsqualität.