Hintergrund: Patienten mit Angina pectoris ohne epikardiale Koronarstenosen (ANOCA) leiden häufig an koronaren Vasomotionsstörungen. Hierzu gehören Koronarspasmen bzw. eine mikrovaskuläre Dysfunktion. Die aktuelle ESC-Leitlinie empfiehlt eine invasive koronare Funktionstestung zur Diagnosesicherung. Geschlechterunterschiede in dieser Patientengruppe sind aber bislang noch unzureichend untersucht. Ziel dieser Arbeit war es daher, Geschlechterunterschiede in der klinischen Präsentation, kardiovaskulären Risikofaktoren und invasiven Befunden bei ANOCA-Patienten mit gesicherter koronarer Vasomotionsstörung zu untersuchen.
Methoden: Für diese Analyse wurden 156 konsekutive ANOCA-Patienten (mittleres Alter 63 Jahre, 66% Frauen) mit normaler LVEF ausgewählt, die zwischen 2018 und 2024 eine Herzkatheteruntersuchung mit invasiver koronarer Funktionstestung (Acetylcholin- und Adenosintest (CFR/MR)) erhielten. Alle Patienten wiesen mindestens ein pathologisches Testergebnis auf (sog. Endotyp). Bei allen Patienten wurden demographische Faktoren, kardiovaskuläre Risikofaktoren, Laborwerte sowie intraprozedurale Daten erhoben. Die Analyse fokussierte auf Geschlechterunterschiede.
Ergebnisse: 48% der Patienten (n=75) hatten isolierte Koronarspasmen, 3% eine eingeschränkte CFR oder einen erhöhten mikrovaskulären Widerstand (n=5) und 49% eine Mischform (n=76). Frauen hatten häufiger mikrovaskuläre Spasmen als Männer (71% vs. 45%) wohingegen Männer häufiger epikardiale Spasmen hatten als Frauen (53% vs. 25%, p=0,002). Die univariate Analyse ergab signifikant häufiger Dyspnoe (66% vs. 44%, p=0,007), Diabetes (22% vs. 5%, p=0,011) und HF-PEF (35% vs. 13%, p=0,004) bei Frauen als bei Männern. Die multivariate Analyse ergab Diabetes (OR 5,4, CI 1,4-20,4, p=0,011) und HF-PEF (OR 3,5, CI 1,4-9,0, p=0,008) als Prädiktoren für weibliches Geschlecht und epikardiale Koronarspasmen als Prädiktor für männliches Geschlecht (OR 3,6, CI 1,7-7,6, p=0,001).
Schlussfolgerung: ANOCA-Patienten mit koronaren Vasomotionsstörungen weisen signifikante Geschlechterunterschiede auf. Bei Frauen dominiert ein mikrovaskuläres Krankheitsbild mit HF-PEF und Diabetes, bei Männern hingegen epikardiale Koronarspasmen. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer geschlechtersensiblen Präzisionsmedizin insbesondere bei Patienten mit ANOCA.