Hintergrund: Interessenkonflikte (IK) sind definiert als Situationen, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse bezieht, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst wird. Ein IK tritt auf, wenn materielle oder soziale Vorteile in einer Spannung zu primären medizinisch-ethischen Zielen stehen. Autoren von Leitlinien werden verpflichtet, ihre IK anzugeben. Die National Academy of Medicine (NAM) in Washington hat 2009 Standards für den Umgang mit IK bei der Leitlinienerstellung herausgegeben. Danach soll nur eine Minderheit der Mitglieder der Leitlinienkommission IK haben und der Vorsitzende keinen IK. Leitlinien-Ersteller sollen nur bei Themen stimmberechtigt sein, bei denen sie keinen IK haben. Ziel der Analyse war es, das 2023 publizierte update der ESC-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Herzinsuffizienz im Hinblick auf die IK der Autoren zu untersuchen und mit den vorherigen Leitlinien zu vergleichen.
Methode: Die IK-Erklärungen von Autoren und Reviewern der 2023 erschienenen und der früheren Leitlinien von 2012, 2016 und 2021 wurden auf der ESC-Homepage gesucht und ausgewertet.
Ergebnisse: Bei den Leitlinien von 2012 gaben 24/26 Autoren (92%) zwischen 1 und 36 IK an. Insgesamt wurden 249 IK deklariert (10,4±7,3 pro Autor). Persönliche Zahlungen erhielten 20/26 Autoren (77%) (8,0±6,6 IK pro Autor, range 1-28). Der Vorsitzende gab 8 IK an. Von den 38 Reviewern deklarierten 32 (84%) IK (8,1±5,9 IK pro Reviewer, range 1-29).
2016 gaben 19/21 Autoren (90%) IK an (range 1-35). Insgesamt wurden 250 IK berichtet (13,2±9,9 pro Autor). 17/21 Autoren (81%) hatten persönliche Zahlungen erhalten (10,4±7,4 IK pro Autor, range 1-28). Der Vorsitzende deklarierte 33 IK und der 2. Vorsitzende 21 IK. Von den Reviewern gaben 67/87 (77%) IK an (8,1±7,3 IK pro Reviewer, range 1-31).
2021 deklarierten 28/31 Autoren (90%) IK (range 2-54). Insgesamt wurden 391 IK angegeben (13,9±13,8 pro Autor), 23/31 Autoren (74%) erhielten persönliche Zahlungen (9,7±7,5 IK pro Autor, range 1-29). Die Vorsitzende gab 5 IK an. Von den Reviewern deklarierten 91/117 (78%) IK (4,8±4,3 IK pro Reviewer, range 1-20).
2023 gaben 26/30 Autoren (87%) IK an (range 2-66). Insgesamt wurden 390 IK berichtet (15 ±14,3 pro Autor), 24/30 Autoren (80%) erhielten persönliche Zahlungen (9,8±9,4 pro Autor, range 1-37). Die Vorsitzende gab 4 IK an. Bei den Reviewern deklarierten 32/41 (78%) IK (5,9±4,6 pro Reviewer, range 1-18).
Unternehmen, die SGLT2-Inhibitoren vermarkten, wurden bei den IK-Erklärungen 2021 und 2023 am häufigsten genannt; 2023 gaben 21/30 Autoren (70%) IK mit einem (n=8) oder zwei (n=13) dieser Unternehmen an.
Konklusion: Entgegen den Empfehlungen der NAM ist der Anteil von Autoren und Reviewern mit IK bei den Herzinsuffizienz-Leitlinien der ESC 2023 unverändert hoch (87% und 78%). Die Anzahl der IK pro Autor hat seit 2012 kontinuierlich zugenommen und der Anteil von Autoren, die persönliche Zahlungen erhielten (80%), hat sich nicht reduziert. Um eine unangemessene Beeinflussung der Leitlinien zu vermeiden, sollte den IK und einem verantwortlichen Umgang mit ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Da es einen großen Bedarf an Leitlinien gibt, denen wir vertrauen können, sollte die ESC den Empfehlungen der NAM folgen.