Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten und prognostisch relevantesten Erkrankungen. Auffällig ist, wie häufig beide Krankheitsbilder gemeinsam auftreten, verbunden mit erhöhter Morbidität, Mortalität und einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität.3 Das von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) begleitete und durch die Europäische Union geförderte Projekt TO_AITION liefert hierzu neue Daten und stützt die Annahme, dass diese Komorbidität auf gemeinsamen biologischen Mechanismen beruht. Die Ergebnisse passen gut zu aktuellen ESC-Empfehlungen: Erst kürzlich wurde in einem Konsensusstatement die systematische Berücksichtigung psychischer Erkrankungen bei Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten gefordert und deren strukturierte Integration in die kardiologische Routineversorgung hervorgehoben.4
Epidemiologische Daten zeigen, dass Depression das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und die kardiovaskuläre Mortalität um etwa das Zwei- bis Dreifache erhöht. Gleichzeitig entwickelt ein erheblicher Anteil kardiovaskulärer Patientinnen und Patienten depressive Symptome, insbesondere im Anschluss an akute kardiale Ereignisse. Lange wurde diese Verbindung vor allem als psychosoziale Folgeerkrankung interpretiert. TO_AITION verschiebt den Fokus und lenkt den Blick auf gemeinsame pathophysiologische Prozesse.
Ausgangspunkt des Projekts war die Hypothese, dass eine chronische niedriggradige systemische Inflammation, begünstigt durch genetische Prädispositionen sowie Lebensstil- und Umweltfaktoren, wesentlich zur gemeinsamen Krankheitsentstehung beiträgt. Die Ergebnisse sprechen für diese Annahme und weisen auf überlappende immun-metabolische Signalwege hin, die sowohl kardiovaskuläre als auch depressive Prozesse beeinflussen.
Analysiert wurden große klinische Kohorten, ergänzt durch hochauflösende molekulare Daten, darunter Proteom-, Epigenom- und Mikrobiom-Analysen. Hinzu kamen statistische Modellierungen sowie präklinische Experimente. In dieser Kombination konnten potenzielle Treiber der Multimorbidität systematisch identifiziert werden.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Identifikation geeigneter Biomarker für Diagnose und Prognose. Neben Proteinen und Lipiden wurden auch Messenger-RNAs und epigenetische Signaturen mit der kombinierten Erkrankung in Verbindung gebracht. Auf dieser Grundlage entstanden erste Prototypen diagnostischer und prädiktiver Werkzeuge, darunter eine webbasierte Plattform zur Risikostratifizierung, die auf dem ESC-Kongress 2025 in Madrid vorgestellt wurde.5
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die getrennte Betrachtung kardiovaskulärer und psychischer Erkrankungen der klinischen Realität vieler Patientinnen und Patienten nicht gerecht wird. Eine integrierte Diagnostik und Therapie erscheint als logischer nächster Schritt in der Versorgung multimorbider Patientinnen und Patienten.
Ob und wie sich die identifizierten Signalwege und Biomarker in die klinische Routine überführen lassen, wird Gegenstand weiterer Arbeiten sein. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die systematische Berücksichtigung psychischer Komorbiditäten ein zentraler Bestandteil moderner kardiovaskulärer Medizin ist.