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Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen: Gemeinsame biologische Mechanismen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen treten häufig gemeinsam auf – mit negativen Folgen für Prognose und Lebensqualität. Das EU geförderte Projekt TO_AITION untersuchte, inwiefern gemeinsame biologische Mechanismen wie chronische Inflammation zugrunde liegen, und eröffnet neue Ansätze für eine integrierte Diagnostik und Therapie.1,2

Von:

Dr. Omar Hahad

Universitätsmedizin Mainz

 

22.01.2026

Bildquelle (Bild oben): Kateryna Kon / Shutterstock.com

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten und prognostisch relevantesten Erkrankungen. Auffällig ist, wie häufig beide Krankheitsbilder gemeinsam auftreten, verbunden mit erhöhter Morbidität, Mortalität und einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität.3 Das von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) begleitete und durch die Europäische Union geförderte Projekt TO_AITION liefert hierzu neue Daten und stützt die Annahme, dass diese Komorbidität auf gemeinsamen biologischen Mechanismen beruht. Die Ergebnisse passen gut zu aktuellen ESC-Empfehlungen: Erst kürzlich wurde in einem Konsensusstatement die systematische Berücksichtigung psychischer Erkrankungen bei Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten gefordert und deren strukturierte Integration in die kardiologische Routineversorgung hervorgehoben.4

Keine zufällige Koinzidenz

Epidemiologische Daten zeigen, dass Depression das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und die kardiovaskuläre Mortalität um etwa das Zwei- bis Dreifache erhöht. Gleichzeitig entwickelt ein erheblicher Anteil kardiovaskulärer Patientinnen und Patienten depressive Symptome, insbesondere im Anschluss an akute kardiale Ereignisse. Lange wurde diese Verbindung vor allem als psychosoziale Folgeerkrankung interpretiert. TO_AITION verschiebt den Fokus und lenkt den Blick auf gemeinsame pathophysiologische Prozesse.

Inflammation als verbindendes Element

Ausgangspunkt des Projekts war die Hypothese, dass eine chronische niedriggradige systemische Inflammation, begünstigt durch genetische Prädispositionen sowie Lebensstil- und Umweltfaktoren, wesentlich zur gemeinsamen Krankheitsentstehung beiträgt. Die Ergebnisse sprechen für diese Annahme und weisen auf überlappende immun-metabolische Signalwege hin, die sowohl kardiovaskuläre als auch depressive Prozesse beeinflussen.


Analysiert wurden große klinische Kohorten, ergänzt durch hochauflösende molekulare Daten, darunter Proteom-, Epigenom- und Mikrobiom-Analysen. Hinzu kamen statistische Modellierungen sowie präklinische Experimente. In dieser Kombination konnten potenzielle Treiber der Multimorbidität systematisch identifiziert werden.

Biomarker und prädiktive Ansätze

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Identifikation geeigneter Biomarker für Diagnose und Prognose. Neben Proteinen und Lipiden wurden auch Messenger-RNAs und epigenetische Signaturen mit der kombinierten Erkrankung in Verbindung gebracht. Auf dieser Grundlage entstanden erste Prototypen diagnostischer und prädiktiver Werkzeuge, darunter eine webbasierte Plattform zur Risikostratifizierung, die auf dem ESC-Kongress 2025 in Madrid vorgestellt wurde.5

Relevanz für die klinische Versorgung

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die getrennte Betrachtung kardiovaskulärer und psychischer Erkrankungen der klinischen Realität vieler Patientinnen und Patienten nicht gerecht wird. Eine integrierte Diagnostik und Therapie erscheint als logischer nächster Schritt in der Versorgung multimorbider Patientinnen und Patienten.


Ob und wie sich die identifizierten Signalwege und Biomarker in die klinische Routine überführen lassen, wird Gegenstand weiterer Arbeiten sein. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die systematische Berücksichtigung psychischer Komorbiditäten ein zentraler Bestandteil moderner kardiovaskulärer Medizin ist.

Zur Person

Dr. Omar Hahad

Dr. Omar Hahad ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Kardiologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen umweltbedingte Risikofaktoren für Herz-Kreislauf- und neuropsychiatrische Erkrankungen. 

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Take-aways

  • Das von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) begleitete und EU-geförderte Projekt TO_AITION liefert Hinweise dafür, dass die Komorbidität von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen auf gemeinsamen Pathomechanismen beruht.
  • Eine chronische niedriggradige systemische Inflammation, beeinflusst durch genetische, lebensstil- und umweltbedingte Faktoren, spielt dabei eine Rolle. Identifiziert wurden überlappende immun-metabolische Signalwege, die sowohl kardiovaskuläre als auch depressive Erkrankungsprozesse beeinflussen.
  • Auf Basis dieser Erkenntnisse wurden erste diagnostische und prädiktive Ansätze entwickelt, darunter eine webbasierte Plattform zur Risikostratifizierung, vorgestellt auf dem ESC-Kongress 2025 in Madrid.
  • Die klinische Implementierung der identifizierten Signalwege und Biomarker erfordert weitere Forschung, unterstreicht jedoch bereits die Notwendigkeit integrierter Versorgungsansätze.

Referenzen

  1. ESC-Pressemitteilung, 17.12.2025. Major project identifies shared mechanisms and biological pathways that explain why cardiovascular disease and depression can develop together. URL: https://www.escardio.org/news/press/press-releases/major-project-identifies-shared-mechanisms-and-biological-pathways-that-explain/
  2. Pruin E, et al. Major depression and atherosclerotic disease: Linking shared genetics to pathways in blood, brain, heart, and atherosclerotic plaques. medRxiv 2025.07.11.25331336 [Preprint, not peer reviewed]. doi: https://doi.org/10.1101/2025.07.11.25331336
  3. Hahad O, Abohashem S. Integration of cardiovascular and mental health: from concepts to the clinic. Nat Rev Cardiol. 2026 Jan;23(1):1-3. doi: 10.1038/s41569-025-01231-1. PMID: 41225038.
  4. Bueno H, et al.; ESC Scientific Document Group. 2025 ESC Clinical Consensus Statement on mental health and cardiovascular disease: developed under the auspices of the ESC Clinical Practice Guidelines Committee. Eur Heart J. 2025 Nov 3;46(41):4156-4225. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf191. PMID: 40878270.
  5. Sakellarios, A. A cloud risk stratification platform for cardiovascular disease and depression. Vortrag, ESC Congress 2025; 29. Aug.–1. Sep. 2025. URL: https://esc365.escardio.org/presentation/313440

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