Jugend und Studienzeit
de Haan: Sie wurden 1941 in Sonneberg am Südhang des Thüringer Waldes geboren. Waren Ihre Eltern Mediziner? Hatten Sie Geschwister?
Aßmann: Mein Vater war Lehrer. Nach der amerikanischen Gefangenschaft durfte er nicht mehr als Lehrer arbeiten und er machte ein Ingenieurstudium. Meine Mutter war Hausfrau. Ich habe einen jüngeren Bruder, der später Physiker geworden ist.
Zur Oberschule in Sonneberg kam ich als „Intelligenzlerkind“ nur, weil ein „Arbeiterkind“ den ihm zustehenden Platz abgelehnt hatte. 1960 machte ich dort Abitur.
de Haan: Als der 2. Weltkrieg endete, waren Sie vier Jahre alt. Haben Sie Erinnerungen daran?
Aßmann: Ich erinnere mich noch sehr gut, wie wir bei entsprechendem Alarm den Luftschutzkeller aufsuchen mussten. Dann weiß ich noch, dass die amerikanischen Soldaten uns Kinder später mit Schokolade beschenkten.
de Haan: Was bewog Sie, nach dem Abitur ein Medizinstudium zu beginnen? War das einfach für Sie?
Aßmann: Ich wollte immer einen Beruf ausüben, der etwas mit Kindern zu tun hat, entweder als Ärztin, Krankenschwester oder Hebamme und bewarb mich deshalb in Jena um einen Studienplatz für Humanmedizin und wurde für Jena und Erfurt 1961 immatrikuliert. Die Pädiatriestelle, um die ich mich in Erfurt nach dem Staatsexamen bewarb, wurde leider anderweitig vergeben (aus politischen Gründen). Ich erhielt eine Ausbildungsstelle an der Medizinischen Akademie Erfurt bei Prof. Sundermann, dem Chefarzt der Klinik für Innere Medizin.
Zur Person
Prof. Ingeborg Aßmann
Prof. Ingeborg Aßmann (*1941 in Sonneberg) war Professorin für Innere Medizin an der Universität Jena. Darüber hinaus war sie ab 1996 Chefärztin der Medizinschen Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin in Erfurt. Nach Beendigung ihrer Kliniktätigkeit 2006 arbeitete sie bis 2023 in einer kardiologischen Praxis in Erfurt.
Klinikzeit und Karriereweg
de Haan: Wann legten Sie das Staatsexamen ab? Wie verlief Ihr weiteres Medizinerleben?
Aßmann: Das Staatsexamen legte ich 1967 ab. Von 1967 bis 1972 wurde ich unter Prof. Sundermann zur Internistin ausgebildet. Meine Promotionsarbeit zum Thema „WPW-Syndrom – Untersuchungen zur Ätiologie und Pathogenese des WPW-Syndroms“ leistete ich bei Prof. Fiehring ab, der in der Medizinischen Klinik für die Kardiologie zuständig war (1968).
So war es naheliegend, dass ich im Anschluss an die allgemeine Internistenausbildung von 1972 bis 1977 kardiologisch mitarbeitete und 1977 gezielt die Subspezialisierung Kardiologie und Angiologie erwarb. 1978 wechselte Prof. Fiehring nach Berlin und sein Nachfolger wurde Prof. Knappe, der die Abteilung für Kardiologie bis 1992 leitete und aus politischen Gründen in den vorgezogenen Ruhestand ging. Ich übernahm danach diese Funktion.
Nach Abwicklung und Schließung der Medizinischen Akademie Erfurt Ende 1993 und der späteren Übernahme durch den Klinikkonzern Helios (1996) wurde die allgemeine innere Klinik 1996 in drei Kliniken aufgeteilt, und ich wurde Chefärztin der 3. Medizinischen Klinik (Kardiologie und internistische Intensivmedizin). Ich hatte auch die Subspezialisierung für die internistische Intensivmedizin erworben.
Ab den Achtzigerjahren konnten wir im Herzkatheterlabor mit einer Monoplan-Siemens-Anlage arbeiten, wobei wir zu DDR-Zeiten meist mühsam die Herzkatheter und sonst notwendigen Materialien selbst „bastelten“ oder mit den Haustechnikern zusammenstellen mussten. Wir hatten auch von unserem Physiker ein selbst gebautes Stimulationsgerät zur intrakardialen Detektion und Therapie von Herz-Rhythmusstörungen, weiterhin ab dieser Zeit ein Echokardiografiegerät von Siemens und später Toshiba (wenn ich mich recht erinnere). Nach der Wende wurde es mit Geräten und Materialien deutlich besser.
Fokussierung auf die Rhythmologie
de Haan: In den späten Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die intrakardiale Elektrokardiografie. Sie waren in Erfurt frühzeitig dabei – warum interessierten Sie sich für die Rhythmologie?
Aßmann: Durch meine Promotionsarbeit über das WPW-Syndrom war ich „vorbelastet“ und interessierte mich dafür und auch für das EKG. Da damals in der DDR in Thüringen nur die Krankenhäuser in Nordhausen, Eisenach und Bad Berka für Herzschrittmacher-Implantationen vorgesehen waren, mussten wir die notwendige Qualifizierung in Eigeninitiative erarbeiten, welches aber „von oben“ anerkannt wurde. Erst nach der Wende konnten wir in Erfurt alle Sorten von Herzschrittmachern und Defibrillatoren implantieren.
de Haan: Über viele Jahre leiteten Sie die Kardiologie in Erfurt. Wo lagen die größten Schwierigkeiten? Mitarbeitergewinnung? Patientenversorgung? Hatten Sie die notwendigen Untersuchungsgeräte und Medikamente zur Verfügung?
Aßmann: Die Gerätebeschaffung, z. B. Echokardiografiegeräte und Herzkatheteranlagen sowie Geräte zur Auswertung von Langzeit-EKG-Untersuchungen, auch über Drittmittel, war schwierig. Auch nach der Wende mussten wir mit der Geschäftsleitung, aber auch mit den anderen medizinischen Abteilungen oft hart diskutieren.
Mitarbeitende zu gewinnen, war stets unproblematisch. Wir genossen einen guten Ruf. Außerdem kannten mich viele junge und angehende Kolleginnen und Kollegen über Vorlesungen, Vorträge und jährliche EKG-Kurse für Medizinerinnen und Mediziner. Wir hatten zwar weniger Medikamente, aber unsere Patientinnen und Patienten haben wir trotzdem gut versorgt.
Über die Regierung wurde uns gestattet, Medikamententestungen für die Bundesrepublik durchzuführen. Somit standen uns auch alle Antiarrhythmika und anderen neueren Pharmaka zur Verfügung. Und z. B. ein Langzeit-EKG-Gerät. Auch Patientinnen und Patienten außerhalb der Testungen profitierten davon, z. B. in meiner Herz-Rhythmus Sprechstunde. Etwa ab 1987 konnten wir – d. h. die Medizinische Akademie – dann z. T. selbst mit den Pharma-Firmen verhandeln.
de Haan: Hatten Sie die Möglichkeit, auch invasive Elektrokardiografie/Elektrophysiologie zu betreiben?
Aßmann: Ja, ganz sicher. Ich hatte auch immer hervorragende Mitarbeitende. Auch wissenschaftlich konnten wir agieren. Hier ist beispielsweise die Arbeit von mir und meinen Mitarbeitern G. Oltmanns, P. Dittrich und M. Rübesamen zu nennen über die „Elektrophysiologischen Befunde bei Vorhofstillstand“. Bei den Untersuchungen war Eigeninitiative und handwerkliches Geschick gefragt, um vorhandenes (Herz-)Kathetermaterial so umzugestalten, dass es für invasive Untersuchungen geeignet war.
Weiterer Werdegang und Tätigkeit in der kardiologischen Praxis
de Haan: Wie gestaltete sich Ihr Weg als Kardiologin weiterhin?
Aßmann: Seit 1978 war ich auch aufgrund meiner Habilitationsarbeit über das Thema „Herzzyklus und Herzfunktion – Untersuchungen zur Wertigkeit mechanokardiographischer Funktionsparameter“ als Oberärztin und später als Dozentin (ab 1987 als a. o. Professorin) tätig und erhielt 1991 von der Universität Jena die C3-Professur für Innere Medizin.
de Haan: Nach Beendigung Ihrer Kliniktätigkeit am 1. August 2006 arbeiteten Sie in einer kardiologischen Praxis bis Februar 2023. War diese Zeit ein Gewinn für Sie?
Aßmann: Nach meinem Ausscheiden aus der Kliniktätigkeit konnte ich bei ehemaligen Mitarbeitenden in zwei verschiedenen Praxen tätig sein. Sehr angenehm war für mich, dass ich mich viel mehr um die Patientinnen und Patienten (leider überwiegend Privatversicherte wegen fehlender KV-Zulassung) kümmern konnte. Der ganze Verwaltungsballast war abgefallen.
de Haan: Seit 1979 fand regelmäßig das Bad Liebensteiner Elektrokardiographische Symposium statt. Konnten Sie regelmäßig nationale und auch internationale Kongresse besuchen?
Aßmann: Dieses Symposium war nicht das einzige. Wir haben seit der Wende auch eine jährliche Fortbildungsveranstaltung für Kardiologinnen und Kardiologen sowie kardiologisch Interessierte auf der Wachsenburg (nahe Erfurt) über 20 Jahre durchgeführt. Zu DDR-Zeiten konnte ich innerhalb des Landes eigentlich alle Kongresse besuchen und teils mitgestalten. Ausländische Kongresse, z. B. in den USA, waren für mich tabu. Auch nach Westdeutschland kam man praktisch nicht. Erst ab Ende 1987 war das für mich möglich, wohl aufgrund der Medikamententestungen. Viele Vorträge habe ich auch für die Deutsche Herzstiftung gehalten und bin seit vielen Jahren Mitglied des wissenschaftlichen Beirates.
Politisches Engagement, Privates und Karriererückblick
de Haan: Von 2011 bis 2014 waren Sie in der Gemeinschaft der Freien Wähler politisch aktiv. Was war der Grund?
Aßmann: Zu DDR-Zeiten war ich kein Parteimitglied. Um überhaupt zum Studium zugelassen zu werden, musste man Mitglied der FDJ und später im Beruf Mitglied des FDGB sein. Ich war nach der Wende dann kurz Mitglied in der FDP. Es kam dann aber zu unterschiedlichen Meinungen und ich trat aus. Gerne war ich in der Gemeinschaft der Freien Wähler aktiv und war von 2009 bis 2014 als deren Fraktionsvorsitzende im Erfurter Stadtrat. Mir gefielen die Menschen und die Themen. Es war viel Arbeit zu leisten, es gefiel mir aber gut. Aus familiären Gründen, aber auch aus Enttäuschung darüber, dass ich politisch kaum etwas bewegen konnte, schied ich 2014 aus. Jedoch auch diese Zeit möchte ich nicht missen.
Neben der Parteiarbeit als Rentnerin war ich noch bis 2021 regelmäßig als kardiologische Gutachterin tätig, war Mitglied im Prüfungsausschuss der Thüringer Ärztekammer, ehrenamtliche Richterin und für zwei Jahre auch im Vorstand der ALKK.
de Haan: Wie sah das Leben außerhalb der Medizin aus? Hatten Sie Familie? Hobbys? Reisen?
Aßmann: Mein Mann ist habilitierter Radiologe mit Schwerpunkt Neuro-Radiologie. Wir haben während unserer Kliniktätigkeit kaum ein Privatleben gehabt. Wir haben einen Sohn (dem ich vor 24 Jahren eine heute noch funktionierende Niere gespendet habe), eine Enkelin und eine Urenkelin von 11 Jahren, mit der wir uns sehr gerne beschäftigen. Alle haben ein anderes Studium absolviert.
Jetzt reisen wir gerne, besuchen Konzerte und Opernaufführungen. Wir spielten auch Golf. Oft sind wir auch in den Alpen gewandert, nur sind die Berge nicht mehr so hoch, wo wir jetzt wandern. Ich lese sehr gerne, insbesondere Biografien und Kriminalromane.
de Haan: Was raten Sie heute jungen Kardiologinnen und Kardiologen? Kliniklaufbahn? Praxistätigkeit?
Aßmann: Eine gute Klinikausbildung ist die Basis und sollte auch von jungen Ärztinnen und Ärzten genutzt werden. Die heutige häufige Einstellung („Work-Life-Balance“) erscheint mir nicht hilfreich.
de Haan: Welches sind die zwei Highlights Ihres beruflichen Lebens?
Aßmann: Die Antwort ist nicht einfach. Ich würde sagen: Erstens meine Habilitation (sogenannte Promotion B) mit Verteidigung 1978 mit anschließender C3-Professur 1991. Und zweitens meine Berufung zur Chefärztin 1996 und die langjährige Kliniktätigkeit mit dankbaren Patientinnen und Patienten sowie hervorragenden Mitarbeitenden.