Das Wichtigste in Kürze
- Die Telemedizin ermöglicht mithilfe digitaler Technologien die Fernbetreuung von Patientinnen und Patienten.
- Herzschrittmacher, implantierte Kardiodefibrillatoren oder Ereignisrekorder können helfen, dass Herzrhythmusstörungen schneller erkannt und behandelt werden.
- Ein telemedizinisches Monitoring mit täglicher Übermittlung von Vitalwerten wie EKG, Blutdruck und Gewicht sorgt bei Menschen mit einer Herzschwäche für weniger ungeplante Krankenhausaufenthalte und eine geringere Sterblichkeit – im Vergleich zur üblichen Versorgung.
- Gerade bei Menschen im ländlichen Bereich oder mit eingeschränkter Mobilität kann die Telemedizin dazu beitragen, die medizinische Versorgung zu verbessern. In Zukunft werden immer mehr Menschen darauf angewiesen sein.
Was genau ist Telemedizin überhaupt?
Als Telemedizin wird der Einsatz digitaler Technologien zur Fernbetreuung von Patientinnen und Patienten bezeichnet. Im Bereich der Herzmedizin zählen dazu zum Beispiel Videosprechstunden mit Kardiologinnen und Kardiologen, aber auch die digitale Übermittlung von EKG-, Blutdruck- oder Gewichtsdaten und das sogenannte Telemonitoring bei Herzinsuffizienz oder implantierten Herzgeräten. Nahezu alle großen Anbieter kardiologischer Implantate bieten mittlerweile drahtlose Übertragungsmöglichkeiten per Funknetz an, auf die Kardiologinnen und Kardiologen dann sicher zugreifen können.
„Damit ist die Telemedizin für mich eine ideale Ergänzung für die zwar sehr genauen, aber eben nur punktuell durchgeführten diagnostischen Untersuchungen in Kliniken oder Arztpraxen“, erklärt Prof. Peter Radke. „Sie ermöglicht uns zum Beispiel, den Gesundheitszustand herzkranker Menschen Tag für Tag zu beobachten und dadurch viel schneller auf potenziell bedrohliche Veränderungen zu reagieren", so der Kardiologe.
Zum Experten
Prof. Peter Radke
Prof. Dr. Peter Radke ist Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie sowie Ärztlicher Direktor in der Schön Klinik Neustadt.
Bei welchen Herzerkrankungen kann die Telemedizin helfen?
Den größten Nutzen hat die Telemedizin bislang in der Nachsorge von Patientinnen und Patienten mit einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) und/oder bei Herzrhythmusstörungen: „Herzrhythmusstörungen lassen sich bei einem Besuch in Praxis oder Klinik oft nicht nachweisen – weil sie im Moment der Untersuchung gerade nicht auftreten. Überwachen aber Herzschrittmacher, Defibrillatoren oder Ereignisrekorder kontinuierlich die Herzfrequenz und das EKG, können etwaige Herzrhythmusstörungen erkannt und schneller behandelt werden“, erklärt Prof. Radke.
Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Betreuung von Patientinnen und Patienten mit einer fortgeschrittenen Herzschwäche. Hier kann die Telemedizin helfen, möglichst frühzeitig eine Verschlechterung festzustellen.
Warum kann die Telemedizin bei Menschen mit einer Herzschwäche sogar lebensrettend sein?
Eine Studie zeigt: Mit einer kontinuierlichen telemedizinischen Betreuung kann in dieser Patientengruppe eine Reduktion der Gesamtsterblichkeit um bis zu 35 Prozent erzielt werden.
„Die Herzschwäche ist eine Hauptursache für Krankenhausaufenthalte“, erklärt Prof. Radke. „Um bei unseren Patientinnen und Patienten schwere Verläufe zu verhindern, kontrollieren wir in unserem telemedizinischen Zentrum (TMZ) regelmäßig ihr Gewicht, die Herzfrequenz, das 1-Kanal-EKG, ihren Blutdruck und ihr Allgemeinbefinden.“
Diese Daten schicken die Teilnehmenden über Tablets in das TMZ. „Unser Fachpersonal ordnet die Werte dann nach der Ampellogik ein. Also: Ist alles im grünen Bereich? Springt es gerade auf Gelb um? Oder ist die Ampel womöglich schon rot?“ In einem solchen Fall muss das Fachpersonal dann schnell reagieren – manchmal reicht es, die Medikamente anzupassen, im Notfall muss es auch mal die 112 wählen.
„Die Telemedizin ist eine ideale Ergänzung für die zwar sehr genauen, aber eben nur punktuell durchgeführten diagnostischen Untersuchungen in Kliniken oder Arztpraxen.“
Prof. Dr. Peter Radke
Kann die Telemedizin tatsächlich vor den Betroffenen erkennen, dass sich die Herzschwäche verschlechtert?
„Bei der Herzschwäche gehen viele Menschen leider erst ins Krankenhaus, wenn sie kaum noch Luft bekommen“, erzählt Prof. Radke. Das passiert, wenn das Herz so schwach ist, dass es nicht mehr ausreichend sauerstoffreiches Blut in den Körper pumpen kann und sich dadurch das Blut in die Lungengefäße zurückstaut (Stauungslunge). Die gefährliche Folge können Wasseransammlungen in der Lunge (Lungenödem) sein.
„Über telemedizinische Messungen kann man diese Wasseransammlungen – zum Beispiel anhand des zunehmenden Gewichts oder der höheren Herzfrequenz – schon feststellen, wenn die Betroffenen selbst noch gar nichts davon merken“, erklärt der Kardiologe. „So können wir einer Dekompensation, also einer lebensbedrohlichen Verschlechterung der Herzinsuffizienz, frühzeitig entgegensteuern.“
Die TIM-HF2-Studie (Telemedical Interventional Management in Heart Failure II) belegt, dass ein telemedizinisches Monitoring mit täglicher Übermittlung von Vitalwerten wie EKG, Blutdruck und Gewicht zu weniger ungeplanten Krankenhausaufenthalten und einer geringeren Sterblichkeit führt – im Vergleich zur üblichen Versorgung.
Kann die Telemedizin Praxis- oder Klinikbesuche komplett ersetzen?
Telemedizin kann nicht jede Untersuchung ersetzen. Körperliche Untersuchungen, bildgebende Verfahren oder akute Notfälle erfordern weiterhin einen direkten Kontakt zwischen den Behandelnden und ihren Patientinnen und Patienten. „Außerdem gibt es noch immer sehr viele – gerade Ältere –, die eine telemedizinische Versorgung ablehnen“, sagt der Kardiologe. „Einige haben Bedenken wegen der Datensicherheit und wollen ihre Werte nicht online übermitteln, andere fühlen sich technisch überfordert oder sind vielleicht auch nicht konsequent genug, an mindestens fünf Tagen pro Woche dieselben Messungen durchzuführen. Und für solche Programme braucht man zuverlässige Patientinnen und Patienten, die sich auch um ihre Krankheit kümmern wollen. Diese Menschen profitieren dann allerdings sehr von der Telemedizin.“
Warum wird die Telemedizin in der Zukunft immer wichtiger?
„In ländlichen Bereichen gibt es schon heute zu wenig Hausärztinnen und Hausärzte – und noch weniger spezialisierte Praxen“, sagt Prof. Radke. Und es ist absehbar, dass sich dieser Ärztemangel in den kommenden Jahren noch zuspitzen wird. Die Telemedizin bietet die Möglichkeit, die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum durch Videosprechstunden oder Fernüberwachung zu verbessern und diesen Mangel auszugleichen.
Gleichzeitig wird es künftig noch mehr Möglichkeiten geben, Menschen mit Herz- und anderen Krankheiten telemedizinisch zu überwachen. „Derzeit gibt es zum Beispiel auch ein spannendes Projekt, bei dem die Stimme als Biomarker genutzt wird, weil auch sie eine Verschlechterung der Herzschwäche ankündigen kann“, so Prof. Radke. „Da wird in den kommenden Jahren sicher noch viel passieren.“
FAQ – Häufige Fragen zur Telemedizin
Nein. Telemedizin ergänzt die persönliche Betreuung, kann sie aber nicht vollständig ersetzen.
Bestimmte telemedizinische Leistungen, wie das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz, sind in Deutschland Teil der Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Den größten Nutzen hat die Telemedizin bislang in der Nachsorge von Patientinnen und Patienten mit einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) und/oder bei Herzrhythmusstörungen. Aber auch bei Menschen im ländlichen Bereich oder mit eingeschränkter Mobilität kann die Telemedizin die Versorgung verbessern.
Über die telemedizinischen Messungen können Fachleute eine Dekompensation, also eine lebensbedrohliche Verschlechterung der Erkrankung – zum Beispiel anhand des zunehmenden Gewichts oder der höheren Herzfrequenz – schon feststellen, wenn die Betroffenen selbst noch gar nichts davon merken.
Gesundheitsdaten sind besonders sensible Daten. Daher dürfen nur zertifizierte Anbieter telemedizinische Leistungen anbieten, bei denen hohe Datenschutzstandards gelten.