62 Millionen Menschen in der EU leiden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen; 1,7 Millionen sterben daran jedes Jahr.1 Diese Zahlen positiv zu verändern, hat sich der EU Safe Hearts Plan zur Aufgabe gemacht. Mit dem im Dezember 2025 durch die EU-Kommission vorgestellten Plan soll die vorzeitige Mortalität um 25 % reduziert werden. Damit ist ein politischer Rahmen geschaffen – entscheidend wird jedoch sein, wie konsequent die Maßnahmen auf nationaler Ebene umgesetzt werden.2
Der EU Safe Hearts Plan: klarer Rahmen – entscheidend ist die Umsetzung
Mehr als die Hälfte der kardiovaskulären Erkrankungslast weltweit ist auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen. Besonders bedeutsam sind dabei Bluthochdruck und Rauchen. Aktuelle im New England Journal of Medicine publizierte Arbeiten zeigen zugleich, welches Potenzial in konsequenter Prävention liegt: Die gezielte Kontrolle dieser Risikofaktoren ist mit deutlich mehr gesunden Lebensjahren verbunden; für einzelne Risikofaktorkonstellationen wurden Gewinne von bis zu 15 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung oder vorzeitigen Tod beschrieben.3,4
Der EU Safe Hearts Plan greift dies auf; die zentralen Handlungsfelder sind klar definiert: Prävention und Früherkennung zur Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie eine gerechte und effiziente Versorgung. Als Grundlage dieser Eckpfeiler dienen digitale und KI-basierte Methoden, gerade zur Früherkennung und Prävention sowie das sogenannte „patient decision making“ insbesondere im Rahmen der Versorgung.
Diesen EU Safe Hearts Plan für Deutschland im Rahmen eines Nationalen Herz-Kreislauf-Plans anzupassen und zu implementieren – dies nimmt sich die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) als zentrale Aufgabe auf dem Weg zu ihrem 100-jährigen Bestehen im Jahr 2027. Mit diesem Vorgehen können wir das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfällen in Deutschland reduzieren – verbunden mit ökonomischen Einsparungen sowie digitaler und KI-basierter Spitzenmedizin.
Die Stärkung von Programmen zur Vorsorge und zu einem gesünderen Lebensstil, ergänzt durch konkrete Maßnahmen zur Blutdruck- und Tabakkontrolle, kann zu längerer gesunder Lebenszeit beitragen. Konkret stehen standardisierte EU-Gesundheitschecks im Zentrum der Früherkennung; Ziel sind regelmäßige Screenings kontrollierbarer Risikofaktoren sowie von Blutdruck, Blutfetten und Blutzucker – die „3Bs“, die Gesundheitsministerin Nina Warken zu Recht zur nationalen Gesundheits-Offensive erklärt hat. Dies kann niederschwellig außerhalb von Arztpraxen, beispielsweise in Apotheken stattfinden.
Nachdrücklich flankiert werden könnten diese gesundheitsfördernden Maßnahmen durch eine Anpassung der Tabaksteuer und die Einführung einer Zuckersteuer, wie sie aktuelle Empfehlungen zur Stabilisierung der Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen vorschlagen. Der Erlös käme der Gesellschaft zugute – in Form von Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge sowie einer geringeren Zahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Fest steht: Auch in der Versorgungslandschaft selbst zeigt sich besonders deutlich, wie groß das Verbesserungspotenzial in Deutschland nach wie vor ist. Noch immer verlaufen Behandlungsprozesse zu fragmentiert, Informationen werden nicht konsequent genutzt und Erkenntnisse aus der Praxis nur begrenzt systematisch ausgewertet. Genau hier liegt einer der zentralen Hebel zur Verbesserung – es braucht einen Wendepunkt. Die DGK ist hier in Vorleistung gegangen.
Von Daten zur Versorgung: Das NHN fungiert als zentrales Puzzlestück
Als begleitende Erfolgsfaktoren hebt der EU Safe Hearts Plan insbesondere die Integration digitaler Lösungen, einschließlich KI-Technologien, sowie die bessere Nutzung von Gesundheitsdaten und die Schließung von Forschungs- und Innovationslücken hervor.
Genau hier setzt das Nationale Herz-Netz (NHN) als „digitales Match“ an.
Das NHN schließt als fundamentales Puzzlestück die Lücke auf nationaler Ebene zur erfolgreichen Umsetzung des EU Safe Hearts Plan mit dem Ziel einer verbesserten Versorgung von Patientinnen und Patienten in Deutschland. Zeitgleich schafft das Datensystem die Grundlage für einen künftig stärkeren, auch grenzüberschreitenden Austausch von Versorgungsdaten in Europa und soll auch über Deutschland hinaus Impulse setzen.
Im ersten Schritt leitet die NHN gGmbH als 100-prozentige Tochtergesellschaft der DGK den Betriebsstart in deutschen Modellregionen ein. In dieser Pilotphase werden Daten in Berlin, im Ruhrgebiet sowie in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erfasst. Diese Auswahl ermöglicht differenzierte Erkenntnisse in stark frequentierten Städten bis hin zu ländlichen Regionen und Mischgebieten. Im Anschluss soll das Datensystem bundesweit ausgerollt werden.
Das NHN als Schlüsselstück zur besseren Versorgung in Deutschland
Im Kern setzt die Schlüsselinitiative „Nationales Herz-Netz“ die Puzzleteile der aktuell fragmentierten kardiovaskulären Versorgung erstmals zu einem harmonisierten, sektorenübergreifenden und validen Bild zusammen. Denn genau wie Puzzlestücke tragen medizinische Daten aus dem Versorgungsalltag wertvolle Informationen in sich, die jedoch erst im Zusammenspiel ihr volles Potenzial für die Versorgung von Herzpatientinnen und -patienten entfalten können.
Konkret bedeutet das: Routinedaten aus verschiedenen Versorgungsbereichen – z. B. Kliniken, und einzelnen Registern – systematisch zu bündeln und digital sowie standardisiert auszuwerten. Ziel ist es, diese Daten in intelligente Analysen zu überführen. Auf dieser Basis können beispielsweise Versorgungslücken zielgenau identifiziert, Behandlungsverläufe besser nachvollzogen und evidenzbasierte Verbesserungen nachhaltig umgesetzt werden. So entsteht ein kontinuierlicher Rückfluss von Erkenntnissen in die Versorgung, eine Art „Learning Health System“, das sowohl die Behandlungsqualität verbessern als auch entscheidende Impulse für die Forschung und gesundheitspolitische Steuerung und damit potenziell für die Senkung der Kosten innerhalb des Gesundheitssystems liefern kann.
Ganz im Sinne der aktuellen Bestrebungen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zur Stärkung einer datenbasierten Gesundheitsversorgung schafft das NHN eine notwendige Grundlage für eine gezielte Weiterentwicklung der Versorgung von Herzpatientinnen und -patienten in Deutschland. Denn erst wenn wir Daten konsequent nutzen, entsteht eine bessere, effizientere Versorgung – und genau hier setzt das Nationale Herz-Netz an.
Quellen:
1 OECD (2025). The State of Cardiovascular Health in the European Union. Paris: OECD Publishing, https://www.oecd.org/en/publications/the-state-of-cardiovascular-health-in-the-european-union_ea7a15f4-en/full-report/the-burden-of-cardiovascular-disease_e28210c3.html (letztes Abrufdatum: 01.04.2026).
2 European Commission (2025). Communication on an EU Cardiovascular Health Plan: The Safe Hearts Plan. Directorate-General for Health and Food Safety, Brussels, 16 December 2025; https://health.ec.europa.eu/publications/safe-hearts-plan_en (letztes Abrufdatum: 01.04.2026).
3 Magnussen C, et al. Global Effect of Modifiable Risk Factors on Cardiovascular Disease and Mortality. N Engl J Med. 2023.
4 Magnussen C, et al. Global Effect of Cardiovascular Risk Factors on Lifetime Estimates. N Engl J Med. 2025.
Zur Person
Prof. Stefan Blankenberg
Prof. Stefan Blankenberg ist DGK-Präsident in der Amtszeit 2025-2027 sowie Klinikdirektor und Leiter des Universitären Herz- und Gefäßzentrums in Hamburg-Eppendorf.
Er ist Initiator des Nationalen Herz-Netzes der DGK.
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Über die DGK
Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK) mit Sitz in Düsseldorf ist eine gemeinnützige, wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft mit mehr als 13.500 Mitgliedern. Sie ist die älteste und größte kardiologische Gesellschaft in Europa. Ihr Ziel ist die Förderung der Wissenschaft auf dem Gebiet der kardiovaskulären Erkrankungen, die Ausrichtung von Tagungen, die Aus-, Weiter- und Fortbildung ihrer Mitglieder und die Erstellung von Leitlinien. Weitreichende Informationen für Ärztinnen und Ärzte sowie medizinisches Fachpersonal, aber auch für Nicht-Mediziner und Nicht-Medizinerinnen stellt die DGK auf Herzmedizin.de zur Verfügung.