Eine schnelle primäre perkutane Koronarintervention (PCI) bei Patientinnen und Patienten mit ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) senkt die Krankenhaus- und Langzeitmortalität. Die Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) von 2023 definieren 3 zentrale Ziele für Zeitintervalle: Gesamt-Ischämiezeit ≤120 min, Zeit vom ersten medizinischen Kontakt bis zum Drahtdurchgang ≤90 min sowie intrahospitale Zeit bis zur Koronarangiographie ≤60 min.
Die in The Lancet Regional Health Europe veröffentlichte Studie analysierte die Zeitintervalle bis zur primären PCI bei STEMI, Risikofaktoren für Verzögerungen sowie die Krankenhaussterblichkeit im Zeitraum von 2012 bis 2023 in Deutschland.1
Studiendesign und Datengrundlage
Es handelt sich um eine retrospektive, bevölkerungsbasierte Kohortenstudie auf Basis anonymisierter Krankenhausabrechnungsdaten erwachsener STEMI-Patientinnen und -Patienten, die in Deutschland eine primäre PCI erhielten. Die Abrechnungsdaten wurden vom Statistischen Bundesamt bereitgestellt. Insgesamt wurden 575.247 Personen einbezogen. Das mediane Alter betrug 64 Jahre, 28,5 % (164.016) waren weiblich.
Die Transportzeit zum Krankenhaus wurde anhand modellierter Fahrzeiten geschätzt. Die intrahospitale Zeit bis zur Koronarangiographie wurde anhand des in den Abrechnungsdaten kodierten Zeitpunkts der primären PCI berechnet. Sie dient als Surrogatparameter für Qualitätsindikatoren wie die Door-to-Balloon-Zeit. Die Kombination aus Transportzeit und intrahospitaler Zeit wurde als Ersatzmaß für die Gesamtverzögerung bis zur Koronarangiographie verwendet.
Zeitintervalle und Mortalität
Der wichtigste Befund: Innerhalb von 12 Jahren wurde eine deutliche Verkürzung der intrahospitalen Zeit bis zur Koronarangiographie beobachtet: Die mediane Zeit sank von 73 min im Jahr 2012 auf 46 min im Jahr 2023. Die Transportzeit zum Krankenhaus blieb dagegen weitgehend unverändert.
Der Anteil der Patientinnen und Patienten, bei denen die intrahospitale Zeit bis zur Koronarangiographie ≤60 min lag, stieg von 44,5 % im Jahr 2012 auf 57,7 % im Jahr 2023. Auch stieg der Anteil der Patientinnen und Patienten an, bei denen Transportzeit plus intrahospitale Zeit ≤120 min betrug, von 56,6 % auf 70,2 %. Dies spricht für eine zunehmende Annäherung der Versorgungsrealität an die in den ESC-Leitlinien 2023 empfohlenen Zeitvorgaben.
Kürzere Zeiten bis zur koronaren Angiographie und Revaskularisation waren mit einer niedrigeren intrahospitalen Mortalität bei STEMI assoziiert. Das Sterberisiko zeigte sich verringert ab einer intrahospitalen Zeit bis zur Koronarangiographie von <40 min (Referenz: 90–120 min) und eine kombinierte Transport- und intrahospitale Zeit <80 min (Referenz: ≥120 min).
Bei Überschreiten des Grenzwertes von 120 min betrug die Krankenhaussterblichkeit 9,8 %, während sie bei Einhaltung des Zeitrahmens um 0,5 Prozentpunkte niedriger lag (9,3 %). Ein ähnlicher Zusammenhang zeigte sich für die intrahospitale Zeit bis zur Koronarangiographie: Bei einer Zeit von ≤60 min betrug die Krankenhaussterblichkeit 9,1 %, verglichen mit 9,9 % bei längerer Verzögerung (>60 min).
Als Prädiktoren für verlängerte intrahospitale Verzögerungen identifizierte die Analyse ein höheres Lebensalter, weibliches Geschlecht, eine hohe Komorbiditätslast, die Aufnahme außerhalb regulärer Dienstzeiten sowie die Behandlung in Krankenhäusern mit geringem PCI-Volumen. So war beispielsweise die intrahospitale Zeit bis zur Koronarangiographie bei Männern im Mittel um 34 min kürzer als bei Frauen.
Eine Vorstellung am Wochenende war mit einem geringeren Risiko für eine Gesamtverzögerung (Transport- und intrahospitale Zeit) assoziiert. Mögliche Erklärungen hierfür sind eine geringere Belastung durch elektive Eingriffe sowie Unterschiede bei personellen und strukturellen Ressourcen, so das Forschungsteam.
Einordnung der Krankenhaussterblichkeit
Insgesamt stieg die Krankenhaussterblichkeit bei STEMI von 8,8 % im Jahr 2012 auf 10,4 % im Jahr 2021 an und ging bis 2023 leicht auf 10,1 % zurück. Im Verlauf des Beobachtungszeitraums erhielten zunehmend auch ältere und multimorbide Patientinnen und Patienten eine primäre PCI. Dieser Trend dürfte zur beobachteten Zunahme der Krankenhaussterblichkeit beigetragen haben, vermutet das Forschungsteam.
Zu den Risikofaktoren für die Krankenhaussterblichkeit gehörten weibliches Geschlecht, fortgeschrittenes Alter, Komorbidität, Eingriffe an mehreren Koronararterien, Aufnahme am Wochenende und Vorstellung außerhalb der regulären Dienstzeiten. So war beispielsweise männliches Geschlecht mit einer um 10 % geringeren Sterbewahrscheinlichkeit assoziiert (OR 0,90; 95-%-KI 0,88–0,92).
Im Gegensatz zu bisherigen Studienergebnissen war in der vorliegenden Analyse die Krankenhaussterblichkeit in Krankenhäusern mit hohem Patientenaufkommen erhöht. Mögliche Erklärungen sind laut dem Forschungsteam nicht erfasste Komorbiditäten sowie eine höhere klinische und prozedurale Komplexität in diesen Zentren. Entsprechend war die Komorbiditätslast in Krankenhäusern mit mittlerem Patientenaufkommen am geringsten, dagegen in Häusern mit niedrigem und hohem Patientenaufkommen am höchsten.
Limitationen
Die Studie weist mehrere Einschränkungen auf, darunter:
Aufgrund des retrospektiven Designs sind keine kausalen Schlussfolgerungen möglich.
Zeitangaben in Abrechnungsdaten können ungenau kodiert sein, was zu einer Unterschätzung der intrahospitalen Zeit bis zur Koronarangiographie führen kann.
Angaben zum Einlieferungsweg (Selbstvorstellung vs. Rettungsdienst), zum präklinischen Verlauf und zum Zeitpunkt des Symptombeginns lagen nicht vor. Klinische Detailinformationen über ICD- und OPS-Codes hinaus, insbesondere zu Hypotonie bei Aufnahme, Herzfunktion, außerklinischem Herzstillstand waren nicht verfügbar.
Fazit des Forschungsteams
Durch die Kombination von Krankenhausabrechnungsdaten mit modellierten Fahrzeiten ließen sich in dieser groß angelegten Real-World-Analyse Verzögerungen vor und innerhalb des Krankenhauses in der STEMI-Versorgung systematisch benchmarken. Die STEMI-Versorgung in Deutschland hat sich im letzten Jahrzehnt insbesondere hinsichtlich der intrahospitalen Zeit bis zur Angiographie deutlich verbessert. Gleichzeitig bleibt die Gesamtischämiezeit ein zentraler prognostischer Faktor und Versorgungsungleichheiten bestimmter Patientenkollektive, wie Frauen und ältere sowie komorbide Patientinnen und Patienten bestehen fort. Die Ergebnisse liefern eine starke Evidenzbasis für kontinuierliche Qualitätssicherung, strukturierte STEMI-Netzwerke und gezielte Maßnahmen zur Reduktion zeitlicher Verzögerungen, insbesondere bei vulnerablen Patientengruppen.
Expertenkommentar
Die vorliegende Observationsstudie auf Basis eines sehr großen Patientenregisters liefert wertvolle Einblicke in die Entwicklung zeitlicher Abläufe der STEMI-Versorgung in Deutschland. Sie zeigt, dass sich die In-hospital-Verzögerungen bis zur Koronarangiographie von 2012 bis 2023 deutlich reduziert haben, was im Einklang mit den internationalen Leitlinien zur möglichst raschen Reperfusion steht, und bestätigt erneut, dass verlängerte Zeitintervalle mit höherer Mortalität assoziiert sind.
Risikofaktoren für Verzögerungen wie höheres Alter oder weibliches Geschlecht, aber auch beeinflussbare Faktoren wie Aufnahme außerhalb der Dienstzeiten, wurden identifiziert und bieten teilweise Ansatzpunkte für Prozessverbesserungen. Trotz der verkürzten Zeiten stieg jedoch die Krankenhausmortalität leicht an, was das Autorenteam auf ein älteres, komorbideres Patientenkollektiv zurückführen.
Die Aussagekraft der Ergebnisse ist durch das retrospektive Design, fehlende klinische Detailinformationen und die Nutzung administrativer Zeitstempel (z. B. OPS-kodierter Beginn der Koronarangiographie) eingeschränkt. Insgesamt liefert die Studie daher vor allem wertvolle Erkenntnisse über Versorgungsstrukturen und Prozessqualität, weniger über kausale klinische Effekte einzelner Zeitintervalle.
Zur Autorin
PD Dr. Luise Gaede
PD Dr. Luise Gaede ist Standortleitung der Kardiologie/Intensivmedizin am Klinikum Herrsching, Starnberger Kliniken. Ihre fachlichen Zusatzqualifikationen (DGK) erwarb sie in den Bereichen der Interventionellen Kardiologie, Herzinsuffizienz sowie Intensiv- & Notfallmedizin. Bei Herzmedizin.de ist sie Leiterin der Rubrik Vaskuläre Herzerkrankungen.
Key Facts der Studie
Die Studie analysierte die Zeitintervalle bis zur primären PCI bei STEMI, Risikofaktoren für Verzögerungen sowie die Krankenhaussterblichkeit im Zeitraum von 2012 bis 2023.
Kürzere Zeiten bis zur Koronarangiographien waren mit einer geringeren Mortalität assoziiert. Die intrahospitale Zeit bis zur Koronarangiographie verkürzte sich im Beobachtungszeitraum deutlich, wobei Ungleichheiten in der Versorgung fortbestehen und bestimmte Patientenkollektive häufiger von Behandlungsverzögerungen betroffen sind. Gleichzeitig stieg die Krankenhaussterblichkeit bei STEMI von 8,8 % im Jahr 2012 auf 10,1 % im Jahr 2023 – parallel zu einem höheren Alter und einer zunehmenden Komorbiditätslast der Patientinnen und Patienten.
Eine optimierte Versorgung außerhalb regulärer Dienstzeiten sowie ein stärkerer Fokus auf Frauen, ältere Patientinnen und Patienten sowie Personen mit relevanten Begleiterkrankungen können zu einer Verbesserung der Zeitintervalle und der STEMI-assoziierten Mortalität beitragen.
Referenzen
- Stürzebecher PE, et al. Time to coronary angiography and revascularization in 575,247 patients with STEMI from 2012 to 2023: a retrospective population-based cohort study. Lancet Reg Health Eur. 2026 Mar. doi: 10.1016/j.lanepe.2025.101576. Epub ahead of print.