Die DGHTG-Jahrestagung "Hotspot Herzmedizin" in Köln

Robotik, Leitlinien und Realität: Herzmedizin im Schulterschluss

55. Jahrestagung der DGTHG 2026 | Auf dem DGTHG-Kongress in Köln standen Joint Sessions, minimalinvasive Herzchirurgie und die wachsende Bedeutung der Robotik im Fokus. Im Interview spricht Prof. Jochen Börgermann, erster Vizepräsident der DGTHG, über die Zusammenarbeit im Heart Team, Neues aus der Robotik und darüber wie sich Kardiologie und Herzchirurgie gemeinsam weiterentwickeln.

Von: 

Romy Martínez

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

06.03.2026

 

Bildquelle (Bild oben): DGTHG/Jörg Heupel

HERZMEDIZIN: Der DGTHG-Kongress fand erstmals in Köln statt – wie war Ihr Eindruck?


Börgermann: Sehr gut. Wir haben ein neues und hervorragend gelegenes Kongressgebäude gefunden, zentral in Köln. Vom Deutzer Bahnhof erreicht man das Kongresszentrum und viele Hotels fußläufig, ebenso die Domplatte. Der Standort passt aus unserer Sicht sehr gut. Wir haben uns daher entschieden, den Kongress mindestens für die nächsten drei Jahre dort auszurichten. Der Start in Köln war aus unserer Sicht sehr gelungen, und wir freuen uns auf die nächsten beiden Jahre.

Zur Person

Prof. Jochen Börgermann

Prof. Jochen Börgermann ist Spezialist für Kardiochirurgie und Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie und Kinderherzchirurgie am Herzzentrum Duisburg des Evangelischen Klinikums Niederrhein.

Prof. Jochen Börgermann

Persönliche Programm-Highlights

HERZMEDIZIN: Im letzten Jahr waren Sie als Tagungspräsident stark eingebunden. Wie haben Sie das Programm diesmal wahrgenommen?


Börgermann: In diesem Jahr war es für mich deutlich entspannter. Ich konnte mein Programm selbst zusammenstellen und hatte weniger Verpflichtungen. Besonders spannend waren wie immer die Joint Sessions, etwa zu Infarktkomplikationen und kardiogenem Schock oder zur Frage, ob es Diskrepanzen zwischen Leitlinien und Versorgungsrealität bei der KHK gibt. Beide Themen waren mit hochrangigen Referentinnen und Referenten sehr gut aufbereitet.


Ein großes Thema war außerdem die minimalinvasive Herzchirurgie. Wir stehen hier aus meiner Sicht an der Schwelle zur robotischen Herzchirurgie. Bei uns in der Klinik für Herzchirurgie und Kinderherzchirurgie am Herzzentrum Duisburg haben wir vor etwa drei Jahren begonnen, sie einzusetzen, und inzwischen sehen wir eine zunehmende Verbreitung. Wir haben zwischenzeitlich sechs Kliniken, die robotische Herzchirurgie in Deutschland anbieten. Mit der erwarteten MDR-Freigabe (EU Medical Device Regulation) des neuen Da-Vinci-5-Systems rechne ich mit einer deutlich breiteren Implementierung. Damit werden wir in der minimalinvasiven Herzchirurgie noch einmal einen Meilenstein nehmen.


Weitere wichtige Themen waren Endokarditis und ERAS-Programme (Enhanced Recovery After Surgery), die bei zunehmend hochbetagten und multimorbiden Patientinnen und Patienten die Rekonvaleszenz deutlich verbessern können. Insgesamt war es ein sehr vielseitiges Programm.

Joint Session von DGTHG und DGK

HERZMEDIZIN: Zur Joint Session KHK von DGTHG und DGK: Gibt es relevante Diskrepanzen zwischen Leitlinien und Versorgungsrealität?


Börgermann: Genau das haben wir sehr strukturiert aufgearbeitet. Zunächst ging es um die aktuellen Leitlinien und deren Studienbasis. Der Vergleich randomisierter Studien mit Beobachtungsstudien zeigte auch bei diesem Thema das Problem der internen und externen Validität. Kurz gesagt bilden randomisierte Studien die klinische Realität nicht umfänglich genug ab.

 

Sehr gelungen war, dass beide Disziplinen ihre eigenen Verbesserungsfelder benannt haben. In der Herzchirurgie betrifft das vor allem die noch nicht optimale Umsetzung arterieller Revaskularisation sowie den Einsatz von Off-Pump-Techniken, insbesondere bei Risikopatientinnen und -patienten. Auf kardiologischer Seite steht die funktionelle Koronardiagnostik im Fokus. Wichtig war das Prinzip: Jede Disziplin schaut zuerst auf die eigenen Hausaufgaben.


Abschließend wurde diskutiert, ob es verpflichtende Auslöser für einen Heart-Team-Beschluss geben sollte – etwa bei Hauptstammstenose, reduzierter Pumpfunktion, Diabetes, hoher Koronarkomplexität oder bei patientenseitigen Faktoren wie hohem EuroSCORE oder Gebrechlichkeit. Die zentrale Botschaft: Für bestimmte Patientenkollektive brauchen wir individualisierte Heart-Team-Entscheidungen. 


Insgesamt war das eine sehr runde Sitzung, die allen Beteiligten viel Spaß gemacht hat. Entscheidend ist, wie so oft im Leben, das Vertrauen auf beiden Seiten. Natürlich können wir im klinischen Alltag nicht jeden Einzelfall diskutieren. Es gibt klare Schwarz-Weiß-Fälle. Aber gerade die Grauzonen müssen wir gemeinsam sorgfältig besprechen.

Wachsende Bedeutung der Robotik

HERZMEDIZIN: Wird die Robotik die Versorgungslandschaft in den nächsten Jahren maßgeblich verändern?


Börgermann: Sie wird die Versorgung sicher deutlich verändern. Wir sehen bei den robotisch-operierten Patientinnen und Patienten eine schnellere Rekonvaleszenz, und für die Chirurgin oder den Chirurgen klare operationstechnische Vorteile. Wie wir bereits bei HERZMEDIZIN diskutiert haben, ist die Visualisierung exzellent, ebenso die Instrumentenführung. Dadurch lassen sich feinste operative Techniken anwenden, was auch die Operationsqualität weiter verbessern dürfte.

 

Ich bin überzeugt: Die Robotik in der Herzchirurgie ist gekommen, um zu bleiben, in Deutschland und europaweit. In den USA werden bereits etwa 12 % der Mitralklappenoperationen robotisch durchgeführt. Ich denke, hier wird viel Dynamik entstehen, zumal die minimalinvasive Herzchirurgie in Europa viel stärker verbreitet ist als in den USA.


HERZMEDIZIN: Deutschland galt lange als etwas im Rückstand. Ändert sich das jetzt?


Börgermann: Wir holen auf, da bin ich mir sicher. Was uns in vielen Bereichen ausgebremst hat, war die Medical Device Regulation auf EU-Ebene (MDR). Sie hat auch bei lange zugelassenen Devices Probleme verursacht, einschließlich der Robotik. Mit den anstehenden MDR-Zulassungen können wir wieder deutlich Schwung aufnehmen und den Anschluss schaffen.

Austausch von Kardiologie und Herzchirurgie

HERZMEDIZIN: Abschließend: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit zwischen Kardiologie und Herzchirurgie in Deutschland?


Börgermann: Ich habe den Eindruck, dass die jüngere Generation, sowohl in der DGK als auch in der DGTHG, zunehmend den Schulterschluss sucht. Das funktioniert auf den Kongressen der DGTHG und DGK sehr gut.

„Das muss immer unsere oberste Zielsetzung sein: für jede Patientin und jeden Patienten die bestmögliche Behandlung zu erreichen.“

Prof. Jochen Börgermann

Es ist inzwischen ein fest etablierter Kreis, der sich regelmäßig auf den Kongressen zum Austausch trifft. Das macht besonderen Spaß, weil man sich kennt und Themen gemeinsam sehr effizient bearbeiten kann. Die Verbindung ist gut, und man kann auch informell vieles besprechen. Dadurch wächst das gegenseitige Verständnis deutlich.

 

Die Joint Sessions halte ich dabei für ausgesprochen wichtig, auch damit Kolleginnen und Kollegen sowie der Nachwuchs sehen, dass diese Zusammenarbeit notwendig und fruchtbar ist und vor allem den Patientinnen und Patienten zugutekommt. Das muss immer unsere oberste Zielsetzung sein: für jede Patientin und jeden Patienten die bestmögliche Behandlung zu erreichen.

Take-aways

  • Joint Sessions liefern hohen Mehrwert: Besonders die gemeinsame Analyse von Leitlinien versus Versorgungsrealität zeigt konkrete Verbesserungsfelder in Kardiologie und Herzchirurgie auf.

  • Robotik steht vor breiterem Durchbruch: Mit der zu erwarteten MDR-Zulassung neuer Systeme dürfte die robotische Herzchirurgie in Deutschland deutlich an Dynamik gewinnen und die minimalinvasive Chirurgie weiter voranbringen.

  • Den Heart-Team-Ansatz gezielt einsetzen: Vor allem bei komplexen oder vulnerablen Patientenkollektiven sind individualisierte Entscheidungen im interdisziplinären Heart Team entscheidend.

  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit in Deutschland auf gutem Weg: Der Schulterschluss zwischen Kardiologie und Herzchirurgie funktioniert national zunehmend gut und sollte weiter gestärkt werden.

Zur Übersichtsseite Hotspot Herzmedizin 2026

Das könnte Sie auch interessieren

EAPCI Summit 2026 | Prof. T. Rudolph im Interview zu den Eindrücken der Premierenausgabe der Veranstaltung in München.

58. Jahrestagung der DGPK | Tagungspräsident Prof. G. Kerst über zentrale Botschaften des Kongresses und Fokusthemen der pädiatrischen Kardiologie.

55. Jahrestagung der DGTHG | Update über Meilensteine und Herausforderungen der Xenotransplantation. Präsentiert von Prof. M. Schmoeckel.