HERZMEDIZIN: Wie hat sich die Einführung des KI-Dokumentationsassistenten bisher auf Ihre tägliche Arbeit ausgewirkt?
Hindricks: In den letzten Jahrzehnten habe ich mich intensiv mit neuen Technologien und deren Implementierung beschäftigt und stelle fest: Nichts hat meinen Alltag so nachhaltig bewegt und verbessert wie die Implementierung eines KI-Assistenten zur automatischen Generierung von Dokumenten aus Gesprächen.
HERZMEDIZIN: Was hat Sie derart von der KI-gestützten Dokumentation überzeugt?
Hindricks: Es steht weniger der Zeitgewinn für Arzt und Ärztin oder die wirtschaftlichen Vorteile im Vordergrund, sondern vielmehr die Qualitätsverbesserung des Gesprächs mit den Patientinnen und Patienten. Wenn man parallel zum Gespräch dokumentieren muss und auf die Tastatur guckt, ist das für eine zugewandte, empathische Gesprächsführung der Killer.
Mit dem KI-System setze ich mich neben meinen Schreibtisch in direkten Blickkontakt mit den Patientinnen und Patienten. Wir führen dann ein ganz normales Gespräch. Da sehe ich den entscheidenden Qualitätsgewinn. Nach dem Gespräch wird die Dokumentation automatisch generiert und ich prüfe gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten am Bildschirm, ob alles korrekt erfasst wurde. Das ist für die Patientinnen und Patienten eine äußerst positive Erfahrung.
Zur Person
Prof. Gerhard Hindricks
Prof. Gerhard Hindricks ist Kommissarischer Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) in Berlin, Chief Integration Officer und Mitglied des DHZC-Bereichsvorstands. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. den Einsatz und Nutzen der Künstlichen Intelligenz in der Herzmedizin.
Umfassendere Dokumentation bei intensiveren Gesprächen
HERZMEDIZIN: Sehen Sie neben der verbesserten Gesprächssituation weitere Vorteile?
Hindricks: Die Technologie nimmt viele der dem Menschen mitgegebenen Vorurteile heraus. Wir hören ein Stückchen weit in Abhängigkeit von unserem Gegenüber Dinge unterschiedlich und ordnen sie unterschiedlich ein. Unsere Wahrnehmung beeinflusst dadurch auch die Dokumentation. Die KI-Systeme erfassen viel vorurteilsfreier, weil sie auf riesigen Datenmengen basieren, und dokumentieren die wesentlichen medizinischen Kerndaten in der Regel mit einer Präzision weit über der humanen Kompetenz und ohne die menschlichen Leistungsschwankungen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass die KI die Informationen sortiert. Die Gespräche fließen nicht immer linear: Man spricht über zwei Medikamente in den ersten zwei Minuten und dann noch mal über drei andere Medikamente am Ende des Gesprächs. Das extrahiert die KI heraus und platziert es im Medikationsblock – und das mit einer überzeugenden Genauigkeit, inklusive Dosierung und Einnahmemuster. Darüber hinaus filtert das System Gesprächsunterbrechungen heraus, z. B. wenn Mitarbeitende mit Zwischenfragen hereinkommen.
Außerdem lässt sich die KI überall nutzen. Wenn ich beispielsweise mit den Patientinnen und Patienten in einen anderen Bereich gehe, kann ich per Smartphone-App die Gesprächsdokumentation fortsetzen. Und am Ende kann ich die Dokumentation für die Patientinnen und Patienten auch noch in laiengerechte Sprache übersetzen.
Sie merken: Ich bin ein überzeugter Nutzer des Systems und sehe darin einen herausragenden Fortschritt in der Qualität der Behandlung.
HERZMEDIZIN: Man merkt Ihnen die Begeisterung an. Lässt sich der Nutzen auch quantifizieren?
Hindricks: Hier ist die wichtigste Qualitätskennzahl die Vollständigkeit der Dokumentation. Mit der KI sind bei 100 % der Patientinnen und Patienten die Kerninformationen festgehalten. Am Ende des Tages habe ich auf diese Weise keine Dokumentationslücken.
Ich bin genauso lange Zeit in der Ambulanz wie früher, aber ich habe eine ganz andere Intensität der Patientengespräche. Ich kann jetzt meine gesamte Aufmerksamkeit auf die Patientinnen und Patienten richten – das ist die wesentliche Wertschöpfung. Insgesamt würde ich die Effizienzgewinne – als Konglomerat von Qualität, Zeit und Kosten – auf 30 bis 40 % schätzen.
Datenschutz und Grenzen der KI-Dokumentation
HERZMEDIZIN: Sehen Sie auch Nachteile aufgrund des KI-Dokumentationsassistenten?
Hindricks: Also ich sehe im Moment keine wesentlichen Nachteile gegenüber den oft bruchstückhaften traditionellen Dokumentationsformen, wo es zudem an Standardisierung mangelt.
Man muss aber aufmerksam bleiben: Das Prüfen des Dokuments am Gesprächsende, am besten gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten, ist wichtig. So lassen sich die sogenannten KI-Halluzinationen in der Dokumentation ausschließen. Diese Halluzinationen passieren selten und insbesondere im Bereich der Sozialanamnese. Da können schon mal Sätze erscheinen wie: „Der Patient ist verheiratet und hat drei Kinder; er raucht gelegentlich und trinkt zweimal in der Woche Bier.“ Obwohl gar nicht darüber gesprochen wurde. Auch Dosierungen der Medikamente werden manchmal nicht genau verstanden und sind zu kontrollieren.
Ich würde aber schätzen, dass 95 % aller Informationen korrekt erfasst werden. Die Kontrolle bleibt jedoch unerlässlich.
Wo die Systeme auch manchmal noch Schwierigkeiten haben, ist eine fließende Zusammenführung mehrerer Gespräche zu einem Dokument. Da ist oft noch Handarbeit notwendig.
HERZMEDIZIN: Welche Datenschutz-Risiken gibt es Ihrer Meinung nach bei diesen Technologien?
Hindricks: Es handelt sich um große Kommunikationssysteme, die grundsätzlich auch ein gewisses Risiko der Datenfehlleitung oder des Datenmissbrauchs in sich tragen. Aber das ist kein Spezifikum dieser Technologie.
Derzeit arbeiten wir am Deutschen Herzzentrum der Charité mit einem geschlossenen System. Da verlässt nichts unseren Datenraum und trotzdem können wir die hohe Funktionalität und Präzision der KI nutzen. Der Nachteil eines geschlossenen Systems ist allerdings, dass es sich nicht problemlos ans Krankenhausinformationssystem (KIS) anbinden lässt. Die Verbindung mit administrativen Patientendaten, Vordiagnosen usw. erfordert beim jetzigen Stand immer noch manuelles Copy-Pasten.
Akzeptanz bei Behandelnden, Patienten und Patientinnen
HERZMEDIZIN: Wie reagieren die Patientinnen und Patienten darauf, dass eine KI im Hintergrund Gespräche mitschneidet und dokumentiert?
Hindricks: Zunächst einmal wird jede Patientin und jeder Patient kurz standardisiert aufgeklärt: dass das Gespräch aufgezeichnet und konvertiert wird, dass dabei KI zum Einsatz kommt und dass es sich um einen datenschutzrechtlich relevanten Vorgang handelt, der in einem geschlossenen System geschieht. Dann werden die Patientinnen und Patienten nach ihrer Zustimmung gefragt. Die aufgezeichnete Zustimmung reicht zur Dokumentation; es ist keine Unterschrift erforderlich.
Ich nutze das Tool bereits seit einigen Jahren und alle meine Patientinnen und Patienten haben bisher zugestimmt. Bei etwa 5 % kommt eine Nachfrage, meistens darüber, ob die Daten im System der Charité verbleiben, ansonsten habe ich keine Bedenken erlebt. Im Gegenteil, wiederkehrende Patientinnen und Patienten bitten oft direkt um Gesprächsaufzeichnung, um den Ablauf zu vereinfachen.
HERZMEDIZIN: Gibt es Kolleginnen und Kollegen bei Ihnen, die das KI-Tool nicht gerne einsetzen?
Hindricks: Ja, es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die das System wenig oder gar nicht nutzen. Das hängt im Wesentlichen mit der Veränderungsresistenz im medizinischen Umfeld zusammen: Menschen möchten so weitermachen, wie sie es seit vielen Jahren gewohnt sind, und nicht das Risiko der Veränderung – mit der Chance auf Verbesserung – eingehen.
Da wird lieber mit Zettelchen und Klebe-Posts weitergearbeitet statt zu sagen: „Ich probiere mal etwas Neues.“ Aber diejenigen, die diesen Schritt der Veränderung gehen und die kurze Phase der Mehrarbeit auf sich nehmen, da man sich etwas einarbeiten muss, bleiben alle bei diesen Systemen.
HERZMEDIZIN: Sie haben den Nutzengewinn durch die KI-gestützte Dokumentation betont. Wäre es nicht im Sinne der Prozessverbesserung wichtig, die skeptischen Kolleginnen und Kollegen irgendwie abzuholen? Wie ließe sich das erreichen?
Hindricks: Durch Kommunikation, Schulung und Transparenz. Den Menschen das System erst mal zeigen und sagen: „Komm, ich nehme dich an die Hand, wir machen das mal zusammen. Ich setze mich einen Tag neben dich und ich helfe dir dabei.“ Oder: „Ich bin die ersten zwei Stunden mit dir in der Ambulanz, und wenn du nicht weißt, welchen Knopf du drücken musst – macht nichts. Ich bin da.“
Also: Beteiligte beteiligen, mitnehmen, kommunizieren. Und ein Stückchen weit auch die Begeisterung für diese Technologien schaffen. Das ist zu oft noch vom Engagement von Einzelpersonen abhängig. An der Charité arbeiten wir an Strategien, um die Implementierung neuer Technologien und Transformationsprozesse noch strukturierter zu begleiten.
Weiterentwicklung und Praxistipps
HERZMEDIZIN: Wo sehen Sie hinsichtlich der KI-gestützten Dokumentation noch Verbesserungspotenzial?
Hindricks: Eine bessere Verknüpfung mit den administrativen Patientendaten und der medizinischen Vorgeschichte würde manuelles Copy-Pasten sparen. Das ist aber nur eine Frage der Schnittstellen und ein kleinerer Verbesserungsschritt dieser Technologie.
Die nächste Stufe wäre die Weiterentwicklung zu einem Clinical Decision Support Tool. Dabei könnte die KI den Ärztinnen und Ärzten auf Basis der Gespräche aktiv unterstützen, indem sie Hinweise gibt wie: „Wenn ich das so höre, solltest du nach Schlafstörungen fragen.“ „Hast du nach Nachtschweiß gefragt?“ „Der Patient ist bereits dreimal gestürzt – sollte ein Schrittmacher in Erwägung gezogen werden?“ Oder: „Hast du bedacht, dass aufgrund der vorliegenden Konstellation auch eine onkologische Ursache infrage kommen könnte?“ Das würde eine neue Qualitätsstufe eröffnen und die ärztliche Entscheidungsfindung weiter verbessern.
Angesichts mehrerer Tausend Todesfälle jährlich in Deutschland infolge von Medikationsfehlern liegt eine zweite wichtige Anwendungsmöglichkeit in der automatischen Überprüfung der Medikamente auf Interaktionen, Unverträglichkeiten und Dosierungen. Hierbei wäre perspektivisch eine Verknüpfung mit Labordaten sinnvoll, um beispielsweise Überdosierungen bei Niereninsuffizienz zu vermeiden. Noch weiter ginge die Berücksichtigung von „Pharmacogenomics“: So können manche genetische Merkmale zu erhöhten Risiken bei bestimmten Medikamenten führen. Die KI könnte bei Vorliegen entsprechender Informationen andere Dosierungen, Medikamente oder Therapien vorschlagen.
HERZMEDIZIN: Haben Sie Tipps für Kliniken und Praxen, die über die Einführung eines KI-Dokumentationsassistenten nachdenken?
Hindricks: Das KI-System sollte zunächst parallel zu den traditionellen Dokumentationsformen eingeführt werden. Das gibt Sicherheit in der Implementierungsphase, aber es wird nur Tage dauern, bis man gelernt hat, wie man KI-unterstützt zu besserer Qualität mit weniger Aufwand kommt.
Durch Anpassung des eigenen Gesprächsduktus kann man es der KI noch einfacher machen. Beispielsweise nenne ich nach der Begrüßung der Person immer den Grund des Besuchs und frage nach der Erwartung, etwa: „Sie sind heute hier zur Verlaufskontrolle. Wie geht es Ihnen und was kann ich für Sie tun?“ So bekommt die KI direkt einen Rahmen zur Einordnung. Anschließend kann eine strukturierte Abfrage zu den Beschwerden erfolgen und man geht gemeinsam durch den Medikationsplan.
Besonders zu Beginn sollte man sich die Zeit nehmen und sich intensiver mit der Optimierung der Dokumentation beschäftigen. Nicht nur KI-Halluzinationen herauslöschen, sondern den Ablauf selbst hinterfragen und anpassen. Das ist erst mal mit etwas Mehrarbeit verbunden, aber es lohnt sich. In den 40 Jahren, in denen ich mich mit neuen Technologien beschäftige und zahlreiche Innovationen erlebt habe, ist das meines Erachtens mit Abstand der größte Sprung, was den Impact auf die Qualität der Medizin und die Bedeutung für die Zukunft der Medizin angeht. Das wird zukünftig überall Standard.
Studienüberblick zu KI-gestützter Dokumentation
Ein systematischer Review analysierte 11 Studien zur KI-gestützten Dokumentation, davon 10 aus dem Jahr 2024 und 1 Studie aus dem Jahr 2021. Das ärztliche Personal berichtete über eine verbesserte Dokumentationsqualität, aber auch über häufige manuelle Bearbeitungen und gelegentliche Bedenken hinsichtlich Fehler. In 9 von 10 Studien zeigten sich Verbesserungen in mindestens einem Effizienzparameter, und 7 von 10 Arbeiten beschrieben positive Effekte auf das Wohlbefinden und die Burnout-Rate der Ärztinnen und Ärzte. Die Patientenerfahrung wurde in 3 Studien untersucht, die übereinstimmend positive Ergebnisse berichteten.
Referenz: Hassan H, Zipursky AR, Rabbani N, et al. Clinical Implementation of Artificial Intelligence Scribes in Health Care: A Systematic Review. Appl Clin Inform. 2025;16(4):1121-1135. doi:10.1055/a-2597-2017
In einer multizentrischen Umfrage im Jahr 2024 mit 263 Ärztinnen und Ärzten sowie Advanced Practice Practitioners wurde der Einsatz eines KI-Dokumentations-Tools über 30 Tage untersucht. Nach der Nutzung sank der selbstberichtete Burnout-Anteil signifikant von 51,9 % auf 38,8 %, und es wurden signifikante Verbesserungen bei der kognitiven Arbeitsbelastung, der Zeit für Dokumentation nach Dienstschluss, der Konzentration auf Patientengespräche und der zeitnahen Patientenversorgung berichtet.
Referenz: Olson KD, Meeker D, Troup M, et al. Use of Ambient AI Scribes to Reduce Administrative Burden and Professional Burnout. JAMA Netw Open. 2025;8(10):e2534976. Published 2025 Oct 1. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.34976
In einer qualitativen Studie wurden 22 halbstrukturierte Interviews mit Ärztinnen und Ärzten aus Primärversorgung und ambulanten Fachdisziplinen geführt, die 2023/2024 über 3 Monate KI-gestützte Dokumentation getestet hatten. Es zeigten sich folgende positive Zustimmungsraten: kognitive Entlastung (100 %), zeitliche Entlastung (62 %), verbesserte Work-Life-Integration (91 %) und Patienteneinbindung (68 %) sowie Gesamtentlastung (89 %). Einschränkungen betrafen die Funktionalität bei anderssprachigen Personen sowie Defizite in Genauigkeit und Stil der generierten Notizen.
Referenz: Shah SJ, Crowell T, Jeong Y, et al. Physician Perspectives on Ambient AI Scribes. JAMA Netw Open. 2025;8(3):e251904. Published 2025 Mar 3. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.1904
In einer Umfrage unter ambulanten Klinikerinnen und Klinikern (93 vor, 99 nach Implementierung über mediane Dauer von 92 Tagen) führte ein KI-gestütztes Dokumentationssystem zu einer deutlichen Entlastung im Dokumentationsprozess. Die Wahrscheinlichkeit, die Dokumentation als einfacher zu bewerten, stieg signifikant um den Faktor 6,9, ebenso die Wahrscheinlichkeit, Notizen rechtzeitig abzuschließen, um den Faktor 5,0. Zudem berichtete die Mehrheit über reduzierte Dokumentationslast, weniger Arbeit außerhalb der Sprechstunde, geringeres Burnout-Risiko und höhere Arbeitszufriedenheit; 48 % konnten zusätzliche Patientinnen oder Patienten versorgen.
Referenz: Albrecht M, Shanks D, Shah T, Hudson T, Thompson J, Filardi T, Wright K, Ator GA, Smith TR. Enhancing clinical documentation with ambient artificial intelligence: a quality improvement survey assessing clinician perspectives on work burden, burnout, and job satisfaction. JAMIA Open. 2025 Feb 21;8(1):ooaf013. doi: 10.1093/jamiaopen/ooaf013. PMID: 39991073; PMCID: PMC11843214.
Referenzen
- Monitor Versorgungsforschung (2024). Bürokratie frisst Zeit und verschärft das Fachkräfteproblem. URL: https://www.monitor-versorgungsforschung.de/news/buerokratie-frisst-zeit-und-verschaerft-das-fachkraefteproblem/
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