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Reha nach Myokardinfarkt: Was gegen den Gender Gap hilft – und was nicht

Obwohl die gesundheitlichen Benefits kardiologischer Rehabilitation nach Myokardinfarkt gut belegt sind, nutzen zu wenige Anspruchsberechtigte diese Chance, insbesondere Frauen. Woran das liegt, und welche Lösungsansätze helfen könnten, die Teilnahmequoten und Adhärenz zu verbessern, analysiert ein aktuelles Review von McFeely und Bittner.1

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

12.03.2026

Bildquelle (Bild oben): PeopleImages.com / Yuri A / Shutterstock.com

Der Nutzen von kardiologischer Rehabilitation nach Myokardinfarkt ist gut belegt, dennoch ist die Teilnahmequote niedrig, wie das Review darlegt. So berichtet beispielsweise eine internationale Metaanalyse (2023) von 14 Studien mit >114.000 Herzinfarkt-Betroffenen eine durchschnittliche Teilnahmequote von nur 34 %, wobei Männer signifikant häufiger teilnehmen als Frauen (OR 1,69). Auch eine US-Analyse (2020) unter Anspruchsberechtigten zeigt einen deutlichen Unterschied: 28,6 % der Männer und nur 18,9 % der Frauen nahmen an einer kardiologischen Rehabilitation teil. Die Deutsche Herzstiftung gibt an, dass in Deutschland nur die Hälfte der Anspruchsberechtigten eine kardiologische Reha wahrnimmt und dass darunter deutlich weniger Frauen als Männer sind.2


Die Hürden für eine Teilnahme an kardialer Rehabilitation, die besonders Frauen betreffen, haben sich laut Review in den vergangenen Jahren wenig verändert. Zu den wichtigsten personenbezogenen Barrieren zählen ein höheres Lebensalter, eine höhere Komorbiditätslast sowie fehlende Informationen oder negative Einstellungen gegenüber Rehamaßnahmen. Soziale und strukturelle Faktoren umfassen insbesondere ausbleibende Überweisungen, Mobilitäts-/Anfahrtsprobleme, familiäre Verpflichtungen und finanzielle Belastungen.

Strategien zur Reduktion des Gender Gaps

Die Review-Autorinnen sehen in verlässlicheren Überweisungsstrukturen einen möglichen Ansatz zur Teilnahmesteigerung bei Frauen. Darüber hinaus analysierten sie aktuelle Ansätze, die durch flexiblere und bedürfnisgerechtere Rehabilitationsinhalte zur Verbesserung der Teilnahmequoten und Adhärenz beitragen könnten.

Heimbasierte Rehabilitation / Telerehabilitation

Heimbasierte kardiologische Rehabilitation (z. B. via App oder Website) und hybride Programme erweisen sich laut Review zunehmend als effektive Alternativen zu zentrumsbasierter Rehabilitation und können kardiovaskuläre Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Patientenzufriedenheit verbessern sowie Mortalität und Hospitalisierungen reduzieren. Dabei helfen sie, zentrale Barrieren wie Mobilitäts-/Anfahrtsprobleme und zeitliche Einschränkungen zu überwinden. Für geschlechtsspezifische Analysen fehle es jedoch noch an belastbaren Daten.

Hochintensives Intervall-Training (HIIT)

In den vergangenen Jahren hat Intervall-Training (HIIT) als Alternative zum moderaten Ausdauertraining (MICT) wachsendes Interesse in der kardiologischen Rehabilitation erfahren. Die zunehmende Evidenzlage spricht dafür, dass HIIT bei ausgewählten Patientinnen wirksam sein kann, so das Review. Es seien für eine verlässliche Beurteilung der Sicherheit und Wirksamkeit jedoch größere Studien mit heterogenen Populationen erforderlich.

Yoga und alternative Bewegungsformen

Ein vielfältigeres Trainingsangebot, z. B. Yoga, Tanzen, Tai Chi, Pilates oder Nordic Walking, könnte Frauen verstärkt zur Teilnahme an kardiologischer Rehabilitation motivieren und sich positiv auf Ausdauer und Lebensqualität auswirken. Die Datenbasis ist laut Review bisher begrenzt. In einer großen randomisierten Studie (Yoga-CaRe) aus Indien mit knapp 4.000 Personen nach Myokardinfarkt verbesserte ein Yoga-basiertes Rehabilitationsprogramm im Vergleich zu erweiterter Standardversorgung die selbst eingeschätzte Gesundheit und die Rückkehr zu Aktivitäten vor dem Infarkt. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Adhärenz zeigten sich nicht, der Frauenanteil lag jedoch bei nur etwa 14 %.

Frauenfokussierte und Women-only-Programme

Im Jahr 2022 veröffentlichte der International Council of Cardiovascular Prevention and Rehabilitation (ICCPR) erstmals Leitlinien zur women-focused cardiac rehabilitation (WFCR) mit 15 Empfehlungen zu Überweisung, Einrichtung und Versorgung. Laut einer internationalen Umfrage boten 2024 jedoch nur 14,8 % der kardiologischen Rehabilitationsprogramme frauenspezifische Komponenten an. Als zentrale Hürden wurden fehlende räumliche und personelle Ressourcen, Zeitmangel sowie begrenzte Expertise genannt. Die Effektivität von Women-only-Programmen, die eine WFCR-Komponente darstellen, ist unklar. In kanadischen Untersuchungen (2021, 2022) erzielten nicht geschlechtsspezifisch gestaltete Women-only-Programme schlechtere Ergebnisse und eine geringere Adhärenz als gemischtgeschlechtliche Programme. Zudem bevorzugten Frauen ein gemischtgeschlechtliches Setting (74,7 %). Insgesamt spricht die aktuelle Datenlage dafür, dass der Programminhalt wichtiger ist als die geschlechtliche Zusammensetzung der Teilnehmenden, so das Review.

Psychosoziale Unterstützung

Psychosoziale Unterstützung ist für beide Geschlechter ein essenzieller Bestandteil der kardiologischen Rehabilitation, wie im Review betont wird. Obwohl geschlechtsspezifische Unterschiede in psychischen Outcomes nach Myokardinfarkt beschrieben sind, fehle es in den letzten Jahren an gezielten Studien, die den Einfluss spezifischer psychosozialer Interventionen auf CR-Outcomes bei Frauen systematisch untersuchen.

Frauenspezifische Edukation

Das Review hebt die zentrale Rolle der Edukation in der kardiologischen Rehabilitation hervor. Das „Cardiac College for Women“ ist ein frauenspezifisches Schulungsprogramm mit 12 Sessions zu Themen wie Hypertonie, Menopause, Medikamentenadhärenz, Ernährung, psychosoziale Gesundheit und Langzeitprävention sowie mit Informationen zu kardiovaskulären Erkrankungen, die Frauen häufiger betreffen wie Takotsubo-Kardiomyopathie, spontane Koronararteriendissektion (SCAD) und Myokardinfarkt ohne obstruktive Koronararterien (MINOCA). Erste kleinere Studien zeigen hohe Akzeptanz, gute Teilnahmequoten sowie signifikante Verbesserungen des kardiovaskulären Wissens und in der Ernährungsadhärenz. Zur Bestätigung dieser Ergebnisse seien jedoch größere randomisierte Studien erforderlich.

Review-Fazit

Die kardiologische Rehabilitation wird von Frauen nach Myokardinfarkt weiterhin deutlich seltener genutzt als von Männern – mit negativen Auswirkungen auf die gesundheitlichen Outcomes. Flexiblere und geschlechtsspezifische Ansätze stellen vielversprechende Möglichkeiten zur Verbesserung dar, so die Review-Autorinnen, doch die Effekte auf klinische Endpunkte, physiologische Outcomes und Lebensqualität seien in weiteren Studien zu untersuchen.

Expertenkommentar

Die kardiologische Rehabilitation ist ein zentraler Bestandteil der Sekundärprävention nach Myokardinfarkt. Randomisierte Studien und Metaanalysen zeigen, dass strukturierte Rehabilitationsprogramme mit körperlichem Training, Risikofaktormanagement und psychosozialer Unterstützung die kardiovaskuläre Mortalität und Rehospitalisierungen reduzieren sowie funktionelle Kapazität und Lebensqualität verbessern. Trotz dieser gut belegten Effekte besteht weiterhin ein ausgeprägter Gender Gap in der Nutzung dieser Angebote und potenziert somit den zusätzlich bestehenden Gender Gap in der Akuttherapie zu Lasten der Frauen: Frauen werden seltener in kardiologische Rehabilitationsprogramme überwiesen und nehmen diese auch seltener wahr, obwohl sie nach einem Infarkt häufig ein vergleichbares oder sogar höheres Risiko für Komplikationen und Mortalität haben.

 

Neben individuellen Faktoren spielen strukturelle Barrieren im Gesundheitssystem eine wichtige Rolle. Dazu zählen geschlechtsspezifische Verzerrungen in der klinischen Entscheidungsfindung, eine historisch männlich dominierte Evidenzbasis vieler Trainingsstudien sowie Rehabilitationsprogramme, die organisatorisch oft wenig auf die Lebensrealität vieler Frauen abgestimmt sind. Feste Präsenzzeiten, längere Anfahrtswege oder fehlende Betreuungsangebote für Angehörige können die Teilnahme zusätzlich erschweren.


Der im Review diskutierte Ansatz erscheint daher besonders sinnvoll: Durch alternative Trainingsformen – etwa heimbasierte Rehabilitation oder die Integration von Yoga und hochintensivem Intervalltraining (HIIT) – müssen Programme flexibler und attraktiver gestaltet werden. Eine geschlechtersensible Weiterentwicklung der kardiologischen Rehabilitation ist entscheidend, um die prognostischen Vorteile nach Myokardinfarkt für alle Patientengruppen gleichermaßen zugänglich zu machen.

Zur Autorin

PD Dr. Luise Gaede

PD Dr. Luise Gaede ist Standortleitung der Kardiologie/Intensivmedizin am Klinikum Herrsching, Starnberger Kliniken. Ihre fachlichen Zusatzqualifikationen (DGK) erwarb sie in den Bereichen der Interventionellen Kardiologie, Herzinsuffizienz sowie Intensiv- & Notfallmedizin. Bei Herzmedizin.de ist sie Leiterin der Rubrik Vaskuläre Herzerkrankungen.

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Take-aways

  • Trotz des belegten Nutzens für kardiologische Rehabilitation nach Myokardinfarkt nehmen viele Anspruchsberichtigte nicht daran teil, insbesondere Frauen.
  • Zu den wichtigsten Barrieren, die besonders Frauen betreffen, zählen höheres Alter, mehr Komorbiditäten, Informationsdefizite, ausbleibende Überweisungen, Mobilitätsprobleme und familiäre Verpflichtungen.
  • Verlässlichere Überweisungsstrukturen, flexiblere Ansätze und geschlechtsspezifische Inhalte könnten helfen, Barrieren zu überwinden; Women-only-Programme zeigen dagegen bislang keinen Vorteil.
  • App- oder Web-basierte Heimrehabilitation erweist sich zunehmend als effektive Alternative, insbesondere um Mobilitäts- und Zeitbarrieren zu begegnen.
  • Hochintensives Intervall-Training (HIIT) könnte für ausgewählte Patientinnen wirksam sein und auch Yoga-basierte Programme zeigen erste positive Studienergebnisse.
  • Insgesamt fehlt es jedoch weiterhin an geschlechtsspezifischen Analysen und großen randomisierten Studien; das betrifft im Besonderen Maßnahmen zur psychosozialen Unterstützung und der frauenspezifischen Edukation.

Referenzen

  1. McFeely AE, Bittner VA. Sex and Gender-Based Differences in Outcomes of Cardiac Rehabilitation Following Acute Myocardial Infarction. Curr Atheroscler Rep. 2025;27(1):109. doi:10.1007/s11883-025-01360-5.

  2. Deutsche Herzstiftung (2025). Deutscher Herzbericht – Update 2025. Wie gut versorgt Ihre Region Herzpatienten? Neuer Herzbericht gibt Antworten! URL: https://herzstiftung.de/service-und-aktuelles/publikationen-und-medien/herzbericht.

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