Straße in der Nacht mit Autos

Schon eine Nacht mit Straßenlärm stresst Herz und Gefäße

Bereits eine einzige Nacht mit mäßigem Straßenverkehrslärm beeinträchtigt Gefäßfunktion und Schlafqualität, erhöht die Herzfrequenz und verändert Proteine in Immun- und Stresssignalwegen. Das ergab eine kontrollierte Humanstudie der Universitätsmedizin Mainz, die in Cardiovascular Research erschien.1

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

29.04.2026

Bildquelle (Bild oben): Rivals456 / Shutterstock.com

Verkehrslärm gehört zu den häufigsten Umweltbelastungen in Europa.  Allein in Deutschland sind laut Umweltbundesamt mehr als 11 Millionen Menschen nächtlichem Straßenverkehrslärm von mindestens 50 Dezibel ausgesetzt. Langjährige Beobachtungsstudien zeigen, dass dauerhafte Lärmbelastung mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck und Herzinfarkt verbunden ist. 

 

Eine aktuelle randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie mit 74 gesunden Teilnehmenden untersuchte, wie sich einzelne Nächte mit Straßenverkehrslärm auf die Gesundheit auswirken.

3 Lärmszenarien mit unterschiedlichem Belastungsgrad

Die Teilnehmenden nahmen 3 Nächte lang an der Studie teil. Jede Nacht wurden sie 1 von 3 Lärmbedingungen ausgesetzt: keinem Lärm (als Kontrolle), 30 Episoden von Verkehrslärm oder 60 Episoden von Verkehrslärm, jeweils mit einer Lautstärke von durchschnittlich 41 bis 44 Dezibel und einer Dauer von 1:15 Minuten. Dafür wurden Tonaufnahmen von realem Straßenverkehr im Schlafzimmer über Lautsprecher abgespielt. Weder die Teilnehmenden noch die Forschenden, die die Gesundheitsmessungen durchführten und auswerteten, wussten, welchen Lärmbedingungen die Teilnehmenden in den Nächten ausgesetzt waren. 

Auswirkungen auf Gefäßfunktion, Herzfrequenz und Proteom

Am nächsten Morgen wurde u. a. die flussvermittelte Gefäßdilatation gemessen, ein Standardtest zur Beurteilung der endothelialen Gefäßfunktion. Ein geringerer Prozentwert der Gefäßerweiterung bei diesem Test deutet auf eine beeinträchtigte Gefäßfunktion hin und ist mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Die flussvermittelte Dilatationsrate sank signifikant von 9,35 % unter Kontrollbedingungen auf 8,19 % nach 30 Lärm-Episoden (p=0,005) und auf 7,73 % nach 60 Episoden (p<0,0001).


Die Lärmbelastung erhöhte zudem die durchschnittliche Herzfrequenz der Teilnehmenden um 1,23 Schläge pro Minute (p=0,04). Die selbstberichtete Schlafqualität und Erholung waren nach der Lärmbelastung in allen Dimensionen signifikant vermindert.

 

Außerdem ergaben Blutanalysen Veränderungen in immun- und entzündungsassoziierten Proteinen. Bei den Teilnehmenden mit den stärksten vaskulären Beeinträchtigungen traten Lärm-assoziierte Veränderungen im Interleukin-Signalweg und in der Chemotaxis auf. 

Lärmschutz zur kardiovaskulären Prävention

Bereits einzelne Nächte mit Verkehrslärm, wie er für Stadtbewohnende typisch ist, waren mit messbaren Auswirkungen auf die Blutgefäßfunktion, Herzfrequenz sowie immun- und entzündungsassoziierte Blutproteine verbunden.


„Wir hatten nicht erwartet, derart konsistente biologische Veränderungen festzustellen“, sagte Erstautor Dr. Omar Hahad.2 „Selbst wenn wir schlafen, ist unser Körper weiterhin aufmerksam. Die wiederholte Auslösung von Stressreaktionen Nacht für Nacht könnte erklären, warum Menschen, die langfristig Verkehrslärm ausgesetzt sind, häufiger unter Bluthochdruck und Herzerkrankungen leiden.“


„Lärmschutz ist Herzschutz“, betont Letztautor Prof. Thomas Münzel.3 „Jede Dezibel-Reduktion bedeutet weniger Stress für Gefäße, weniger Entzündung im Blut – und langfristig weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle.“ Stadtplanung sei somit keine ästhetische Frage, sondern eine kardiovaskuläre Präventionsstrategie. „Gesunde Städte sind leise Städte.“ Das Studienteam plädiert daher für konsequente Lärmschutzmaßnahmen wie Tempo 30 innerorts, leisere Straßenbeläge, mehr Grünflächen und bessere Gebäudedämmungen. Auch die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordern schon seit längerem strengere Lärmschutzvorschriften.


Als individuelle Maßnahmen empfiehlt Dr. Hahad, das Schlafzimmer nicht zur Straßenseite hin einzurichten, gut isolierte Fenster zu verwenden und den schützenden Effekt weiterer Lebensstilmaßnahmen zu nutzen, wie etwa eine gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivität. Ohrstöpsel könnten die Lärmbelastung verringern; herzschützende Effekte sind jedoch bisher nicht ausreichend belegt.

 

Das Forschungsteam weist darauf hin, dass es sich um eine Kurzzeitstudie an jungen und gesunden Erwachsenen handelt und weitere Untersuchungen erforderlich sind, um die langfristigen Zusammenhänge zu verstehen. Die Studie liefere erste Erklärungen für molekulare Pathomechanismen beim Menschen, wie sie bereits in Expositionsstudien an Mäusen beobachtet wurden, so Mitautor Prof. Andreas Daiber. In einer künftigen größeren Studie sollen die Proteom-Veränderungen weiter untersucht werden.

Key Facts der Studie

Die randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie mit 74 gesunden Teilnehmenden simulierte, wie sich einzelne Nächte mit Straßenverkehrslärm typischer städtischer Lautstärke auf die Herzgesundheit auswirken.

Schon eine Nacht mit Straßenverkehrslärm war mit messbaren Auswirkungen auf die Endothelfunktion, Herzfrequenz sowie immun- und entzündungsassoziierte Blutproteine verbunden.

Das Studienteam plädiert für konsequente bauliche und gesellschaftliche Lärmschutzmaßnahmen. Die Ergebnisse unterstützen Forderungen der ESC und WHO nach strengeren Lärmschutzvorschriften. Auf individueller Ebene kann helfen: z. B. Schlafzimmer straßenseitig vermeiden, isolierte Fenster, gesunder Lebensstil und ggf. Ohrstöpsel.

Referenzen

  1. Hahad O, et al. A randomized, double-blind, crossover study of acute low-level night-time road traffic noise: effects on vascular function, sleep, and proteomic signatures in healthy adults. Cardiovasc Res. 2026;122(5):621-636. doi:10.1093/cvr/cvag028
  2. European Society of Cardiology. New research: Nighttime road traffic noise stresses the heart and blood vessels. Pressemitteilung, 26.02.2026.
  3. Universitätsmedizin Mainz. Straßenlärm kann bereits nach einer einzigen Nacht Herz-Kreislauf-System schädigen. Pressemitteilung, 26.02.2026.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Wie Kindern und Eltern die Angst vor Herzeingriffen nehmen? Augmented Reality soll das individuelle Herz als 3D-Hologramm interaktiv greifbar machen.

Der bundesweite Mitmachmonat „Rauchfrei im Mai“ unterstützt den Einstieg in ein rauchfreies Leben – mit hilfreichen Tipps und Gewinnchance.

DGK-Jahrestagung 2026 | Postervortrag: Machbarkeit und Akzeptanz eines Reanimationstrainings bei Kindern im Grundschulalter. Von Dr. E. Rasenack.