Von der Intensivstation zur Publikation
Der Weg in die Wissenschaft ist selten eine gerade Linie. Für viele junge Ärzt:innen wirkt Forschung wie eine ferne Welt aus Laborkitteln und komplizierter Statistik, die kaum in den stressigen Klinikalltag zu passen scheint. Dass man keine klassische Laborforscherin sein muss, um international sichtbare Spitzenforschung zu betreiben, zeigt der Werdegang von PD Dr. Anne Freund. Im Interview berichtet die Kardiologin vom Herzzentrum Leipzig über ihren Weg in die Wissenschaft, über den Mut zum Anfangen und über den täglichen Spagat zwischen Patientenversorgung und klinischer Forschung.
Ein Start mit sanftem Druck
„Ich wollte ursprünglich überhaupt nicht Internistin werden und hatte auch nicht vor, zu promovieren“, sagt Dr. Freund rückblickend. Der Wendepunkt kam während ihrer ersten Famulatur am Herzzentrum Leipzig. Die akademische Atmosphäre und die Begeisterung der Kolleg:innen steckten sie an, sodass sie sich entschied, dort eine Promotion zu beginnen. Es war eine eher kleine, klinische Arbeit zur Endokarditis. Im Labor stand sie dafür nie. Ihr Zugang zur Forschung entstand vielmehr aus der direkten Arbeit mit klinischen Daten. Während der Promotion fasste sie in der Arbeitsgruppe um ihren Doktorvater Fuß, sodass sie dieser nach Abschluss des Studiums von Leipzig an das Universitätsklinikum in Lübeck folgte. Diese Leidenschaft führte sie später nach Lübeck, wo sie tief in die Welt großer randomisierter Studien eintauchte.
Rund um die Uhr für die Wissenschaft
Neben Ihrer Facharztweiterbildung ergab sich dort die Chance erstmalig in die Welt großer randomisierter Studien einzutauchen und an der Durchführung der DZHK-geförderten TOMAHAWK-Studie mitzuwirken. Dieses Projekt zum außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstand prägte ihren weiteren Weg sehr stark. Die Arbeit an einer so großen Studie beschreibt Freund als extrem intensive Zeit. Um die Rekrutierung der Patient:innen sicherzustellen, betrieb das Team über mehrere Jahre ein Randomisierungstelefon, das Tag und Nacht erreichbar war.
„Man konnte uns zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, um Patient:innen einschließen zu lassen oder Fragen zur Studie zu besprechen“, erinnert sie sich. Dieser Einsatz erforderte nicht nur Ausdauer. Er ermöglichte auch den Aufbau eines enormen Netzwerks zu Intensivstationen und Katheterlaboren in ganz Deutschland und in Dänemark. Durch die Studieninitiierungen lernte man auch die Teams vor Ort persönlich kennen. Freund beschreibt das als besonders lehrreich und wichtig für die spätere Karriere.
Warum klinische Forschung: Praxisnäher geht es nicht
Die Motivation für diese harte Arbeit zieht Dr. Freund aus der unmittelbaren Relevanz für Patient:innen in der Klinik. In der TOMAHAWK-Studie ging es um die Frage, ob Patient:innen nach einem außerklinischen Kreislaufstillstand ohne ST-Hebungen sofort in den Herzkatheter müssen, auch mitten in der Nacht.
„Praxisnäher geht es eigentlich nicht“, betont sie. Die Fragestellungen entstehen direkt aus den Diskussionen auf der täglichen Visite oder im Katheterlabor. Muss ich nachts wirklich in die Klinik fahren? Bringt das den Patient:innen einen echten Vorteil? Wenn eine Studie abgeschlossen ist und die Ergebnisse später dazu führen, dass Leitlinien geändert werden, fließt dieser Erfolg unmittelbar in die Versorgung zurück. Zwischenzeitlich ging es für die Arbeitsgruppe zurück nach Leipzig, wo auch die randomisierte ECLS-SHOCK-Studie erfolgreich beendet werden konnte.
Auch wenn sie selbst keine Grundlagenforschung betreibt, arbeitet sie in Leipzig eng mit dem Forschungslabor zusammen. So werden zum Beispiel Biomarker Analysen für Schockpatient:innen vorangetrieben. Für Freund zeigt sich genau darin die Stärke klinischer Forschung. Sie beginnt bei einer konkreten Frage aus dem Alltag und kann die Behandlung direkt verbessern.
Der Spagat zur Klinik: Flexibilität und das zweite Standbein
Die Frage nach der Vereinbarkeit von Forschung und Klinik beantwortet Dr. Freund mit einem klaren Plädoyer für Kommunikation und Eigeninitiative. Sie profitierte selbst von Stellen, die teilweise über Studienbudgets finanziert wurden. Dadurch hatte sie geschützte Forschungszeiten von bis zu dreißig Prozent. Ihr Erfolgsrezept beschreibt sie so: „Eine gewisse Flexibilität haben und viel mit allen Beteiligten kommunizieren.“ Die Forschungstage oder – zeiten wurden so vereinbart, dass es für die Klinik möglichst gut passte. Im Gegenzug gewann sie Zeit für notwendige Dienstreisen oder konzentrierte Schreibphasen. Für sie ist Forschung außerdem ein Ausgleich zur Klinik. Wenn es in der Klinik mal schwierig lief, konnte ein Erfolg in der Wissenschaft, enorm motivierend sein und andersherum.
Auch heute arbeitet sie als Mutter in einem reduzierten Modell mit vier Tagen pro Woche. Gleichzeitig nutzt sie ihre Flexibilität, um auch am freien Tag an Studienplanungen dranzubleiben. Forschung ist für sie längst kein Zusatz mehr, sondern ein fester Teil der eigenen beruflichen Identität.
Typische Fallstricke: Geduld ist eine Tugend
Eines ihrer wichtigsten Learnings war die Erkenntnis, wie langwierig wissenschaftliche Prozesse sind. Bis ein Paper wirklich steht und am Ende publiziert ist, vergeht oft viel Zeit. Gerade Einsteiger:innen müssten verstehen, dass man am Anfang häufig mehr investiert, als man unmittelbar zurückbekommt.
Ein häufiger Fehler sei es, zu früh aufzugeben, wenn ein Manuskript abgelehnt wird oder die Datenerhebung stockt. Freund betont außerdem, dass wissenschaftliches Schreiben ein Handwerk ist, das man durch Learning by Doing und durch viel Lesen erlernt. Künstliche Intelligenz werde das Schreiben in Zukunft sicher verändern. Das grundlegende Verständnis für Statistik und wissenschaftliche Fragestellungen bleibe aber unverzichtbar.
Tipps für den Einstieg: Im System bleiben
Für junge Ärzt:innen, die am Anfang stehen, hat Dr. Freund mehrere konkrete Ratschläge:
- Mentoring suchen: Ein guter Mentor oder eine gute Mentorin ist aus ihrer Sicht wie immer wieder auch von anderen Kolleg:innen beschrieben unverzichtbar. Man braucht jemanden, der Sichtbarkeit schafft und die geleistete Arbeit wertschätzt.
- Klein anfangen: Es muss nicht sofort die eigene multinationale Studie sein. Häufig gibt es bereits vorhandene Daten, mit denen sich gute Sekundäranalysen umsetzen lassen. Auch ein Review kann ein exzellenter Start sein.
- Die richtige Umgebung wählen: Es lohnt sich, eine Arbeitsgruppe zu suchen, in der Datenbanken vorhanden sind oder ein klarer Plan für die Datengewinnung existiert.
- Finanzierung offensiv ansprechen: Neben Clinician Scientist Programmen gibt es viele Stiftungen, etwa die Deutsche Herzstiftung, die kleinere Projekte fördern. Wer mutig ist, kann früh eigene Mittel einwerben.
Fazit: Mut zur Sichtbarkeit
Anne Freunds Weg zeigt, dass Arbeit in der Klinik und klinische Forschung Hand in Hand gehen können. Belohnt wurde dieser Weg mit der Arbeit an Projekten, die die Leitlinien in den letzten Jahren verändert haben. Ihr Resümee ist ermutigend. Wer sich mit Themen beschäftigt, die klinisch wirklich interessieren, findet in der Forschung eine bereichernde Ergänzung zum Arztberuf.
Ein Satz bleibt besonders hängen. „Man sollte nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn es mal nicht läuft.“ Klinische Forschung ist ein Marathon. Gleichzeitig ist sie eine Möglichkeit, die Spielregeln der Medizin von morgen aktiv mitzugestalten.
Zur Person
PD Dr. Anne Freund
PD Dr. med. Anne Freund ist Oberärztin der Universitätsklinik für Kardiologie am Herzzentrum Leipzig mit Schwerpunkt interventionelle Kardiologie. Ihre wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich auf die Themen kardiogener Schock und außerklinischer Herz-Kreislauf-Stillstand.
Zur Person
Alexander Krutz
Alexander Krutz hat sich bereits früh in seinem Studium für die Kardiologie begeistern können. Als Ambassador in der Youngest DGK konnte er sich bereits aktiv einbringen. Inzwischen hat Alexander Krutz seine Weiterbildung zum Kardiologen im Deutschen Herzzentrum der Charité begonnen. Sein aktueller klinischer Forschungsschwerpunkt sind Herzklappenerkrankungen.
© Robert Kneschke / Adobe Stock
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