Der 1929 in Wien geborene Braunwald war jüdischer Herkunft und musste als Junge nach dem Einmarsch deutscher Wehrmacht-Truppen 1938 in Österreich mit seiner Familie erst in die Schweiz, dann nach England und zuletzt in die USA fliehen. An der New York University (NYU) studierte Braunwald Medizin und absolvierte an der Johns Hopkins School of Medicine die Facharztausbildung in Innerer Medizin. Bereits während seines Studiums an der NYU wuchs sein Interesse an der Kardiologie, das ihn vor und nach seiner Zeit an der Johns Hopkins School of Medicine immer wieder in die kardiologische Forschung, unter anderem mit dem späteren Nobelpreisträger André Frédéric Cournand, zog.
Braunwalds frühe Forschung als Klinikdirektor am National Heart, Lung and Blood Institute der National Institutes of Health war von Mut, Neugier und einem unerschütterlichen Engagement zugunsten seiner Patientinnen und Patienten geprägt. So lieferte er wichtige Erkenntnisse im Bereich der menschlichen Herz-Kreislauf-Physiologie und -Pathophysiologie und leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der transseptalen Katheterisierung des linken Herzens und der Hämodynamik, was zu einer verlässlicheren und schnelleren Diagnostik von Herzklappenerkrankungen führte. Bahnbrechend war seine Arbeit zur hypertrophen Kardiomyopathie, die er zu Beginn der 1960er Jahren zum ersten Mal bei einem 20-jährigen Patienten beobachtete. 1968 wechselte Braunwald an die University of California in San Diego, die er aufgrund der Streichung von Fördermitteln bereits nach vier Jahren wieder verließ. Bis 1996 arbeitete er als Professor am Brigham and Women’s Hospital in Boston, das zur Harvard Medical School gehörte, und bildete dort eine Vielzahl hochrangiger Kardiologinnen und Kardiologen aus. Neben seiner Lehrtätigkeit in Boston schrieb er das Braunwald's Heart Disease: A Textbook of Cardiovascular Medicine, ein Standardwerk der kardiologischen Ausbildung.
Braunwalds Forschung im Bereich der Herzinsuffizienz trug zur klinischen Beurteilung der ventrikulären Leistung bei. Revolutionär war zudem seine Erkenntnis, dass es sich beim Myokardinfarkt um einen dynamischen Prozess handelte, der durch eine frühzeitige Intervention aufgehalten werden konnte. Die daraus resultierenden Therapiemöglichkeiten retteten vielen Menschen das Leben. 1984 gründete Braunwald die „Thrombolysis in Myocardial Infarction“-Studiengruppe (TIMI), mit der die medikamentöse Behandlung von Blutgerinnseln beim akuten Herzinfarkt erfolgreich erforscht und in die Praxis umgesetzt wurde. Zu der Studienreihe gehört auch die Studie TACTICS-TIMI 18, in der nachgewiesen wurde, dass die PCI der medikamentösen Antikoagulation und Bettruhe überlegen ist. Die SAVE-Studie, die Braunwald gemeinsam mit seinem Kollegen Marc Pfeffer leitete, zeigte zu Beginn der 1990er Jahre, dass ACE-Hemmer die Entwicklung von chronischer Herzinsuffizienz und weitere akute Komplikationen nach einem Herzinfarkt verhindern können. Ende März 1993 wurden die Ergebnisse der CARE-Studie vorgestellt, an der Braunwald federführend beteiligt war, die belegten, dass eine Cholesterinsenkung durch Gabe von Statinen nach einem Herzinfarkt das Risiko für ein weiteres schweres kardiales Ereignis deutlich senkte.
Braunwald gehört zu den bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten in der Geschichte der Kardiologie. Seine Tätigkeit als Wissenschaftler hat zu entscheidenden Innovationen in der Kardiologie geführt, die in der heutigen Zeit zu Standardbehandlungen von Patientinnen und Patienten mit Herzerkrankungen gehören, vielen Menschen das Leben retteten und auch in Zukunft retten werden. Für die DGK hat Eugene Braunwald eine besondere Bedeutung. Zahllose junge Kardiologinnen und Kardiologen aus Deutschland wurden in seiner Abteilung ausgebildet, durch ihn und seine engsten Mitarbeiter entscheidend geprägt, sodass seine Lehre auch in Deutschland nachhaltig wirkte. Die Fachgesellschaft vergab aus diesem Grund die Honorary Award Lecture on Clinical Science im Jahr 2012 sowie die Ehrenmitgliedschaft im Jahr 2013 an Professor Eugene Braunwald. Mit großer Dankbarkeit und tiefem Respekt vor seinem Lebenswerk nehmen wir Abschied.