Die ATTR-CM ist eine zunehmend in den Fokus rückende Ursache der Herzinsuffizienz, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit erhaltener Ejektionsfraktion. Trotz wachsender Aufmerksamkeit gilt die Erkrankung weiterhin als unterdiagnostiziert. Auffällig ist dabei die deutliche Dominanz männlicher Patienten in bisherigen Studien, die häufig ein Verhältnis von bis zu 10:1 beschreiben.3 Dies wirft die Frage auf, ob Frauen tatsächlich seltener betroffen sind oder ob sie schlicht seltener erkannt werden.4
Analyse aus einem spezialisierten Zentrum
Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen der vorgestellten Arbeit geschlechtsspezifische Unterschiede bei der ATTR-CM systematisch untersucht. Grundlage war eine retrospektive Analyse aller Patientinnen und Patienten mit bestätigter ATTR-CM, die zwischen 2018 und 2024 am Westdeutschen Amyloidosezentrum der Universitätsklinik Essen diagnostiziert wurden. Insgesamt konnten 240 Fälle eingeschlossen werden, von denen lediglich 34 weiblich waren. Neben klinischen und laborchemischen Parametern standen insbesondere echokardiographische Befunde sowie der zeitliche Verlauf bis zur Diagnosestellung im Fokus der Analyse.
Diagnosekriterien greifen bei Frauen oft zu kurz
Die Ergebnisse zeigen ein konsistentes Bild geschlechtsspezifischer Unterschiede. Frauen wiesen im Vergleich zu Männern eine geringere interventrikuläre Septumdicke (16,2 ± 4,5 mm vs. 18,1 ± 4,5 mm, p=0,026) sowie ein geringeres Schlagvolumen (49 [42–49] mL vs. 56 [46–69] mL, p=0,020) auf. Gleichzeitig war die linksventrikuläre Ejektionsfraktion bei ihnen im Mittel höher (55 [50–60] % vs. 53 [43–55] %, p<0,001). Diese Unterschiede erscheinen zunächst rein deskriptiv, haben jedoch erhebliche diagnostische Konsequenzen: Zentrale Kriterien der ATTR-Diagnostik, insbesondere die häufig verwendete Septumdicke von ≥12 mm, werden von Frauen deutlich seltener erreicht. Tatsächlich lag in der vorliegenden Kohorte etwa jede fünfte Patientin unterhalb dieses Grenzwertes, während dies bei Männern nur in etwa 3 % der Fälle zutraf.
Deutliche Verzögerung bis zur Diagnose
Diese strukturellen Unterschiede spiegeln sich auch in der Diagnostik wider. Frauen zeigten eine deutlich längere Verzögerung bis zur Diagnosestellung. Während Männer im Median nach rund 12 Monaten diagnostiziert wurden, vergingen bei Frauen im Median mehr als 2 Jahre bis zur Diagnose. Diese Verzögerung ist klinisch hochrelevant, da die ATTR-CM eine progrediente Erkrankung ist und mittlerweile wirksame krankheitsmodifizierende Therapien zur Verfügung stehen.
Auch auf Ebene der Biomarker zeigten sich Unterschiede: Frauen hatten niedrigere Troponinwerte (30 [14–81] ng/L vs. 45 [27–72] ng/L, p=0,042), gleichzeitig jedoch eine schlechtere Nierenfunktion (53,2 ± 18,8 mL/min/1,73m² vs. 60,1 ± 18,6 mL/min/1,73m², p=0,046). Trotz dieser Unterschiede war die symptomatische Belastung, gemessen an der NYHA-Klasse, vergleichbar zwischen den Geschlechtern.
Die Ergebnisse basieren auf einer retrospektiven, monozentrischen Analyse mit kleiner weiblicher Subgruppe und sind daher potenziell durch Selektions- und Dokumentationsbias limitiert. Sie sollten als hypothesengenerierend betrachtet und in prospektiven, multizentrischen Studien bestätigt werden.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die vorliegenden Daten liefern damit einen wichtigen Hinweis darauf, dass die bisher verwendeten diagnostischen Kriterien möglicherweise nicht gleichermaßen für beide Geschlechter geeignet sind. Insbesondere die Anwendung einheitlicher Grenzwerte könnte dazu führen, dass Frauen mit klinisch relevanter Erkrankung nicht als solche erkannt werden. In diesem Zusammenhang wird zunehmend diskutiert, ob geschlechtsspezifische oder an die Körpergröße angepasste Schwellenwerte sinnvoll sein könnten.
Aus klinischer Sicht ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Die ATTR-CM sollte auch bei Frauen mit typischen „Red Flags“, etwa Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion, Karpaltunnelsyndrom oder Aortenklappenstenose, frühzeitig in Betracht gezogen werden, selbst wenn klassische echokardiographische Kriterien nicht vollständig erfüllt sind. Eine erhöhte diagnostische Aufmerksamkeit könnte dazu beitragen, bestehende Versorgungslücken zu schließen.
Fazit
Zusammenfassend zeigen die vorgestellten Daten, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der ATTR-CM nicht nur existieren, sondern unmittelbare Auswirkungen auf die Diagnosestellung haben. Frauen werden später diagnostiziert und weisen andere strukturelle Charakteristika auf, die in aktuellen Diagnosealgorithmen möglicherweise unzureichend berücksichtigt sind. Eine Anpassung der diagnostischen Strategien könnte daher ein wichtiger Schritt sein, um die Früherkennung und Behandlung dieser Patientengruppe zu verbessern.
Zur Person
Dr. Julia Vogel
Dr. Julia Vogel ist Assistenzärztin an der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Essen. Ihr klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt im Bereich der Herzinsuffizienz, insbesondere der kardialen Amyloidose. Sie wurde vom Clinician-Scientist-Programm der Medizinischen Fakultät der Universitätsklinik Essen gefördert.
Key Facts der Studie
Untersuchung geschlechtsspezifischer Unterschiede in Diagnostik, klinischer Präsentation und Verlauf der kardialen ATTR-Amyloidose. Besonderer Fokus lag auf möglichen Ursachen einer verzögerten Diagnosestellung bei Frauen.
Frauen zeigen geringere strukturelle Herzveränderungen und erfüllen etablierte Diagnosekriterien seltener. Zudem besteht eine deutlich längere diagnostische Verzögerung im Vergleich zu Männern.
Die ATTR-Amyloidose sollte auch bei Frauen frühzeitig in Betracht gezogen werden, selbst bei weniger ausgeprägten echokardiographischen Befunden. Geschlechtsspezifische Anpassungen diagnostischer Grenzwerte könnten die Früherkennung verbessern.
Referenzen
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Vogel J, et al. Sex-specific diagnostic differences in cardiac transthyretin amyloidosis: Underrecognition of female patients. Postervortrag, Diagnose und Prognose der Amyloidose, 11.04.2026, Mannheim, DGK-Jahrestagung 2026.
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Vogel J, et al. Sex-specific differences in cardiac transthyretin amyloidosis: addressing the diagnostic gap in women, European Heart Journal Open, Volume 6, Issue 1, January 2026, oeaf175, https://doi.org/10.1093/ehjopen/oeaf175
- Patel RK, et al. Sex differences among patients with transthyretin amyloid cardiomyopathy - from diagnosis to prognosis. Eur J Heart Fail. 2022;24(12):2355-2363. doi:10.1002/ejhf.2646
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Aimo A, et al. Sex differences in transthyretin cardiac amyloidosis. Heart Fail Rev. 2024;29(2):321-330. doi:10.1007/s10741-023-10339-w