Trotz effektiver lipidsenkender Therapien erreichen viele Patientinnen und Patienten ihre LDL-C-Zielwerte nicht, dies gilt insbesondere bei Statinintoleranz.2 N-of-1-Studien zeigen einen ausgeprägten Nocebo-Effekt unter Statintherapie.3 Gleichzeitig treten viele der in Beipackzetteln beschriebenen Nebenwirkungen im Vergleich zu Placebo nicht häufiger auf, was die zentrale Rolle kognitiver Faktoren bei den berichteten Beschwerden unterstreicht.4
Die häufig unzureichende Therapie bei Personen mit Statinintoleranz ist mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert, sodass ein erheblicher Bedarf zur Verbesserung der Versorgung besteht. Es ist belegt, dass medikationsbezogene Überzeugungen die Therapieadhärenz maßgeblich beeinflussen.5 Die Rolle dieser kognitiven Faktoren bei Statinintoleranz ist bislang jedoch unzureichend untersucht. Die vorliegende Studie untersuchte daher den Einfluss von Medikamentenüberzeugungen auf die lipidsenkende Therapie bei Personen mit Statinintoleranz.
Als Datengrundlage diente das Statin Intolerance Registry (NCT04975594), eine multizentrische Beobachtungsstudie an 19 deutschen Zentren.6 Eingeschlossen wurden initial 1.124 Personen mit definierter Statinintoleranz.
Zur Erfassung von Medikamentenüberzeugungen wurde der „Beliefs about Medicines Questionnaire“ (BMQ) eingesetzt, welcher sowohl spezifische Einstellungen zur eigenen Medikation als auch allgemeine Überzeugungen gegenüber Arzneimitteln erfasst. Für die vorliegende Analyse wurden insbesondere die Dimensionen „wahrgenommene Notwendigkeit“ und „Bedenken gegenüber der eigenen Medikation“ berücksichtigt. Aus diesen beiden Subskalen wurde das Necessity-Concerns Differential (NCD) berechnet, welches die relative Gewichtung von wahrgenommener Notwendigkeit und Bedenken abbildet. Ein hoher NCD-Wert weist auf ein Überwiegen der wahrgenommenen Notwendigkeit hin, ein niedriger Wert auf eine stärkere Gewichtung von Bedenken.
Neben einem Vergleich mit einer hausärztlichen Referenzkohorte erfolgte eine stratifizierte Analyse innerhalb der Registerpopulation anhand niedriger versus höherer NCD-Werte.
In die Analyse gingen 1.006 Patientinnen und Patienten mit Statinintoleranz ein. Sie zeigten im Vergleich zu einer hausärztlichen Referenzkohorte eine geringere wahrgenommene Notwendigkeit und zeitgleich weniger Bedenken gegenüber Medikamenten. Insgesamt war jedoch die Notwendigkeit ausgeprägter reduziert, sodass das Necessity-Concerns Differential bei Personen mit Statinintoleranz signifikant niedriger ausfiel (7,7 vs. 8,7, p<0,001).
Innerhalb der Registerpopulation war ein niedriger NCD-Wert mit einer ungünstigeren Versorgung assoziiert. Personen mit niedrigem NCD erhielten seltener eine lipidsenkende Therapie (77% vs. 86,2%, p<0,001), wiesen höhere mediane LDL-C Werte auf und erreichten deutlich seltener die empfohlenen Zielwerte. Die Zielwerterreichung lag bei lediglich 11,8 % gegenüber 19,0 % in der Gruppe mit höherem NCD.
Die Ergebnisse zeigen eine enge Verknüpfung zwischen der Einstellung zu Medikamenten und der Versorgungsrealität bei Personen mit Statinintoleranz. Eine geringe wahrgenommene Notwendigkeit der lipidsenkenden Therapie ist mit einer geringeren Therapieanwendung und einer niedrigeren Zielwerterreichung verbunden. Eine gezielte Patientenedukation mit Betonung der Therapienotwendigkeit könnte zu einer Verbesserung der lipidsenkenden Behandlung beitragen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Statinintoleranz nicht nur ein pharmakologisches, sondern auch ein kognitives Problem ist.
Für die klinische Praxis gilt: Neben der Auswahl geeigneter Wirkstoffe ist auch eine gezielte Kommunikation für den Therapieerfolg relevant. Insbesondere die Vermittlung der Notwendigkeit einer lipidsenkenden Therapie sowie die individuelle Berücksichtigung von Bedenken gegenüber der Medikation können die Therapieadhärenz verbessern und bestehende Versorgungsdefizite reduzieren.