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Statinintoleranz: Einstellung zu Medikamenten beeinflusst den Therapieerfolg

DGK-Jahrestagung 2026 | Postervortrag: Personen mit Statinintoleranz erreichen ihre LDL-C-Zielwerte häufig nicht. Neben pharmakologischen Ursachen spielen kognitive Faktoren eine wichtige Rolle. Registerdaten zeigen: Eine geringe wahrgenommene Notwendigkeit geht mit schlechterer Versorgung und niedriger Zielerreichung einher.

 

Tobias Schneider (Universitätsklinikum Leipzig) stellte die Studiendaten auf dem Kongress vor und berichtet.1

Von:

Tobias Schneider

Universitätsklinikum Leipzig

 

23.04.2026

Bildquelle (Bild oben): m:con / Ben van Skyhawk

Trotz effektiver lipidsenkender Therapien erreichen viele Patientinnen und Patienten ihre LDL-C-Zielwerte nicht, dies gilt insbesondere bei Statinintoleranz.2 N-of-1-Studien zeigen einen ausgeprägten Nocebo-Effekt unter Statintherapie.3 Gleichzeitig treten viele der in Beipackzetteln beschriebenen Nebenwirkungen im Vergleich zu Placebo nicht häufiger auf, was die zentrale Rolle kognitiver Faktoren bei den berichteten Beschwerden unterstreicht.4


Die häufig unzureichende Therapie bei Personen mit Statinintoleranz ist mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert, sodass ein erheblicher Bedarf zur Verbesserung der Versorgung besteht. Es ist belegt, dass medikationsbezogene Überzeugungen die Therapieadhärenz maßgeblich beeinflussen.5 Die Rolle dieser kognitiven Faktoren bei Statinintoleranz ist bislang jedoch unzureichend untersucht. Die vorliegende Studie untersuchte daher den Einfluss von Medikamentenüberzeugungen auf die lipidsenkende Therapie bei Personen mit Statinintoleranz.

Studiendesign

Als Datengrundlage diente das Statin Intolerance Registry (NCT04975594), eine multizentrische Beobachtungsstudie an 19 deutschen Zentren.6 Eingeschlossen wurden initial 1.124 Personen mit definierter Statinintoleranz.


Zur Erfassung von Medikamentenüberzeugungen wurde der „Beliefs about Medicines Questionnaire“ (BMQ) eingesetzt, welcher sowohl spezifische Einstellungen zur eigenen Medikation als auch allgemeine Überzeugungen gegenüber Arzneimitteln erfasst. Für die vorliegende Analyse wurden insbesondere die Dimensionen „wahrgenommene Notwendigkeit“ und „Bedenken gegenüber der eigenen Medikation“ berücksichtigt. Aus diesen beiden Subskalen wurde das Necessity-Concerns Differential (NCD) berechnet, welches die relative Gewichtung von wahrgenommener Notwendigkeit und Bedenken abbildet. Ein hoher NCD-Wert weist auf ein Überwiegen der wahrgenommenen Notwendigkeit hin, ein niedriger Wert auf eine stärkere Gewichtung von Bedenken.


Neben einem Vergleich mit einer hausärztlichen Referenzkohorte erfolgte eine stratifizierte Analyse innerhalb der Registerpopulation anhand niedriger versus höherer NCD-Werte.

Ergebnisse

In die Analyse gingen 1.006 Patientinnen und Patienten mit Statinintoleranz ein. Sie zeigten im Vergleich zu einer hausärztlichen Referenzkohorte eine geringere wahrgenommene Notwendigkeit und zeitgleich weniger Bedenken gegenüber Medikamenten. Insgesamt war jedoch die Notwendigkeit ausgeprägter reduziert, sodass das Necessity-Concerns Differential bei Personen mit Statinintoleranz signifikant niedriger ausfiel (7,7 vs. 8,7, p<0,001).


Innerhalb der Registerpopulation war ein niedriger NCD-Wert mit einer ungünstigeren Versorgung assoziiert. Personen mit niedrigem NCD erhielten seltener eine lipidsenkende Therapie (77% vs. 86,2%, p<0,001), wiesen höhere mediane LDL-C Werte auf und erreichten deutlich seltener die empfohlenen Zielwerte. Die Zielwerterreichung lag bei lediglich 11,8 % gegenüber 19,0 % in der Gruppe mit höherem NCD. 

Fazit

Die Ergebnisse zeigen eine enge Verknüpfung zwischen der Einstellung zu Medikamenten und der Versorgungsrealität bei Personen mit Statinintoleranz. Eine geringe wahrgenommene Notwendigkeit der lipidsenkenden Therapie ist mit einer geringeren Therapieanwendung und einer niedrigeren Zielwerterreichung verbunden. Eine gezielte Patientenedukation mit Betonung der Therapienotwendigkeit könnte zu einer Verbesserung der lipidsenkenden Behandlung beitragen.

Kommentar

Die Ergebnisse zeigen, dass Statinintoleranz nicht nur ein pharmakologisches, sondern auch ein kognitives Problem ist.
Für die klinische Praxis gilt: Neben der Auswahl geeigneter Wirkstoffe ist auch eine gezielte Kommunikation für den Therapieerfolg relevant. Insbesondere die Vermittlung der Notwendigkeit einer lipidsenkenden Therapie sowie die individuelle Berücksichtigung von Bedenken gegenüber der Medikation können die Therapieadhärenz verbessern und bestehende Versorgungsdefizite reduzieren.

Zur Person

Tobias Schneider

Tobias Schneider ist Arzt in Weiterbildung an der Klinik und Poliklinik für Kardiologie des Universitätsklinikum Leipzig.
Tobias Schneider

Key Facts der Studie

Die Studie untersuchte den Einfluss von Medikamentenüberzeugungen auf die lipidsenkende Therapie bei Personen mit Statinintoleranz.

Personen mit Statinintoleranz und stärker ausgeprägten Bedenken gegenüber der eigenen Medikation erhielten seltener eine lipidsenkende Therapie und erreichten seltener die empfohlenen LDL-C-Zielwerte.

Eine gezielte Patientenedukation mit Vermittlung der Therapienotwendigkeit sowie individueller Berücksichtigung von Bedenken kann zur Verbesserung der Therapieadhärenz und der Versorgung beitragen.

Referenzen

  1. Schneider T. Beliefs about medicines in patients with statin intolerance: insights from the multicenter statin intolerance registry. Postervortrag, Preisträger des DGK-Abstractpreises für klinische Lipidforschung, 09.04.2026, Mannheim, DGK-Jahrestagung 2026.
  2. Ray KK, Haq I, Bilitou A, et al. Treatment gaps in the implementation of LDL cholesterol control among high- and very high-risk patients in Europe between 2020 and 2021: the multinational observational SANTORINI study. Lancet Reg Health Eur. 2023;29:100624. doi:10.1016/j.lanepe.2023.100624.
  3. Krishnamurthy A, Bradley C, Ascunce R, Kim SM. SAMSON and the Nocebo Effect: Management of Statin Intolerance. Curr Cardiol Rep. 2022;24(9):1101-1108. doi:10.1007/s11886-022-01729-x.
  4. Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials. Lancet. 2026;407(10529):689-703. doi:10.1016/S0140-6736(25)01578-8.
  5. Horne R, Chapman SCE, Parham R, Freemantle N, Forbes A, Cooper V. Understanding patients' adherence-related beliefs about medicines prescribed for long-term conditions: a meta-analytic review of the Necessity-Concerns Framework. PLoS One. 2013;8(12):e80633. doi:10.1371/journal.pone.0080633.
  6. Stürzebecher PE, Gouni-Berthold I, Mateev C, et al. Quality of life in patients with statin intolerance: a multicentre prospective registry study. Lancet Reg Health Eur. 2024;43:100981. doi:10.1016/j.lanepe.2024.100981.

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