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Zwischen Leitlinie und klinischer Praxis: Einblicke in das EuroTR-Register

DGK-Jahrestagung 2026 | Postervortrag: Die aktuellen ESC/EACTS-Leitlinien zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit hochgradiger Trikuspidalklappeninsuffizienz empfehlen im Falle einer schweren rechts- oder linksventrikulären Dysfunktion und/oder pulmonalen Hypertonie aufgrund fehlender randomisiert-kontrollierter Evidenz für eine interventionelle Therapie primär eine medikamentöse Behandlung. Eine Analyse des großen internationalen EuroTR-Registers zeigt nun, dass diese Patientinnen und Patienten trotz insgesamt schlechterer Gesamtprognose in vergleichbarem Maße symptomatisch von einer interventionellen Therapie profitieren, verglichen mit Patientinnen und Patienten, die diese Kriterien nicht erfüllen.

 

PD Dr. Lukas Stolz (LMU Klinikum München) präsentierte die Studiendaten, die zeitgleich in JACC: Cardiovascular Interventions erschienen sind, und fasst die Ergebnisse im Folgenden zusammen.1,2

Von:

PD Dr. Lukas Stolz

LMU Klinikum München

 

09.04.2026

Bildquelle (Bild oben): m:con / Ben van Skyhawk

Minimalinvasive Trikuspidalklappeninterventionen (TTVI) haben sich in den letzten Jahren als Therapieoption bei schwerer symptomatischer Trikuspidalinsuffizienz etabliert und erhielten in den ESC/EACTS-Leitlinien 2025 eine Klasse-IIa-Empfehlung.2 Bei Patientinnen und Patienten mit schwerer links- oder rechtsventrikulärer Dysfunktion oder präkapillärer pulmonaler Hypertonie wird jedoch aufgrund limitierter Evidenz primär eine konservative Therapie empfohlen. Inwiefern diese Patientinnen und Patienten bisher in der klinischen Praxis behandelt wurden und in welchem Maße sie von der interventionellen Klappenbehandlung profitiert haben, wurde bislang nicht strukturiert untersucht. 

Studiendesign

Insgesamt 1.626 Patientinnen und Patienten des großen internationalen EuroTR-Registers3, die vor Publikation der aktuellen Leitlinie mittels „edge-to-edge“-Reparatur der Trikuspidalklappe (T-TEER) behandelt wurden, ließen sich anhand ihrer rechts- und linksventrikulären Funktion sowie des Typs und Ausmaßes der pulmonalen Hypertonie in zwei Gruppen einteilen4. Diejenigen, die mindestens eines der in den Leitlinien definierten Ausschlusskriterien (schwere links- oder rechtsventrikuläre Dysfunktion bzw. präkapilläre pulmonale Hypertonie) erfüllten, wurden als „OMT-Kandidaten“ klassifiziert und mit Patientinnen und Patienten verglichen, die gemäß Leitlinienempfehlung für eine interventionelle Therapie geeignet waren. Primäre und sekundäre klinische Endpunkte umfassten Überleben, Hospitalisierung aufgrund von Herzinsuffizienz sowie die Veränderung der NYHA-Klasse im Follow-up.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 1.626 mittels T-TEER behandelte Patientinnen und Patienten in die Analyse eingeschlossen. Davon erfüllten 13,1 % mindestens eines der Leitlinienkriterien (schwere links- oder rechtsventrikuläre Dysfunktion bzw. präkapilläre pulmonale Hypertonie) und wurden retrospektiv als „OMT-Kandidaten“ klassifiziert. Diese Patientinnen und Patienten zeigten aufgrund ihres weiter fortgeschrittenen Krankheitsprozesses im Vergleich zu gemäß Leitlinie empfohlen interventionell behandelten Betroffenen geringere 1-Jahres-Überlebensraten frei von Herzinsuffizienz-Hospitalisierung (58,7 % vs. 74,3 %; p<0,001). Nichtsdestotrotz beobachteten wir eine vergleichbare symptomatische Verbesserung in beiden Gruppen, mit einer Verbesserung der NYHA-Klasse um mindestens eine Stufe bei 56,2 % der „OMT-Kandidaten“ gegenüber 59,5 % in der Vergleichsgruppe entsprechend der aktuellen Leitlinienempfehlungen interventionell behandelter Patientinnen und Patienten.

 

Diese retrospektive Analyse unterliegt den üblichen Einschränkungen eines Registerdesigns. Die Beurteilung der rechtsventrikulären Funktion ist methodisch herausfordernd und nicht vollständig standardisiert erfasst, zudem erfolgten die echokardiografischen Analysen ohne zentrale Auswertung durch ein Referenzlabor.

Fazit

Bis Ergebnisse spezifischer randomisierter Studien für Hochrisikopatientinnen und -patienten mit Trikuspidalklappeninsuffizienz und schwerer rechts- oder linksventrikulärer Dysfunktion und/oder pulmonaler Hypertonie vorliegen, bleibt es die Aufgabe des interdisziplinären Herzteams, den potenziellen symptomatischen Nutzen gegenüber einer der insgesamt eingeschränkten Gesamtprognose sorgfältig abzuwägen. Die vorliegenden Daten liefern hierfür eine wichtige Grundlage und unterstützen eine individualisierte Entscheidungsfindung in eben jener Patientengruppe. 

Zur Person

PD Dr. Lukas Stolz

PD Dr. Lukas Stolz arbeitet in der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des LMU Klinikums München und beschäftigt sich seit 2018 schwerpunktmäßig mit interventionellen Behandlungsoptionen für Patientinnen und Patienten mit hochgradigen AV-Klappenvitien.
PD Dr. Lukas Stolz

Key Facts der Studie

Ziel der Studie war es, die aktuellen ESC/EACTS-Leitlinienempfehlungen zur Behandlung der Trikuspidalklappeninsuffizienz auf eine Real-World-Kohorte anzuwenden und klinische sowie symptomatische Ergebnisse von Patientinnen und Patienten zu analysieren, die gemäß Leitlinie primär einer medikamentösen Therapie zugeordnet würden.

Etwa 13 % der Patientinnen und Patienten erfüllten Leitlinienkriterien für eine primär konservative Therapie. Diese zeigten geringere 1-Jahres-Überlebensraten frei von Herzinsuffizienz-Hospitalisierung, profitierten jedoch in vergleichbarem Ausmaß symptomatisch von der interventionellen Therapie wie leitliniengerecht behandelte Patientinnen und Patienten.

Auch bei Patientinnen und Patienten mit schwerer links- oder rechtsventrikulärer Dysfunktion und/oder pulmonaler Hypertonie kann eine interventionelle Therapie zu einer relevanten Symptomverbesserung führen. Die Indikationsstellung sollte daher individuell im interdisziplinären Herzteam unter Berücksichtigung von Krankheitsstadium und erwartbarem klinischem Nutzen erfolgen.

Referenzen

  1. Stolz L. Applying the 2025 ESC/EACTS Recommendations for the Treatment of Severe Tricuspid Regurgitation to Real-World Practice. Postervortrag, 09.04.2026, Mannheim, DGK-Jahrestagung 2026.
  2. Stolz L, Kresoja KP, Hausleiter J, et al.; EuroTR Investigators. Applying the 2025 ESC/EACTS Recommendations for the Treatment of Severe Tricuspid Regurgitation to Real-World Practice. JACC Cardiovasc Interv. 2026 Mar 30:S1936-8798(26)00885-X. doi: 10.1016/j.jcin.2026.02.024. Epub ahead of print. PMID: 41954543.
  3. Praz F, Borger MA, Lanz J et al. 2025 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease. Eur Heart J 2025.
  4. Stolz L, Kresoja KP, von Stein J et al. Residual tricuspid regurgitation after tricuspid transcatheter edge-to-edge repair: Insights into the EuroTR registry. Eur J Heart Fail 2024.

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