Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Anlass der Publikation sind die neue ESC-Leitlinie zu „Peripheral Arterial and Aortic Diseases“ (PAAD) bzw. die von der DGK herausgegebene kondensierte Pocket-Version hierzu, die Aorten- und periphere arterielle Erkrankungen zusammenführen und damit neue, teils diskussionsbedürftige Empfehlungen für die deutsche Praxis aufwerfen.
Ziel der Publikation ist es, die zentralen Neuerungen und Kernaussagen der ESC-PAAD-Leitlinie einzuordnen, mit der deutschen AWMF-S3-Leitlinie sowie weiteren internationalen Empfehlungen abzugleichen und eine praxisnahe Orientierung für die Umsetzung im deutschen Versorgungssystem zu geben.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
- Die Leitlinie versteht PAAD als zusammenhängendes Krankheitsbild und betont eine ganzheitliche, multidisziplinäre Versorgung von Aorta und peripheren Gefäßen.
- Die konsequente Kontrolle kardiovaskulärer Risikofaktoren (insbesondere LDL, Blutdruck und Diabetes) bleibt die wirksamste Basistherapie und muss strukturiert umgesetzt werden.
- Die antithrombotische Therapie wird stärker risikoadaptiert empfohlen und erfordert eine individuelle Abwägung von Ischämie- und Blutungsrisiko.
- Ein strukturiertes Gefäßtraining, insbesondere das supervidierte Gehtraining, ist eine zentrale Klasse-I-Empfehlung, deren Implementierung in Deutschland gezielt verbessert werden muss.
- Bei Aortenerkrankungen empfiehlt die Leitlinie eine risikoadaptierte Diagnostik und Nachsorge (inkl. genetischer Abklärung bei V. a. hereditäre Aortopathie) sowie eine individualisierte OP-/Interventionsindikation mit klaren Größen- und Verlaufsgrenzen.
Diese Abbildung mit dem Algorithmus zur langfristigen antithrombotischen Therapie bei symptomatischer pAVK ist hilfreich, weil sie die risikoadaptierte Auswahl (Monotherapie mit ASS oder Clopidogrel versus ASA plus niedrig dosiertes Rivaroxaban) direkt in eine praktische Entscheidungshilfe übersetzt (ASS = Acetylsalicylsäure; OAK = orales Antikoagulanz; pAVK = periphere arterielle Verschlusskrankheit). Zu den Gliedmaßen-Hochrisikofaktoren zählen frühere Amputation, chronische Ischämie der Gliedmaßen, frühere Revaskularisierung sowie Hochrisiko-Komorbiditäten (Herzinsuffizienz, Diabetes, Gefäßerkrankungen in zwei oder mehr Gefäßabschnitten) und schließlich eine eGFR < 60 ml/min/1,73 m2.
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Herausforderungen sind vor allem der Leitlinienanspruch vor dem Hintergrund der Versorgungsrealität. Flächendeckende Angebote für (supervidiertes) Gehtraining sind weiterhin rar, ABI-Messungen werden bei Risikopatientinnen und Patienten unzureichend durchgeführt und vergütet, beim Gerinnungsmanagement nach interventionellen Eingriffen bedarf es weiterhin komplexer und nicht unumstrittener Risiko-Nutzen-Abwägungen und bei der kritischen Extremitätenischämie gibt es weiterhin Lücken in der Prozessqualität (z. B. Bildgebung/Angiografie). Mögliche Lösungen bestehen in der Etablierung von strukturiertem bzw. supervidiertem Gehtraining und Etablierung von home-based exercise training (HBET)-Programmen (auch digital/telemedizinisch). Die Betreuung der oftmals komplexen Fälle erfordert Team-Strukturen, wie sie in interdisziplinären Zentren vorgehalten werden.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Offen bleiben insbesondere evidenzbasierte Antworten zu optimalen antithrombotischen Strategien nach endovaskulärer Revaskularisation, zur Standardisierung der Karotis-Duplexkriterien (Vergleichbarkeit isolierter PSV-Grenzwerte versus multiparametrischer DEGUM-Kriterien) sowie zum Mangel an krankheitsmodifizierenden Therapien bei Aortenaneurysmen außerhalb definierter genetischer Syndrome.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Zu erwarten sind stärker integrierte PAAD-Versorgungspfade (Aorta und Peripherie), mehr interdisziplinäre Team-Entscheidungen für komplexe Eingriffe, sowie eine Digitalisierung von Prävention, Training (HBET) und Nachsorge (z. B. strukturierte EVAR-Kontrollen). Gleichzeitig wird die genetische Diagnostik thorakaler Aortenerkrankungen weiter an Bedeutung gewinnen und individualisierte Schwellen/Algorithmen (inkl. Geschlechts-spezifischer Strategien) stärker in den klinischen Alltag rücken.
DGK-Kommentar zu den Leitlinien der ESC (2024) zur Behandlung der peripheren arteriellen und aortalen Erkrankungen
Literaturnachweis:
Müller, O., Dahm, J., Espinola-Klein, C. et al.
DGK-Kommentar zu den Leitlinien der ESC (2024) zur
Behandlung der peripheren arteriellen und aortalen Erkrankungen
Kardiologie 2025 · 19:366–378
https://doi.org/10.1007/s12181-025-00762-8