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Quick Dive: Neue ESC-Leitlinie zu „Peripheral Arterial and Aortic Diseases“

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in:

DGK-Kommentar zu den Leitlinien der ESC (2024) zur Behandlung der peripheren arteriellen und aortalen Erkrankungen

Aus der Kommission für Klinische Kardiovaskuläre Medizin

Verfasst von: Oliver J. Müller · Johannes B. Dahm · Christine Espinola-Klein · Julia Lortz · Christos Rammos · Meike Rybczinsky · Dierk Scheinert · Christiane Tiefenbacher · Axel Linke · Uwe Raaz

Von:

Melissa Wilke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

02.04.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an den Erstautor

Prof. Oliver J. Müller, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Anlass der Publikation sind die neue ESC-Leitlinie zu „Peripheral Arterial and Aortic Diseases“ (PAAD) bzw. die von der DGK herausgegebene kondensierte Pocket-Version hierzu, die Aorten- und periphere arterielle Erkrankungen zusammenführen und damit neue, teils diskussionsbedürftige Empfehlungen für die deutsche Praxis aufwerfen. 
Ziel der Publikation ist es, die zentralen Neuerungen und Kernaussagen der ESC-PAAD-Leitlinie einzuordnen, mit der deutschen AWMF-S3-Leitlinie sowie weiteren internationalen Empfehlungen abzugleichen und eine praxisnahe Orientierung für die Umsetzung im deutschen Versorgungssystem zu geben.

 

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Die Leitlinie versteht PAAD als zusammenhängendes Krankheitsbild und betont eine ganzheitliche, multidisziplinäre Versorgung von Aorta und peripheren Gefäßen.
  2. Die konsequente Kontrolle kardiovaskulärer Risikofaktoren (insbesondere LDL, Blutdruck und Diabetes) bleibt die wirksamste Basistherapie und muss strukturiert umgesetzt werden.
  3. Die antithrombotische Therapie wird stärker risikoadaptiert empfohlen und erfordert eine individuelle Abwägung von Ischämie- und Blutungsrisiko.
  4. Ein strukturiertes Gefäßtraining, insbesondere das supervidierte Gehtraining, ist eine zentrale Klasse-I-Empfehlung, deren Implementierung in Deutschland gezielt verbessert werden muss.
  5. Bei Aortenerkrankungen empfiehlt die Leitlinie eine risikoadaptierte Diagnostik und Nachsorge (inkl. genetischer Abklärung bei V. a. hereditäre Aortopathie) sowie eine individualisierte OP-/Interventionsindikation mit klaren Größen- und Verlaufsgrenzen.
Abbildung Algorithmus zur langfristigen antithrombotischen Therapie

Diese Abbildung mit dem Algorithmus zur langfristigen antithrombotischen Therapie bei symptomatischer pAVK ist hilfreich, weil sie die risikoadaptierte Auswahl (Monotherapie mit ASS oder Clopidogrel versus ASA plus niedrig dosiertes Rivaroxaban) direkt in eine praktische Entscheidungshilfe übersetzt (ASS = Acetylsalicylsäure; OAK = orales Antikoagulanz; pAVK = periphere arterielle Verschlusskrankheit). Zu den Gliedmaßen-Hochrisikofaktoren zählen frühere Amputation, chronische Ischämie der Gliedmaßen, frühere Revaskularisierung sowie Hochrisiko-Komorbiditäten (Herzinsuffizienz, Diabetes, Gefäßerkrankungen in zwei oder mehr Gefäßabschnitten) und schließlich eine eGFR < 60 ml/min/1,73 m2.

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Herausforderungen sind vor allem der Leitlinienanspruch vor dem Hintergrund der Versorgungsrealität. Flächendeckende Angebote für (supervidiertes) Gehtraining sind weiterhin rar, ABI-Messungen werden bei Risikopatientinnen und Patienten unzureichend durchgeführt und vergütet, beim Gerinnungsmanagement nach interventionellen Eingriffen bedarf es weiterhin komplexer und nicht unumstrittener Risiko-Nutzen-Abwägungen und bei der kritischen Extremitätenischämie gibt es weiterhin Lücken in der Prozessqualität (z. B. Bildgebung/Angiografie). Mögliche Lösungen bestehen in der Etablierung von strukturiertem bzw. supervidiertem Gehtraining und Etablierung von home-based exercise training (HBET)-Programmen (auch digital/telemedizinisch). Die Betreuung der oftmals komplexen Fälle erfordert Team-Strukturen, wie sie in interdisziplinären Zentren vorgehalten werden.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?

 

Offen bleiben insbesondere evidenzbasierte Antworten zu optimalen antithrombotischen Strategien nach endovaskulärer Revaskularisation, zur Standardisierung der Karotis-Duplexkriterien (Vergleichbarkeit isolierter PSV-Grenzwerte versus multiparametrischer DEGUM-Kriterien) sowie zum Mangel an krankheitsmodifizierenden Therapien bei Aortenaneurysmen außerhalb definierter genetischer Syndrome.

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?

 

Zu erwarten sind stärker integrierte PAAD-Versorgungspfade (Aorta und Peripherie), mehr interdisziplinäre Team-Entscheidungen für komplexe Eingriffe, sowie eine Digitalisierung von Prävention, Training (HBET) und Nachsorge (z. B. strukturierte EVAR-Kontrollen). Gleichzeitig wird die genetische Diagnostik thorakaler Aortenerkrankungen weiter an Bedeutung gewinnen und individualisierte Schwellen/Algorithmen (inkl. Geschlechts-spezifischer Strategien) stärker in den klinischen Alltag rücken.

Weiter zur vorgestellten Publikation:

DGK-Kommentar zu den Leitlinien der ESC (2024) zur Behandlung der peripheren arteriellen und aortalen Erkrankungen 

Literaturnachweis:

Müller, O., Dahm, J., Espinola-Klein, C. et al.
DGK-Kommentar zu den Leitlinien der ESC (2024) zur
Behandlung der peripheren arteriellen und aortalen Erkrankungen
Kardiologie 2025 · 19:366–378
https://doi.org/10.1007/s12181-025-00762-8

Zur Person

Prof. Oliver J. Müller

Prof. Dr. Oliver J. Müller ist Kardiologe und Angiologe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Als Leiter der Klinik für Innere Medizin V mit dem Schwerpunkt Angiologie sowie des interdisziplinären Gefäßzentrums betreut er Patientinnen und Patienten mit peripheren Gefäßerkrankungen und Aortenerkrankungen. Daneben engagiert er sich in translationaler und klinischer Forschung, der Lehre sowie in Leitlinien- und Fortbildungsaktivitäten.
Prof. Oliver Müller

Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

CardioCards behandeln im Wesentlichen Themen der Diagnostik und Akuttherapie für den ambulanten Bereich. Hier werden die essenziellen Informationen von Leitlinien komprimiert und übersichtlich zusammengefasst.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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