Das Takotsubo-Syndrom (TTS) ist eine akut einsetzende Form der Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF), die häufig nach intensiver emotionaler oder physischer Belastung auftritt und vor allem postmenopausale Frauen betrifft.2 Trotz eines oft dramatischen klinischen Erscheinungsbildes mit typischem apikalem Ballooning und basal kompensatorischer Hyperkontraktilität3 bleibt die zugrunde liegende Pathophysiologie unvollständig verstanden – und damit auch gezielte Therapieoptionen begrenzt. Zwar gilt eine überschießende Katecholaminantwort als zentraler Trigger4, doch die nachgeschalteten zellulären Mechanismen, die zur akuten myokardialen Dysfunktion führen, sind bislang nicht ausreichend geklärt. In diesem Kontext rückt das mitochondriale Ca2+ ([Ca2+]m) zunehmend in den Fokus, da Störungen der [Ca2+]m-Homöostase in verschiedenen Herzerkrankungen als entscheidender Determinant für Energieversorgung, Kontraktilität und Zellüberleben identifiziert wurden5. Während erniedrigtes [Ca2+]m zu mechano-energetischer Entkopplung mit ATP-Mangel begünstigt, kann eine Ca2+-Überladung zu mitochondrialer Dysfunktion und Zelltod führen.6,7
Vor diesem Hintergrund adressiert die vorliegende Arbeit, die im Rahmen des Otto-Hess-Stipendiums von Marcell Tóth auf der Jahrestagung der DGK 2026 in Mannheim vorgestellt wurde, eine zentrale klinische Fragestellung: Trägt eine Dysregulation des mitochondrialen Ca2+ wesentlich zur Pathophysiologie des TTS bei – und eröffnet sie damit neue, dringend benötigte therapeutische Angriffspunkte?
Für dieses Projekt wurde ein patientenspezifisches kardiales Stammzell-Modell von TTS-Patientinnen und -Patienten verwendet. Hierbei wurden die aus induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSC) generierten Kardiomyozyten (iPSC-KM) von TTS-Patientinnen und -Patienten mit den iPSC-KM von gesunden Kontrollpatientinnen und -patienten verglichen.8
Zunächst wurde eine Methode etabliert, um [Ca2+]m ratiometrisch mit dem genetisch kodierten Ca2+-Indikator (GECI) ratiometric-Pericam-mt (Pericam) in den generierten iPSC-KM zu messen, der spezifisch im Mitochondrium lokalisiert ist. Die mitochondriale Calciumkonzentration ([Ca2+]m) wurde mittels Pericam in konfokaler Mikroskopie quantifiziert. Um metabolische Konsequenzen dieser [Ca2+]m-Veränderungen zu evaluieren, wurde anschließend das mitochondriale Membranpotential (ΔΨₘ) via TMRM-Färbung gemessen. Abschließend erfolgte eine qPCR-Analyse schlüsselrelevanter [Ca2+]-regulatorischer Gene, um die molekularen Ursachen der beobachteten Dysregulationen zu identifizieren.
In TTS-Zellen war [Ca2+]m signifikant gegenüber der Kontrolle erhöht – sowohl basal (p<0,0001) als auch unter Isoprenalin (100 nM; p<0,0001). Zudem stieg [Ca2+]m in TTS bei β-adrenerger Stimulation signifikant an (p<0,01), was bei Kontrollen ausblieb und eine gesteigerte adrenerge Sensitivität belegt.
Das mitochondriale Membranpotential (ΔΨₘ) war in TTS ebenfalls signifikant erhöht (p<0,0001), was die metabolischen Konsequenzen des [Ca2+]m-Anstiegs unterstreicht.
Die Genexpressionsanalyse zeigt in TTS eine signifikant reduzierte Expression dreier Schlüsselgene der [Ca2+]m-Homöostase: VDAC2 (äußere Membranpore), MICU2 (MCU-Gatekeeper) und TMEM65 (NCLX-Enhancer; jeweils p<0,05). Die Expression von MCU, MICU1, NCLX und Mfn2 zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen TTS und Kontrolle.
Da das TTS vermutlich ein multifaktorielles Krankheitsbild im komplexen Organverband ist und nicht allein durch zellautonome Defekte erklärbar ist, wären für eine bessere physiologische Abbildung künftig gewebebasierte Differenzierungsmodelle mit mehreren Zelltypen sinnvoll. Diese erhöhen zudem die Reife der generierten iPSC-KM, sodass diese dem adulten kardialen Zelltyp näherkommen. Die in dieser Arbeit identifizierten Unterschiede im [Ca2+]m, Membranpotenzial und Expressionsmerkmalen verschiedener mitochondrialer Transporter in TTS-iPSC-KM verglichen mit Kontroll-iPSC-KM sollten also innerhalb der zuvor beschriebenen Modellbeschränkung betrachtet werden. Wir interpretieren diese Befunde als intrinsisch krankheitsassoziierte Unterschiede im Reifungsspektrum der iPSC-KM.
Auch der genetische Hintergrund, das Alter und das Geschlecht der iPSC-KM können die Ergebnisse beeinflussen. Zukünftige Studien mit alters-, familien- und genomeditierten (isogenen) Kontrolllinien könnten die Rolle genetischer Modifikatoren weiter klären.
Unsere Daten deuten darauf hin, dass die reduzierte Expression des MCU-Gatekeepers MICU2 einen erhöhten Ca2+-Influx in die Mitochondrien fördert, während die gleichzeitige Herabregulation des NCLX-Enhancers TMEM65 den Ca2+-Efflux verringert. Diese duale Dysregulation führt zu einem erhöhten [Ca2+]m, das das mitochondriale Membranpotential (ΔΨₘ) erhöht und eine mitochondriale Dysfunktion mit einem Energy-Supply-Demand-Mismatch in TTS induziert. Diese Ergebnisse könnten die zuvor von uns beobachteten Defizite der Kontraktionskraft in 3D-Engineered-Heart-Tissue von TTS-Patientinnen und -Patienten erklären7.
Obwohl TTS-Patientinnen und -Patienten eine In-Hospital-Mortalität aufweisen, die der von Myokardinfarktpatientinnen und -patienten entspricht9, sind die evidenzbasierten Therapieoptionen nach wie vor begrenzt.10,11 Die Erkenntnisse über mitochondriales Ca2+ in TTS sind ein Hoffnungsschimmer, der in der Forschung weiterverfolgt werden sollte und in Zukunft gemäß dem Prinzip from bench to bed als therapeutisches Target auch in der Klinik Anwendung finden könnte.