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Möglicher Treiber des Takotsubo-Syndroms untersucht

DGK-Jahrestagung 2026 | Postervortrag: Mitochondriale Ca2+-Überladung als potenzieller Schlüsselmechanismus im Takotsubo-Syndrom: Erhöhte β-adrenerge Sensitivität und gestörte Ca2+-Regulation treiben eine energetische Dysfunktion voran und eröffnen neue therapeutische Angriffspunkte bei bislang limitierter Behandlungsoptionen. Marcell Tóth (Universität Würzburg) stellte die Studiendaten vor.1

Von:

Prof. Katrin Streckfuß-Bömeke

Universität Würzburg

 

24.04.2026

Bildquelle (Bild oben): m:con / Ben van Skyhawk

Das Takotsubo-Syndrom (TTS) ist eine akut einsetzende Form der Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF), die häufig nach intensiver emotionaler oder physischer Belastung auftritt und vor allem postmenopausale Frauen betrifft.2 Trotz eines oft dramatischen klinischen Erscheinungsbildes mit typischem apikalem Ballooning und basal kompensatorischer Hyperkontraktilität3 bleibt die zugrunde liegende Pathophysiologie unvollständig verstanden – und damit auch gezielte Therapieoptionen begrenzt.  Zwar gilt eine überschießende Katecholaminantwort als zentraler Trigger4, doch die nachgeschalteten zellulären Mechanismen, die zur akuten myokardialen Dysfunktion führen, sind bislang nicht ausreichend geklärt. In diesem Kontext rückt das mitochondriale Ca2+ ([Ca2+]m) zunehmend in den Fokus, da Störungen der [Ca2+]m-Homöostase in verschiedenen Herzerkrankungen als entscheidender Determinant für Energieversorgung, Kontraktilität und Zellüberleben identifiziert wurden5. Während erniedrigtes [Ca2+]m zu mechano-energetischer Entkopplung mit ATP-Mangel begünstigt, kann eine Ca2+-Überladung zu mitochondrialer Dysfunktion und Zelltod führen.6,7

 

Vor diesem Hintergrund adressiert die vorliegende Arbeit, die im Rahmen des Otto-Hess-Stipendiums von Marcell Tóth auf der Jahrestagung der DGK 2026 in Mannheim vorgestellt wurde, eine zentrale klinische Fragestellung: Trägt eine Dysregulation des mitochondrialen Ca2+ wesentlich zur Pathophysiologie des TTS bei – und eröffnet sie damit neue, dringend benötigte therapeutische Angriffspunkte?

Studiendesign

Für dieses Projekt wurde ein patientenspezifisches kardiales Stammzell-Modell von TTS-Patientinnen und -Patienten verwendet. Hierbei wurden die aus induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSC) generierten Kardiomyozyten (iPSC-KM) von TTS-Patientinnen und -Patienten mit den iPSC-KM von gesunden Kontrollpatientinnen und -patienten verglichen.8

 

Zunächst wurde eine Methode etabliert, um [Ca2+]m ratiometrisch mit dem genetisch kodierten Ca2+-Indikator (GECI) ratiometric-Pericam-mt (Pericam) in den generierten iPSC-KM zu messen, der spezifisch im Mitochondrium lokalisiert ist. Die mitochondriale Calciumkonzentration ([Ca2+]m) wurde mittels Pericam in konfokaler Mikroskopie quantifiziert. Um metabolische Konsequenzen dieser [Ca2+]m-Veränderungen zu evaluieren, wurde anschließend das mitochondriale Membranpotential (ΔΨₘ) via TMRM-Färbung gemessen. Abschließend erfolgte eine qPCR-Analyse schlüsselrelevanter [Ca2+]-regulatorischer Gene, um die molekularen Ursachen der beobachteten Dysregulationen zu identifizieren.

Ergebnisse

In TTS-Zellen war [Ca2+]m signifikant gegenüber der Kontrolle erhöht – sowohl basal (p<0,0001) als auch unter Isoprenalin (100 nM; p<0,0001). Zudem stieg [Ca2+]m in TTS bei β-adrenerger Stimulation signifikant an (p<0,01), was bei Kontrollen ausblieb und eine gesteigerte adrenerge Sensitivität belegt.


Das mitochondriale Membranpotential (ΔΨₘ) war in TTS ebenfalls signifikant erhöht (p<0,0001), was die metabolischen Konsequenzen des [Ca2+]m-Anstiegs unterstreicht.


Die Genexpressionsanalyse zeigt in TTS eine signifikant reduzierte Expression dreier Schlüsselgene der [Ca2+]m-Homöostase: VDAC2 (äußere Membranpore), MICU2 (MCU-Gatekeeper) und TMEM65 (NCLX-Enhancer; jeweils p<0,05). Die Expression von MCU, MICU1, NCLX und Mfn2 zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen TTS und Kontrolle.

Limitationen

Da das TTS vermutlich ein multifaktorielles Krankheitsbild im komplexen Organverband ist und nicht allein durch zellautonome Defekte erklärbar ist, wären für eine bessere physiologische Abbildung künftig gewebebasierte Differenzierungsmodelle mit mehreren Zelltypen sinnvoll. Diese erhöhen zudem die Reife der generierten iPSC-KM, sodass diese dem adulten kardialen Zelltyp näherkommen. Die in dieser Arbeit identifizierten Unterschiede im [Ca2+]m, Membranpotenzial und Expressionsmerkmalen verschiedener mitochondrialer Transporter in TTS-iPSC-KM verglichen mit Kontroll-iPSC-KM sollten also innerhalb der zuvor beschriebenen Modellbeschränkung betrachtet werden. Wir interpretieren diese Befunde als intrinsisch krankheitsassoziierte Unterschiede im Reifungsspektrum der iPSC-KM.


Auch der genetische Hintergrund, das Alter und das Geschlecht der iPSC-KM können die Ergebnisse beeinflussen. Zukünftige Studien mit alters-, familien- und genomeditierten (isogenen) Kontrolllinien könnten die Rolle genetischer Modifikatoren weiter klären. 

Fazit

Unsere Daten deuten darauf hin, dass die reduzierte Expression des MCU-Gatekeepers MICU2 einen erhöhten Ca2+-Influx in die Mitochondrien fördert, während die gleichzeitige Herabregulation des NCLX-Enhancers TMEM65 den Ca2+-Efflux verringert. Diese duale Dysregulation führt zu einem erhöhten [Ca2+]m, das das mitochondriale Membranpotential (ΔΨₘ) erhöht und eine mitochondriale Dysfunktion mit einem Energy-Supply-Demand-Mismatch in TTS induziert. Diese Ergebnisse könnten die zuvor von uns beobachteten Defizite der Kontraktionskraft in 3D-Engineered-Heart-Tissue von TTS-Patientinnen und -Patienten erklären7

Ausblick

Obwohl TTS-Patientinnen und -Patienten eine In-Hospital-Mortalität aufweisen, die der von Myokardinfarktpatientinnen und -patienten entspricht9, sind die evidenzbasierten Therapieoptionen nach wie vor begrenzt.10,11 Die Erkenntnisse über mitochondriales Ca2+ in TTS sind ein Hoffnungsschimmer, der in der Forschung weiterverfolgt werden sollte und in Zukunft gemäß dem Prinzip from bench to bed als therapeutisches Target auch in der Klinik Anwendung finden könnte.

Zur Person

Prof. Katrin Streckfuß-Bömeke

Prof. Katrin Streckfuß-Bömeke ist Leiterin des Departments für Molekulare Pharmakologie und Toxikologie am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Würzburg. Ihr Forschungsschwerpunk liegt auf zellulären und organischen Schnittstellen der kardiovaskulären Medizin unter Verwendung patientenspezifischer Stammzellmodelle im Kontext der Präzisionsmedizin.
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Key Facts der Studie

Untersuchung, ob eine Dysregulation des mitochondrialen Ca2+ zur Pathophysiologie des Takotsubo-Syndroms beiträgt und als möglicher therapeutischer Angriffspunkt dienen kann.

TTS-Kardiomyozyten zeigten eine signifikant erhöhte mitochondriale Ca2+-Konzentration – sowohl basal als auch unter β-adrenerger Stimulation – sowie ein erhöhtes mitochondriales Membranpotenzial. Gleichzeitig war die Expression dreier Schlüsselgene der Ca2+-Homöostase signifikant reduziert.

Die Ergebnisse identifizieren die mitochondriale Ca2+-Dysregulation als potenziellen pathophysiologischen Schlüsselmechanismus beim Takotsubo-Syndrom. Daraus könnten sich künftig neue Ansätze für gezielte Therapien ergeben.

Referenzen

  1. Tóth, M. The Role of Mitochondrial Ca2+ in Takotsubo Syndrome Development. Postervortrag, Otto-Hess-Posterpreis-Sitzung. 09.04.2026, Mannheim, DGK-Jahrestagung 2026.
  2. Ghadri, J. R. et al. International Expert Consensus Document on Takotsubo Syndrome (Part I): Clinical Characteristics, Diagnostic Criteria, and Pathophysiology. Eur Heart J 39, 2032-2046 (2018). https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehy076
  3. Templin, C. et al. Clinical Features and Outcomes of Takotsubo (Stress) Cardiomyopathy. N Engl J Med 373, 929-938 (2015). https://doi.org/10.1056/NEJMoa1406761
  4. Wittstein, I. S. et al. Neurohumoral features of myocardial stunning due to sudden emotional stress. N Engl J Med 352, 539-548 (2005). https://doi.org/10.1056/NEJMoa043046
  5. Aksentijevic, D., et al., Mechano-energetic uncoupling in heart failure. Nat Rev Cardiol, 2025. 22(10): p. 773-797.Kohlhaas M, Maack C. Calcium release microdomains and mitochondria. Cardiovasc Res. 2013 May 1;98(2):259-68. doi: 10.1093/cvr/cvt032. Epub 2013 Feb 14. PMID: 23417042.
  6. Distance sr Mito: Pronto, J.R.D., et al., Impaired Atrial Mitochondrial Calcium Handling in Patients With Atrial Fibrillation. Circ Res, 2025. 137(11): p. 1333-1352.
  7. Walkon LL, Strubbe-Rivera JO, Bazil JN. Calcium Overload and Mitochondrial Metabolism. Biomolecules. 2022 Dec 17;12(12):1891. doi: 10.3390/biom12121891. PMID: 36551319; PMCID: PMC9775684.
  8. Borchert T, Hübscher D, Guessoum CI, Lam TD, Ghadri JR, Schellinger IN, Tiburcy M, Liaw NY, Li Y, Haas J, Sossalla S, Huber MA, Cyganek L, Jacobshagen C, Dressel R, Raaz U, Nikolaev VO, Guan K, Thiele H, Meder B, Wollnik B, Zimmermann WH, Lüscher TF, Hasenfuss G, Templin C, Streckfuss-Bömeke K. Catecholamine-Dependent β-Adrenergic Signaling in a Pluripotent Stem Cell Model of Takotsubo Cardiomyopathy. J Am Coll Cardiol. 2017 Aug 22;70(8):975-991. doi: 10.1016/j.jacc.2017.06.061. PMID: 28818208.
  9. Raposeiras-Roubin, S. et al. Beta-Blockers and Long-Term Mortality in Takotsubo Syndrome: Results of the Multicenter GEIST Registry. JACC Heart Fail 13, 815-825 (2025). https://doi.org/10.1016/j.jchf.2024.11.015
  10. Auger N, Paradis G, Healy-Profitós J, He S, Potter BJ. Outcomes of Takotsubo Syndrome at 15 Years: A Matched Cohort Study. Am J Med. 2020 May;133(5):627-634.e4. doi: 10.1016/j.amjmed.2019.09.023. Epub 2019 Oct 24. PMID: 31668900.
  11. Omerovic E, Redfors B. Takotsubo syndrome: pathophysiological insights and innovations in patient care. Nat Rev Cardiol. 2026 Apr;23(4):239-254. doi: 10.1038/s41569-025-01211-5. Epub 2025 Oct 2. PMID: 41039160.

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