Sport mit Smartwatch

Digitale Biomarker interdisziplinär gedacht: Beispiel Vorhofflimmern

Smartwatches und Patches können Vorhofflimmern (VHF) heute zuverlässig auch außerhalb der Klinik erkennen. Doch wie groß ist der klinische Nutzen dieser Technologien tatsächlich? Ein Blick auf die aktuelle Evidenz zum allgemeinen Screening und die neurologische Perspektive zeigt, welchen Stellenwert digitale Biomarker und ein interdisziplinärer Ansatz insbesondere nach Schlaganfall oder TIA haben.

Von:

Dr. Alexander Veltkamp   
Universitätsklinikum Münster

 

Dr. Lars Masanneck
Deutsche Gesellschaft für Digitale Medizin

 

Dr. Konstanze Betz
Rubrikleiterin Digitale Kardiologie

 

29.06.2026

Bildquelle (Bild oben): sutadimages / Shutterstock.com

Digitale Gesundheitstechnologien halten mittels Wearables und anderen Applikationen zunehmend Einzug in klinische Studien, darunter auch in der Neurologie und Kardiologie.1,2 Sie liefern eine wachsende Zahl digitaler Biomarker wie Gang, Tippverhalten und Schlaf bis zu Herzfrequenz und Herzrhythmus. Gerade die Herzfrequenz und der Herzrhythmus sind ein fachübergreifender Biomarker etwa für das Schlaganfallrisiko. Dabei fehlen heute häufig noch konkrete Messungen über die Nützlichkeit in der klinischen Praxis. Ein im Alltag zunehmend relevantes Beispiel ist die Detektion von Vorhofflimmern (VHF), die Smartwatches und Patches inzwischen außerhalb der Klinik übernehmen können. Zwar ist die diagnostische Genauigkeit dieser Technologien gut, der klinische Nutzen aber je nach Kontext sehr unterschiedlich.

Hintergrund

Photoplethysmographie (PPG) und Einkanal-EKG stecken in Smartwatches von Apple, Samsung, Fitbit und Huawei sowie in medizinisch zertifizierten EKG-Patches. Große Validierungsstudien an diesen Geräten zeigten eine gute diagnostische Genauigkeit – in der Apple Heart Study und der Fitbit Heart Study lag der positive prädiktive Wert je nach Gerät zwischen 84 und 98 %.3-5 Diese Werte stammen jedoch aus unselektierten Gruppen und sagen wenig darüber aus, ob eine neu entdeckte VHF-Episode auch eine konsekutive Behandlung rechtfertigt. Zu unterscheiden sind zwei unterschiedliche Umstände: Screening zur Primärprävention in der Allgemeinbevölkerung sowie die Diagnostik nach Schlaganfall oder TIA zur Sekundärprävention.

Screening nach Vorhofflimmern in der Allgemeinbevölkerung: Detektion und Endpunkte

Die Apple Heart Study und die Huawei Heart Study zeigten mit ihren Wearables, dass sich VHF mit PPG-Algorithmen in großen Bevölkerungsgruppen aufspüren lässt.3,5 Entscheidend ist der Blick auf harte Endpunkte, und der ist ernüchternd: Die LOOP-Studie untersuchte dies nicht in der Allgemeinbevölkerung, sondern gezielt bei 70- bis 90-Jährigen mit mindestens einem Schlaganfall-Risikofaktor – und nutzte mit dem implantierbaren Loop-Recorder die lückenloseste verfügbare Daueraufzeichnung. Selbst unter diesen optimalen Detektionsbedingungen verdreifachte sich zwar die VHF-Detektion, Schlaganfälle und systemische Embolien wurden aber nicht gesenkt.6

 

Etwas günstiger fiel die große STROKE-STOP-Studie aus: Bei knapp 28.800 älteren Personen brachte ein 14-tägiges EKG-Screening einen kleinen, gerade noch signifikanten Vorteil beim kombinierten Endpunkt aus Schlaganfall, Embolie, Blutung und Tod.7 Unterm Strich gilt aber: Die Annahme, jede entdeckte VHF-Episode rechtfertige automatisch eine orale Antikoagulation (Blutgerinnungshemmung), ist durch Studiendaten aktuell nicht hinreichend gedeckt.


Hinzu kommt eine zusätzliche Versorgungslast: falsch-positive Befunde, Vorstellungen in der Notaufnahme mit Smartwatch-Screenshots, doppelte Holter-Untersuchungen und verunsicherte, eigentlich gesunde Personen. Ohne definierten Abklärungspfad können Wearables eher zur Triage- und Ressourcenbelastung als zum Präventionsinstrument werden.

Detektion von Vorhofflimmern als Sekundärprävention nach Schlaganfall und TIA

Nach einem ungeklärten Schlaganfall ist die Ausgangslage anders. Aus neurologischer Sicht ist die VHF-Suche hier kein Screening, sondern Ätiologieabklärung: Bis zu einem Viertel der ischämischen Schlaganfälle bleibt nach Standarddiagnostik kryptogen, und ein relevanter Teil davon geht wahrscheinlich auf okkultes paroxysmales VHF zurück mit möglicherweise therapeutischer Konsequenz für die Sekundärprävention. Die Wahrscheinlichkeit für ein paroxysmales (anfallsartiges) VHF ist entsprechend höher, und der Nutzen einer oralen Gerinnungshemmung bei gesichertem VHF ist gut belegt. CRYSTAL-AF und  EMBRACE zeigten, dass eine längere Rhythmusüberwachung per implantierbarem Loop-Recorder oder EKG-Event-Recorder bei kryptogenem Schlaganfall deutlich mehr VHF aufdeckt als das herkömmliche 24-Stunden-EKG, in EMBRACE etwa 16,1 % gegenüber 3,2 % (number needed to screen: 8).8,9 STROKE-AF erweiterte dies auf Patientinnen und Patienten mit Groß- oder Kleingefäß-attribuierten Schlaganfällen und detektierte auch hier mit dem implantierten Loop-Recorder deutlich mehr VHF (12,1 % vs. 1,8 % nach 12 Monaten) als die übliche Versorgung.10


Smartwatches spielen in der ätiologischen Abklärung von Schlaganfällen zur Optimierung der Sekundärprävention bislang eine kleine Rolle. Ihr Vorteil: Eine längere kontinuierliche Aufzeichnung und damit das Erkennen seltener Episoden ist mit einem Wearable leichter zu erreichen als mit Patch oder Event-Recorder. Ob das genügt, ist offen.

Detektion ist nicht gleich Indikation

Eine entdeckte VHF-Episode ist nicht automatisch ein Behandlungsgrund. Bei subklinischem VHF, das nur von implantierten Monitoren erfasst wurde, senkte der Gerinnungshemmer Apixaban in der ARTESiA-Studie zwar Schlaganfälle und Embolien, erhöhte aber das Blutungsrisiko.11 Die NOAH-AFNET-6-Studie mit Edoxaban als Intervention fand keinen eindeutigen Nutzen und wurde wegen Sicherheitsbedenken vorzeitig beendet, wobei die Schlaganfallrate ohne Antikoagulation niedriger ausfiel als erwartet, was die Bewertung erschwert.12 Eine gepoolte Subanalyse beider Studien, die gezielt die Subgruppe mit vorangegangenem Schlaganfall oder TIA betrachtet, bringt das Bild auf den Punkt: Bei Personen mit vorangegangenem Schlaganfall oder TIA senkte Apixaban Schlaganfall und Embolie über 3,5 Jahre um 7 % absolut – gegenüber nur 1 % bei Personen ohne Vorereignis, bei einem absoluten Anstieg schwerer Blutungen von 3 % beziehungsweise 1 %.13 Ob sich eine Behandlung lohnt, hängt stark vom individuellen Risiko ab. Eine kurze, von der Smartwatch erfasste Episode bei einer 55-jährigen, sonst gesunden Person ist eben etwas ganz anderes als früh nach Schlaganfall detektiertes VHF bei einer 78-jährigen Person.14


Praktisch heißt das: Ein Smartwatch-Befund ist Anlass für eine geordnete Abklärung, aber noch keine Diagnose. Bestätigung per 12-Kanal-EKG, eine Einschätzung des individuellen Risikos und eine sorgfältige Therapieentscheidung bleiben unverzichtbar.

Wohin sich die Evidenz entwickeln muss

Für die nächsten Jahre sind vor allem drei Punkte wichtig. Erstens, braucht es Studien, die nicht die bloße Detektion, sondern den tatsächlichen klinischen Nutzen für die Betroffenen messen, besonders bei Patientinnen und Patienten mit ungeklärtem Schlaganfall. Zweitens, muss klarer werden, ab welcher Last (z. B. Episodendauer und Häufigkeit) von VHF eine Gerinnungshemmung wirklich mehr nutzt als schadet. Die heutigen Schwellen beruhen weitgehend auf Expertenempfehlungen.15 Hier will das 2026 gestartete internationale Konsortium AF-B-STEP belastbare Zahlen zu VHF-Burden („VHF-Last“) liefern. Drittens, braucht die klinische Versorgung klare Wege, die Smartwatch-Befunde gezielt zu nutzen, statt sie ungeordnet in Notaufnahmen und Hausarztpraxen landen zu lassen. Einen praktischen Rahmen dafür hat die europäische Fachgesellschaft EHRA bereits 2022 vorgelegt – umgesetzt ist er bislang aber nur teilweise.16

Fazit

Wearable-Befunde allein ersetzen keine ärztliche Beurteilung. Derzeit sind sie ein Werkzeug zur Vorauswahl, um selektierte Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Risiko genauer zu untersuchen. In dieser Rolle haben sie großes Potenzial, das aber nur dann zum Tragen kommt, wenn aus dem Befund eine fundierte Behandlungsentscheidung wird. Eine Schlüsselrolle dürfte der laufenden deutschen Find-AF-2-Studie zukommen: Sie schließt 5.200 Personen ab 60 Jahren nach einem Schlaganfall in 52 Stroke Units ein.17 Anders als frühere Studien misst sie nicht nur, wie viel VHF entdeckt wird, sondern ob sich dadurch erneute Schlaganfälle und Embolien verhindern lassen. Die Intensität der Überwachung wird an das individuelle Risiko angepasst. Damit zielt sie genau auf die Frage, die bislang offen ist: Wann bringt die Detektion von VHF durch intensiviertes Monitoring wie Wearables einen Zusatznutzen?


In der Zusammenschau ist Wearable-basierte VHF-Erkennung ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie Technologie die Versorgungspfade verändern kann – es aber klinisch rigorose Evidenz ebenso braucht wie interdisziplinäre Abstimmung sowie klare regulatorische wie auch erstattungsrechtliche Vorgaben, um Technologie als effizientes und die Versorgung verbesserndes Instrument einzusetzen.

Zur Person

Dr. Alexander Veltkamp

Dr. Alexander Veltkamp ist Assistenzarzt in der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Münster unter Leitung von Prof. Sven Meuth und verfolgt eine klinisch-wissenschaftliche Laufbahn im Bereich der Schlaganfallforschung und Digitalen Medizin mit bisherigem Fokus auf der VHF-Detektion nach Schlaganfall oder TIA sowie Breakthrough Strokes.

Dr. Alexander Veltkamp

Zur Person

Dr. Lars Masanneck

Dr. Lars Masanneck ist Clinican Scientist in der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Düsseldorf und co-leitet die standortübergreifende Arbeitsgruppe Digitale Translation in der Neurologie. Seine Forschung konzentriert sich auf Digitale Biomarker sowie die Anwendung digitaler Technologien in der Medizin. Seit 2023 ist er 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM e.V.).

Dr. Lars Masanneck

Zur Person

Dr. Konstanze Betz

Dr. Konstanze Betz ist als Assistenzärztin an der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Uniklinikum Heidelberg sowie als PhD-Studentin am Cardiovascular Research Institute Maastricht tätig. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt in der digitalen Versorgung bei Vorhofflimmern. Darüber hinaus ist sie Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM e.V.).

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Take-aways

  • Validierte Wearables können Vorhofflimmern (VHF) zuverlässig erkennen.
  • Die VHF-Detektion allein führt jedoch nicht automatisch zu einem klinischen Nutzen.
  • Für die Allgemeinbevölkerung ist der Nutzen eines Screenings bislang nur sehr begrenzt belegt.
  • Nach Schlaganfall oder transienter ischämischer Attacke (TIA) könnten Smartwatches potenziell bei der ätiologischen Abklärung helfen und okkultes paroxysmales VHF erkennen. Ihr Stellenwert ist bislang begrenzt.
  • Inwiefern neu entdeckte VHF-Episoden eine orale Antikoagulation erfordern, ist anhand des individuellen Risikos abzuwägen.
  • Künftige Studien müssen zeigen, ab welcher VHF-Last eine Gerinnungshemmung mehr nutzt als schadet; bisherige Schwellenwerte beruhen weitgehend auf Expertenempfehlungen.
  • Neben der klinischen Evidenz braucht es klare Versorgungspfade, damit aus Smartwatch-Befunden fundierte Behandlungsentscheidungen werden.

Referenzen

  1. Marra C, Chen JL, Coravos A, Stern AD. Quantifying the use of connected digital products in clinical research. NPJ Digit Med. 2020;3:50. doi:10.1038/s41746-020-0259-x

  2. Masanneck L, Gieseler P, Gordon WJ, Meuth SG, Stern AD. Evidence from ClinicalTrials.gov on the growth of Digital Health Technologies in neurology trials. NPJ Digit Med. Feb 10 2023;6(1):23. doi:10.1038/s41746-023-00767-1

  3. Guo Y, Wang H, Zhang H, et al. Mobile Photoplethysmographic Technology to Detect Atrial Fibrillation. JACC. 2019;74(19):2365-2375. doi:doi:10.1016/j.jacc.2019.08.019

  4. Lubitz SA, Faranesh AZ, Selvaggi C, et al. Detection of Atrial Fibrillation in a Large Population Using Wearable Devices: The Fitbit Heart Study. Circulation. Nov 8 2022;146(19):1415-1424. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.122.060291

  5. Perez MV, Mahaffey KW, Hedlin H, et al. Large-Scale Assessment of a Smartwatch to Identify Atrial Fibrillation. N Engl J Med. Nov 14 2019;381(20):1909-1917. doi:10.1056/NEJMoa1901183

  6. Svendsen JH, Diederichsen SZ, Højberg S, et al. Implantable loop recorder detection of atrial fibrillation to prevent stroke (The LOOP Study): a randomised controlled trial. Lancet. Oct 23 2021;398(10310):1507-1516. doi:10.1016/s0140-6736(21)01698-6

  7. Svennberg E, Friberg L, Frykman V, Al-Khalili F, Engdahl J, Rosenqvist M. Clinical outcomes in systematic screening for atrial fibrillation (STROKESTOP): a multicentre, parallel group, unmasked, randomised controlled trial. The Lancet. 2021;398(10310):1498-1506. doi:10.1016/S0140-6736(21)01637-8

  8. Gladstone DJ, Spring M, Dorian P, et al. Atrial fibrillation in patients with cryptogenic stroke. N Engl J Med. Jun 26 2014;370(26):2467-77. doi:10.1056/NEJMoa1311376

  9. Sanna T, Diener HC, Passman RS, et al. Cryptogenic stroke and underlying atrial fibrillation. N Engl J Med. Jun 26 2014;370(26):2478-86. doi:10.1056/NEJMoa1313600

  10. Bernstein RA, Kamel H, Granger CB, et al. Effect of Long-term Continuous Cardiac Monitoring vs Usual Care on Detection of Atrial Fibrillation in Patients With Stroke Attributed to Large- or Small-Vessel Disease: The STROKE-AF Randomized Clinical Trial. Jama. Jun 1 2021;325(21):2169-2177. doi:10.1001/jama.2021.6470

  11. Healey JS, Lopes RD, Granger CB, et al. Apixaban for Stroke Prevention in Subclinical Atrial Fibrillation. N Engl J Med. Jan 11 2024;390(2):107-117. doi:10.1056/NEJMoa2310234

  12. Diener HC, Becher N, Sehner S, et al. Anticoagulation in Patients With Device-Detected Atrial Fibrillation With and Without a Prior Stroke or Transient Ischemic Attack: The NOAH-AFNET 6 Trial. J Am Heart Assoc. Sep 3 2024;13(17):e036429. doi:10.1161/jaha.124.036429

  13. Shoamanesh A, Field TS, Coutts SB, et al. Apixaban versus aspirin for stroke prevention in people with subclinical atrial fibrillation and a history of stroke or transient ischaemic attack: subgroup analysis of the ARTESiA randomised controlled trial. Lancet Neurol. Feb 2025;24(2):140-151. doi:10.1016/s1474-4422(24)00475-7

  14. Sposato LA, Field TS, Schnabel RB, Wachter R, Andrade JG, Hill MD. Towards a new classification of atrial fibrillation detected after a stroke or a transient ischaemic attack. Lancet Neurol. Jan 2024;23(1):110-122. doi:10.1016/s1474-4422(23)00326-5

  15. Van Gelder IC, Rienstra M, Bunting KV, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J. Sep 29 2024;45(36):3314-3414. doi:10.1093/eurheartj/ehae176

  16. Svennberg E, Tjong F, Goette A, et al. How to use digital devices to detect and manage arrhythmias: an EHRA practical guide. Europace. Jul 15 2022;24(6):979-1005. doi:10.1093/europace/euac038

  17. Uhe T, Wasser K, Weber-Kruger M, et al. Intensive heart rhythm monitoring to decrease ischemic stroke and systemic embolism-the Find-AF 2 study-rationale and design. Am Heart J. Nov 2023;265:66-76. doi:10.1016/j.ahj.2023.06.016

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