Eine aktuelle Kohortenstudie aus Wien untersuchte 321 Patientinnen und Patienten mit HCM, die zwischen 2018 und 2024 in einem spezialisierten tertiären Zentrum evaluiert wurden.3 37 % der Kohorte waren Frauen. Bereits dieser Anteil wirft Fragen auf, vor allem angesichts der genetischen Gleichverteilung.
Später erkannt – obwohl stärker symptomatisch
Ein zentrales Ergebnis der Studie war, dass Frauen bei Diagnosestellung im Median neun Jahre älter waren als Männer (62 vs. 53 Jahre). Dieses Altersgefälle deckt sich mit früheren großen Registeranalysen, die eine Verzögerung von 6–13 Jahren beschrieben haben.4 Noch bedeutsamer ist allerdings, in welchem Zustand sie sich präsentierten. 80 % der Frauen befanden sich bei Erstvorstellung in einer NYHA-Klasse ≥ II, verglichen mit 49 % der Männer. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit im 6-Minuten-Gehtest war signifikant schlechter. Parallel dazu waren die NT-proBNP-Werte als Marker für erhöhte kardiale Wandspannung und Herzinsuffizienz deutlich stärker erhöht (760 vs. 338 pg/l). Diese Daten zeigen somit klar: Frauen kommen nicht nur später zur Diagnose, sondern auch mit einer erheblich höheren Symptomlast, was auch frühere Studien schon belegen konnten.2,5
Mehr diastolische Dysfunktion als Hypertrophie: Das weibliche HCM-Profil
Besonders auffällig war das echokardiographische Profil der Frauen. Sie wiesen deutlich höhere E/E′-Werte (18 vs. 10) auf, größere linksatriale Volumina und gleichzeitig eine höhere linksventrikuläre Ejektionsfraktion. Dieses Muster entspricht einem Phänotyp, der stark an eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) erinnert – eine Erkrankung, die klassischerweise eher ältere Frauen betrifft.
Die Kombination aus diastolischer Dysfunktion, erhöhter Wandspannung, relativ kleinen Ventrikeldimensionen und erhaltener systolischer Funktion deutet darauf hin, dass HCM bei Frauen häufig nicht primär als hypertrophe Erkrankung wahrgenommen wird, sondern klinisch primär wie eine „diastolische Herzinsuffizienz“ erscheint. Hinzu kommt, dass 55 % der Frauen eine obstruktive Form der HCM aufwiesen, also deutlich häufiger als Männer (32). Diese dynamische Obstruktion des Ausflusstraktes kann Dyspnoe, Belastungsintoleranz und Synkopen verstärken.
Was bedeuten diese Ergebnisse für Frauen?
Für Frauen hat diese Studie multiple weitreichende Implikationen.
- Belastungsdyspnoe, reduzierte Leistungsfähigkeit oder unspezifische Herzinsuffizienzsymptome sollten ernst genommen werden – auch wenn die systolische Pumpfunktion normal erscheint. Eine „gute“ Ejektionsfraktion schließt eine relevante Herzerkrankung nicht aus.
- Hypertrophie-Grenzwerte könnten bei Frauen differenziert betrachtet werden müssen. Da Frauen im Durchschnitt eine kleinere Körperoberfläche haben, kann eine absolute Septumdicke unterschätzt werden, wenn sie nicht indexiert wird.
- Eine frühzeitige Diagnosestellung könnte die therapeutischen Optionen verbessern, insbesondere bei obstruktiver HCM, für die medikamentöse oder interventionelle Therapien zur Verfügung stehen.
Zwischen Biologie und Versorgungsrealität
Warum Frauen später diagnostiziert werden, lässt sich anhand dieser Studie nicht endgültig klären. Mögliche Erklärungen reichen von hormonellen Einflüssen – etwa protektiven Effekten von Östrogen in der Prämenopause6,7 – bis hin zu strukturellen Faktoren in der Gesundheitsversorgung. Bemerkenswert ist, dass der Häufigkeitsgipfel bei Frauen in der Wiener Kohorte nach dem 60. Lebensjahr lag, also nach der Menopause. Dies könnte auf hormonelle Modulationen der Krankheitsprogression hinweisen, was jedoch spekulativ bleibt. Relativ plausibel ist eine diagnostische Verzögerung zu erklären. Symptome wie Müdigkeit oder Dyspnoe werden bei Frauen möglicherweise häufiger anderen Ursachen zugeschrieben. Systematische Reviews belegen, dass die höhere Mortalität bei Frauen vor allem durch Herzinsuffizienz-assoziierte Ereignisse und nicht primär durch plötzlichen Herztod bedingt ist.4
Präzisionsmedizin heißt auch geschlechtsspezifische Medizin
Diese Studie verdeutlicht, dass HCM bei Frauen kein „milderes“ Krankheitsbild ist. Im Gegenteil: Sie manifestiert sich oft später, ist symptomatischer und weist eine ausgeprägtere diastolische Dysfunktion auf.
Die Ergebnisse der Studie heben mehrere wichtige Punkte hervor, die für Frauen relevant sind:
- Eine normale linksventrikuläre Ejektionsfraktion schließt eine relevante strukturelle Herzerkrankung nicht aus.
- Dyspnoe und Leistungsminderung bei Frauen verdienen eine strukturierte kardiologische Abklärung.
- Absolute Hypertrophie-Grenzwerte könnten bei Frauen zur Unterschätzung führen, wenn sie nicht indexiert werden.
- Eine Herzinsuffizienz bei Frauen ist häufig diastolisch geprägt - auch im Kontext genetischer Kardiomyopathien.
Fazit
Geschlechtsspezifische Unterschiede sind kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil moderner, personalisierter Medizin. Die Wiener Kohortenanalyse von Mann C. et al liefert dafür aktuelle, klare und klinisch relevante Evidenz.
Zur Autorin
Dr. Nina C. Wunderlich
Dr. Nina C. Wunderlich ist eine international anerkannte Expertin auf dem Gebiet der interventionellen Bildgebung. Ihr Schwerpunkt liegt auf der echokardiographischen Begleitung und Bildgebung bei Kathetereingriffen am Herz. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema veröffentlicht und gilt als renommierte Referentin und Meinungsführerin in diesem Bereich.
Take-aways
- Frauen mit HCM werden später diagnostiziert und präsentieren sich symptomatischer. Das Zeitfenster für eine frühe Intervention wird dadurch häufig verpasst.
- Das weibliche HCM-Profil ist diastolisch geprägt. Die Erkrankung zeigt häufig einen HFpEF-ähnlichen Phänotyp mit erhaltener linksventrikulärer EF, aber ausgeprägter Symptomatik.
- Obstruktive Formen sind bei Frauen häufiger. Eine aktive Suche nach LVOT-Gradienten ist essenziell.
- Geschlechtsspezifische Unterschiede sind klinisch relevant – nicht nur biologisch interessant. Sie beeinflussen Diagnostik, Risikostratifizierung und Therapieentscheidungen.
Referenzen
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Arbelo E et al. 2023 ESC Guidelines for the management of cardiomyopathies. European heart journal. 2023;44(37):3503-626.
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Geske JB et al. Women with hypertrophic cardiomyopathy have worse survival. European heart journal. 2017;38(46):3434-40.
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Mann C et al. Sex-Specific Differences in Patients with Hypertrophic Cardiomyopathy: A Cohort Study from Vienna. Journal of personalized medicine. 2026;16(1).
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Zhao H et al. Is There a Sex Difference in the Prognosis of Hypertrophic Cardiomyopathy? A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of the American Heart Association. 2023;12(11):e026270.
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Rowin EJ et al. Impact of Sex on Clinical Course and Survival in the Contemporary Treatment Era for Hypertrophic Cardiomyopathy. Journal of the American Heart Association. 2019;8(21):e012041.
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Lind JM et al. Sex hormone receptor gene variation associated with phenotype in male hypertrophic cardiomyopathy patients. Journal of molecular and cellular cardiology. 2008;45(2):217-22.
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Figtree GA et al. Novel estrogen receptor alpha promoter polymorphism increases ventricular hypertrophic response to hypertension. The Journal of steroid biochemistry and molecular biology. 2007;103(2):110-8.
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