Abstrakte Lichter auf Straße

Perspektivwechsel mit Gewinn: Von der Kardiologie in die Hausarzttätigkeit

In der Beitragsreihe „Horizonte“ berichten Kardiologinnen und Kardiologen über neue Schritte in ihrer Karriere – sei es ein Wechsel der Klinik, des Fachgebiets oder der Weg in die Niederlassung. Dabei teilen sie auch Erfahrungen, die über den Tellerrand der Kardiologie hinausgehen.

 

In dieser Ausgabe: PD Dr. Jochen Dutzmann – vom kardiologischen Oberarzt an der Universitätsklinik Halle zur hausärztlichen Tätigkeit in Hannover.

Von:

Dr. Hannah Billig 

Rubrikleiterin Cardio Insights

 

27.02.2026

Bildquelle (Bild oben): JoeyCheung / Shutterstock.com

Beweggründe für den Wechsel

HERZMEDIZIN: Lieber Jochen, Dich hat es 2024 aus Deiner Position als Oberarzt Kardiologie der Uniklinik Halle in eine Hausarztpraxis nach Hannover gezogen. Was waren Deine Gründe für diesen Schritt?


Dutzmann: Ich bin ein Mensch, der gern plant und meist recht genau weiß, wo er sich in zehn Jahren sieht. Entsprechend schien meine universitäre Laufbahn lange klar vorgezeichnet – eine ambulante Tätigkeit wäre für mich noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Wie so oft im Leben kam es dann anders. Ich habe zwei Töchter, die in Hannover bei ihrer Mutter leben und die bislang an jedem zweiten Wochenende zu mir nach Halle gependelt sind. Mit inzwischen neun und elf Jahren werden beide zunehmend eigenständig; die gemeinsame Zeit mit mir konkurrierte immer häufiger mit Geburtstagen, Verabredungen und eigenen Plänen. Es braucht keinen großen Scharfsinn, um zu erkennen, dass die Distanz zwischen Halle und Hannover den Kontakt in der beginnenden Pubertät weiter erschwert hätte. Ein Wechsel zurück nach Hannover erschien mir daher zunehmend unausweichlich.


Hinzu kam, dass ich 2023 selbst schwer erkrankt bin. In der Folge habe ich mich bewusst entschieden, künftig Tätigkeiten im Strahlenbereich – und damit die interventionelle Kardiologie – nicht mehr auszuüben. Die existenzielle Erfahrung der schweren Erkrankung hat bei mir daneben grundlegende Fragen aufgeworfen: Was ist mir wirklich wichtig? Wie möchte ich meine Zeit verbringen? Um flexibler Zeit mit meinen Töchtern und meiner Partnerin verbringen zu können, habe ich mich letztlich entschieden, den wenig planbaren Arbeitszeiten und Dienstverpflichtungen der Klinik den Rücken zu kehren und den Schritt in die ambulante Medizin zu wagen.

Zur Person

PD Dr. Jochen Dutzmann

Nach oberärztlicher Tätigkeit in der internistischen Intensivmedizin und interventionellen Kardiologie an der Universitätsmedizin Halle ist PD Dr. Jochen Dutzmann heute niedergelassen tätig und engagiert sich in der Projektgruppe Ethik der DGK. Seine Schwerpunkte sind Shared Decision-Making, Palliative Care und ethische Entscheidungsprozesse in der Kardiologie.

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HERZMEDIZIN: Wie schwer ist Dir die Entscheidung nach vielen Jahren an der Uniklinik gefallen?


Dutzmann: Erstaunlicherweise ist mir dieser Schritt sehr leichtgefallen. Anfangs hatte ich Sorge, die Akutmedizin zu vermissen – rückblickend war diese Sorge unbegründet. Der Kardiologie bin ich im Übrigen selbstverständlich treu geblieben und biete entsprechende Leistungen weiterhin privatärztlich in meiner Praxis an.

Erfahrungen im neuen Alltag

HERZMEDIZIN: Ist die Arbeit als Hausarzt so wie Du sie Dir vorgestellt hast? Was gefällt Dir daran besonders?


Dutzmann: Zwei Aspekte meiner hausärztlichen Tätigkeit empfinde ich als besonders bereichernd: Zum einen entsteht durch die kontinuierliche, oft jahrelange Begleitung meiner Patientinnen und Patienten ein großes gegenseitiges Vertrauen. Es fällt deutlich leichter, individuelle Therapieziele gemeinsam zu entwickeln und wirklich zu verstehen, was Menschen wichtig ist. Diese Perspektive ist ungemein lehrreich. Erstaunlich selten steht etwa die Reduktion von Mortalität im Zentrum der persönlichen Zielsetzungen – ein Maßstab, an dem wir in der klinischen Kardiologie Therapien nahezu reflexhaft messen. Rückblickend habe ich einen Großteil meiner klinischen Zeit in einem universitären Elfenbeinturm verbracht. Ich wünschte, ich hätte früher mehr über das „wahre Leben“ meiner Patientinnen und Patienten gewusst und Medizin entsprechend individueller gestalten können. Hinzu kommt die enorme inhaltliche Vielfalt der hausärztlichen Tätigkeit, die ich als ausgesprochen bereichernd erlebe.


Zum anderen schätze ich die Freiberuflichkeit sehr. Ich muss mich nicht mehr starren Verwaltungsstrukturen oder ökonomischen Zwängen unterordnen, sondern kann Medizin so ausüben, wie ich sie für richtig halte – mit einem klaren Fokus auf die Patientinnen und Patienten. Das empfinde ich als äußerst befriedigend. Nicht zuletzt erfährt die primärärztliche Medizin aktuell einen deutlichen politischen Rückenwind, was die Arbeit an vielen Stellen zusätzlich erleichtert.

 

HERZMEDIZIN: Zusätzlich hast Du noch eine 20-%-Stelle an der Uniklinik Halle. Was sind Deine Aufgaben dort und wieso bist Du nicht komplett gewechselt?


Dutzmann: Der akademische Dreiklang aus Forschung, Lehre und Krankenversorgung hat mich stets gereizt. Mein ehemaliger Chef und Freund Daniel Sedding hat mir angeboten, meine Begeisterung für Forschung und Lehre in Form dieser Rest-Affiliation weiterzuleben. Die sehr gut planbare Tätigkeit in der ambulanten Medizin macht dies in diesem Umfang problemlos möglich. Ein Großteil der Arbeit lässt sich zudem von Hannover aus, auch im Homeoffice, erledigen.

 

HERZMEDIZIN: Wie kannst Du die Erfahrungen, die Du im Rahmen Deiner hausärztlichen Tätigkeit sammelst, in die kardiologische Fachgesellschaft transportieren und wie können wir voneinander lernen?


Dutzmann: Meine hausärztliche Tätigkeit hat meinen Blick auf kardiologische Leitlinien, Therapieziele und Versorgungsprozesse deutlich geschärft – und genau diese Perspektive möchte ich in die Fachgesellschaft zurücktragen. In der Hausarztpraxis begegnen mir kardiologische Erkrankungen fast nie isoliert. Sie sind eingebettet in individuelle Lebensgeschichten, Multimorbidität und sehr konkrete Alltagsrealitäten. Polypharmazie, funktionelle Einschränkungen, psychosoziale Belastungen oder begrenzte Ressourcen prägen Therapieentscheidungen häufig stärker als einzelne Risikoparameter. Leitlinien treffen hier nicht selten auf Grenzen, die weniger medizinisch als lebenspraktisch sind. Besonders sichtbar wird dabei, wie sich Therapiezieländerungen entwickeln: weg von maximaler Prognoseoptimierung hin zu Symptomkontrolle, Erhalt von Autonomie und Lebensqualität. Diese Entscheidungen entstehen nicht abstrakt, sondern im kontinuierlichen Gespräch – oft über Jahre – und unter Berücksichtigung dessen, was Patientinnen und Patienten in ihrer jeweiligen Lebensphase tatsächlich umsetzen können.


Ein weiterer zentraler Lernpunkt betrifft die Therapieadhärenz. In der Primärversorgung wird rasch deutlich, warum gut begründete Therapiekonzepte im Alltag scheitern: komplexe Medikationspläne, Nebenwirkungen, widersprüchliche ärztliche Botschaften oder schlichte Überforderung. Diese Erfahrungen sind aus meiner Sicht essenziell, um Empfehlungen praxistauglicher und patientenzentrierter zu formulieren. Mein Beitrag in der DGK kann daher darin liegen, diese Versorgungsrealität systematisch sichtbar zu machen und als Brücke zwischen spezialistischer Exzellenz und hausärztlichem Alltag zu wirken. Umgekehrt profitieren wir in der Primärversorgung sehr von klaren, gut begründeten kardiologischen Konzepten – vorausgesetzt, sie lassen Raum für individuelle Anpassung. Dieses wechselseitige Lernen halte ich für zentral, wenn wir kardiovaskuläre Prävention und Therapie nachhaltig weiterentwickeln wollen.

Praktische Gestaltung des Wechsels und Zwischenfazit

HERZMEDIZIN: Wie haben Kollegen und Chef auf Deinen Wechsel reagiert? Und Kollegen aus der Fachgesellschaft?

 

Dutzmann: Durchweg mit einer Mischung aus Verständnis und Bedauern.

 

HERZMEDIZIN: Wie hast Du den Wechsel praktisch gestaltet? Wie hast Du die richtige Praxis gefunden? Wie gelingt der Schritt in die Selbstständigkeit?


Dutzmann: Am Anfang stand die Idee einer Niederlassung – begleitet von vielen Zweifeln und großem Respekt vor dem Schritt aus der Oberarztfunktion einer Uniklinik „an die Front“. Zunächst habe ich das Gespräch mit Weggefährten gesucht, die diesen Schritt bereits gegangen waren, teilweise ebenfalls in die hausärztliche Versorgung. Das Feedback war überwältigend positiv, die Begeisterung bei allen spürbar und ungebrochen. Das hat mich tief beeindruckt und ermutigt. Über die Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung habe ich anschließend mehrere Inserate beantwortet und mir verschiedene Praxen in Hannover angesehen. Bei meiner jetzigen Praxis hatte ich sofort das Gefühl: Das ist es – genau das will ich machen. Diese Bauchentscheidung habe ich anschließend durch mehrere Hospitationswochen sowie durch einen sehr kritischen Blick meiner Finanzberaterin auf die wirtschaftlichen Kennzahlen abgesichert. Sie hat mich schließlich auch bei allen weiteren Schritten in die Selbstständigkeit begleitet, insbesondere im Umgang mit der Kassenärztlichen Vereinigung und der Bank.

 

HERZMEDIZIN: Was fehlt Dir am meisten an der Arbeit in der Uniklinik und was fehlt Dir gar nicht?


Dutzmann: Was mir tatsächlich etwas fehlt, ist der enge Austausch mit – insbesondere jüngeren – Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig arbeite ich nun in einer Praxisgemeinschaft mit drei Kolleginnen, mit denen ein regelmäßiger fachlicher Austausch möglich ist und von denen ich ebenfalls viel lerne. Insofern relativiert sich auch dieser Verlust.

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