Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Die Publikation entstand vor dem Hintergrund zunehmender Evidenz, dass ischämische Symptome und Angina pectoris häufig auf Störungen der koronaren Mikrozirkulation und/oder auf Koronarspasmen zurückzuführen sind, auch in Abwesenheit signifikanter epikardialer Koronarstenosen. Gleichzeitig besteht in der klinischen Praxis eine erhebliche Heterogenität hinsichtlich Indikation, Methodik und Interpretation der verfügbaren diagnostischen Verfahren, was zu Unterdiagnostik und inkonsistenter Patientenversorgung führt. Ziel der Publikation ist es daher, evidenzbasierte und konsentierte Empfehlungen zur systematischen Untersuchung der koronaren mikrovaskulären Funktion und des Koronarspasmus bereitzustellen, diagnostische Standards zu definieren, eine einheitliche Terminologie zu fördern und dadurch sowohl die klinische Diagnosesicherheit als auch die Vergleichbarkeit wissenschaftlicher Studien zu verbessern.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
- Koronare mikrovaskuläre Dysfunktion und Koronarspasmus häufige und klinisch relevante Ursachen myokardialer Ischämie darstellen und auch ohne relevante epikardiale Koronarstenosen vorliegen können.
- Eine gezielte, strukturierte Diagnostik ist notwendig, da diese Krankheitsbilder mit einer beeinträchtigten Prognose und Lebensqualität assoziiert sind, aber mit konventioneller Koronarangiographie allein nicht erfasst werden
- Invasive Verfahren zur Beurteilung der koronaren Mikrozirkulation und der vasomotorischen Funktion sollten standardisiert angewendet und indikationsgerecht eingesetzt werden. Die Etablierung klarer diagnostischer Kriterien und eines konsentierten Untersuchungsalgorithmus ermöglicht eine präzisere Phänotypisierung, bildet die Grundlage für eine individualisierte Therapie und verbessert sowohl die klinische Versorgung als auch die Vergleichbarkeit zukünftiger Studien.
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Zentrale Herausforderungen bei der Umsetzung der empfohlenen Diagnostik bestehen in der begrenzten Verfügbarkeit der erforderlichen Expertise und Schulung des beteiligten Personals. Zudem erschweren fehlende Standardisierung, unterschiedliche Messprotokolle und uneinheitliche Grenzwerte die breite Anwendung im klinischen Alltag. Weitere Hürden sind der zusätzliche Zeit- und Kostenaufwand, unklare Erstattungsstrukturen sowie eine weiterhin geringe Sensibilisierung für mikrovaskuläre und vasomotorische Ursachen von Ischämie. Mögliche Lösungen liegen in der Etablierung standardisierter Untersuchungsalgorithmen und Qualitätsstandards, der strukturierten Aus- und Weiterbildung, der Konzentration komplexer Diagnostik in spezialisierten Zentren sowie in der Integration nicht-invasiver Verfahren als niedrigschwellige Einstiegstests.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Offengebliebene Punkte betreffen vor allem die weiterhin begrenzte Evidenz zur prognostischen Bedeutung einzelner diagnostischer Parameter und zur Standardisierung nicht-invasiver Methoden, ihrer Vergleichbarkeit mit invasiven Referenzverfahren sowie der Rolle neuer bildgebender und funktioneller Technologien. Auch therapeutische Konsequenzen einer differenzierten Endotypisierung sind bislang nur teilweise evidenzbasiert, sodass randomisierte Studien zur testgesteuerten Therapie, zu Langzeiteffekten und zur Kosten-Effektivität erforderlich sind.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Erwartet wird ein besseres Verständnis der Koronarphysiologie, eine weitere Verfeinerung der diagnostischen Strategien durch standardisierte invasive Protokolle und verbesserte nicht-invasive Verfahren. Parallel dazu gewinnt die präzisere endotypische Klassifikation an Bedeutung, unterstützt durch Biomarker, funktionelle Parameter und digitale Auswertungsansätze. Auf therapeutischer Ebene ist mit einer Zunahme endotyp-spezifischer, randomisierter Studien zu rechnen, die den Nutzen einer testgesteuerten, personalisierten Therapie evaluieren.
Empfehlung zur invasiven Untersuchung der mikrovaskulären Dysfunktion und des Koronarspasmus – DGK-Positionspapier
Literaturnachweis:
Ong, P., Lueg, J.C., Lutz, M. et. al
Empfehlung zur invasiven Untersuchung der mikrovaskulären
Dysfunktion und des Koronarspasmus – DGK-Positionspapier
Kardiologie 2026. https://doi.org/10.1007/s12181-025-00793-1