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Quick Dive: Mikrovaskuläre Dysfunktion und Koronarspasmus

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in:

Empfehlung zur invasiven Untersuchung der Mikrovaskulären Dysfunktion und des Koronarspasmus

Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie - Herz und Kreislaufforschung (DGK)

22.01.2026 | Verfasst von: Peter Ong · Julia Christina Lueg · Matthias Lutz · Alexander Ghanem · Maike Knorr · Ralf Birkemeyer · Tanja Katharina Rudolph · Tommaso Gori

Von:

Melissa Wilke

DGK-Redaktion

 

05.05.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an den Erstautor

Prof. Tommaso Gori , Universitätsklinik Mainz

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Die Publikation entstand vor dem Hintergrund zunehmender Evidenz, dass ischämische Symptome und Angina pectoris häufig auf Störungen der koronaren Mikrozirkulation und/oder auf Koronarspasmen zurückzuführen sind, auch in Abwesenheit signifikanter epikardialer Koronarstenosen. Gleichzeitig besteht in der klinischen Praxis eine erhebliche Heterogenität hinsichtlich Indikation, Methodik und Interpretation der verfügbaren diagnostischen Verfahren, was zu Unterdiagnostik und inkonsistenter Patientenversorgung führt. Ziel der Publikation ist es daher, evidenzbasierte und konsentierte Empfehlungen zur systematischen Untersuchung der koronaren mikrovaskulären Funktion und des Koronarspasmus bereitzustellen, diagnostische Standards zu definieren, eine einheitliche Terminologie zu fördern und dadurch sowohl die klinische Diagnosesicherheit als auch die Vergleichbarkeit wissenschaftlicher Studien zu verbessern.

 

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Koronare mikrovaskuläre Dysfunktion und Koronarspasmus häufige und klinisch relevante Ursachen myokardialer Ischämie darstellen und auch ohne relevante epikardiale Koronarstenosen vorliegen können.
  2. Eine gezielte, strukturierte Diagnostik ist notwendig, da diese Krankheitsbilder mit einer beeinträchtigten Prognose und Lebensqualität assoziiert sind, aber mit konventioneller Koronarangiographie allein nicht erfasst werden
  3. Invasive Verfahren zur Beurteilung der koronaren Mikrozirkulation und der vasomotorischen Funktion sollten standardisiert angewendet und indikationsgerecht eingesetzt werden. Die Etablierung klarer diagnostischer Kriterien und eines konsentierten Untersuchungsalgorithmus ermöglicht eine präzisere Phänotypisierung, bildet die Grundlage für eine individualisierte Therapie und verbessert sowohl die klinische Versorgung als auch die Vergleichbarkeit zukünftiger Studien.

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Zentrale Herausforderungen bei der Umsetzung der empfohlenen Diagnostik bestehen in der begrenzten Verfügbarkeit der erforderlichen Expertise und Schulung des beteiligten Personals. Zudem erschweren fehlende Standardisierung, unterschiedliche Messprotokolle und uneinheitliche Grenzwerte die breite Anwendung im klinischen Alltag. Weitere Hürden sind der zusätzliche Zeit- und Kostenaufwand, unklare Erstattungsstrukturen sowie eine weiterhin geringe Sensibilisierung für mikrovaskuläre und vasomotorische Ursachen von Ischämie. Mögliche Lösungen liegen in der Etablierung standardisierter Untersuchungsalgorithmen und Qualitätsstandards, der strukturierten Aus- und Weiterbildung, der Konzentration komplexer Diagnostik in spezialisierten Zentren sowie in der Integration nicht-invasiver Verfahren als niedrigschwellige Einstiegstests.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?

 

Offengebliebene Punkte betreffen vor allem die weiterhin begrenzte Evidenz zur prognostischen Bedeutung einzelner diagnostischer Parameter und zur Standardisierung nicht-invasiver Methoden, ihrer Vergleichbarkeit mit invasiven Referenzverfahren sowie der Rolle neuer bildgebender und funktioneller Technologien. Auch therapeutische Konsequenzen einer differenzierten Endotypisierung sind bislang nur teilweise evidenzbasiert, sodass randomisierte Studien zur testgesteuerten Therapie, zu Langzeiteffekten und zur Kosten-Effektivität erforderlich sind.

Abbildung aus Publikation
© Ong P. et al. 2026

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?

 

Erwartet wird ein besseres Verständnis der Koronarphysiologie, eine weitere Verfeinerung der diagnostischen Strategien durch standardisierte invasive Protokolle und verbesserte nicht-invasive Verfahren. Parallel dazu gewinnt die präzisere endotypische Klassifikation an Bedeutung, unterstützt durch Biomarker, funktionelle Parameter und digitale Auswertungsansätze. Auf therapeutischer Ebene ist mit einer Zunahme endotyp-spezifischer, randomisierter Studien zu rechnen, die den Nutzen einer testgesteuerten, personalisierten Therapie evaluieren.

Zur Person

Prof. Tommaso Gori

Tommaso Gori ist Professor für translationale vaskuläre Medizin am Universitätsklinikum Mainz, Deutschland, wo er das Herzkatheterlabor leitet. Er erwarb den Titel Dottore in Medicina e Chirurgia an der Universität Siena, Italien, sowie seinen PhD an der University of Toronto, Kanada. Dr. Gori ist Autor von über 400 wissenschaftlichen Publikationen in den Bereich Physiologie und Pharmakologie der Koronarzirkulation sowie interventionelle Kardiologie.
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Weiter zur vorgestellten Publikation:

Empfehlung zur invasiven Untersuchung der mikrovaskulären Dysfunktion und des Koronarspasmus – DGK-Positionspapier

Literaturnachweis:

Ong, P., Lueg, J.C., Lutz, M. et. al
Empfehlung zur invasiven Untersuchung der mikrovaskulären
Dysfunktion und des Koronarspasmus – DGK-Positionspapier
Kardiologie 2026. https://doi.org/10.1007/s12181-025-00793-1

Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

CardioCards behandeln im Wesentlichen Themen der Diagnostik und Akuttherapie für den ambulanten Bereich. Hier werden die essenziellen Informationen von Leitlinien komprimiert und übersichtlich zusammengefasst.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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