Das Wichtigste in Kürze
- In der Schwangerschaft kommt es zu Anpassungen, damit sich der Körper auf die neue Belastungssituation einstellen kann.
- Kardiovaskuläre Erkrankungen währen der Schwangerschaft sind grundsätzlich selten – die meisten Schwangerschaften verlaufen ohne Komplikationen. In seltenen Fällen können sich während der Schwangerschaft bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschlimmern oder sie treten erstmalig auf.
- Die Symptome einer peripartalen Kardiomyopathie ähneln den typischen Schwangerschaftsbeschwerden wie Atemnot, Wassereinlagerungen und schneller Puls.
- Die Einnahme von Herzmedikamenten in der Schwangerschaft erfordert eine strenge ärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung, da viele Wirkstoffe auf das ungeborene Kind übergehen können.
Was passiert in der Schwangerschaft mit dem Herzen?
Während einer Schwangerschaft sind gewisse Anpassungen des Körpers notwendig. „Zum Beispiel nimmt das Blutplasma zu und auch Herzfrequenz und Pumpleistung steigen an, damit der Körper sowohl das Baby als auch die Mutter optimal versorgen kann“, sagt Dr. Christian Becker, Oberarzt am Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen. Er betont, dass diese Anpassungen vollkommen normal sind – manchmal können sie aber auch aus dem Gleichgewicht geraten und die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen fördern. „Auch bereits bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankungen können sich während der Schwangerschaft verschlechtern und müssen daher engmaschig beobachtet werden“, so der Kardiologe.
Zur Experten
Dr. Christian Becker
Dr. Christian Becker ist Oberarzt und Leiter der Kardio-Gynäkologischen Spezialambulanz am Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen.
Worauf müssen Schwangere mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung achten?
Mittlerweile wird vielen Frauen mit schweren kardiovaskulären Erkrankungen nicht mehr pauschal von einer Schwangerschaft abgeraten. Stattdessen soll ihnen – laut der neuen Leitlinie für das Management von Herz-Kreislauf-Erkrankungen während der Schwangerschaft – ein spezialisiertes Team an die Seite gestellt werden. Die Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen (Kardiologie, Gynäkologie, Anästhesie) sollen die Frauen schon vor ihrer Schwangerschaft beraten und mit ihnen gemeinsam eine sorgfältige Risikoabwägung durchführen.
Dabei sollten unterschiedlichste Aspekte berücksichtigt werden, z. B.:
- der Patientinnenwunsch
- das soziale Umfeld
- die Vorerkrankungen
„Dadurch, dass sowohl Screenings als auch die medizinische Versorgung inzwischen viel besser sind, können wir viel mehr Frauen trotz ihrer Herzerkrankung eine gute und sichere Schwangerschaft ermöglichen“, erklärt Dr. Becker. Trotzdem gibt es einige Erkrankungen, bei denen weiterhin von einer Schwangerschaft abgeraten wird – wie beispielsweise die schwere pulmonale Hypertonie, ein Bluthochdruck in den Blutgefäßen der Lunge.
Das Wichtigste aus den neuen ESC-Leitlinien für das Management von Herz-Kreislauf-Erkrankungen während der Schwangerschaft
- Besonders hervorzuheben ist: Auch Frauen mit schweren kardiovaskulären Erkrankungen wird nicht mehr pauschal von einer Schwangerschaft abgeraten.
- Ein Schwangerschafts-Herz-Team sollte herzkranke Frauen mit Kinderwunsch vor der Schwangerschaft beraten, ihr individuelles Risiko einschätzen und sie auch nach der Entbindung – bei Bedarf – weiter betreuen.
- Die Leitlinie gibt klare Empfehlungen, wann Kaiserschnitte bei Schwangeren mit kardiovaskulärem Risiko empfohlen sind.
- In übersichtlichen Darstellungen und Tabellen kann zudem nachgelesen werden, welche Medikamente während der Schwangerschaft und Stillzeit eingenommen werden dürfen.
Welche Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten in der Schwangerschaft häufiger auf?
„Im Normalfall verlaufen Schwangerschaften ohne Komplikationen“, sagt Dr Becker. „Durch die erhöhte Belastung können in seltenen Fällen dennoch Herz-Kreislauf-Erkrankungen erstmalig auftreten.“ Zu den häufigsten zählen:
Ein Bluthochdruck tritt zum Beispiel in etwa 6 bis 8 Prozent aller Schwangerschaften auf. „In der Regel sollte man diesen – in Abhängigkeit von der Höhe der Blutdruckwerte – behandeln, da sonst die Gefahr besteht, dass sich im Verlauf eine Präeklampsie, eine besonders schwerwiegende Form des Schwangerschaftsbluthochdrucks, entwickelt“, erklärt der Experte.
In sehr wenigen Fällen kann es außerdem zu einem HELLP-Syndrom kommen, einer lebensbedrohlichen Schwangerschaftserkrankung, die ebenfalls häufig mit Bluthochdruck einhergeht. „Warum manche Schwangere diese Komplikationen entwickeln und andere nicht, ist leider noch nicht genau verstanden“, sagt Dr. Becker. Grundsätzlich sollten Patientinnen mit bekanntem oder während der Schwangerschaft entwickeltem Bluthochdruck daher engmaschig betreut werden.
Schwanger und herzkrank – das Risiko in Zahlen
- Weltweit liegt bei rund 4 Prozent der Schwangeren eine kardiovaskuläre Erkrankung vor – dieser Anteil steigt auf 10 Prozent, wenn Bluthochdruck (Hypertonie) dazugezählt wird.
- Bei bis zu 16 Prozent der Schwangeren mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten Komplikationen auf.
- Kardiovaskuläre Erkrankungen sind die häufigste nicht-geburtsbedingte Todesursache bei Schwangeren: Sie sind für rund 30 bis 35 Prozent der nicht-geburtsbedingten mütterlichen Todesfälle verantwortlich.
Was ist eine peripartale Kardiomyopathie?
Die sogenannte peripartale Kardiomyopathie ist eine seltene, aber lebensbedrohliche Herzmuskelerkrankung, die in der letzten Schwangerschaftsphase, aber auch bis zu mehrere Monate nach der Entbindung auftreten kann. Sie führt zu einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz), in deren Folge das Herz nicht ausreichend sauerstoffreiches Blut durch den Körper pumpt. „Die Schwierigkeit liegt unter anderem darin, dass die typischen Symptome wie Atemnot, Erschöpfung, Wassereinlagerungen in Beinen oder Füßen, Herzklopfen und schneller Puls auch in einer normalen Schwangerschaft auftreten können“, erklärt Dr. Becker.
Um diese Patientinnen dennoch frühzeitig zu entdecken, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie und Kardiologie notwendig. „Wir haben zum Beispiel gerade eine Schwangere in ihrer zweiten Schwangerschaft betreut, nachdem sie in der ersten eine solche peripartale Kardiomyopathie entwickelt hatte“, so der Kardiologe. „Zwischenzeitlich kam sie alle zwei Wochen zu uns zur Kontrolle, da bei dieser Erkrankung das Risiko eines akuten Herzversagens mit kardiogenem Schock besteht.“ Inzwischen hat die Mutter ihr zweites Kind gesund entbunden – ihre Herzleistung ist stabil geblieben!
Was bringt eine kardiologische Spezialambulanz für Schwangere?
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen unsicher sind – zum Beispiel, welche Medikamente sie in der Schwangerschaft geben dürfen“, erzählt Dr. Becker.
So gelten beispielsweise die meisten Medikamente gegen Herzschwäche als ungeeignet. Und für viele andere Wirkstoffe liegen keine genauen Daten vor, weil Schwangere in klinischen Studien meist ausgeschlossen sind. „Das ist immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung“, sagt der Kardiologe. „Aber weil dazu viele Nachfragen kamen und schwangere Patientinnen mit kardiovaskulären Erkrankungen eine vulnerable Patientinnengruppe sind, haben wir irgendwann entschieden, eine Ambulanz sowie ein interdisziplinäres „Pregnancy Heart Team“ zu etablieren, also ein Team mit Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen.“
Seitdem bietet der Kardiologe einmal pro Woche Termine für Schwangere an und klärt Fragen wie: Spricht etwas gegen eine vaginale Geburt? Welche Herzmedikamente dürfen weiterhin eingenommen und welche sollten ersetzt werden? Welche Medikamente dürfen aus kardiologischer Sicht unter der Geburt verabreicht werden? Wie sollte die Nachsorge aussehen?
„Die meisten Patientinnen sind hier sehr um ihre Gesundheit bemüht und halten sich genau an unsere Empfehlungen. Daher ist die Arbeit sehr befriedigend“, so der Leiter der Spezialambulanz, der manchmal sogar in den Kreissaal gerufen wird. „Für Schwangere mit Herzerkrankungen bestand bislang eine Versorgungslücke. Ich bin froh, dass wir diese Patientengruppe jetzt besser versorgen können“, so Dr. Becker. Einer Frau von einer gewünschten Schwangerschaft abraten musste er in seiner Sprechstunde bislang noch nicht.
Neue Studie: Schwangerschaft als „Frühwarnsystem“ für die Herzgesundheit
Eine Schwangerschaft kann frühe Hinweise auf die spätere Herz-Kreislauf-Gesundheit liefern – das zeigen Forschende des Universitätsklinikums Freiburg gemeinsam mit dänischen Kolleginnen und Kollegen in einer aktuellen Langzeitstudie: Sie untersuchten das Blut von über 2.000 schwangeren Frauen und verknüpften die Ergebnisse mit Gesundheitsdaten aus rund zwölf Jahren Nachbeobachtung. Dabei zeigte sich: Erhöhte Werte vom Blutmarker sFlt-1 im letzten Drittel der Schwangerschaft sowie Schwangerschafts-Bluthochdruck waren mit einem höheren späteren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Schlaganfall oder Herzschwäche verbunden. Die Kombination aus Alter und diesem Marker ermöglichte eine genauere Risikoeinschätzung als klassische Faktoren wie Blutdruck oder Cholesterin allein.
FAQ: Häufige Fragen zu Schwangerschaft und Herzgesundheit
Das Herz-Kreislauf-System muss sich während einer Schwangerschaft an die neue Situation anpassen und kann belastet werden: Das Blutplasma nimmt deutlich zu und auch Herzfrequenz und Pumpleistung steigen an, damit der Köper das Baby optimal versorgen und gleichzeitig den Stoffwechsel der Mutter bewältigen kann.
Mittlerweile wird Frauen mit schweren kardiovaskulären Erkrankungen nicht mehr pauschal von einer Schwangerschaft abgeraten. Die medizinische Versorgung ermöglicht inzwischen viel mehr Frauen mit Herzerkrankung eine gute und sichere Schwangerschaft.
Eine Schwangerschaft kann eine Belastung für das Herz-Kreislauf-System sein. Bei bis zu 16 Prozent der Schwangeren mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten Komplikationen auf.
Laut der aktuellen Leitlinie für das Management von Herz-Kreislauf-Erkrankungen während der Schwangerschaft sollte ein Schwangerschafts-Herz-Team aus verschiedenen Expertinnen und Experten Frauen mit Kinderwunsch schon vor ihrer Schwangerschaft beraten, eine sorgfältige Risikoabwägung durchführen und sie bis nach der Geburt begleiten.