Geschlechterspezifische Unterschiede in der Versorgung von Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz: Subgruppenanalysen aus deutschlandweiten Krankenkassendaten

S. Otto (Gera)1, C. Paitazoglou (Lübeck)2, M. Schultze (Berlin)3, A. Krinner (Leipzig)4, M. Kittel (Hamburg)5, N. Schulte (Hamburg)5, A. Bäßler (Regensburg)6
1Herz- und Gefäßpraxis Gera, Internistisch-kardiologische Gemeinschaftspraxis Gera, Deutschland; 2Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Medizinische Klinik II / Kardiologie, Angiologie, Intensivmedizin Lübeck, Deutschland; 3ZEG Berlin, Deutschland; 4WIG2 Leipzig, Deutschland; 5AstraZeneca GmbH Medizinische Abteilung Hamburg, Deutschland; 6Universitätsklinikum Regensburg Universitäres Herzzentrum Regensburg Regensburg, Deutschland

Hintergrund: 
Herzinsuffizienz (HF) ist mit hoher Mortalität und Morbidität assoziiert. Hormonelle Faktoren sowie geschlechterspezifische Unterschiede in Pathophysiologie und Pharmakodynamik beeinflussen Ätiologie, klinische Präsentation und Therapieansprechen. Frauen sind in klinischen Studien unterrepräsentiert und geschlechterbezogene Versorgungsmuster im Behandlungsalltag bisher unzureichend analysiert. Insbesondere ist unklar, ob bestehende geschlechterspezifische Unterschiede auch bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz und in höherem Lebensalter vorliegen.

Ziel: 
Charakterisierung geschlechterspezifischer Unterschiede in Diagnostik, medikamentöser Therapie und Hospitalisierungsraten bei HF-Patient:innen in Deutschland.

Methoden: 
In einer retrospektiven Analyse anonymisierter Daten gesetzlicher Krankenkassen wurden Daten des Jahres 2024 untersucht. Der ca. 4,5 Mio. Versicherte umfassende Datensatz ist hinsichtlich Alter, Geschlecht und Morbidität repräsentativ und erlaubt eine Extrapolation auf die Bevölkerung Deutschlands. HF wurde über ICD-10-Codes identifiziert (I50.01, I50.1, I50.9, I11.0, I13.0, I13.2), daher war keine Unterscheidung der Ejektionsfraktion möglich. Medikamenten-Verordnungen wurden mittels ATC-Codes ermittelt. Analysen erfolgten stratifiziert nach Geschlecht, NYHA-Klasse (III/IV) und Alter (<75/≥75 Jahre). Vergleiche waren deskriptiv und nicht adjustiert.

Ergebnisse:
Die Hochrechnung für Deutschland ergab 4.195.239 HF-Patient:innen  (53,2 % männlich, 53,9 % ≥75 Jahre, mittleres Alter 74,2 Jahre).

Unabhängig von NYHA-Klasse und Alter wurden Frauen seltener SGLT2-Inhibitoren (SGLT2i) verordnet als Männern: NYHA III 38,5 % vs. 53,4 %; NYHA IV 43,3 % vs. 54,8 %; <75 Jahre 27,0 % vs. 40,2 %; ≥75 Jahre 25,8 % vs. 37,0 %. Eine „Vier Säulen“ Kombination aus SGLT2i, Betablocker, Mineralocorticoid-Rezeptor-Antagonist und Renin-Angiotensin-System-Inhibitor erhielten Frauen insgesamt halb so häufig wie Männer (7,9 % vs. 15,9 %), mit fortbestehender Disparität bei NYHA III (15,0 % vs. 26,2 %), NYHA IV (18,1 % vs. 29,5 %) sowie in beiden Altersgruppen (<75: 8,7 % vs. 18,5 %; ≥75: 7,5 % vs. 12,8 %). Darüber hinaus waren die Verordnungsraten bei ≥75-Jährigen insgesamt niedriger als bei <75-Jährigen (Vier-Säulen-Therapie: 9,8 % vs. 14,9 %).

Insgesamt hatten nur 38,2 % der Frauen mindestens einen ambulanten Kardiologenkontakt im Vergleich zu 49,1 % der Männer; bei ≥75-Jährigen war die Differenz besonders ausgeprägt (34,7 % vs. 46,5 %). Ambulante Echokardiographien wurden bei Frauen insgesamt seltener durchgeführt (35,0 % vs. 44,9 %) und nahmen bei beiden Geschlechtern mit zunehmender NYHA-Klasse ab (NYHA III: 38,9 % vs. 49,5 %; NYHA IV: 24,3 % vs. 34,8 %).

Altersübergreifend zeigten sich bei HF-bedingten Hospitalisierungen kaum Geschlechterunterschiede (<75 Jahre: 6,1 % Frauen vs. 6,9 % Männer; ≥75 Jahre: 12,3 % vs. 12,8 %). Bei Stratifizierung nach NYHA-Klasse wiesen Frauen in fortgeschrittenen Stadien jedoch höhere Raten auf (NYHA III: 19,7 % vs. 16,5 %; NYHA IV: 49,1 % vs. 44,9 %).

Schlussfolgerung: 
Bei Frauen wurden auch in fortgeschrittenen NYHA-Stadien (III und IV) geringere Verordnungs- und Diagnostikraten beobachtet bei gleichzeitig höheren HF-bedingten Hospitalisierungsraten. Diese Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an gezielten Maßnahmen zur Verbesserung der geschlechtergerechten HF-Versorgung – insbesondere bei älteren Patient:innen, bei denen alters- und geschlechterbezogene Versorgungsdefizite kumulieren.