Subjektive funktionelle Kapazität als Prädiktor postoperativer Komplikationen bei elektiven allgemein- und viszeralchirurgischen Eingriffen – eine retrospektive Kohortenstudie

L. Herrmann (München)1, J. Novotny (München)2, A. Novotny (Freising)3, S. Kagerbauer (München)4, C. Jäger (München)5
1TUM Klinikum Rechts der Isar München, Deutschland; 2LMU Klinikum der Universität München Medizinische Klinik und Poliklinik I München, Deutschland; 3Klinikum Freising Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie Freising, Deutschland; 4TUM Klinikum Rechts der Isar Anästhesiologie und Intensivmedizin München, Deutschland; 5TUM Klinikum Rechts der Isar Klinik und Poliklinik für Chirurgie München, Deutschland
Hintergrund
Die präoperative Einschätzung der funktionellen Kapazität anhand des metabolischen Äquivalents (MET) ist ein fester Bestandteil der Leitlinien zur kardiovaskulären Risikostratifikation vor nicht-kardialen Operationen. Unklar ist jedoch, welchen prognostischen Stellenwert die subjektive MET-Erhebung im Vergleich zu etablierten klinischen Risikofaktoren und dem operationsbezogenen Risiko besitzt.

Zielsetzung
Untersuchung des Zusammenhangs zwischen subjektiv eingeschränkter funktioneller Kapazität (<4 MET), etablierten Risikofaktoren und postoperativen Komplikationen bei elektiven allgemein- und viszeralchirurgischen Eingriffen.

Methoden
In einer monozentrischen retrospektiven Kohortenstudie wurden 902 erwachsene Patientinnen und Patienten eingeschlossen, die sich elektiven allgemein- und viszeralchirurgischen Eingriffen unterzogen. Die funktionelle Kapazität wurde subjektiv anhand der Fähigkeit, zwei Stockwerke zu steigen, erfasst und in <4 versus ≥4 MET kategorisiert. Primärer Endpunkt war das Auftreten postoperativer Komplikationen. Diese wurden nach Art (kardial/nicht-kardial) erfasst und entsprechend der Clavien-Dindo-Klassifikation hinsichtlich ihres Schweregrads eingeteilt. Zur Untersuchung unabhängiger Einflussfaktoren wurden multivariable logistische Regressionsanalysen unter Berücksichtigung von Alter, Revised Cardiac Risk Index (RCRI) und operationsbezogenem Risiko durchgeführt.

Ergebnisse
165 Patientinnen und Patienten (18,3 %) wiesen eine eingeschränkte funktionelle Kapazität (<4 MET) auf. Diese waren signifikant älter und hatten höhere RCRI-Werte als Patientinnen und Patienten mit ≥4 MET (jeweils p<0,001). Die Gesamtkomplikationsrate war bei Patientinnen und Patienten mit <4 MET erhöht (23,0 % vs. 9,5 %, p<0,001), ebenso die Rate kardialer Komplikationen (9,1 % vs. 4,1 %, p=0,013).
In der multivariaten Analyse war die funktionelle Kapazität nicht unabhängig mit postoperativen Komplikationen assoziiert (MET ≥4 vs. <4: OR 0,73; 95%-KI 0,41–1,30; p=0,286). Dagegen waren höheres Alter (OR 1,03 pro Lebensjahr; 95%-KI 1,01–1,05; p<0,001), ein höherer RCRI (OR 1,36 pro Punkt; 95%-KI 1,08–1,72; p=0,010) und ein höheres operationsbezogenes Risiko (OR 1,49 pro Kategorie; 95%-KI 1,08–2,05; p=0,016) unabhängig mit postoperativen Komplikationen assoziiert.

Schlussfolgerung
Eine subjektiv eingeschränkte funktionelle Kapazität war mit einer deutlich erhöhten Rate postoperativer Komplikationen assoziiert, kennzeichnete jedoch zugleich Patientinnen und Patienten mit einem insgesamt ungünstigeren perioperativen Risikoprofil. Nach Adjustierung für Alter, RCRI und operationsbezogenes Risiko zeigte sich kein unabhängiger prognostischer Beitrag der subjektiven MET-Einschätzung. Für eine verlässliche präoperative Risikostratifikation sollte die funktionelle Kapazität daher nicht isoliert, sondern gemeinsam mit klinischen und eingriffsbezogenen Risikofaktoren bewertet werden.