Die Vorstellung, Klinik und Forschung zu verbinden, gehört für viele junge Kardiolog:innen zum Wunschbild der eigenen Laufbahn. In der Realität prallen jedoch verdichtete Dienste, Personalmangel und zunehmende Bürokratie auf den Anspruch, „noch nebenbei“ eine wissenschaftliche Karriere aufzubauen.
Prof. Dr. Dennis Wolf, stellvertretender Klinikdirektor der Kardiologie und Professor für kardiovaskuläre Systemimmunologie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg, lebt genau diese Doppelrolle: Er ist interventionell tätig, betreut Station und Ambulanz, leitet eine Arbeitsgruppe und verantwortet Studien. Im Gespräch mit der Young DGK schildert er offen Brüche, Umwege und entscheidende Momente – und erklärt, warum er jungen Kolleg:innen rät, „einfach anzufangen“, statt die perfekte Karriereplanung zu suchen.
„Ohne Mentoren geht es überhaupt nicht“ – ein Karriereweg mit Brüchen
Von außen wirkt Wolfs Werdegang geradlinig: Oberarzt, Arbeitsgruppenleiter, Professor. Der Blick hinter die Kulissen zeigt ein anderes Bild. Früh in seiner Laufbahn strauchelte er bei seiner ersten Doktorarbeit – keine aktive Betreuung, thematisch zu komplex, wissenschaftlich ohne verwertbare Ergebnisse. „Eigentlich ein Misserfolg auf ganzer Linie“, sagt er rückblickend.
Statt sich entmutigen zu lassen, entschied er sich nach dem Studium für einen kompletten Neustart. Er wechselte Thema und Arbeitsgruppe – und fand dort, was er heute als Grundvoraussetzungen für eine wissenschaftliche Laufbahn bezeichnet: ein passendes Thema, ein funktionierendes Team und einen Betreuer, der Chancen ermöglicht und entsprechend fördert.
Seine Botschaft an den Nachwuchs: Eine Karriere funktioniert nur dann, wenn die Basis stimmt – Interesse, ein gewisses Talent, Motivation und vor allem Mentoren. „Ohne Menschen, die einen fördern und sich später auch für einen einsetzen, geht es nicht“ – selbst bei entsprechendem Talent.
Facharzt, Oberarzt und Habilitation sieht er in Deutschland weniger als Ausnahmeleistung, sondern als erreichbare Stationen, wenn man klinisch engagiert ist, im passenden Umfeld arbeitet und kontinuierlich Einsatz bringt. Alles darüber hinaus – etwa eine W3-Professur – verlangt zusätzlichen Einsatz und „extrem viel Glück“.
Ausland und „Pre-Postdoc“: Gefühlte Zeitverluste als Katalysator
Ein prägendes Kapitel in Wolfs Laufbahn ist mit einem Auslandsaufenthalt verknüpft. Aus einem geplanten Methodentraining in Melbourne wurden fast anderthalb Jahre in einem internationalen Labor. Formal hatte er bisher nur das Studium abgeschlossen, während viele seiner Kommiliton:innen schon weit in der Facharztausbildung standen. Damals fühlte sich das wie „verlorene Zeit“ an.
Heute bewertet er diese Phase völlig anders: persönlich, sprachlich, kulturell und wissenschaftlich als „exzellent investierte Zeit“. Die dort aufgebaute Expertise und das Netzwerk halfen ihm in den Folgejahren, eigene Projekte zu entwickeln und Doktorand:innen zu betreuen.
Später ging er – bereits als Facharzt, nahezu habilitationsreif – erneut mehrere Jahre ins Ausland. Während Kolleg:innen in Deutschland bereits Oberärzt:innen wurden, startete er noch einmal in einer Postdoc-Position. Auf dem Papier war er „zu spät“, inhaltlich war es für seine wissenschaftliche Profilbildung einer der entscheidenden Schritte.
Seine Bilanz: Gefühlte Zeitverluste relativieren sich, wenn die Inhalte stimmen. Auslandsaufenthalte und Postdoc-Phasen sollten nicht als Verzögerung, sondern als prägender Bestandteil einer translationalen Karriere verstanden werden.
Kontinuität schlägt Neustart: wissenschaftliche Heimat halten
Nach der Rückkehr aus dem ersten Auslandaufenthalt blieb Wolf bewusst an derselben Institution und in derselben Arbeitsgruppe, in der er promoviert hatte. Das ersparte ihm, parallel zur ersten Assistentenstelle eine ganz neue Struktur aufbauen zu müssen.
Bereits früh betreute er eigene Doktorand:innen, während die eigene Promotion noch lief. Projekte liefen weiter, Publikationen entstanden, Doktorand:innen gingen selbst ins Ausland und brachten neue Techniken zurück.
Sein Rat an junge Kolleg:innen: Wer im Studium oder in der Doktorarbeit eine funktionierende wissenschaftliche Heimat gefunden hat, sollte diese – wenn möglich – in den ersten Assistentenjahren halten. Der verbreitete Ansatz, für die erste Stelle an eine neue Klinik zu wechseln und dort „irgendwann wieder mit Forschung anzufangen“, sei in der Realität oft nicht umsetzbar.
„Man kommt nach einem vollen Stationstag abends um 19 Uhr nicht noch in ein fremdes Labor und startet bei null – während alle anderen längst zu Hause sind“, so Wolf. Wer Forschung ernsthaft integrieren will, sollte deshalb Kontinuität höher gewichten als den Reiz des kompletten Neuanfangs.
Alltag zwischen Herzkatheter und Paper: Forschung in Lücken – und mit Struktur
Als Oberarzt ist Wolfs klinischer Alltag kaum planbar: interventionelle Eingriffe, konventionelle Kardiologie, Ambulanz, Station, dazu administrative Aufgaben. Komplexe Prozeduren können Stunden dauern, ungeplante Notfälle jede Zeitplanung zunichtemachen.
Klassische „9-to-5“-Forschungsfenster gibt es unter diesen Bedingungen nicht. In der Phase zwischen Doktorarbeit und späterem Postdoc war Wolf kaum noch selbst im Labor, sondern vor allem koordinativ tätig: Doktorand:innen betreuen, Daten besprechen, Manuskripte schreiben – oft in Randzeiten, abends oder am Wochenende.
Ob er dieses Modell heute noch empfehlen würde, bezweifelt er. Die Klinik sei dichter geworden, die Personalsituation und die Dokumentationslast seien enger. Gleichzeitig hätten sich die Rahmenbedingungen verbessert: Nationale und lokale Clinician-Scientist-Programme bieten geschützte Forschungstage mit teilweiser Freistellung von der Klinik.
Für Wolf sind diese Programme der Schlüssel, um im internationalen Vergleich konkurrenzfähig zu bleiben. Es sei „nicht fair“ von Assistent:innen im ersten oder zweiten Jahr zu erwarten, dass sie neben Vollzeitklinik Forschung auf globalem Spitzenniveau betreiben. Junge Kolleg:innen mit Ambitionen in Richtung Clinician Scientist sollten solche Programme aktiv suchen und im Gespräch mit Vorgesetzten offensiv ansprechen.
Teamarbeit statt Einzelkämpfertum
Statt auf starre Zeitmanagementsysteme setzt Wolf auf etwas anderes: ein funktionierendes Team. Wer große Anträge schreiben, mehrere Paper parallel bearbeiten oder wichtige Studien abschließen will, braucht Phasen mit mehr Forschungsfokus – und damit Kolleg:innen, die in dieser Zeit klinisch entlasten.
Solche Absprachen funktionieren nur, wenn klar ist, dass sich diese Unterstützung umkehrt: Wer heute Kolleg:innen für eine Deadline freistellt, darf morgen auf Entlastung hoffen, wenn selbst ein Antrag oder eine Revision ansteht.
Daraus ergibt sich für ihn ein klares Führungsverständnis – auch in der eigenen Arbeitsgruppe. Mikromanagement, bei dem die Leitungsperson jede Abbildung überprüft und jede Statistik selbst rechnet, hält er für ineffizient und demotivierend.
Stattdessen setzt er auf möglichst viel Verantwortung beim Team: Doktorand:innen, Postdocs und technische Assistent:innen sollen nicht nur „mitarbeiten“, sondern komplette Aufgabenpakete übernehmen – inklusive Datenaufbereitung und Figurenerstellung. Anfangs sei das oft überfordernd, langfristig entstehe daraus jedoch Gestaltungsfreiheit und echte wissenschaftliche Entwicklung.
„Zu dritt ist man immer erfolgreicher als dreimal eins“, fasst er die Idee zusammen. Flache Hierarchien und gelebte Delegation seien die Grundlage, um in kleinen Teams große Projekte zu stemmen.
„Es gibt kein zu früh, aber ein zu spät“ – Einstieg in die Forschung
Besonders deutlich wird Wolf beim Thema Berufsstart. Viele junge Ärzt:innen möchten zunächst „klinisch Fuß fassen“ und die Forschung später wieder aufnehmen. Aus seiner Sicht ist das riskant.
Der Einstieg in die Klinik ist intensiv, emotional aufgeladen und fachlich fordernd. Inmitten erster Nachtdienste, Reanimationen und einer steilen Lernkurve die anfängliche Forschungsbegeisterung wiederaufzugreifen, gelingt nach seiner Erfahrung selten. Rotationen und familiäre Verpflichtungen erschweren den Wiedereinstieg zusätzlich.
Sein Rat lautet deshalb: so früh wie möglich mit Forschung beginnen und zumindest eine minimale Verbindung zur Arbeitsgruppe halten – auch wenn der Output zunächst gering ist. Es gehe nicht darum, im ersten Assistenzjahr eine Habilitation vorzubereiten, sondern darum, „im System zu bleiben“: an Konferenzen teilnehmen, Daten mitdiskutieren, kleine Teilprojekte übernehmen.
„Es gibt kein zu früh, aber sehr wohl ein zu spät“, sagt er. Wer Forschung dauerhaft hinten anstellt, verpasst irgendwann strukturelle Chancen wie Clinician-Scientist-Programme oder geeignete Förderlinien.
Zukunft der translationalen Kardiologie in Deutschland
Grundsätzlich sieht Wolf die deutsche Kardiologie gut aufgestellt. Historisch und aktuell sei der Beitrag deutscher Zentren zu kardiovaskulärer Forschung und Leitlinienentwicklung erheblich. Dennoch warnt er vor strukturellen Risiken.
Die Forschungsförderung stagniere vielerorts, während Labor- und Personalkosten deutlich steigen. Gleichzeitig erschweren bürokratische Hürden – etwa bei Tierversuchsgenehmigungen oder klinischen Studien – die Durchführung translationaler Projekte. Manche Pharmaunternehmen hätten sich bereits aus Deutschland zurückgezogen, weil Studien hier kaum noch praktikabel seien.
Um konkurrenzfähig zu bleiben, plädiert Wolf für ein stärker unternehmerisches Denken in der akademischen Medizin: Ideen früh schützen, geistiges Eigentum ernst nehmen, Translation nicht nur als Weg vom Tiermodell zur ersten klinischen Studie verstehen, sondern auch als professionell organisierte Kommerzialisierung – bis hin zu Start-ups und Industriekooperationen.
Nur wenn exzellente Forschung und erfolgreiche Umsetzung zusammenkommen, lasse sich die Position deutscher Universitätsherzzentren im internationalen Wettbewerb dauerhaft sichern.
Fazit: Mut zum frühen Einstieg – mit Team und Struktur im Rücken
Für die Young DGK und den kardiologischen Nachwuchs fasst Wolfs Weg mehrere Kernbotschaften zusammen: Rückschläge gehören dazu; Mentoring und Kontinuität sind entscheidend; Clinician-Scientist-Programme sind keine Kür, sondern Voraussetzung für echte Vereinbarkeit von Klinik und Wissenschaft und Teamarbeit schlägt Einzelkämpfertum.
Wer eine Karriere an der Schnittstelle von Kardiologie und Forschung anstrebt, sollte den Einstieg nicht auf später verschieben, sondern früh beginnen – mit realistischer Erwartung an den eigenen Output, aber mit klarer Haltung: Wissenschaft ist kein Hobby nach Feierabend, sondern ein Teil der beruflichen Identität, welche Strukturen, Zeitfenster und ein starkes Team braucht.
Weiterführende Links:
Hier finden Sie das Positionspapier aus der Kommission für Klinische Kardiovaskuläre Medizin der DGK in Kooperation mit der Sektion Young DGK zur kardiologische Weiterbildung mit einer Übersicht ausgewählter Zusatzweiterbildungen und -qualifikationen.
Zur Person
Lukas Müller
Lukas Müller studiert Humanmedizin im 10. Semester an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Als Young DGK Ambassador vertritt er den Standort Mannheim und engagiert sich aktiv im Netzwerk #YoungestDGK. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit kardiovaskulärer Physiologie und molekularer Kardiologie, insbesondere mit den molekularen Mechanismen und potenziellen Therapieansätzen der Herzinsuffizienz.
Zur Person
Prof. Dennis Wolf
Prof. Dennis Wolf ist als Oberarzt für Interventionelle Kardiologie sowie als Projektleiter des Vascular Immunology Lab der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen des Universitätsklinikums Freiburg tätig. Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ist er Sprecher der Arbeitsgruppe AG 23 Herz und Diabetes. Seit 2020 ist er Principal Investigator der Sonderforschungsbereichs „Heterocellular Nature of Cardiac Lesions: Identities, Interactions, Implications“ (SFB 1425) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
© Robert Kneschke / Adobe Stock
Mentoring-Programm der DGK
Du benötigst den direkten Austausch zu Karriere-Fragen? Profitiere von den Erfahrungen erfolgreicher Kardiologinnen und Kardiologen aus Wissenschaft, Klinik und Praxis! Das Mentoring-Programm der DGK richtet sich dabei ganz nach Deiner individuellen Karriereplanung.
Weitere Beiträge der Rubrik "Karrierekompass Kardiologie"
Ein Artikel von Johannes Ruppert (Gießen) und Dr. Joachim Eckert (Frankfurt a. M.)
Ein Artikel von Lukas Ley (Berlin) und Dr. Shinwan Kany, M. Sc. (Hamburg).
Ein Artikel von Lukas Müller (Mannheim) und Dr. Annette Schätzl (Frankfurt a. M.)
Es wurden keine Ergebnisse gefunden