Bei akuter Herzinsuffizienz und insbesondere beim kardialen Lungenödem ist die Sauerstoffgabe eine der ersten therapeutischen Maßnahmen in der Akutbehandlung. Die ESC-Leitlinien empfehlen Sauerstoff bei Patienten mit SpO₂ <90 % oder PaO₂ <60 mmHg, allerdings mit Evidenzgrad C.
In der klinischen Praxis wird Sauerstoff dennoch häufig großzügig verabreicht, nicht zuletzt, weil er traditionell als nebenwirkungsarm gilt und eine rasche Symptomverbesserung erwartet wird. Ähnliche Konzepte wurden bereits beim akuten Myokardinfarkt hinterfragt, wo eine routinemäßige Sauerstoffgabe bei nicht-hypoxämischen Patienten keinen klaren klinischen Nutzen zeigte. REDOX-AHF überträgt diese kritische Perspektive nun auf Patienten mit akuter Herzinsuffizienz und pulmonaler Stauung.
REDOX-AHF war eine investigator-initiierte, prospektive, randomisierte, verblindete, multizentrische Studie. Eingeschlossen wurden Patienten mit akuter Dyspnoe, peripherer Sauerstoffsättigung ≤92 % oder bestehendem Sauerstoffbedarf sowie klinischen oder radiologischen Zeichen einer pulmonalen Stauung. Patienten wurden in der Notaufnahme 1:1 auf zwei Sauerstoffstrategien randomisiert: ein restriktives Ziel mit SpO₂ 90 % oder ein liberales Ziel mit SpO₂ 96 %.
Eine Besonderheit der Studie war die automatisierte Sauerstofftitration mittels O2MATIC-System. Das System titriert die Sauerstoffzufuhr automatisiert auf den vorgegebenen Zielbereich und ermöglichte dadurch eine verblindete Prüfung zweier Sauerstoffstrategien. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der pulmonalen Stauung nach 24 Stunden, gemessen über den geschätzten Lungenflüssigkeitsgehalt mittels ReDS. ReDS ist ein validierteres Verfahren zur nicht-invasiven Schätzung des pulmonalen Flüssigkeitsgehalts, das in Studien mit invasiven Referenzmethoden korreliert wurde. Als Surrogatparameter unterliegt es methodischen Grenzen und ersetzt keine direkten klinischen Endpunkte.
Relevante sekundäre Endpunkte umfassten arterielle Oxygenierung, patientenberichtete Dyspnoe, klinische Ereignisse und Tage am Leben außerhalb des Krankenhauses bis Tag 30.
Insgesamt wurden 65 Patientinnen und Patienten in den restriktiven und 69 Betroffene in den liberalen Therapiearm randomisiert. Die Gruppen waren insgesamt vergleichbar. Die mittlere LVEF lag bei etwa 40 %, das mediane NT-proBNP bei rund 5.500 pg/ml. Beide Gruppen verbrachten einen ähnlichen Anteil der Zeit im jeweiligen Zielbereich der Sauerstoffsättigung. Auch die Dauer schwerer Hypoxämie mit SpO₂ <85 % unterschied sich nicht relevant zwischen den Gruppen.
Der primäre Endpunkt fiel zugunsten der restriktiven Sauerstoffstrategie aus. Nach 24 Stunden zeigte sich im restriktiven Arm eine stärkere Abnahme des ReDS-geschätzten Lungenflüssigkeitsgehalts als im liberalen Arm. In der primären Auswertung betrug der Behandlungseffekt -2,5 Prozentpunkte (95%KI [-4,3; -0,6]; p=0,01). Damit war die restriktive Sauerstoffstrategie mit einer stärkeren Dekongestion assoziiert.
Die restriktive Strategie verschlechterte die patientenberichtete Dyspnoe nicht. Auch die arterielle Oxygenierung nach 24 Stunden war numerisch nicht schlechter, sondern lag mit 9,0 ± 2,1 kPa im restriktiven und 8,3 ± 2,3 kPa im liberalen Arm sogar numerisch höher. Für harte klinische Endpunkte war die Studie nicht gepowert. Die Mortalität bis Tag 30 war numerisch niedriger im restriktiven Arm (4,6 % vs. 10,1 %; p=0,33). Zudem zeigte sich eine signifikante Zunahme der Tage am Leben außerhalb des Krankenhauses bis Tag 30 (23 vs. 21 Tage; p=0,04). Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten vergleichbar häufig auf.
REDOX-AHF ist eine kleine, aber konzeptionell wichtige Studie. Sie ist die erste verblindete randomisierte Studie, die bei Patienten mit akuter Herzinsuffizienz und pulmonaler Stauung eine restriktive mit einer liberalen Sauerstoffstrategie vergleicht. Trotz der Größe ist die zentrale Beobachtung klinisch sehr relevant. Ein restriktives Sauerstoffziel führte nicht zu mehr Dyspnoe oder Hypoxämie und war mit einer stärkeren Abnahme eines Surrogates der pulmonalen Stauung verbunden.
Die Studie ist kein Argument, hypoxämischen Patientinnen und Patienten Sauerstoff vorzuenthalten. Vielmehr stellt sie die in der Praxis häufige liberale Sauerstoffgabe infrage. Sauerstoff ist ein Medikament und sollte, wie jedes andere Medikament, mit klarer Indikation und definiertem Therapieziel eingesetzt werden. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund potenziell ungünstiger hämodynamischer Effekte einer Hyperoxie, etwa durch erhöhte vaskuläre Widerstände.
Limitationen bleiben wesentlich. Die Fallzahl ist klein, der primäre Endpunkt ein Surrogatparameter, und die Studie nicht darauf ausgelegt, Unterschiede in Mortalität oder Rehospitalisierungen belastbar zu bewerten. Dennoch rechtfertigen die Ergebnisse, bestehende Routinen kritisch zu hinterfragen. Gerade bei Klasse-I-Empfehlungen mit Evidenzgrad C ist REDOX-AHF ein gutes Beispiel dafür, dass auch scheinbar einfache Akutmaßnahmen prospektiv geprüft werden sollten.
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