Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Anlass der Publikation ist die erste ESC-Leitlinie zum Management von Myokarditis und Perikarditis, die beide Entitäten erstmals unter dem übergeordneten Konzept des inflammatorischen myoperikardialen Syndroms (IMPS) zusammenführt. Während eine Guideline zur Perikarditis zum dritten Mal erscheint, wird die Myokarditis das erste Mal betrachtet. Ziel des DGK-Kommentars ist es, die zentralen Aspekte der Leitlinie für die klinische Praxis einzuordnen und ihre Bedeutung für Diagnostik, Risikostratifizierung, Therapie und Nachsorge darzustellen.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
- Myokarditis und Perikarditis sollten als Spektrum des IMPS verstanden werden, da Ätiologien als auch klinische Präsentationen häufig überlappen.
- Die Leitlinie etabliert symptombasierte Algorithmen — z.B. bei Thoraxschmerz, Arrhythmien oder Herzinsuffizienz — und stärkt damit ein strukturiertes, patientenzentriertes Vorgehen.
- Die CMR nimmt eine zentrale Rolle ein: Bei passender Klinik und positiver CMR kann die Diagnose einer Myokarditis nichtinvasiv gesichert werden.
- „Red flags“ werden eingeführt, um Hochrisikopatienten früh zu erkennen und rasch stationär, multidisziplinär und ggf. invasiv weiter abzuklären.
- Die Endomyokardbiopsie bleibt essenziell bei Hochrisikokonstellationen und bei Verdacht auf spezifische, unmittelbar therapierbare Entitäten.
- Therapie und Belastungskarenz sollen stärker individualisiert erfolgen — abhängig von Phänotyp, Schweregrad, Ätiologie, Aktivität und Verlauf. Die Rückkehr zu „Work, Sports and Play“ wird individuell betrachtet, ein zeitlich starres Vorgehen soll vermieden werden
- Genetik, Autoimmunität und Autoinflammation werden stärker berücksichtigt; dies eröffnet neue diagnostische und therapeutische Perspektiven.
- Komplexe IMPS-Fälle erfordern multidisziplinäre Teams und möglichst klare regionale Versorgungsstrukturen.
- Ein Follow-up der Patient:innen ist notwendig
Eine zentrale Abbildung aus der DGK-Publikation:
Abb.: Zentrale Illustration der ESC-Leitlinien zu Myokarditis und Perikarditis. EKG, Elektrokardiogramm; EMB, endomyokardiale Biopsie; IMPS, entzündliches Myoperikard-Syndrom; SCD, plötzlicher Herztod; TTE, transthorakale Echokardiographie. Bildquelle: © ESC2025. Schulz-Menger et al (2025) Eur Heart J 46(40):3952–4041. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf192
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Eine wesentliche Herausforderung ist die flächendeckende Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger CMR-Diagnostik mit direkter Integration in die klinische Versorgung aber auch das Vorhandensein technischer Möglichkeiten einschließlich parametrischer Mapping-Techniken, standardisierter klinisch orientierter Befundung. Leider ist der Erwerb der fachgebundenen Kardio-MRT Zusatzbezeichnung nach wie vor nicht in allen Bundesländern möglich, obwohl die Methode in der Musterweiterbildungsordnung enthalten ist und für viele Fragestellungen in der Kardiologie notwendig ist in der klinischen Versorgung. Hinzu kommen begrenzte Kapazitäten für Verlaufskontrollen sowie die unzureichende Vergütungssituation der Kardio-MRT in Deutschland. Das Problem der Verfügbarkeit und Standardisierung betrifft jedoch auch die EMB.
Lösungsansätze sind strukturierte Weiterbildung zur Einhaltung von definierten Qualitätsstandards, regionale Netzwerke, Hub-and-spoke-Modelle und klare Schnittstellen zwischen Klinik, Bildgebung, Pathologie, Genetik, Immunologie/Rheumatologie und Intensivmedizin.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Offen bleiben unter anderem die prognostische Bedeutung kombinierter Formen von Myokarditis und Perikarditis, die optimale Frequenz und Dauer der Nachsorge, die genaue Rolle genetischer Varianten in der Pathophysiologie sowie der Stellenwert neuer antiinflammatorischer und immunmodulatorischer Therapien bei Myokarditis. Viele Empfehlungen beruhen weiterhin auf Expertenkonsens bzw. Level-C-Evidenz, da große prospektive Studien fehlen.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Es ist zu erwarten, dass IMPS durch die neue Terminologie und die klareren diagnostischen Pfade künftig häufiger erkannt und strukturierter behandelt wird. Zentrale Entwicklungen werden eine stärkere Integration von CMR und CT in Aus- und Weiterbildung um eine bessere Versorgung der Patientinnen und Patienten zu garantieren, bessere Standardisierung der Bildgebung, prospektive Register und Studien sowie neue personalisierte Therapieansätze sein.