Hintergrund
Bempedoinsäure (BA) ist seit 2020 zur Behandlung der primären Hypercholesterinämie oder gemischten Dyslipidämie zugelassen und wird in den aktuellen Leitlinien neben Statinen und Ezetimib als dritter oraler Wirkstoff für die medikamentöse LDL-Cholesterin-Senkung empfohlen.3
Der molekulare Wirkmechanismus von BA ist allerdings noch nicht in allen Aspekten untersucht. BA ist ein Prodrug, das in der Leber durch das Enzym Acetyl-CoA-Synthetase (ACS) zu Bempedoyl-CoA aktiviert wird (siehe Abbildung). Ebenso wie Statine inhibiert Bempedoyl-CoA die Cholesterin-Synthese über den Mevalonat-Stoffwechselweg. Doch im Unterschied zu Statinen wird nicht das Enzym HMG-CoA-Reduktase, sondern die ATP-Citrat-Lyase (ACL) inhibiert – ein Enzym, das den ersten Schitt von Citrat zu Acetyl-CoA katalysiert. Dieser Schritt des Mevalonat-Stoffwechselwegs ist identisch zur De-novo-Lipogenese (siehe Abbildung). Da die ACS-Expression weitgehend auf Hepatozyten beschränkt ist, gilt die Leber als primärer Ort der BA-Aktivität und ACL-Hemmung.
Eine aktuelle Forschungsarbeit untersuchte die Effekte von BA bei Mäusen mit ernährungsbedingter Fettleber. Diese Experimente, die neben Wildtyp-Mäusen auch ACL- und ACS-Knockout-Mäuse einschlossen, weisen darauf hin, dass BA nicht nur ACL inhibiert, sondern zusätzlich durch die ACL-unabhängige Aktivierung des Transkriptionsfaktors PPARα (Peroxisom-Proliferator-aktivierter Rezeptor alpha) die Lipidsenkung in der Leber bewirkt.1 In einer weiteren Arbeit werden direkte Wechselwirkungen von BA mit dem Hauptschalter für die Fettverbrennung PPARα beschrieben.2
Abbildung: Lipidstoffwechsel in Leberzellen
Aktivierung von PPARα durch BA
Die Arbeit von Papa et al. weist auf eine potenziell wichtige metabolische Funktion von BA hin.2 In-vitro- und In-vivo-Experimente mit normalen und übergewichtigen Mäusen sowie Maus-Hepatozyten zeigten, dass BA vor allem den PPARα-Signalweg und die Fettsäure-Oxidation aktiviert. Mittels Luciferase- und Fluoreszenz-Resonanz-Energie-Transfer (FRET)-Assays konnte eine direkte Aktivierung von PPARα durch BA in Maus-Hepatozyten nachgewiesen werden, die vergleichbar zu dem etablierten PPARα-Agonisten GW7647 war.2
Bindung von BA an PPARα
Einige Fettsäuren, wie Palmitinsäure, sind als natürliche PPARα-Liganden bekannt und haben eine strukturelle Ähnlichkeit zu BA. Experimente zeigten eine konzentrationsabhängige Verschiebung der Schmelztemperatur des PPARα-Proteins bei Zugabe von BA, was auf physikalische Wechselwirkungen zwischen BA und PPARα hinwies. Eine Kristallstrukturanalyse bestätigte, dass der aktive Zustand von PPARα durch Wechselwirkungen zwischen der Carboxylatgruppe von BA mit der Helix 12 stabilisiert wurde, was die Bindung des PGC1α-Coaktivatorpeptids begünstigte. Zusätzlich wurde die aktive Konformation von PPARα durch Wasserstoffbrückenbindungen unterstützt. Analog zu den natürlichen Liganden führte die Bindung von BA in der Ligandenbindungsdomäne zur Aktivierung von PPARα.2
BA fördert durch PPARα-Aktivierung die Fettsäure-Oxidation, unabhängig von ACL
BA ist, wie oben beschrieben, ein Prodrug, das nach Aktivierung durch ACS zu Bempedoyl-CoA das Enzym ACL inhibiert. Expressionsanalysen von ACL-defizienten Leberzellen ergaben, dass BA die Expression zahlreicher PPARα-Target-Gene induzierte. Dies wurde durch den PPARα-Knockout aufgehoben, während ein ACL-Knockout keinen signifikanten Effekt hatte. Eine zentrale Funktion von PPARα besteht darin, die Fettsäure-Oxidation zu fördern. Tatsächlich erhöhte die Gabe von BA die Fettsäure-Oxidation von Maus-Hepatozyten vergleichbar zu dem bekannten PPARα-Agonisten GW7647, dagegen aber nicht bei einem Knockout von PPARα. In Zusammenschau weisen diese Resultate darauf hin, dass BA eine PPARα-Aktivierung durch direkte Bindung bewirken kann.2
BA hemmt die Lipogenese und erhöht die Fettsäure-Oxidation
In einer unabhängigen vorhergehenden Publikation wurden parallele Befunde berichtet. Experimente an ACL-defizienten Mäusen zeigten keine reduzierte De-Novo-Lipogenese, da Acetat alternativ zu Citrat als Substrat für die Synthese von Acetyl-CoA dient – katalysiert über die Acetyl-CoA-Synthetase (ACS). Um zu prüfen, ob BA die Lipogenese senkt, wurden Wildtyp-Mäuse über 4 Wochen mit Zuckerwasser gefüttert, jeweils mit und ohne Zugabe von BA. Die Behandlung mit BA senkte die Lipogenese und erhöhte gleichzeitig die Spiegel von Acetylcarnitin- und β-Hydroxybutyrat, was auf eine erhöhte Fettsäure-Oxidation hinwies.1
In weiteren Experimenten erhielten ACL-Knockout-Mäuse und Wildtyp-Mäuse Zuckerwasser mit und ohne Cholesterin-Zusatz, da Cholesterin bekannterweise die ACS-Expression hemmt. Überraschenderweise entwickelten ACL-defiziente Mäuse eine stärkere Fettleber als Wildtyp-Mäuse – sowohl mit als auch ohne Cholesterin-Zugabe. Die ACL-Defizienz führte also zu einer verstärkten Lebersteatose - unabhängig von ACS.1
Doppel-Knockout-Mäuse (DKO), denen sowohl ACL als auch ACS fehlte, entwickelten ebenso wie ACL-defiziente Mäuse unter zuckerhaltiger Ernährung eine Fettleber. Genexpressionsanalysen zeigten bei DKO-Mäusen vor allem Unterschiede der durch PPARα regulierten Lipidstoffwechselgene. Die PPARα-Target-Gene wurden in ACL-Knockout- und DKO-Mäusen supprimiert, während die ACS-Defizienz keinen Einfluss hatte. Insgesamt führte die ACL-Defizienz über die Suppression der PPARα-Target-Gene zu einer verminderten Fettsäure-Oxidation und verstärkten Fettleber.1
BA aktiviert die PPARα-Target-Gene
Die Zugabe von BA zur zuckerhaltigen Ernährung reduzierte die Triglycerid-Spiegel, unabhängig von ACL und ACS. Genanalysen zeigten, dass die Expression der PPARα-Zielgene durch BA gesteigert wird. BA förderte die Fettsäure-Oxidation, erhöhte die Konzentration kurzkettiger Carnitine und verminderte die Fettleber.1
Fazit
Die beiden vorgestellten aktuellen Publikationen konnten wesentliche neue Erkenntnisse zur Aufklärung des Wirkmechanismus von Bempedoinsäure liefern. In der Arbeit von Liu et al. wurde gezeigt, dass BA und ACL-Defizienz entgegengesetzte Effekte auf den Fettstoffwechsel in der Leber haben: Während die ACL-Defizienz die ernährungsbedingte Fettleber verstärkte, förderte BA die Fettsäure-Oxidation und verminderte die Fettleber, unabhängig von ACL und ACS.1 Die Arbeit von Papa et al. zeigte, dass BA an PPARα bindet und den Rezeptor aktiviert, was die Expression der PPARα-Ziel-Gene erhöht, welche die Fettsäure-Oxidation verstärken.2
Expertenkommentar
Der bisher bekannte Wirkungsmechanismus der Bempedoinsäure (BA), welches in der Leber durch das Enzym Acetyl-CoA-Synthetase (ACS) zum aktiven Bempedoyl-CoA Thioester aktiviert wird und die Cholesterin-Synthese über die ATP-Citrat-Lyase (ACL) inhibiert, wird durch die vorgestellten Erkenntnisse erweitert. Die spannenden Daten stehen im Einklang mit klinischen Endpunktstudien: Die Behandlung mit BA senkte nicht nur LDL-Cholesterin-Spiegel, sondern auch kardiovaskuläre Ereignisse und Entzündungsmarker.4
Diese metabolischen Verbesserungen könnten neben der ACL-Hemmung auf die Aktivierung des Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptors alpha (PPARα) durch BA (nicht BA-CoA!) zurückzuführen sein. PPAR sind Schlüsselproteine, die den Fettstoffwechsel und den Energiehaushalt regulieren.
Interessant ist, dass Fibrate bekannte medikamentöse Induktoren von PPARα sind. Fibrate senken Triglyceride und zirkulierende LDL-Cholesterin-Spiegel; deren Effekte auf kardiovaskuläre Endpunkte oder hepato-metabolische Erkrankungen sind aber unklar. Auch bei Statinen wurden nicht nur antiatherogene und entzündungshemmende Wirkungen mit der Aktivierung von PPARα and PPARγ in Verbindung gebracht, sondern auch kardioprotektive Effekte wie die Hemmung der kardialen Hypertrophie und Fibrose können einer Modulation von PPARα and PPARγ zugeschrieben werden.5
PPARα gehören zu der Superfamilie der nukleären Rezeptoren und werden v. a. in der Leber exprimiert. Neben Hepatozyten könnte BA aber auch die PPARα-Aktivität in anderen Zelltypen stimulieren, wie Makrophagen, Nierenzellen, Adipozyten oder Kardiomyozyten. In den Studien von Papa et al.2 wurde die Wirkung von BA auf PPARα in Hepatozyten untersucht; die eingesetzten BA-Dosen betrugen entweder täglich 10 oder 30 mg/kg p.o., z. T. über 4 Wochen. Allerdings sind weitere Arbeiten erforderlich, um die funktionelle Bedeutung der BA-PPARα-Achse für Lipidsenkung, Entzündungsmodulation und Fibrose-Reduktion in vivo besser zu verstehen.
In den Untersuchungen von Papa et al.2 wurde nicht der relative Beitrag der ACL-Hemmung gegenüber der PPARα-Aktivierung zu den cholesterinsenkenden Effekten der BA untersucht. Darüber hinaus muss noch geprüft werden, ob BA auch in Geweben außerhalb der Leber aktiv ist. Untersuchungen in primären Zellkulturen und Tiermodellen sind erforderlich, um diese Wissenslücken zu schließen.
Weltweit ist etwa 1 von 4 Menschen von einer metabolischen Dysfunktion assoziierten Steatose Lebererkrankung (MASLD) betroffen; ein Spektrum von Krankheitsbildern, die grundlegend durch eine Steatose gekennzeichnet sind. In einem Teil der Fälle schreitet die Steatose weiter fort und umfasst Entzündungen, Schädigungen der Hepatozyten und Fibrose (MASH, metabolische Dysfunktion assoziierte Steatohepatitis; früher NASH). Trotz ihrer zunehmenden Verbreitung und ihres wachsenden Beitrags zur chronischen Lebererkrankung gibt es derzeit keine zugelassenen pharmakologischen Therapien zur Behandlung von MASLD. Jüngste Arbeiten zeigten, dass BA den Fettgehalt der Leber in Nagermodellen für MASLD und MASH deutlich reduziert und zusätzliche Vorteile bietet, wenn es mit einem GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Liraglutid kombiniert wird.6
Weiterhin ist es möglich, dass BA auch eine Aktivität auf PPARγ und PPARδ besitzt; dies muss jedoch noch geklärt werden. Lanifibranor ist ein oraler „Pan PPAR“-Agonist in der klinischen Phase-3-Erprobung (aktiviert PPARα, PPARγ und PPARδ) und zeigte vielversprechende Ergebnisse in der Behandlung der MASH. Es reduzierte Leberentzündung, Fibrose und verbesserte den Stoffwechsel.7
Eine erste klinische Studie zur Untersuchung von BA bei MASLD (NCT06035874) rekrutiert derzeit. Diese randomisierte, kontrollierte Studie (n=100) soll den Effekt von BA im Vergleich zur Standardtherapie auf den Fettgehalt von Leber und Bauchspeicheldrüse bei Patienten mit MASLD bewerten. Weitere experimentelle Studien werden helfen, den molekularen Wirkmechanismus von BA noch besser zu verstehen und möglicherweise den klinischen Anwendungsbereich über die Cholesterinsenkung hinaus erweitern. Dazu werden aber große randomisierte Studien notwendig sein.
Zur Person
Prof. Martin Schulz
Prof. Martin Schulz ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) und Honorarprofessor am Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin. Er ist Nukleus-Mitglied der AG 43 der DGK. Zu seinen Schwerpunkten gehören insbesondere die Versorgung und Therapietreue (Adhärenz) bei Hypertonie, Herzinsuffizienz und Lipidstoffwechselstörungen.
Take-aways
- Bempedoinsäure (BA) ist zur Senkung von LDL-Cholesterin zugelassen – wobei bisher angenommen wurde, dass der Wirkmechanismus auf der Hemmung der ATP-Citrat-Lyase (ACL) beruht, wodurch die Cholesterin-Synthese gesenkt wird.
- In zwei aktuellen Publikationen wurde gezeigt, dass BA zusätzlich den Transkriptionsfaktor PPARα aktiviert.
- Bei Mäusen mit ernährungsbedingter Fettleber senkte BA die De-Novo-Lipogenese und erhöhte die Fettsäure-Oxidation.
- Experimente mit Knockout-Mäusen zeigten, dass BA die Expression der PPARα-Target-Gene verstärkte, die Fettsäure-Oxidation erhöhte und die Fettleber reduzierte, unabhängig von den beiden Enzymen ACL und ACS (Acetyl-CoA-Synthetase).
- Kristallstrukturanalysen ergaben, dass BA PPARα aktiviert, vergleichbar zu dem etablierten PPARα-Agonisten GW7647.
- Insgesamt zeigten beide Publikationen übereinstimmend, dass der Wirkmechanismus von BA nicht nur auf der ACL-Hemmung beruht, sondern dass BA zusätzlich PPARα aktiviert, was eine erhöhte Fettsäure-Oxidation und verminderte Fettleber bewirkt.
- Der erweiterte Wirkmechanismus von BA steht in Einklang zu metabolischen Verbesserungen, die zuvor in klinischen Studien beobachtet wurden.
- Über die Cholesterin-Senkung hinaus kommt daher ein breiteres Anwendungsspektrum von BA in Betracht, wie zur Behandlung der MASLD (metabolische Dysfunktion assoziierten Steatose Lebererkrankung). Erste klinische Studien sind bereits geplant.
Referenzen
- Liu JY et al. Bempedoic acid suppresses diet-induced hepatic steatosis independently of ATP-citrate lyase. Cell Metab. 2025;37(1):239-254.e7. doi: 10.1016/j.cmet.2024.10.014. Epub 2024 Oct 28.
- Papa C, Rose A, Martin HNG, Useini A, Geier F, Liao L, Rodríguez-Aguilera JR, Valina-Allo P, Hoffmann A, Tvardovskiy A, Zulfqar F, Zimmerman A, Schicht G, Ott F, Körner C, Engelmann B, Rolle-Kampczyk U, von Bergen M, Meier M, Bartke T, Seehofer D, Klöting N, Matz-Soja M, Damm G, Boeckel JN, Buescher JM, Blüher M, Laufs U, Bondareva O, Sträter N, Künze G, Heiker JT, Sheikh BN. Bempedoic acid directly binds and activates PPARα. Cell Metab. 2026 Jan 26:S1550-4131(25)00549-2. doi: 10.1016/j.cmet.2025.12.018. Epub ahead of print.
- Mach F et al. 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Eur Heart J. 2025;46(42):4359-4378.
- Nissen SE et al. Bempedoic acid and cardiovascular outcomes in statin-intolerant patients. N Engl J Med. 2023;388(15):1353-1364. doi: 10.1056/NEJMoa2215024.
- Wagner N, Wagner KD. Pharmacological Utility of PPAR Modulation for Angiogenesis in Cardiovascular Disease. Int J Mol Sci. 2023;24(3):2345. doi: 10.3390/ijms24032345.
- Desjardins EM et al. Combination of an ACLY inhibitor with a GLP-1R agonist exerts additive benefits on nonalcoholic steatohepatitis and hepatic fibrosis in mice. Cell Rep Med. 2023;4(9):101193. doi: 10.1016/j.xcrm.2023.101193.
- Francque SM et al. A Randomized, Controlled Trial of the Pan PPAR Agonist Lanifibranor in NASH. N Engl J Med. 2021;385(17):1547 1558. doi: 10.1056/NEJMoa2036205.