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Tirzepatid und das Risiko atherosklerotisch kardiovaskulärer Ereignisse

DGK-Jahrestagung 2026 | Eine Target Trial Emulation basierend auf US-Routinedaten zeigt, dass Tirzepatid bei Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und ASVCD im Vergleich zu Sitagliptin als Placebo-Proxy im klinischen Versorgungsalltag mit einer substanziellen Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse assoziiert ist. Dr. Nils Krüger (Deutsches Herzzentrum München) stellte die Studiendaten vor.1

 

PD Dr. Katharina Lechner (Universitätsklinikum Augsburg und Helmholtz Zentrum München) fasst die Ergebnisse im Folgenden zusammen, Prof. Florian Kahles (Universitätsklinikum RWTH Aachen) kommentiert.

Von:

PD Dr. Katharina Lechner

Universitätsklinikum Augsburg

 

Expertenkommentar:

Prof. Florian Kahles

Universitätsklinikum RWTH Aachen

 

18.05.2026

Bildquelle (Bild oben): m:con / Ben van Skyhawk

Mit SURPASS-CVOT liegt inzwischen die erste große kardiovaskuläre Outcome-Studie zu Tirzepatid vor. In der randomisierten, doppelblinden Studie mit 13.299 Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und etablierter atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung war Tirzepatid gegenüber Dulaglutid hinsichtlich 3-Punkt-MACE nicht unterlegen; eine formale Überlegenheit wurde jedoch nicht erreicht.2,3 Genau daraus ergibt sich die Relevanz der nun vorgestellten Analyse: Sie versucht zu beantworten, wie groß der klinische Zusatznutzen von Tirzepatid im Versorgungsalltag gegenüber einer Therapie ohne etablierte GLP-1-vermittelte Kardioprotektion ausfallen könnte. Die Arbeit schließt somit direkt eine wichtige Evidenzlücke, die SURPASS-CVOT hinterlassen hat und beantwortet eine praxisnahe Fragestellung für klinisch tätige Kolleginnen und Kollegen.

Methodik und Studiendesign

Die Arbeitsgruppe um Dr. Krüger bediente sich dem Ansatz der Target Trial Emulation. Vorab hatten die Investigatoren bereits SURPASS-CVOT (Tirzepatid gegen Dulaglutid) in US-Routinedaten der Krankenkassen vorhergesagt und erfolgreich emuliert, um Vertrauen in Studiendesign, Datenquelle und Auswertungsstrategie zu schaffen (sog. „Benchmarking“).4,5


Darauf aufbauend wurde die Fragestellung erweitert. Anstatt Tirzepatid gegen Dulaglutid zu vergleichen, wurden Patientinnen und Patienten, die eine Therapie mit Sitagliptin starteten, als Vergleichsgruppe herangezogen. Aus der großen randomisierten Studie TECOS wissen wir, dass Sitagliptin keinen Effekt auf kardiovaskuläre Endpunkte hat.6 Sitagliptin fungierte in dieser Studie somit als Placebo-Proxy. Eingeschlossen wurden Personen aus zwei nationalen US-Abrechnungsdatenbanken zwischen Mai 2022 und Mai 2025, die den Ein- und Ausschlusskriterien der SURPASS-CVOT-Population entsprachen. Zur Kontrolle von Störfaktoren infolge fehlender Randomisierung wurde ein Propensity-Score Overlap-Weighting auf Basis von über 150 Covariaten eingesetzt. Berichtet wurden 1-Jahres-Risiken, absolute Risikodifferenzen, Hazard Ratios und daraus abgeleitete Numbers Needed to Treat. Die Studie wurde bei ClinicalTrials.gov vorregistriert (NCT07203677).

Ergebnisse

Nach einem Jahr lag das gewichtete Risiko für MACE unter Tirzepatid bei 2,9 % (95%KI [2,5; 3,4]) und unter Sitagliptin bei 4,4 % (95%KI [3,8; 4,9]). Die absolute Risikodifferenz betrug -1,4 Prozentpunkte (95%KI [-2,1; -0,7]), entsprechend einer Number Needed to Treat von 70. Für den primären Endpunkt ergab sich eine Hazard Ratio von 0,68 (95%KI [0,58; 0,80]) zugunsten von Tirzepatid. Getragen wurde das Signal vor allem von weniger Myokardinfarkten (HR, 0,67; 95%KI [0,52; 0,87]; NNT, 130) und einer niedrigeren Gesamtmortalität (HR, 0,55; 95%KI [0,42; 0,72]; NNT, 122). Für Schlaganfälle zeigte sich hingegen kein relevanter Unterschied (HR, 0,91; 95%KI [0,64; 1,28]). Damit liefert die Analyse ein klinisch greifbares Signal für einen möglichen Zusatznutzen von Tirzepatid über die übliche Hintergrundtherapie hinaus.

Limitationen

Zu den Limitationen dieser Studie zählen die relativ kurze Nachbeobachtungszeit, die zu einer Unterschätzung langfristiger kardiovaskulärer Effekte und Sicherheitsaspekte führen könnte, sowie die Verwendung von Sitagliptin als Surrogat für ein Placebo. Trotz sorgfältigem Propensity-Score Overlap-Weighting mit gut ausbalancierten Vergleichsgruppen kann residuales Confounding von nicht erfassten Faktoren nicht ausgeschlossen werden. Die Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf nicht US-amerikanische Populationen ist ebenfalls möglicherweise eingeschränkt.

Fazit

Die vorliegenden Daten stützen erneut Tirzepatid als krankheitsmodifizierende Therapie mit kardiovaskulärem Zusatznutzen über die Blutzucker- und Gewichtskontrolle hinaus. Der Hinweis auf einen direkten kardiovaskulären Schutz könnte die Therapieauswahl bei Patientinnen und Patienten mit etablierter kardiovaskulärer Erkrankung im klinischen Versorgungsalltag substanziieren. Die Angabe absoluter Risikoreduktionen macht zudem den Zusatznutzen gegenüber einer Basistherapie ohne GLP-1-basierte Wirkstoffe für Klinikerinnen und  Kliniker greifbarer. 


Insgesamt ergänzen, erweitern und substanziieren die Ergebnisse der vorliegenden Studie die Ergebnisse vorangegangener RCTs. Dies mit dem Ziel, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und damit klinische Versorgungspfade zu optimieren. 

Kommentar

Die von Dr. Krüger vorgestellte Studie stellt einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der kardiovaskulären Sicherheit und Ereignisreduktion von Tirzepatid bei Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und ASCVD dar. Da in der REWIND-Studie bereits eine kardiovaskuläre Überlegenheit von Dulaglutid vs. Placebo gezeigt wurde, war prinzipiell zu erwarten, dass die Nicht-Unterlegenheit von Tirzepatid vs. Dulaglutid in SURPASS-CVOT einer kardiovaskulären Überlegenheit von Tirzepatid im Vergleich zu Placebo entspricht. Da REWIND und SURPASS-CVOT jedoch u. a. Unterschiede in der Studienpopulation und Baseline-Medikation aufweisen, liefern die Ergebnisse der Studie von Dr. Krüger einen wertvollen zusätzlichen Beitrag zur Einschätzung der kardiovaskulären Effektivität von Tirzepatid. Weitere Hinweise auf eine kardiovaskuläre Überlegenheit von Tirzepatid vs. Placebo ergeben sich aus einer kürzlich publizierten Studie (Sattar et al. Diabetes Care 2026 – Bitte zitieren). Dabei wurde der Effekt von Tirzepatid aus SURPASS-CVOT gegenüber einer imputierten Placebo-Kontrolle aus REWIND mittels Propensity-Score-basierter Adjustierung abgeschätzt. Tirzepatid war in dieser Analyse mit einem geringeren Risiko für 3-P-MACE und Mortalität gegenüber imputiertem Placebo assoziiert. 


Trotz nachgewiesener Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse unter Tirzepatid bleiben einige Fragen unbeantwortet. Was ist der zugrunde liegende Mechanismus der kardiovaskulären Protektion von Tirzepatid? Ist dieser Effekt wie bei den GLP-1RA ebenfalls glukose- und gewichtsunabhängig und ggf. durch antiatherosklerotische und antiinflammatorische Effekte vermittelt? Führt Tirzepatid auch bei Patientinnen und Patienten mit Adipositas unabhängig von Diabetes zu einer Senkung kardiovaskulärer Ereignisse? Letzteres wird in der aktuell noch laufenden SURMOUNT-MMO-Studie untersucht (NCT05556512).  

Zur Person

PD Dr. Katharina Lechner

PD Dr. Katharina Lechner ist Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie mit Fokus auf präventive Kardiologie, Lipidologie und kardiometabolische Gesundheit. Sie leitet ärztlich die KORA Digital-Fit Studie am Universitätsklinikum Augsburg und am Helmholtz Zentrum München.
PD Dr. Katharina Lechner

Zur Person

Prof. Florian Kahles

Prof. Florian Kahles ist stv. Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin des Universitätsklinikums RWTH Aachen. Er leitet als W2-Professor eine DFG-geförderte Emmy-Noether-Forschungsgruppe mit dem Fokus Inflammation bei kardiometabolischen Erkrankungen und ist Sprecher der DGK-Arbeitsgruppe Herz und Diabetes (AG 23).
Prof. Florian Kahles

Key Facts der Studie

Analyse der Versorgungsrealität bei Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz, CKD und Typ-2-Diabetes in der deutschen Primärversorgung.

Die Studie zeigt, dass Tirzepatid bei Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und ASVCD im Vergleich zu Sitagliptin als Placebo-Proxy im klinischen Versorgungsalltag mit einer substanziellen Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse assoziiert ist.

Frühere Diagnostik, schnellere Therapieeinleitung und strukturierte interdisziplinäre Versorgung sind entscheidend.

Referenzen

  1. Krüger N, Schneeweiss S, Wang SV. Tirzepatide and the Risk of Atherosclerotic Cardiovascular Events. 92. Jahrestagung der DGK, Mannheim, Late Breaking Clinical Trials I, 10. April 2026
  2. Nicholls SJ, Bhatt DL, Buse JB, et al. Cardiovascular Outcomes with Tirzepatide versus Dulaglutide in Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2025;393:2409-2420. doi:10.1056/NEJMoa2505928.
  3. Nicholls SJ, Bhatt DL, Buse JB, et al. Comparison of tirzepatide and dulaglutide on major adverse cardiovascular events in participants with type 2 diabetes and atherosclerotic cardiovascular disease: SURPASS-CVOT design and baseline characteristics. Am Heart J. 2024;267:1-11. doi:10.1016/j.ahj.2023.09.007.
  4. Schneeweiss S, Krüger N. Non-Randomized Database Analyses to Complement Randomized Clinical Trials: Promising Approaches for Cardiovascular Medicine. Circulation. 2025 May 27;151(21):1495-149
  5. Krüger N, Schneeweiss S, Desai RJ, Sreedhara SK, Kehoe AR, Fuse K, Hahn G, Schunkert H, Wang SV. Cardiovascular outcomes of semaglutide and tirzepatide for patients with type 2 diabetes in clinical practice. Nat Med. 2026 Jan;32(1):342-352.
  6. Green JB, Bethel MA, Armstrong PW, et al.; TECOS Study Group. Effect of Sitagliptin on Cardiovascular Outcomes in Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2015 Jul 16;373(3):232-42.

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