Ljubljana

Körperliche Aktivität kurz nach Herzinfarkt unbedenklich?

ESC Preventive Cardiology 2026 | Young Investigator Award Session: Eine prospektive Kohortenstudie untersuchte, inwieweit körperliche Aktivität kurz nach einem Myokardinfarkt mit kardiovaskulären Ereignissen in Verbindung steht. Rik Dijkman (Radboud University Medical Centre, Nijmegen, Niederlande) stellte die Daten vor.1,2

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

23.04.2026

Bildquelle (Bild oben): Gallwis / Shutterstock.com

Körperliche Aktivität ist unerlässlich, um das Fortschreiten der Erkrankung bei Patientinnen und Patienten nach einem Myokardinfarkt (MI) zu verhindern. Die Teilnahme an einem auf Bewegung basierenden kardiologischen Rehabilitationsprogramm wird empfohlen3,4 und beginnt in der Regel einige Wochen nach einem MI. In der klinischen Praxis wird körperliche Aktivität in der ersten Woche nach Entlassung aufgrund von Sicherheitsbedenken häufig eingeschränkt, obwohl belastbare Daten bislang fehlen. Angesichts zunehmend verkürzter Krankenhausaufenthalte und einer früheren Rückkehr in das häusliche Umfeld gewinnt die Frage nach der Sicherheit früher körperlicher Aktivität zusätzlich an Relevanz.

Körperliche Aktivität in der frühen Postinfarktphase

Diese prospektive Kohortenstudie umfasste konsekutiv eingeschlossene Patientinnen und Patienten, die wegen eines MI im Radboud University Medical Centre hospitalisiert wurden. Die Teilnehmenden erhielten einen am Oberschenkel getragenen Beschleunigungsmesser, um ihr körperliches Aktivitätsniveau während der ersten Woche nach der Entlassung zu messen. Die Patientinnen und Patienten wurden anhand des Medianwerts in eine Gruppe mit hoher oder niedriger körperlicher Aktivität nach der Entlassung eingeteilt. Die körperliche Aktivität vor der Aufnahme wurde retrospektiv anhand eines validierten Fragebogens erfasst.


Der primäre Endpunkt war die Inzidenz schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse (MACE; Gesamtmortalität, weiterer MI, ungeplante koronare Revaskularisation, akute Herzinsuffizienz und Schlaganfall) nach 1, 3 und 6 Monaten. Ein sekundärer Endpunkt war das Auftreten von MACE über einen Zeitraum von 5 Jahren in Abhängigkeit vom körperlichen Aktivitätsniveau vor der Hospitalisierung und nach der Entlassung.

Frühe körperliche Aktivität ohne Risikoerhöhung

Die Analysepopulation umfasste 165 Patientinnen und Patienten mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren, von denen 35 % weiblich waren.


Ein höheres Maß an körperlicher Aktivität nach der Entlassung war bei Patientinnen und Patienten nach einem MI zu keinem der Messzeitpunkte (1, 3 und 6 Monate) mit einem erhöhten Risiko für MACE verbunden. Nach 6 Monaten traten MACE bei 8,5 % der Teilnehmenden in der Gruppe mit hoher körperlicher Aktivität und bei 8,4 % in der Gruppe mit geringer körperlicher Aktivität nach der Entlassung auf.


Über einen Zeitraum von 5 Jahren gab es keinen signifikanten Unterschied hinsichtlich MACE zwischen Patientinnen und Patienten mit hoher bzw. geringer körperlicher Aktivität nach der Entlassung (adjustierte HR 1,85; 95%KI 0,96– 3,57; Log-Rank-Test p=0,33).

 

Im Gegensatz dazu wiesen Patientinnen und Patienten mit hoher körperlicher Aktivität vor der Hospitalisierung über einen Zeitraum von 5 Jahren gegenüber denjenigen mit geringer körperlicher Aktivität weniger Ereignisse und ein signifikant längeres MACE-freies Überleben auf (adjustierte HR 0,47; 95%KI 0,25– 0,86; Log-Rank-Test p=0,03).

 

Ein Zusammenhang zwischen prä- und poststationärem Aktivitätsniveau bestand nicht. Patientinnen und Patienten mit hohem prästationären Aktivitätsniveau kehrten nach der Entlassung also nicht automatisch zu diesem Niveau zurück.

Daten sprechen gegen restriktive Aktivitätsempfehlungen

„Erfreulicherweise deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass körperliche Aktivität nach der Entlassung nicht mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse verbunden war“, fasste Dijkman zusammen.4 „Die Zeit nach einem Herzinfarkt kann als ‚lehrreicher Moment‘ dienen, da Patientinnen und Patienten in dieser Phase möglicherweise aufgeschlossener dafür sind, ihr Lebensverhalten zu überdenken, und es scheint, dass die Förderung früher körperlicher Aktivität zu diesem Zeitpunkt unbedenklich ist.“ Das längere MACE-freie Überleben bei denjenigen, die vor der Einweisung körperlich aktiv waren, unterstreiche zudem die langfristigen schützenden Effekte und spreche weiter für die Förderung eines aktiven Lebensstils.

Key Facts der Studie

Eine prospektive Kohortenstudie untersuchte, ob körperliche Aktivität kurz nach einem Myokardinfarkt (MI) mit kardiovaskulären Ereignissen in Verbindung steht.

Ein höheres Maß an körperlicher Aktivität nach der Entlassung nach einem MI war nicht mit einem Anstieg kurz- oder langfristiger kardiovaskulärer Ereignisse verbunden, was eine frühzeitige Mobilisierung unterstützt. Außerdem war ein hohes Maß an körperlicher Aktivität vor der Einweisung mit einem verbesserten 5-Jahres-Überleben ohne Ereignisse verbunden, was die langfristigen schützenden Wirkungen eines aktiven Lebensstils unterstreicht.

Die vorliegenden Daten sprechen gegen eine generelle Restriktion körperlicher Aktivität in der ersten Woche nach Entlassung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass körperliche Aktivität nach der Entlassung nicht mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse verbunden ist. Die Zeit nach einem Herzinfarkt könnte als ‚lehrreicher Moment‘ dienen, da Patientinnen und Patienten in dieser Phase möglicherweise aufgeschlossener dafür sind, ihren Lebensstil zu überdenken.

Referenzen

  1. Dijkman R. Early post-discharge physical activity after myocardial infarction: safe and not linked to adverse outcomes. Vortrag, Young Investigator Award – Secondary Prevention and Rehabilitation session, 23.04.2026, Ljubljana, ESC Preventive Cardiology 2026.
  2. European Society of Cardiology (ESC). Study suggests that physical activity is safe early after a heart attack. Pressemitteilung, 23.04.2026.
  3. Visseren FLJ, et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42:3227−3337.
  4. Ambrosetti M, et al. Secondary prevention through comprehensive cardiovascular rehabilitation: From knowledge to implementation. 2020 update. A position paper from the Secondary Prevention and Rehabilitation Section of the European Association of Preventive Cardiology. Eur J Prev Cardiol. 2021;28:460−495.

Zur Übersichtsseite Prävention

Das könnte Sie auch interessieren

DGK-Jahrestagung 2026 | ACC / DGK expert talk on global topics with Prof. R. Mehran, Dr N. Wunderlich & Prof R. Rudolph.

Gefäßfunktion, Herzfrequenz und Proteom zeigen messbare Veränderungen bereits nach einer Nacht mit mäßigem Verkehrslärm laut aktueller Studie.

ESC Preventive Cardiology 2026 | Featured Lecture – Hypertonie und Non-HDL-C: Frühe Intervention senkt das CV-Risiko deutlich. Von Prof. C. Magnussen.