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Längere Antikoagulation nach idiopathischer VTE?

Eine emulierte Studie mit über 40.000 Personen aus den USA untersuchte, ob die Verlängerung der oralen Antikoagulation über 90 Tage hinaus nach unprovozierter (idiopathischer) venöser Thromboembolie (VTE) Vorteile bringt.1 

 

Prof. Christiane Tiefenbacher (Marienhospital Wesel) berichtet und kommentiert.

Von:

Prof. Christiane Tiefenbacher

Rubrikleiterin Angiologie

 

08.05.2026

Bildquelle (Bild oben): ustas777 / Shutterstock.com

Die Dauer der Antikoagulation nach einer idiopathischen venösen Thrombembolie (VTE) ist unklar. Nach 3 Monaten soll nach aktuellen Leitlinien eine Fortsetzung der Antikoagulation erwogen werden, dabei soll sowohl die Verträglichkeit der Antikoagulantien, das individuelle Blutungsrisiko aber auch der Patientenwunsch miteinbezogen werden.2

 

Die Tendenz ging in den letzten Leitlinienempfehlungen zu einer verlängerten Antikoagulation, vor allem bei Behandlung mit Rivaroxaban oder Apixaban, die - gemäß den Ergebnissen entsprechender Studien - nach Abschluss der initialen Therapiephase auch in reduzierter Dosierung eingesetzt werden können. In diesem Kontext sind die Ergebnisse der Untersuchung von Lin et al. im Rahmen der „Target Trial Emulation“ auf Basis von Versorgungsdaten interessant und hilfreich.1 

Studiendesign

Ausgewertet wurden anonymisierte Versicherungsdaten von über 70.000 Patientinnen und Patienten aus zwei großen amerikanischen Datenbanken. Ein hypothetisches randomisiertes Studiendesign wurde dafür emuliert. Eingeschlossen wurden Patientinnen und Patienten mit idiopathischer VTE, die mindestens über 90 Tage mit oralen Antikoagulantien (OAC) behandelt wurden (Vitamin-K-Antagonisten oder DOAK). 


Eine Gruppe erhielt eine fortgesetzte Antikoagulation, bei der zweiten Gruppe wurde die Antikoagulation beendet. Der primäre Effektivitätsendpunkt war definiert als Krankenhausaufenthalte aufgrund von VTE-Rezidiven, der primäre Sicherheitsendpunkt als schwere Blutungskomplikationen.

 

Sekundäre Endpunkte waren der klinische Nettonutzen (VTE-Rezidive + Blutungen) und die Gesamtmortalität. Die Analysen wurden stratifiziert je nach Dauer der initialen OAC-Therapie (90–179 Tage, 180–359 Tage, 360–719 Tage, 720–1079 Tage oder >1.080 Tage).

Ergebnisse

Insgesamt wurden jeweils rund 20.000 Personen mit regulärer OAK über 90 Tage bzw. längerer OAK eingeschlossen. Die Baseline-Charakteristika beider Gruppen waren vergleichbar (mittleres Alter 74 Jahre und 57 % Frauen). 

 

Im Ergebnis führte die Fortsetzung der Antikoagulation zu einem um etwa 80 % verminderten Rezidivrisiko (HR 0,19; 95%KI [0,13; 0,29]). Auf der anderen Seite war das Blutungsrisiko um etwa 75 % erhöht (HR 1,75; 95%KI [1,52; 2,02]). Die Gesamtmortalität war jedoch in der Gruppe mit fortgesetzter Antikoagulation um 25 % erniedrigt (HR 0,74; 95%KI [0,69; 0,79]).

 

Die Ergebnisse waren nicht unterschiedlich für Subgruppen von Patientiennen und Patienten (Alter, Geschlecht, Nierenerkrankung, Lungenembolie versus tiefe Beinvenenthrombose, Blutungsrisiko). Nach den Ergebnissen der Analyse ist somit die Fortführung einer Antikoagulationstherapie über 3 Monate hinaus bei Patientinnen und Patienten mit idiopathischer VTE vorteilhaft.

Fazit und Kommentar

Letztendlich unterstützen die Ergebnisse dieser Untersuchung das Konzept einer verlängerten Antikoagulation nach idiopathischer VTE und zeigen in Summe sogar einen Vorteil im Hinblick auf die Mortalität. Bis zum Vorliegen prospektiver Studiendaten mit langen Nachbeobachtungszeiträumen ist jedoch weiterhin eine indivíduelle Therapie unter Berücksichtigung des spezifischen Blutungsrisikos und der Präferenz der Patientinnen und Patienten zu empfehlen.

Zur Person

Prof. Christiane Tiefenbacher

Prof. Christiane Tiefenbacher ist Chefärztin am Marienhospital Wesel und Fachärztin für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie. Sie verfügt über Zusatzbezeichnungen in der interventionellen Kardiologie und Angiologie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der vaskulären und klinischen Forschung, insbesondere bei pAVK, KHK, Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern.
Portraitbild Prof. Christiane Tiefenbacher

Key Facts der Studie

Target Trial Emulation zu der Frage, ob Personen mit unprovozierter (idiopathischer) VTE von einer verlängerten OAK im Vergleich zur regulären OAK über 90 Tage profitieren.

Die längere OAK verminderte das Rezidivrisiko um 80 %, aber erhöhte das Blutungsrisiko um 75 %. Die Gesamtmortalität wurde durch die längere OAK um 25 % gesenkt. 

Die Ergebnisse sprechen für eine verlängerte OAK nach idiopathischer VTE. Solange bis prospektive Langzeit-Studien vorliegen, ist allerdings weiterhin eine individuelle Dauer der OAK zu empfehlen. 

Referenzen

  1. Lin KJ et al. Continued versus discontinued oral anticoagulant treatment for unprovoked venous thrombembolism: target trial emulation. BMJ 2025;391: e084380.DOI: 10,1136/bmj-2025-084380 
  2. Ortel TL et al. American Society of Hematology 2020 guidelines for management of venous thromboembolism: treatment of deep vein thrombosis and pulmonary embolism. Blood Adv. 2020;4(19):4693-4738. doi: 10.1182/bloodadvances.2020001830. 

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