Die Dauer der Antikoagulation nach einer idiopathischen venösen Thrombembolie (VTE) ist unklar. Nach 3 Monaten soll nach aktuellen Leitlinien eine Fortsetzung der Antikoagulation erwogen werden, dabei soll sowohl die Verträglichkeit der Antikoagulantien, das individuelle Blutungsrisiko aber auch der Patientenwunsch miteinbezogen werden.2
Die Tendenz ging in den letzten Leitlinienempfehlungen zu einer verlängerten Antikoagulation, vor allem bei Behandlung mit Rivaroxaban oder Apixaban, die - gemäß den Ergebnissen entsprechender Studien - nach Abschluss der initialen Therapiephase auch in reduzierter Dosierung eingesetzt werden können. In diesem Kontext sind die Ergebnisse der Untersuchung von Lin et al. im Rahmen der „Target Trial Emulation“ auf Basis von Versorgungsdaten interessant und hilfreich.1
Ausgewertet wurden anonymisierte Versicherungsdaten von über 70.000 Patientinnen und Patienten aus zwei großen amerikanischen Datenbanken. Ein hypothetisches randomisiertes Studiendesign wurde dafür emuliert. Eingeschlossen wurden Patientinnen und Patienten mit idiopathischer VTE, die mindestens über 90 Tage mit oralen Antikoagulantien (OAC) behandelt wurden (Vitamin-K-Antagonisten oder DOAK).
Eine Gruppe erhielt eine fortgesetzte Antikoagulation, bei der zweiten Gruppe wurde die Antikoagulation beendet. Der primäre Effektivitätsendpunkt war definiert als Krankenhausaufenthalte aufgrund von VTE-Rezidiven, der primäre Sicherheitsendpunkt als schwere Blutungskomplikationen.
Sekundäre Endpunkte waren der klinische Nettonutzen (VTE-Rezidive + Blutungen) und die Gesamtmortalität. Die Analysen wurden stratifiziert je nach Dauer der initialen OAC-Therapie (90–179 Tage, 180–359 Tage, 360–719 Tage, 720–1079 Tage oder >1.080 Tage).
Insgesamt wurden jeweils rund 20.000 Personen mit regulärer OAK über 90 Tage bzw. längerer OAK eingeschlossen. Die Baseline-Charakteristika beider Gruppen waren vergleichbar (mittleres Alter 74 Jahre und 57 % Frauen).
Im Ergebnis führte die Fortsetzung der Antikoagulation zu einem um etwa 80 % verminderten Rezidivrisiko (HR 0,19; 95%KI [0,13; 0,29]). Auf der anderen Seite war das Blutungsrisiko um etwa 75 % erhöht (HR 1,75; 95%KI [1,52; 2,02]). Die Gesamtmortalität war jedoch in der Gruppe mit fortgesetzter Antikoagulation um 25 % erniedrigt (HR 0,74; 95%KI [0,69; 0,79]).
Die Ergebnisse waren nicht unterschiedlich für Subgruppen von Patientiennen und Patienten (Alter, Geschlecht, Nierenerkrankung, Lungenembolie versus tiefe Beinvenenthrombose, Blutungsrisiko). Nach den Ergebnissen der Analyse ist somit die Fortführung einer Antikoagulationstherapie über 3 Monate hinaus bei Patientinnen und Patienten mit idiopathischer VTE vorteilhaft.
Letztendlich unterstützen die Ergebnisse dieser Untersuchung das Konzept einer verlängerten Antikoagulation nach idiopathischer VTE und zeigen in Summe sogar einen Vorteil im Hinblick auf die Mortalität. Bis zum Vorliegen prospektiver Studiendaten mit langen Nachbeobachtungszeiträumen ist jedoch weiterhin eine indivíduelle Therapie unter Berücksichtigung des spezifischen Blutungsrisikos und der Präferenz der Patientinnen und Patienten zu empfehlen.