Die akute Lungenembolie bleibt eine der klinisch folgenreichsten kardiovaskulären Notfallsituationen. Entsprechend hoch ist der Anspruch an eine Leitlinie, die nicht nur Diagnose und Therapie strukturiert, sondern auch die Schnittstellen zwischen Notaufnahme, Intensivmedizin, interventioneller Therapie und ambulanter Nachsorge abbildet.
Seit dem Erscheinen der letzten europäischen Leitlinie 2019 ist dies nun die erste Leitlinie, die zahlreiche neu geschaffene Evidenz inkludiert. Die 2026 publizierte AHA/ACC/ACCP/ACEP/CHEST/SCAI/SHM/SIR/SVM/SVN-Leitlinie beleuchtet den gesamten Weg von der klinischen Verdachtsdiagnose bis in die frühe Nachsorge. Ihre auffälligste Neuerung ist die Einführung einer neuen Risikostratifizierung „Acute Pulmonary Embolism Clinical Categories“ von A bis E, die sehr viel dünnschichtiger ist als die bisherigen ESC-Kategorien.
Diagnostik: erst die Vortestwahrscheinlichkeit, dann die Bildgebung
In der Diagnostik setzte die Leitlinie einen stärkeren Fokus auf klinische Untersuchungsmodalitäten, noch bevor apparative Diagnostik erfolgt: bei Anamnese, klinischer Untersuchung und strukturierter Abschätzung der klinischen Vortestwahrscheinlichkeit. Empfohlen wird ein gezieltes klinisches Assessment mit Erfassung typischer Risikofaktoren und Symptomkonstellationen. Bei niedriger oder intermediärer klinischer Wahrscheinlichkeit kann eine altersadaptierte D-Dimer-Strategie die Lungenembolie effektiv ausschließen und unnötige Bildgebung vermeiden. Auch der YEARS-Algorithmus wird ausdrücklich als hilfreich eingeordnet; in der Schwangerschaft wird die schwangerschaftsadaptierte YEARS-Strategie als sinnvolle Option genannt.
In der Bildgebung positioniert sich die Leitlinie klar: Die CTPA ist die bevorzugte Standardmethode zur Bestätigung einer akuten Lungenembolie. Eine positive CTPA oder ein hochwahrscheinlicher Ventilations-/Perfusions-Scan reichen zur Diagnosestellung aus. Wenn eine CTPA nicht möglich ist, wird die V/Q-Diagnostik bevorzugt – idealerweise als V/Q-SPECT statt als planare Szintigrafie. Die Echokardiografie ist lediglich ein Tool zur Risikostratifizierung und nicht zur Bestätigung oder zum Ausschluss einer Lungenembolie geeignet.
Ganz konkret soll die Rechtsherzfunktion nun standardisiert dokumentiert werden – sowohl in der Echokardiografie als auch in der CTPA-Befundung. Praktisch relevant ist zudem die Aufwertung standardisierter Befundung. Die Leitlinie empfiehlt die numerische Angabe des RV/LV-Verhältnisses durch die Radiologie. In der Echokardiografie sollen RV/LV-Ratio, RV-Durchmesser, TAPSE, geschätzter RV-systolischer Druck, McConnell-Zeichen, Trikuspidalgeschwindigkeit, septale Fehlbewegung und IVC-Kollaps standardisiert dokumentiert werden.
Die eigentliche Neuerung: die neuen AHA/ACC-Kategorien A bis E
Der größte konzeptionelle Schritt dieser Leitlinie ist die neue klinische Kategorisierung der akuten Lungenembolie. Das Dokument grenzt sich damit ausdrücklich von älteren, groberen Schemata ab, etwa der 3-Stufen-Einteilung des AHA-Statements von 2011 und dem 4-Stufen-Modell der ESC von 2019. Die neue AHA/ACC-Systematik will die Heterogenität klinischer Verläufe besser abbilden und insbesondere jene Patientinnen und Patienten erfassen, die noch nicht im Schock sind, aber bereits in eine präterminal instabile Richtung dekompensieren.
- Kategorie A umfasst asymptomatische, inzidentelle Lungenembolien.
- Kategorie B beschreibt symptomatische Patientinnen und Patienten mit niedriger klinischer Schwere, etwa bei niedrigem PESI, sPESI oder Hestia-Score.
- Kategorie C umfasst symptomatische Patientinnen und Patienten mit erhöhter klinischer Schwere, bei denen Biomarker und/oder rechtsventrikuläre Dysfunktion die weitere Untergliederung bestimmen.
- Kategorie D ist besonders bemerkenswert: Sie beschreibt die „incipient cardiopulmonary failure“, also Vorstadien des manifesteren Kreislaufversagens, einschließlich normotensivem Schock.
- Kategorie E schließlich steht für das eigentliche kardiopulmonale Versagen mit persistierender Hypotonie, refraktärem Schock oder Kreislaufstillstand.
Ergänzt wird das System durch einen respiratorischen Modifikator „R“ bei prominenter Hypoxämie, Tachypnoe oder relevantem Sauerstoffbedarf.
Diese Neuerung ist bemerkenswert, denn sie versucht, die bisherige Unschärfe zu lösen, wenn es darum geht, Patientinnen und Patienten eindeutig und frühzeitig zu identifizieren, die von einer intensiveren Überwachung oder einer interventionellen Therapie profitieren. Die Leitlinie versucht damit, drei bislang oft unterbelichtete Konstellationen besser abzubilden: erstens die asymptomatische inzidentelle Embolie, zweitens die respiratorisch dominierte Präsentation ohne hämodynamische Kompromittierung und drittens normotensive, aber bereits hypoperfundierte Patientinnen und Patienten. Gerade diese Borderline-Gruppe kurz vor dem kardiogenem Schock ist klinisch die schwierigste. Hier setzt die Leitlinie mit der Kategorie D und dem Begriff des normotensiven Schocks einen neuen Akzent. Dazu empfiehlt sie ausdrücklich, bei Kategorie D2 nach Zeichen der Hypoperfusion zu suchen, und bei den Kategorien C bis E neben Troponin und BNP auch Laktat systematisch zu bestimmen. Selbst ein mittlerer arterieller Druck unter 80 mmHg wird als potenzielles Eskalationssignal gewertet.
Konsequenzen für die Akutversorgung: Wer kann nach Hause, wer sollte auf den Kathetertisch?
Aus dieser neuen Risikologik leitet die Leitlinie unmittelbar Versorgungsentscheidungen ab: Asymptomatische Patientinnen und Patienten der Kategorie A müssen nicht hospitalisiert werden. Auch für selektionierte Patientinnen und Patienten der Kategorie B wird ein ambulanter Behandlungsweg oder eine frühe Entlassung ausdrücklich unterstützt, sofern strukturierte Entscheidungstools genutzt werden, ein niedriges 90-Tage-Risiko vorliegt, die Versorgung mit Antikoagulation gesichert ist und eine rasche fachkundige Nachsorge organisiert werden kann. Die Leitlinie nennt hierfür insbesondere Hestia, PESI und sPESI.
Umgekehrt sollen Patientinnen und Patienten der Kategorien C, D und E hospitalisiert werden. Wer eine Thrombolyse erhält, soll in einer Umgebung mit engmaschigem Monitoring behandelt werden. Für interventionelle Verfahren und komplexe Verläufe betont die Leitlinie die Bedeutung strukturierter Versorgungsmodelle und empfiehlt ausdrücklich Pulmonary Embolism Response Teams (PERT), um Diagnostik, Entscheidungswege und Therapietiming zu verbessern. Die Leitlinie behandelt das PERT-Modell nicht optional, sondern als qualitätsrelevanten Bestandteil moderner Lungenembolieversorgung und setzt somit als erste internationale Leitlinie einen klares Statemtent für die flächendeckende Einrichtung von PERT-Strukturen.
Systemische Thrombolyse, kathetergestützte Lyse, mechanische Thrombektomie und chirurgische Embolektomie werden als sinnvolle Optionen bei Kategorie E1 gesehen und können bei D1–D2 in Betracht gezogen werden. Die Leitlinie formuliert hier keine einfache Prozeduren-Hierarchie, sondern bleibt in der klinischen Realität: Die Auswahl der richtigen erweiterten Therapieoptionen ist immer individuell und entsteht im Zusammenspiel aus klinischer Kategorie, Blutungsrisiko, hämodynamischer Dynamik, lokaler Expertise und multidisziplinärer Entscheidung.
Antikoagulation bleibt das Fundament
Trotz aller Diskussionen um interventionelle Strategien bleibt die Antikoagulation das therapeutische Fundament. Wenn initial eine parenterale Antikoagulation erforderlich ist, wird bei den Kategorien C1 bis E1 nun klar niedermolekulares Heparin gegenüber unfraktioniertem Heparin bevorzugt. Bei oraler Antikoagulation werden DOAK gegenüber Vitamin-K-Antagonisten empfohlen, sofern keine Kontraindikationen bestehen.
Die Leitlinie adressiert auch mehrere Sondersituationen, die relevant für den klinischen Alltag sind: Antiphospholipid-Syndrom, Hirntumore, chronische Niereninsuffizienz, Schwangerschaft und Stillzeit. In der Schwangerschaft positioniert sie sich für UFH. Beim Antiphospholipid-Syndrom wird VKA bevorzugt. Bei Personen mit Hirntumoren empfiehlt die Leitlinie DOAKs gegenüber niedermolekularem Heparin.
Nachsorge: Ganzheitliches Lungenembolie-Management endet nicht bei der Entlassung
Eine weitere Stärke dieser Leitlinie ist die systematische Aufwertung der Nachsorge. Sie endet nicht mit der Entlassung, sondern denkt die akute Lungenembolie als Erkrankung mit potenziell langem funktionellem Nachhall. Bereits das erste Follow-up soll früh erfolgen, innerhalb von 7 Tagen. In der initialen Behandlungsphase von 3 bis 6 Monaten sollen Dauer und Strategie der Antikoagulation, Rezidivrisiko, potenzielle Trigger und Begleiterkrankungen sowie praktische Fragen des Alltagsmanagements besprochen werden.
Von besonderer Tragweite ist die Empfehlung, Patientinnen und Patienten nach akuter Lungenembolie bei jeder Visite über mindestens ein Jahr aktiv nach belastungsabhängiger Dyspnoe und funktionellen Einschränkungen zu evaluieren. Damit rückt die Leitlinie postakute Syndrome, insbesondere CTEPD, deutlich stärker in den Fokus. Nicht jede erfolgreiche Akuttherapie ist automatisch auch ein gutes Langzeitergebnis. Für komplexe Verläufe, bestehende Symptome, individuelle Antikoagulationsregime, Schwangerschaft oder Rezidivkonstellationen empfiehlt die Leitlinie ausdrücklich die Anbindung an spezialisierte Strukturen.
Zudem stellt die Leitlinie dar, dass die routinemäßige Kontroll-CTPA keinen Stellenwert hat. Für die Verlaufskontrolle asymptomatischer Patientinnen und Patienten ist sie nicht indiziert – insbesondere sollte sie nicht zur Festlegung der Antikoagulationsdauer herangezogen werden.
Warum diese Leitlinie besonders ist
Das eigentlich Neue dieser Leitlinie ist nicht, dass sie einzelne Therapiebausteine neu sortiert. Neu ist, dass sie die akute Lungenembolie endlich als dynamisches klinisches Syndrom beschreibt und nicht nur als statische Schublade „niedrig“, „intermediär“ oder „hoch“. Die Kategorien D und E, der respiratorische Modifikator und die stärkere Betonung des normotensiven Schocks schließen eine Lücke, die in der Versorgung seit Jahren sichtbar ist: Es gibt eben jene Patientinnen und Patienten, die noch keinen manifesten Schock haben, aber erkennbar kippen. Genau für diese Gruppe ist die Leitlinie deutlich granularer und schafft mehr Struktur.
Ein zweiter Punkt ist die bemerkenswerte Verzahnung von Diagnostik, Triage, Intervention und Nachsorge. Die Leitlinie ist ein Versorgungspfad-Dokument. PERT, ambulante Therapie bei Niedrigrisiko, standardisierte RV-Befundung, frühe Nachsorge und Screening auf CTEPD gehören hier ausdrücklich zusammen. Das ist in dieser Konsequenz neuartig und richtig.
Im Vergleich zu dem, was in Deutschland bislang häufig stärker entlang der ESC-Terminologie gedacht wird, fallen aus Sicht dieses ACC-Dokuments vor allem vier Unterschiede ins Auge:
- Die neue AHA/ACC-Kategorisierung ist granularer als das klassische Low-/Intermediate-/High-risk-Schema.
- Die respiratorische Gefährdung wird explizit in die Klassifikation integriert.
- Der normotensive Schock erhält eine deutlich stärkere begriffliche und praktische Bedeutung – das Laktat wird im Zuge dessen in der Risikostratifizierung aufgewertet.
- Die Nachsorge wird mit mindestens einjährigem Symptom-Screening und klarer Spezialambulanzstruktur stärker operationalisiert.
Bei aller Begeisterung und Gestaltungsfreude bleiben jedoch auch in dieser Leitlinie Evidenzlücken offen: Die neuen Kategorien müssen prospektiv validiert werden. Es braucht bessere Prädiktoren dafür, wer tatsächlich von fortgeschrittenen Therapien profitiert. Die Rolle der Thrombuslast ist nicht abschließend geklärt. Und gerade für katheterbasierte Verfahren bedarf es robuste vergleichende Wirksamkeitsdaten. Genau dort dürfte sich die nächste Leitliniengeneration bewegen. Studienprogramme, die künftig die Selektion für interventionelle Therapien und deren Stellenwert gegenüber konservativen Strategien präzisieren, werden dieses Feld mit hoher Wahrscheinlichkeit verändern. Das gilt auch für Studien wie HI-PEITHO oder PEERLESS II: Sie werden in der hier besprochenen ACC-Leitlinie nicht inhaltlich aufgearbeitet. Am Ende bleibt die Frage, welche normotensiven, aber gefährdeten Patientinnen und Patienten von einer frühen Eskalation tatsächlich profitieren werden und wie genau zwischen den unterschiedlichen zur Verfügung stehenden Eskalationstools sinnvoll und patientenzentriert im Einzelfall entschieden werden soll.
Zur Person
Dr. Daniel Messiha
Dr. Daniel Messiha ist Oberarzt an der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrums der Universitätsmedizin Essen. Er leitet die Chest Pain Unit sowie das PERT der Uniklinik Essen und koordiniert das PE-NET Rhein-Ruhr. Seine klinischen Schwerpunkte liegen in der Akutkardiologie sowie im modernen interdisziplinären Management der Lungenarterienembolie.
Zur Person
Prof. Christos Rammos
Prof. Christos Rammos ist als Stellvertretender Klinikdirektor und Leiter der diagnostischen und interventionellen Angiologie am Universitätsklinikum Essen tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der kardiovaskulären Funktionsstörung mit besonderem Fokus auf Endothelfunktion, mikrobiomvermittelte Effekte und diätetische Interventionen sowie ferner Interventionen bei peripherer Verschlusskrankheit.
Take-aways
- Mit den „Acute Pulmonary Embolism Clinical Categories" (A–E) führt die Leitlinie eine granularere Risikostratifizierung ein; die akute Lungenembolie wird erstmals konsequent als dynamisches klinisches Syndrom beschrieben.
- Die Kategorisierung hat direkte Versorgungskonsequenzen: Niedrigrisikopatientinnen und -patienten (A/B) können teils ambulant behandelt werden, höhere Kategorien (C–E) erfordern stationäre und ggf. intensivierte Therapie. PERT wird als qualitätsrelevanter Standard betont.
- Antikoagulation bleibt das Fundament: niedermolekulares Heparin vor unfraktioniertem Heparin bei parenteraler Therapie, DOAKs vor VKA bei oraler Therapie – mit definierten Ausnahmen wie bei Antiphospholipid-Syndrom, chronischer Niereninsuffizienz, Schwangerschaft, Stillzeit und Hirntumoren.
- Die CTPA bleibt bevorzugte Standardmethode zur Diagnosestellung. Neu ist die Empfehlung zur standardisierten Dokumentation der Rechtsherzfunktion in Echokardiografie und CTPA.
- Die Nachsorge wird systematisch aufgewertet: Follow-up binnen 7 Tagen, aktives Symptomscreening über mindestens 1 Jahr, insbesondere auf CTEPD.
- Evidenzlücken bleiben: Die neuen Kategorien sind prospektiv zu validieren. Es braucht bessere Prädiktoren für den Nutzen fortgeschrittener Therapien und robuste Vergleichsdaten für katheterbasierte Verfahren.
Referenzen
- Creager MA, Barnes GD, Giri J, Mukherjee D, Jones WS, Burnett AE, et al. 2026 AHA/ACC/ACCP/ACEP/CHEST/SCAI/SHM/SIR/SVM/SVN Guideline for the Evaluation and Management of Acute Pulmonary Embolism in Adults: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. J Am Coll Cardiol. 2026;87(13):1626-710.
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