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Quick Dive: Kardiovaskuläre Erkrankungen bei Adipositas

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in das:

Management kardiovaskulärer Erkrankungen bei Adipositas

Konsensuspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Kooperation mit der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG), der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM), der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR), der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (DGA)

06.05.2026 | Verfasst von:  Andrea Baessler · Daniela Zurkan · Gert Bischoff · Katrin Esefeld · Melanie Huemmelgen · Jens Aberle · Harm Wienbergen · Matthias Blüher · Nikos Werner · Oliver J. Müller · Thomas Schmidt · Ulrich Laufs · Jana Boer

Von:

Melissa Wilke

DGK-Redaktion

 

29.06.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an die Erstautorin

Prof. Dr. Andreas Bäßler, Universitätsklinikum Regensburg

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Anlass der Publikation ist die hohe kardiovaskuläre Krankheitslast bei Adipositas und der daraus resultierende Bedarf an einer strukturierten, risikoadaptierten und interdisziplinären Empfehlung für die klinische Praxis. In der Versorgung werden die relevante Schnittstelle zwischen Adipositas und kardiovaskulären Erkrankungen, die Heterogenität der Erkrankung sowie adipositasspezifische diagnostische und therapeutische Besonderheiten bislang noch nicht ausreichend berücksichtigt.

 

Ziel des DGK-Konsensuspapiers ist es, evidenzbasierte und konsensgestützte Strategien für Prävention, Diagnostik und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen bei Adipositas strukturiert darzustellen und deren Umsetzung im klinischen Alltag zu unterstützen. Im Fokus stehen eine differenzierte Risikostratifizierung über den BMI hinaus sowie ein multimodales Behandlungskonzept aus Lebensstilintervention, moderner Pharmakotherapie, bariatrischen Verfahren, Rehabilitation und strukturierter sektorenübergreifender Langzeitbetreuung. Das Papier versteht sich dabei als interdisziplinäre praxisorientierte Handlungsempfehlung und ersetzt keine formale evidenzbasierte Leitlinie.

 

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Adipositas ist eine chronische, progrediente Erkrankung und ein zentraler, unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen – insbesondere bei viszeraler Fettakkumulation. 

     

  2. Die kardiovaskuläre Risikostratifizierung sollte über den BMI hinausgehen und Parameter der Fettverteilung sowie der Körperzusammensetzung unter Berücksichtigung geschlechterspezifischer Unterschiede systematisch einbeziehen. 

     

  3. Adipositas beeinflusst Pathophysiologie, klinische Manifestation und Prognose nahezu aller kardiovaskulären Erkrankungen, insbesondere HFpEF, KHK und Vorhofflimmern. 

     

  4. Diagnostik und Therapie erfordern die Berücksichtigung adipositasspezifischer Limitationen (z. B. Bildgebung, Biomarker) sowie prozeduraler und pharmakologischer Besonderheiten einschließlich veränderter Pharmakokinetik und -dynamik.

     

  5. Eine intentionale Gewichtsreduktion ist ein zentrales Therapieziel und führt zu klinisch relevanten Verbesserungen von Risikofaktoren, Funktion und Lebensqualität. Ungewollter Gewichtsverlust ist hingegen prognostisch ungünstig. Körperliche Aktivität trägt zusätzlich unabhängig vom Gewichtsverlust zur Prognoseverbesserung bei.

     

  6. Die Behandlung sollte stufenweise und multimodal erfolgen: Lebensstilintervention als Basis mit strukturierter Ernährungstherapie sowie regelmäßiger körperlicher Aktivität zur Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness, frühzeitige Eskalation durch evidenzbasierte Pharmakotherapie (insbesondere inkretinbasiert) und bei entsprechender Indikation bariatrische Verfahren – eingebettet in eine strukturierte, langfristige und sektorenübergreifende Versorgung einschließlich Rehabilitation und Nachsorge.

Übersicht zum Management kardiovaskulärer Erkrankungen bei Adipositas
© Bäßler, et. al. 2026.
Übersicht zum Management kardiovaskulärer Erkrankungen bei Adipositas

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Zentrale Herausforderungen bestehen darin, Adipositas im klinischen Alltag konsequent als chronische, progrediente Erkrankung zu erkennen und entsprechend langfristig zu behandeln. Gleichzeitig ist die kardiovaskuläre Diagnostik bei adipösen Patienten häufig limitiert (z. B. eingeschränkte Bildqualität, veränderte Biomarker), was eine angepasste Befundinterpretation und gegebenenfalls den frühzeitigen Einsatz alternativer Verfahren erfordert.

 

Eine weitere wesentliche Herausforderung ist die bislang unzureichend strukturierte Versorgung – insbesondere an der Schnittstelle zwischen Primärprävention und klinischer Therapie. Bevölkerungsweite, systematisch implementierte Präventionsstrategien zur Verhinderung der Adipositas sind in Deutschland bislang nur unzureichend etabliert.

 

Lösungsansätze umfassen eine strukturierte, risikoadaptierte und sektorenübergreifende Versorgung mit frühzeitiger Diagnostik und konsequenter Umsetzung multimodaler Therapiekonzepte. Parallel besteht ein klarer Bedarf an evidenzbasierten Präventionsstrategien auf Bevölkerungsebene – auch im Kontext neu entstehender präventivkardiologischer Strukturen innerhalb der DGK.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?

 

Offen bleiben insbesondere Fragen zur optimalen Strategie der Gewichtsreduktion bei bestehenden kardiovaskulären Erkrankungen. Vor allem bei HFrEF ist unklar, welche Patientengruppen in welchem Ausmaß von einer gezielten Gewichtsreduktion profitieren und wo potenzielle Risiken bestehen.

 

Weitere offene Punkte betreffen das optimale Timing und die Sequenz von Lebensstilintervention, Pharmakotherapie und bariatrischen Verfahren sowie die langfristige Gewichtsstabilisierung nach Beendigung medikamentöser Therapien.

 

Zudem besteht weiterhin Bedarf an einer besseren Risikostratifizierung über den BMI hinaus, insbesondere unter Berücksichtigung von Fettverteilung und Körperzusammensetzung sowie Strategien zum Erhalt der Muskelmasse.

 

Für viele Therapieansätze fehlen zudem prospektive Langzeitdaten mit harten kardiovaskulären Endpunkten.

 

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?


Die Adipositastherapie entwickelt sich zunehmend zu einem integralen Bestandteil der kardiovaskulären Medizin. Insbesondere inkretinbasierte Therapien haben bereits jetzt zu einer deutlichen Erweiterung der therapeutischen Optionen geführt. Zukünftige Studien zu dualen und kombinierten Wirkstoffen sowie zu harten kardiovaskulären Endpunkten werden die klinische Praxis weiter prägen.

 

Parallel zeichnet sich ein Wandel hin zu einer differenzierteren, phänotyp- und risikoadaptierten Versorgung ab. Neben dem BMI werden Parameter wie Fettverteilung, Körperzusammensetzung, Muskelmasse und funktionelle Kapazität stärker in Diagnostik und Therapie einbezogen werden.

 

Darüber hinaus werden sektorenübergreifende Versorgungskonzepte, DMP-Strukturen, Präventionsprogramme, digitale Anwendungen und spezialisierte Fortbildungsangebote weiter an Bedeutung gewinnen.

Weiter zur vorgestellten Publikation:

Management kardiovaskulärer Erkrankungen bei Adipositas 

Baessler, A., Zurkan, D., Bischoff, G. et al.  

Kardiologie (2026).

https://doi.org/10.1007/s12181-026-00813-8

Zur Person

Prof. Andrea Bäßler

Prof. Andrea Bäßler ist Oberärztin am Universitären Herzzentrum des Universitätsklinikums Regensburg und leitet die kardiologische Ambulanz. Sie besitzt Zusatzqualifikationen als Gendermedizinerin (DGesGM) und Lipidologin (DGFF). Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u. a. Metabolisches Syndrom, Lipidstoffwechselstörungen, Versorgungsforschung und kardiovaskuläre Prävention.
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Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

CardioCards behandeln im Wesentlichen Themen der Diagnostik und Akuttherapie für den ambulanten Bereich. Hier werden die essenziellen Informationen von Leitlinien komprimiert und übersichtlich zusammengefasst.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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