Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Anlass der Publikation ist die hohe kardiovaskuläre Krankheitslast bei Adipositas und der daraus resultierende Bedarf an einer strukturierten, risikoadaptierten und interdisziplinären Empfehlung für die klinische Praxis. In der Versorgung werden die relevante Schnittstelle zwischen Adipositas und kardiovaskulären Erkrankungen, die Heterogenität der Erkrankung sowie adipositasspezifische diagnostische und therapeutische Besonderheiten bislang noch nicht ausreichend berücksichtigt.
Ziel des DGK-Konsensuspapiers ist es, evidenzbasierte und konsensgestützte Strategien für Prävention, Diagnostik und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen bei Adipositas strukturiert darzustellen und deren Umsetzung im klinischen Alltag zu unterstützen. Im Fokus stehen eine differenzierte Risikostratifizierung über den BMI hinaus sowie ein multimodales Behandlungskonzept aus Lebensstilintervention, moderner Pharmakotherapie, bariatrischen Verfahren, Rehabilitation und strukturierter sektorenübergreifender Langzeitbetreuung. Das Papier versteht sich dabei als interdisziplinäre praxisorientierte Handlungsempfehlung und ersetzt keine formale evidenzbasierte Leitlinie.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
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Adipositas ist eine chronische, progrediente Erkrankung und ein zentraler, unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen – insbesondere bei viszeraler Fettakkumulation.
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Die kardiovaskuläre Risikostratifizierung sollte über den BMI hinausgehen und Parameter der Fettverteilung sowie der Körperzusammensetzung unter Berücksichtigung geschlechterspezifischer Unterschiede systematisch einbeziehen.
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Adipositas beeinflusst Pathophysiologie, klinische Manifestation und Prognose nahezu aller kardiovaskulären Erkrankungen, insbesondere HFpEF, KHK und Vorhofflimmern.
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Diagnostik und Therapie erfordern die Berücksichtigung adipositasspezifischer Limitationen (z. B. Bildgebung, Biomarker) sowie prozeduraler und pharmakologischer Besonderheiten einschließlich veränderter Pharmakokinetik und -dynamik.
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Eine intentionale Gewichtsreduktion ist ein zentrales Therapieziel und führt zu klinisch relevanten Verbesserungen von Risikofaktoren, Funktion und Lebensqualität. Ungewollter Gewichtsverlust ist hingegen prognostisch ungünstig. Körperliche Aktivität trägt zusätzlich unabhängig vom Gewichtsverlust zur Prognoseverbesserung bei.
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Die Behandlung sollte stufenweise und multimodal erfolgen: Lebensstilintervention als Basis mit strukturierter Ernährungstherapie sowie regelmäßiger körperlicher Aktivität zur Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness, frühzeitige Eskalation durch evidenzbasierte Pharmakotherapie (insbesondere inkretinbasiert) und bei entsprechender Indikation bariatrische Verfahren – eingebettet in eine strukturierte, langfristige und sektorenübergreifende Versorgung einschließlich Rehabilitation und Nachsorge.
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Zentrale Herausforderungen bestehen darin, Adipositas im klinischen Alltag konsequent als chronische, progrediente Erkrankung zu erkennen und entsprechend langfristig zu behandeln. Gleichzeitig ist die kardiovaskuläre Diagnostik bei adipösen Patienten häufig limitiert (z. B. eingeschränkte Bildqualität, veränderte Biomarker), was eine angepasste Befundinterpretation und gegebenenfalls den frühzeitigen Einsatz alternativer Verfahren erfordert.
Eine weitere wesentliche Herausforderung ist die bislang unzureichend strukturierte Versorgung – insbesondere an der Schnittstelle zwischen Primärprävention und klinischer Therapie. Bevölkerungsweite, systematisch implementierte Präventionsstrategien zur Verhinderung der Adipositas sind in Deutschland bislang nur unzureichend etabliert.
Lösungsansätze umfassen eine strukturierte, risikoadaptierte und sektorenübergreifende Versorgung mit frühzeitiger Diagnostik und konsequenter Umsetzung multimodaler Therapiekonzepte. Parallel besteht ein klarer Bedarf an evidenzbasierten Präventionsstrategien auf Bevölkerungsebene – auch im Kontext neu entstehender präventivkardiologischer Strukturen innerhalb der DGK.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Offen bleiben insbesondere Fragen zur optimalen Strategie der Gewichtsreduktion bei bestehenden kardiovaskulären Erkrankungen. Vor allem bei HFrEF ist unklar, welche Patientengruppen in welchem Ausmaß von einer gezielten Gewichtsreduktion profitieren und wo potenzielle Risiken bestehen.
Weitere offene Punkte betreffen das optimale Timing und die Sequenz von Lebensstilintervention, Pharmakotherapie und bariatrischen Verfahren sowie die langfristige Gewichtsstabilisierung nach Beendigung medikamentöser Therapien.
Zudem besteht weiterhin Bedarf an einer besseren Risikostratifizierung über den BMI hinaus, insbesondere unter Berücksichtigung von Fettverteilung und Körperzusammensetzung sowie Strategien zum Erhalt der Muskelmasse.
Für viele Therapieansätze fehlen zudem prospektive Langzeitdaten mit harten kardiovaskulären Endpunkten.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Die Adipositastherapie entwickelt sich zunehmend zu einem integralen Bestandteil der kardiovaskulären Medizin. Insbesondere inkretinbasierte Therapien haben bereits jetzt zu einer deutlichen Erweiterung der therapeutischen Optionen geführt. Zukünftige Studien zu dualen und kombinierten Wirkstoffen sowie zu harten kardiovaskulären Endpunkten werden die klinische Praxis weiter prägen.
Parallel zeichnet sich ein Wandel hin zu einer differenzierteren, phänotyp- und risikoadaptierten Versorgung ab. Neben dem BMI werden Parameter wie Fettverteilung, Körperzusammensetzung, Muskelmasse und funktionelle Kapazität stärker in Diagnostik und Therapie einbezogen werden.
Darüber hinaus werden sektorenübergreifende Versorgungskonzepte, DMP-Strukturen, Präventionsprogramme, digitale Anwendungen und spezialisierte Fortbildungsangebote weiter an Bedeutung gewinnen.