Ein erhöhter Lp(a)-Spiegel ist genetisch determiniert und gilt als unabhängiger Risikofaktor für Atherosklerose und daraus resultierende kardiovaskuläre Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit (KHK), Myokardinfarkt und Schlaganfall. Internationale Leitlinien empfehlen, mindestens einmal im Leben den Lp(a)-Wert zu messen, um Personen mit hohem Risiko frühzeitig zu identifizieren und primärpräventiv zu behandeln. Unklar ist jedoch bislang, welche Bedeutung klinisch verwendete Lp(a)-Grenzwerte für das langfristige kardiovaskuläre Risiko haben, insbesondere bei gesunden Frauen ohne bekannte kardiovaskuläre Vorerkrankungen. Frauen entwickeln kardiovaskuläre Erkrankungen später als Männer und sind in vielen klinischen Studien unterrepräsentiert. Vor diesem Hintergrund wurde in dieser prospektiven Registerstudie der Zusammenhang zwischen Lp(a)-Spiegeln und dem 30-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bei gesunden Frauen im Alter von 45 Jahren in der Women’s Health Study untersucht.
Als primärer Endpunkt wurden schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (koronare Herzkrankheit, ischämischer Schlaganfall und kardiovaskulärer Tod) über 30 Jahre (im Zeitraum von 1993 bis 2023) erfasst. Zur Berechnung der Hazard Ratios (HR) wurden alters- und multivariabel adjustierte Cox-Modelle verwendet.
Insgesamt wurden 27.748 gesunde Frauen mit Lp(a)-Werten zur Baseline und 23.279 Frauen mit Daten zum rs3798220-Genotyp eingeschlossen. Das mediane Alter betrug 53 (49–60) Jahre. Über das mediane Follow-up von 27,8 (22,8–29,4) Jahren traten insgesamt 3.707 kardiovaskuläre Ereignisse auf, darunter 3.165 schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE).
Die Lp(a)-Spiegel waren ab einem Schwellenwert von 30 mg/dl mit einem erhöhten 30-Jahres-Risiko für MACE und KHK assoziiert. Stark erhöhte Lp(a)-Spiegel (>120 mg/dl) waren zusätzlich mit einem erhöhten Risiko für ischämischen Schlaganfall und kardiovaskulären Tod verbunden. Auch Trägerinnen des Allels rs3798220 hatten ein erhöhtes MACE-Risiko.
Adjustierte HR (95%KI) für Lp(a)Spiegel >120 mg/dl vs. <10 mg/dl und >99. vs. <50. Perzentil:
- MACE: HR 1,54 (1,24; 1,92) und HR 1,74 (1,35; 2,25)
- KHK: HR 1,80 (1,36; 2,37) und HR 2,06 (1,49; 2,84)
- Schlaganfall: HR 1,41 (0,93; 2,15) und HR 1,85 (1,17; 2,93)
- Kardiovaskulärer Tod: HR 1,63 (1,16; 2,28) und HR 1,86 (1,26; 2,72)
In dieser prospektiven Registerstudie wurde gezeigt, dass Lp(a)-Spiegel >30 mg/dl bei gesunden jungen Frauen nicht nur mit einem erhöhten Risiko für KHK, sondern auch für kardiovaskulären Tod und Schlaganfall über 30 Jahre verbunden sind. Diese Erkenntnisse unterstützen die Empfehlung für das einmalige Lp(a)-Screening bei allen Erwachsenen, das optimalerweise bereits in jungem Alter erfolgen sollte. Dieses Jahr werden die Ergebnisse der beiden Pivotal-Studien Lp(a)HORIZON und OCEAN(a) erwartet. Daher ist davon auszugehen, dass bereits in naher Zukunft die ersten Lp(a)-senkenden Medikamente zur Verfügung stehen werden.
Die vorliegenden Langzeitdaten der Women’s Health Study liefern einen wichtigen Beitrag zur kardiovaskulären Risikostratifizierung bei Frauen. Sie zeigen, dass gesunde Frauen mit erhöhten Lipoprotein(a)-Werten über eine 30-jährige Nachbeobachtung ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse aufweisen, wobei das Risiko stufenweise mit zunehmenden Lp(a)-Schwellenwerten und Perzentilen ansteigt. Damit ergänzen die Analysen frühere Erkenntnisse, wonach Lp(a), LDL-Cholesterin und hsCRP bei Frauen im mittleren Lebensalter langfristig mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert sind.
Neu ist, dass in einer großen prospektiven Kohorte gesunder Frauen die klinisch gebräuchlichen Lp(a)-Schwellenwerte systematisch mit dem 30-Jahres-Risiko für koronare Herzkrankheit, ischämischen Schlaganfall und kardiovaskulären Tod verknüpft werden konnten. Damit wird Lp(a) als lebenslanger Risikotreiber bei Frauen klar bestätigt.
Besonders relevant ist diese Erkenntnis vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Unterschiede in der kardiovaskulären Erkrankungsdynamik. Frauen entwickeln kardiovaskuläre Erkrankungen typischerweise postmenopausal und später als Männer, wodurch ihr Risiko lange unterschätzt wird. Die vorliegenden Daten zeigen jedoch, dass sich ein im mittleren Lebensalter erhöhter Lp(a)-Spiegel prognostisch auswirkt und über Jahrzehnte zu einer relevanten absoluten Risikoakkumulation führt. Klinisch bedeutsam ist zudem, dass das Risiko bereits ab einem Schwellenwert von 30 mg/dl ansteigt und bei sehr hohen Werten (>120 mg/dl) alle kardiovaskulären Endpunkte betrifft.
Ein weiterer frauenspezifischer Aspekt ist die hormonelle Modulation von Lp(a). Während Lp(a) genetisch determiniert ist, kann der Spiegel bei Frauen im Übergang zur Menopause um etwa 10–20 % ansteigen und damit erstmals klinisch relevante Schwellenwerte erreichen. Dieser dauerhafte Anstieg kann zeitlich mit einer Zunahme weiterer Risikofaktoren wie LDL-Cholesterin, Blutdruck und viszeraler Fettmasse zusammenfallen und so das kardiovaskuläre Risiko in der zweiten Lebenshälfte entscheidend prägen.
Die Ergebnisse unterstreichen daher die Bedeutung eines frühzeitigen Lp(a)-Screenings bei Frauen. Da Lp(a) stabil, kostengünstig und in der Regel nur einmal im Leben zu bestimmen ist, ermöglicht die Messung eine frühzeitige Identifikation von Hochrisikopatientinnen und eine gezielte Intensivierung präventiver Strategien. Bis zum Vorliegen der Ergebnisse der Pivotal-Studien Lp(a)HORIZON und OCEAN(a) bleibt die konsequente Kontrolle klassischer Risikofaktoren und damit die Senkung des gesamten kardiovaskulären Risikos der wichtigste therapeutische Hebel.
Gerade am „Go Red For Women Day“ erinnern diese Daten daran, dass kardiovaskuläre Prävention bei Frauen früh beginnen muss – auch wenn kardiovaskuläre Ereignisse häufig erst später auftreten – und dass Lp(a) dabei ein bislang unterschätzter, aber klinisch hochrelevanter Zielparameter ist.
Nordestgaard AT et al. Thirty-Year Risk of Cardiovascular Disease Among Healthy Women According to Clinical Thresholds of Lipoprotein(a). JAMA Cardiol. 2026 Jan 7:e255043. doi: 10.1001/jamacardio.2025.5043. Epub ahead of print.
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