Neben den traditionellen Hauptrisikofaktoren (Hypertonie, Dyslipidämie, Diabetes mellitus, Adipositas und Rauchen) zählt Inflammation zu den wesentlichen Treibern eines erhöhten Risikos für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung (ASCVD). Menschen, die ein erhöhtes ASCVD-Risiko haben, obwohl sie keine traditionellen Risikofaktoren aufweisen, werden auch als SMuRFless (No Standard Modifiable Risk Factors) bezeichnet. Für das Screening von SMuRFless werden zuverlässige Biomarker benötigt – ein vielversprechender Kandidat ist das C-reaktive Protein (CRP), das von der Leber als Teil der angeborenen Immunreaktion bei Entzündungsprozessen gebildet wird, wie z. B. bei Infektionen, Gewebeschäden oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Mithilfe von empfindlichen Messmethoden ist CRP in äußerst geringer Konzentration nachweisbar, das als hochsensitives CRP (hsCRP) bezeichnet wird.
In der vorliegenden Registerstudie wurde der Zusammenhang von hsCRP mit dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) in einer breiten Bevölkerungsschicht untersucht.
Von über 500.000 Teilnehmenden der UK Biobank wurden Personen mit verfügbaren hsCRP-Werten, aber ohne bekannte Vorgeschichte von ASCVD und einem Alter von ≥40 Jahren eingeschlossen. Als primärer Endpunkt wurde der Komposit aus MACE-Ereignissen (nicht-tödlicher Herzinfarkt oder Schlaganfall oder kardiovaskulärer Tod) sowie kardiovaskuläre Mortalität und Gesamtmortalität analysiert.
Insgesamt gingen Daten von 448.653 Personen in die Analyse ein (Durchschnittsalter 57 Jahre, 55,4 % Frauen und mittlerer hsCRP 1,32 mg/l). Wiederholte hsCRP-Messungen bei 15.967 Teilnehmenden nach 4,4 Jahren zeigten eine langfristige Stabilität der hsCRP-Spiegel. 15,1 % der Personen (67.712) wiesen keine der 5 Hauptrisikofaktoren auf und gehörten somit zu der Gruppe der SMurFless.
Nach Adjustierung wiesen Personen mit hsCRP >3 mg/l vs. hsCRP <1 mg/l ein erhöhtes Risiko auf: für MACE-Ereignisse (um 34 %), kardiovaskuläre Mortalität (um 61 %) und Gesamtmortalität (um 51 %). Personen mit hsCRP ≥2 mg/l vs. <2 mg/l hatten ein erhöhtes Risiko für MACE-Ereignisse (um 22 %), für CV-Mortalität (um 37 %) und für Gesamtmortalität (um 34 %). Der Zusammenhang zwischen hsCRP und MACE, CV- und Gesamtmortalität blieb über alle vorab definierten Subgruppen hinweg konsistent (Alter, Geschlecht, BMI, Diabetes, Rauchen, eGFR, LDL-C und Dyslipidämie). Die Subgruppe der SMurFless zeigte einen schrittweisen Anstieg des Risikos für primäre Endpunkt-Ereignisse in den hsCRP-Kategorien <1 mg/l, 1–3 mg/l und >3 mg/l.
Die Implementation von hsCRP verbesserte die Prognosegenauigkeit (Predictive Performance und Model Fit) von SCORE2 für das 10-Jahres-Risiko von MACE-Ereignissen signifikant. Zusätzlich bestätigte der NRI-Wert (Netto-Reklassification-Improvement) die Verbesserung der Vorhersagegenauigkeit von SCORE2 um insgesamt 14,1 %.
Diese Analyse der Daten von fast 450.000 Personen ohne ASCVD zeigte einen starken und unabhängigen Zusammenhang zwischen hsCRP und langfristigen kardiovaskulären Ereignissen. Die hsCRP-Werte blieben über mehrere Jahre hinweg stabil und hatten einen prognostischen Wert für MACE-Ereignisse, kardiovaskuläre Mortalität und Gesamtmortalität über alle untersuchten Subgruppen hinweg. Die Integration von hsCRP verbesserte die Vorhersagegenauigkeit des Risikorechners SCORE2. Insgesamt weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass ein hsCRP-Screening die Präventionsstrategie bei Personen ohne ASCVD in der Vorgeschichte deutlich verbessern könnte.
Dies ist die bislang größte langfristige Beobachtungsstudie bei Erwachsenen ohne ASCVD, die den Vorhersagewert einer einmaligen Messung von hsCRP im Serum für zukünftige kardiovaskuläre Ereignisse und Tod ermittelt. Diese Befunde bestätigen frühere Studien (Women’s Health Study und der EPIC-Norfolk-Study), in denen hsCRP als unabhängiger, additiver Risikomarker zu LDL-Cholesterin bzw. Lp(a) in der Primärprävention beschrieben wurde.2
Etwa 35 % der etwa 450.000 Erwachsenen in der UK Biobank weisen einen hsCRP >2mg/l auf, etwa 22 % liegen sogar oberhalb der Marke von 3 mg/l. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass niedriggradige Entzündungsprozesse in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet sind. Die Gefahr für die kardiovaskuläre Gesundheit, die mit hsCRP-Werten >2mg/l einhergeht, beziffern die Autorinnen und Autoren unabhängig von traditionellen kardiovaskulären Risikofaktoren, Komorbiditäten oder Medikamenten mit einem 22 % höheren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse – bei höheren hsCRP-Werten liegt das Risiko auch deutlich höher. Selbst bei jedem vierten Erwachsenen ohne Bluthochdruck, Diabetes, Dyslipidämie, Rauchen oder Übergewicht liegt der hsCRP-Wert bei über 2 mg/l und dieser bleibt mit einem relativ höheren kardiovaskulären Risiko assoziiert.
Die Studie liefert damit ein überzeugendes Argument dafür, hsCRP nicht nur zur Risikostratifizierung bei Patientinnen und Patienten mit etablierter ASCVD (z. B. im SMART-Risikorechner), sondern auch in der Primärprävention zu berücksichtigen. Die Autorinnen und Autoren zeigen, dass eine Erweiterung des SCORE2-Risikorechners um den hsCRP-Wert zu einer präziseren Identifikation von Hochrisikopersonen ohne ASCVD führt. Vor diesem Hintergrund sollten hsCRP-Werte bereits heute konsequent in therapeutische Entscheidungsprozesse einbezogen werden – in Einklang mit den aktuellen europäischen Leitlinienempfehlungen. In der Primärprävention würde dies bedeuten, modifizierbare Risikofaktoren konsequenter und stringenter zu kontrollieren. In der Sekundärprävention steht mit Colchicin bereits heute ein erster gezielter antiinflammatorischer Therapieansatz zur Verfügung; weitere entzündungshemmende Substanzen befinden sich derzeit in klinischer Prüfung.
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