Medizinethik – ein großes Wort! Zugegeben, es kann zunächst Respekt einflößen. Wie nähert man sich diesem Thema? Prof. Bettina Schöne-Seifert gelang es, vor rund 1000 Zuhörerenden im Kölner Confex eine Tür zu öffnen. Verständlich und praxisnah zeigte sie, dass ethische Fragen kein abstraktes Hindernis sind, sondern wertvolle Werkzeuge, um Orientierung zu gewinnen, das eigene Handeln zu reflektieren und verantwortungsbewusst Entscheidungen zu treffen.
Doch: Wo Werkzeuge nötig sind, ist meist etwas kaputt – oder liegt zumindest im Argen. Prof. Schöne-Seifert nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie benannte diese „Defekte“ in unserem Gesundheitssystem präzise. Sie beginnen aus ihrer Sicht mit drei Ansprüchen, die wir an unsere gesundheitliche Versorgung stellen: Sie soll fortschrittlich sein, offen für alle und solidarisch finanzierbar bleiben. Drei verständliche Anliegen. Wer möchte das nicht? Wären diese drei Ansprüche Zahnrädchen, würden sie alle für sich genommen blitzen und blinken. Wunderbar anzusehen! Das Problem entsteht erst, wenn wir sie zum Getriebe zusammensetzen. Sie greifen nicht ineinander, holpern aneinander vorbei. Das Ergebnis: Es knirscht gewaltig im (Gesundheits-)System. Für die DGTHG ist genau dieser knirschende Dreiklang hochrelevant. Kaum ein medizinisches Fachgebiet steht so sehr für technologischen und innovativen Fortschritt wie die Herzmedizin.
Zur Expertin
Prof. Bettina Schöne-Seifert
Prof. Bettina Schöne-Seifert ist Medizinerin und Philosophin. Von 2003 bis 2023 leitete sie den Lehrstuhl für Medizinethik an der Universität Münster. 2001 gehörte sie zu den berufenen Gründungsmitgliedern des damaligen Nationalen Ethikrates und wirkte später auch im Deutschen Ethikrat mit. Zuletzt erschien ihr Buch „Leben, Körper, Tod“, in dem sie zentrale Streitfragen moderner Medizin – von Suizidhilfe bis KI – aufbereitet.
Lippenbekenntnisse bremsen, anstatt die Zahnrädchen zu schmieren
Gleichzeitig sind die Eingriffe komplex und dadurch ressourcen- und kostenintensiv. Wer hier Verantwortung trägt, muss mehr im Blick haben als Machbarkeit. Denn was machbar ist, muss auch bezahlbar sein. Was dem im Weg steht? Dafür nennt Prof. Schöne-Seifert etliche Gründe: Steigende Innovationskosten und Pharmazeutikapreise, Fachkräftemangel, unsere alternde Bevölkerung und die nur marginale Präventionsarbeit, die nicht recht vom Fleck kommt. Dazu gesellen sich laut der Ethikerin jede Menge Lippenbekenntnisse aus der Gesundheitspolitik. „Wird schon werden!“, „Kriegen wir alles irgendwie hin“ – Aussagen, die bremsen statt die Zahnrädchen zu schmieren.
All das führt zu einem derzeit ambivalenten Befund: Deutschlands Medizin verfügt zwar über exzellente Forschung, internationale Sichtbarkeit und hohe Innovationskraft. Unser Gesundheitssystem gehört aber auch zu den teuersten weltweit – mit steigenden Ausgaben in allen Bereichen: von Klinikbehandlungen über ärztlich ambulante Leistungen bis hin zu Arzneimitteln. Exzellent also, aber leider auf Dauer nicht bezahlbar.
Erster Schritt: Bereitschaft zur unbequemen „Reparatur“
Irgendetwas muss sich also ändern. Aber was? Ohne erhobenen Zeigefinger gelang es der Medizinerin und Philosophin zwar den Ernst der Lage zu schildern, aber eben auch einen Werkzeugkasten zu öffnen – voller Potenzial, die Dinge zu kitten. Das eine einzige Wunder-Werkzeug, mit dem sich alles richten ließe, gäbe es allerdings nicht. Zuerst müsse die Bereitschaft entstehen, die unbequeme Reparatur überhaupt anzugehen und sich schonungslos mit schwierigen Fragen zu beschäftigen: Wie lassen sich Qualität sichern und Effizienz steigern, ohne Patientinnen und Patienten zu benachteiligen? Oder ökonomischer formuliert: Wie gelingt „mehr Gesundheit pro Euro“ auf ethisch vertretbare Weise?
Ruf nach öffentlichen Debatten und demokratischen Entscheidungen
Um sich möglichen Antworten anzunähern, unterschied Prof. Schöne-Seifert zwischen Strategien, die Effizienz ohne Abstriche für Betroffene versprechen, und solchen, die hier Einschränkungen bedeuten könnten. Digitalisierung, klug eingesetztes E-Healthcare und verbesserte Prävention gehörten zur ersten – angenehmeren – Kategorie. Komplexer werde es, wenn Steuerungsinstrumente in die Versorgung eingreifen: Mindestmengenregelungen, Primärarztsysteme, Bonus- oder Malusmodelle in der Prävention. Sie könnten Qualität steigern, aber bestimmte Patientengruppen auch maßgeblich benachteiligen. Was nun die erhoffte Verbesserung bringe? Das könne die Ethikerin nicht benennen. Hier seien öffentliche Debatten und im Anschluss daran demokratische Entscheidungen vonnöten.
Kollegialer Austausch und ethische Reflexion im Alltag
Besonders deutlich wurde die Ethikerin beim Thema Fehlanreize. Ökonomisch motivierte Indikationsstellungen – wenn finanzielle Zielvorgaben beispielsweise die Wahl der Therapiemaßnahmen beeinflussen – widersprächen dem ärztlichen Ethos. Medizinische Entscheidungen dürften niemals von Profitinteressen geleitet werden. Gerade in der Herzmedizin, wo interventionelle und chirurgische Verfahren oft gleichwertig sind, seien Transparenz und Teamarbeit bei der Indikationsstellung entscheidend. Leitlinien alleine reichten nicht aus, betonte Prof. Schöne-Seifert – es brauche kollegialen Austausch und eine Kultur, die ethische Reflexion selbstverständlich mache.
„Moderne Medizin ist ein riesiges Geschenk. Wir müssen nur lernen, es richtig zu nutzen“
Hier appellierte die Ethik-Expertin auch an die Verantwortung jedes Einzelnen: Man müsse Achtsamkeit und Reflektion in den klinischen Alltag integrieren. Ethische Entscheidungen fielen häufig innerhalb von Sekunden – und gerade dort böte sich die Chance, die eigene ethische Haltung bewusst einzubringen und jeden Moment verantwortungsvoll zu gestalten. Furcht vor dem großen Wort „Ethik“ sei fehl am Platz. „Sehen Sie die Fortentwicklung unseres Gesundheitssystems viel mehr als fantastische Herausforderung“, empfahl Prof. Schöne-Seifert ihrem Publikum. „Die moderne Medizin mit all ihren Fortschritten ist ein riesiges Geschenk. Wir müssen nur lernen, es richtig zu nutzen. Packen wir es an!“
Take-aways
-
Die Jahrestagung der DGTHG stellte neben technischen Innovationen bewusst die Medizinethik in den Mittelpunkt; Festrednerin Bettina Schöne-Seifert betonte, dass ethische Reflexion ein integraler Bestandteil medizinischer Verantwortung sein muss.
-
Ethische Fragen dienen laut Schöne-Seifert als praktisches Werkzeug für Orientierung und verantwortliche Entscheidungen im medizinischen Alltag, nicht als abstrakte Hürde.
-
Ein zentrales Problem des Gesundheitssystems sieht sie im Spannungsfeld zwischen Fortschritt, allgemeinem Zugang und solidarischer Finanzierbarkeit, deren gleichzeitige Umsetzung zu strukturellen Konflikten führt.
-
Steigende Innovations- und Arzneimittelkosten, Fachkräftemangel, demografischer Wandel, geringe Prävention und politische Lippenbekenntnisse verschärfen die Situation, sodass das hochinnovative deutsche Gesundheitssystem langfristig schwer finanzierbar wird.
-
Verbesserungen erfordern die Bereitschaft zu unbequemen Reformen, öffentliche Debatten und demokratische Entscheidungen, mehr Effizienz durch Digitalisierung und Prävention sowie eine medizinische Praxis, in der Transparenz, kollegialer Austausch und ethische Reflexion Fehlanreize und profitorientierte Entscheidungen verhindern.