Abstrakte Lichter auf Straße

Mehr Flexibilität durch Selbstständigkeit: Wechsel in die Niederlassung

In der Beitragsreihe „Horizonte“ berichten Kardiologinnen und Kardiologen über neue Schritte in ihrer Karriere – sei es ein Wechsel der Klinik, des Fachgebiets oder der Weg in die Niederlassung. Dabei teilen sie auch Erfahrungen, die über den Tellerrand der Kardiologie hinausgehen.

 

In dieser Ausgabe: PD Dr. Djawid Hashemi – nach neun Jahren an der Charité Berlin nun in der kardiologischen Praxis tätig.

Von:

Dr. Hannah Billig 

Rubrikleiterin Cardio Insights

 

11.03.2026

Bildquelle (Bild oben): JoeyCheung / Shutterstock.com

Beweggründe für den Wechsel

HERZMEDIZIN: Djawid, 2025 hast Du nach neun Jahren an der Charité den Schritt in eine kardiologische Praxis in Berlin gemacht. Was war der ausschlaggebende Grund für diese Entscheidung? Gab es einen konkreten Moment oder Auslöser, bei dem „der Groschen gefallen“ ist?


Hashemi: Es war weniger ein einzelner Moment als ein Prozess. Die Universitätsmedizin hat mir enorm viel gegeben – wissenschaftlich, klinisch und menschlich. Gleichzeitig hatte ich schon früh ein unternehmerisches Interesse und den Wunsch, Medizin eigenverantwortlicher zu gestalten. Ein wichtiger Aspekt war zudem, dass wir in der Unimedizin oft Patientinnen und Patienten mit langen Krankheitsverläufen sehen. Ich wollte stärker in Prävention und frühe Steuerung hineinwirken. Gerade in der Herzinsuffizienz sind gute ambulante Strukturen entscheidend. Der Abschied fiel mir nicht leicht, aber in Zusammenschau aller Befunde – eine Formulierung, die ich in Arztbriefen nun lese, statt sie zu schreiben – war die Selbstständigkeit für mich die richtige nächste Etappe.

Zur Person

PD Dr. Djawid Hashemi

PD Dr. Djawid Hashemi ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und Praxisgründer in Berlin. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der kardiovaskulären Bildgebung und Herzinsuffizienz.

PD Dr. Djawid Hashemi PD Dr. Djawid Hashemi

HERZMEDIZIN: Welche Rolle hat die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf bei Deiner Entscheidung gespielt, die Universitätsmedizin zu verlassen?


Hashemi: Die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf hat durchaus eine Rolle gespielt – nicht im Sinne von weniger Arbeit, sondern von bewussterer Gestaltung. Mit zwei kleinen Kindern wird einem sehr klar, dass Zeit die knappste Ressource ist und man Prioritäten aktiver setzen muss. Die Niederlassung bedeutet keine geringere Arbeitsbelastung, aber mehr Einfluss auf Strukturen und Planbarkeit. Allein der Wegfall von Diensten verändert viel. Als Selbstständiger kann ich zudem stärker mitgestalten, wie ich meine Zeit zwischen Patientenversorgung, Organisation und Familie aufteile – natürlich immer im Rahmen wirtschaftlicher und organisatorischer Realitäten. Insofern war das ein relevanter Faktor, neben den fachlichen und inhaltlichen Motiven für den Schritt in die Praxis.

 

HERZMEDIZIN: Hast Du Deine Entscheidung mal bereut oder gab es Momente, die Du als besonders herausfordernd wahrgenommen hast?


Hashemi: Bereut habe ich die Entscheidung nicht. Aber die Niederlassung romantisiert sich nicht von selbst. Gerade am Anfang, wenn noch nicht alles so funktioniert wie geplant und man plötzlich für alles verantwortlich ist – von der Teamrekrutierung über IT und Prozesse bis zur wirtschaftlichen Nachhaltigkeit –, dann blickt man durchaus mit Respekt auf das gut strukturierte Kliniksystem zurück. Mit der Zeit wächst jedoch die Sicherheit. Man lernt, mit Unsicherheiten umzugehen, und merkt, dass auch unerwartete Schwierigkeiten lösbar sind. Parallel dazu habe ich eine unternehmerische Seite an mir kennengelernt, die im Klinikalltag wenig Raum hatte. Diese zu entwickeln, macht mir große Freude. Was ich an der Universitätsmedizin geschätzt habe, vermisse ich in Teilen – aber ich habe etwas Neues gewonnen, das für meine aktuelle Lebensphase sehr gut passt.

Weg in die Niederlassung und neue Erfahrungen

HERZMEDIZIN: Wie hast Du es überhaupt geschafft, einen Praxissitz in Berlin zu finden? Die sind doch sicher mehr als begehrt, oder?

 

Hashemi: Kardiologische Sitze in Berlin sind tatsächlich begehrt und der Markt ist wenig transparent. Entscheidend waren Netzwerk, Geduld und die Bereitschaft, sich intensiv mit formalen und wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Man muss sich auch zutrauen, im Grunde einen neuen Beruf zu lernen – alles jenseits der Medizin, Unternehmer zu sein. Am Ende spielen Timing und Vertrauen zwischen Abgeber und Übernehmer eine große Rolle. Der Prozess ist aktiv gestaltbar, aber sicher kein Selbstläufer.

 

HERZMEDIZIN: Die eigene Praxis bedeutet eine große wirtschaftliche Verantwortung, aber auch mehr Freiheiten und sicher ein völlig neues praktisches Arbeiten. Was hat Dich an Deinem neuen Job am meisten überrascht?

 

Hashemi: Überrascht hat mich, wie eng Medizin, Organisation und Ökonomie miteinander verknüpft sind. Gute Medizin braucht gute Prozesse – sonst leidet am Ende die Versorgungsqualität. Die „Freiheiten“ der Niederlassung sind zudem andere als die oft karikierte Vorstellung vom Teilzeitmodell mit Golfplatz. Es ist die Freiheit, Prozesse auszuprobieren, anzupassen, aus Fehlern schnell zu lernen und direkt gestalten zu können. Dinge passieren schneller, Entscheidungen sind unmittelbarer.


Ein großer Unterschied ist auch die Arzt-Patienten-Beziehung: An der Charité kamen Patientinnen und Patienten in die Kardiologie der Charité – nicht zu „Dr. Hashemi“. In der Praxis kommen sie nun zu mir. Ich hafte mit meinem Namen – und dieser persönliche Bezug verändert die Dynamik der Versorgung deutlich. Das empfinde ich als große Verantwortung, aber auch als große Motivation.

 

HERZMEDIZIN: Welche Fähigkeiten aus der Unimedizin helfen Dir heute besonders in der Niederlassung? Und welche klinischen Kenntnisse oder Fertigkeiten haben Dir zunächst gefehlt?


Hashemi: Die Unimedizin hat mich vor allem in zwei Dingen geprägt: priorisieren zu können und nächste Schritte mitzudenken. Unter hoher Arbeitsdichte lernt man, strukturiert zu entscheiden und Entwicklungen zu antizipieren. Sehr hilfreich ist auch die wissenschaftliche Prägung: Studien kritisch einordnen zu können, eine fundierte Meinung zu bilden und zu wissen, wen man bei komplexen Fragen konsultiert. Inhaltlich war ich mit meinem Fokus auf Herzinsuffizienz und Bildgebung gut gerüstet. Einen gewissen Respekt habe ich vor der zunehmenden Spezialisierung in der Rhythmologie. Zum Glück hatte ich in der Klinik und jetzt in meinem Netzwerk Rhythmologinnen und Rhythmologen, die es gut mit mir meinen, die ich jederzeit um Rat fragen kann.


Was mir anfangs tatsächlich gefehlt hat, waren weniger klinische Kompetenzen als ein Gefühl dafür, welche Entscheidungen im Praxisalltag wirklich Priorität haben. Das entwickelt man erst mit der eigenen Verantwortung.

Fortsetzung von Forschung und Lehre

HERZMEDIZIN: Du bist habilitiert und hast einen Master of Science im Bereich „Clinical Trials“ an der Universität Oxford abgeschlossen. Welche Rolle spielen Forschung und Lehre aktuell noch für Dich?

 

Hashemi: Eine wichtige. Mir war es ein Anliegen, die Praxis früh an wissenschaftliche Arbeit anzubinden. Wir sind daher rasch Studienzentrum geworden und beteiligen uns an akademischen wie auch industriegeförderten Projekten. Das kommt der Struktur der Praxis, der Fortbildung des Teams und letztlich allen Patientinnen und Patienten zugute. Eigene Forschungsfragen stehen aktuell nicht im Vordergrund, aber die Mitarbeit an Studien hält die Praxis fachlich nah an Innovationen. Lehre und Fortbildung bleiben mir ebenfalls wichtig – in Vorträgen, Workshops oder digitalen Formaten. Realistisch betrachtet hat derzeit der Aufbau stabiler Versorgungsstrukturen Priorität. Aber die wissenschaftliche Perspektive bleibt ein fester Bestandteil meines ärztlichen Selbstverständnisses.

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