Nahrungsergänzungsmittel in Gläsern und einzeln mit Gemüse und Obst im Hintergrund

Nahrungsergänzungsmittel und Herzgesundheit: Was ist wirklich sinnvoll?

Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt. Viele Präparate versprechen einen effektiven Schutz vor Bluthochdruck, Gefäßverkalkung oder Herzinfarkt. Aber was sagt eigentlich die Wissenschaft dazu?

Von Kerstin Kropac

 

21.05.2026


Bildquelle (Bild oben): SvetlanaVV / Shutterstock.com

Das Wichtigste in Kürze

  • Die meisten Nahrungsergänzungsmittel bieten keinen nachgewiesenen Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, allerdings können einige in bestimmten Situationen sinnvoll sein.
  • Von einer ungezielten Einnahme ist immer abzuraten, da sie Risiken bergen kann.
  • Grundsätzlich gilt: Food First! „Man sollte seinen Nährstoffbedarf in allererster Linie über Lebensmittel decken“, sagt Prof. Lorkowski.
  • „Ein `Ich esse, was ich will` und nehme dann zusätzlich Supplemente ein – das funktioniert nicht“, sagt der Ernährungsexperte. Ganz allgemein hält er es für besser, das Gemüse zu essen – und nicht auf Kapseln zurückzugreifen.
  • Nahrungsergänzungsmittel sind laut Prof. Lorkowski – bis auf sehr wenige Ausnahmen – nur zur Ergänzung gedacht, wenn ein Mangel besteht. Sie verbessern nicht per se die Gesundheit.

Können Rote-Bete-Kapseln Bluthochdruck heilen?

Auf Tiktok versprechen derzeit Fachleute, dass Rote-Bete-Kapseln Bluthochdruck heilen können. Doch diese Videos sind sogenannte Deepfakes, täuschend echte, KI-generierte Videos von echten Ärztinnen und Ärzten, deren Stimmen und Gesichter manipuliert wurden. Und es wurde nicht nur die Identität der Fachleute gestohlen – auch die Gesundheitsversprechen sind falsch. 


Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Rote-Bete-Kapseln Bluthochdruck heilen oder die Atherosklerose, also die Arterienverkalkung, verhindern oder rückgängig machen können“, sagt Prof. Stefan Lorkowski, Lehrstuhlinhaber für Biochemie und Physiologie der Ernährung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

Zwar enthält Rote Beete viel Nitrat, das im Körper zu Stickstoffmonoxid (NO) umgewandelt wird und gefäßerweiternd wirkt. So kann Nitrat aus Roter Bete – laut Studien – tatsächlich kurzfristig den Blutdruck senken. „Allerdings beziehen sich diese Ergebnisse auf frische Lebensmittel – nicht auf Kapseln. Für Nahrungsergänzungsmittel ist die Evidenz begrenzt“, erklärt der Experte.

Zum Experten

Prof. Stefan Lorkowski

Prof. Stefan Lorkowski ist Lehrstuhlinhaber für Biochemie und Physiologie der Ernährung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
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Kann ich mit Kalium meinen Blutdruck senken?

Kalium ist ein lebenswichtiger Mineralstoff, der eine zentrale Rolle bei der Muskelkontraktion des Herzens und der Regulierung des Blutdrucks spielt. Eine Untersuchung zeigt zum Beispiel, dass eine erhöhte Kaliumzufuhr zum Beispiel durch Verwendung von sogenanntem Blutdrucksalz anstelle von normalem Kochsalz nicht nur den Blutdruck senken kann. Im Vergleich zu normalem Salz führte der Salzersatz auch zu einem um etwa 14 Prozent reduziertem Schlaganfallrisiko, das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse sank um etwa 13 Prozent. Allerdings kann eine Supplementierung mit Risiken verbunden sein, insbesondere wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist, erklärt Prof. Lorkowski.

 

Wir sehen manchmal Patientinnen oder Patienten, bei denen die Niere es nicht mehr schafft, ausreichend Kalium auszuscheiden. Dann kann sich eine sogenannte Hyperkalämie entwickeln.Bei dieser Erkrankung ist der Kaliumspiegel zu hoch und damit steigt das Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen. Bevor man irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, sollte man immer mit seiner Ärztin oder seinem Arzt sprechen, sagt der Ernährungsforscher. Das gilt vor allem, wenn Vorerkrankungen vorliegen.“

Kann Weißdorn bei Herzschwäche helfen?

Weißdornextrakte werden traditionell bei Herzschwäche eingesetzt. Klinische Studien zeigen auch durchaus Hinweise auf eine Verbesserung der Belastbarkeit bei leichter Herzinsuffizienz. Allerdings sind diese Effekte moderat – daher findet sich in der Leitlinie „Chronische Herzinsuffizienz“ auch keine Empfehlung für Weißdorn. „Zumal wir auch hier nicht von einem standardisierten Produkt sprechen“, sagt Prof. Lorkowski. „Es gibt 200 bis 300 verschiedene Weißdornarten. Es ist unklar, welche die gewünschten Effekte bringen, welche Dosierung dafür notwendig ist und welche Zusatzstoffe in den angebotenen Kapseln oder Tabletten stecken.“ Weißdorn kann daher keine medikamentöse Therapie ersetzen!1

Was bringt Vitamin B6 für mein Herz?

Vitamin B6 ist am sogenannten Homocystein-Stoffwechsel beteiligt, also – vereinfacht gesagt – an der Verstoffwechselung und dem Abbau bestimmter Eiweiße. Da erhöhte Homocysteinspiegel die Gefäßwände schädigen, gelten sie als Risikofaktor für Gefäßerkrankungen, Schlaganfälle und Herzinfarkte. Untersuchungen zeigen: B-Vitamine können den Homocysteinspiegel zwar senken, dennoch zeigt sich keine klare Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse. 


„Wir sehen zwar, dass etliche Menschen zu wenig B-Vitamine aufnehmen“, sagt Prof. Lorkowski. Aber man sollte eher darüber nachdenken, mehr Vitamin-B-haltige Lebensmittel zu essen – wie zum Beispiel Fisch (Vitamin B12), Vollkornprodukte (gute Quelle für mehrere B-Vitamine) oder Linsen (reich an Folsäure). „Es gilt: Food First! Eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung kann nicht durch die Supplementierung bestimmter Nahrungsergänzungsmittel ersetzt werden.“

Können Knoblauch-Kapseln meine Blutgefäße reiningen?

Knoblauch wird eine blutdrucksenkende und lipidsenkende Wirkung zugeschrieben, das heißt: Untersuchungen deuten tatsächlich darauf hin, dass Knoblauch die Cholesterin- und Blutdruckwerte senken kann. „Aber wahrscheinlich würden die Menschen diese Senkung auch erreichen, wenn sie einfach mehr Gemüse und ein bisschen weniger Wurst essen würden“, so der Ernährungsexperte. Es ist also ein leichter Effekt möglich – aber eher als ergänzende Maßnahme zu Lebensstiländerungen und der Einnahme der verordneten Medikation.

 

Ein `Ich esse, was ich will` und nehme dann zusätzlich Supplemente ein – das funktioniert nicht. Ganz allgemein ist es immer besser, das Gemüse zu essen – und nicht auf irgendwelche Kapseln zurückzugreifen“, sagt Prof. Lorkowski.

"Ganz allgemein ist es besser, das Gemüse zu essen – und nicht auf irgendwelche Kapseln zurückzugreifen.“ 

Prof. Stefan Lorkowski

Ist L-Arginin ein guter Herzschutz?

L-Arginin ist eine Vorstufe von Stickstoffmonoxid (NO) und kann daher theoretisch die Gefäßfunktion verbessern. Allerdings kann eine Einnahme für bestimmte Patientengruppen möglicherweise riskant sein. „Es gibt Daten, die dafür sprechen, dass L-Arginin den Blutdruck ein bisschen senken kann. Aber man muss genau schauen, dass es nicht zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommt“, sagt Prof. Lorkowski. „Und Patientinnen und Patienten nach einem kürzlich überstandenen Herzinfarkt sollten es grundsätzlich gar nicht einnehmen. Auch hier gilt unbedingt: Bevor ich ein Nahrungsergänzungsmittel nehme, sollte ich mit meiner Ärztin oder meinem Arzt darüber sprechen!“

Warum kann Beta-Carotin dem Herz sogar schaden?

Beta-Carotin ist ein Antioxidans, das lange als herzschützend galt. Inzwischen wird vor der Einnahme von Beta‑Carotin-Supplementen aber eher gewarnt: Sie zeigen nicht nur keinen kardiovaskulären Nutzen, sondern können bei einigen Menschen das Risiko sogar erhöhen. „Gerade bei Rauchern kann die langfristige Einnahme zu einer erhöhten Mortalität, also Sterblichkeit, führen“, warnt der Ernährungsforscher. „Für eine an Beta-Carotin reiche Ernährung sehen wir dies jedoch nicht. Herzschutz erreicht man also besser, indem man sich insgesamt gemüse‑ und obstreich ernährt.“ 

Sind Fischöle oder Omega-3-Fettsäuren wirklich so gut für mein Herz?

Die Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure ist essenziell, also lebenswichtig für die Herzgesundheit. Der menschliche Körper produziert daraus die wichtigen langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Die Datenlage zu Supplementen mit EPA und DHA ist allerdings widersprüchlich: Einige Studien zeigen positive Effekte auf Entzündungsmarker und bestimmte Risikogruppen – vor allem bei Mangel oder im höheren Alter. Andere große Studien und auch die Leitlinien kommen zu dem Schluss, dass keine generelle Empfehlung zur Einnahme besteht. „Dieses Thema wird auch in der Wissenschaft intensiv diskutiert: Wenn man sich Beobachtungsstudien anschaut, spricht alles dafür, dass hohe Spiegel der Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA mit einer geringeren Sterblichkeit einhergehen“, erklärt Prof. Lorkowski.

 

„Viele wissenschaftliche Kolleginnen und Kollegen sind auch überzeugt, dass die körpereigene Produktion von EPA und DHA nicht ausreichend ist, um den Bedarf zu decken und zusätzlich über die Ernährung aufgenommen werden sollten. Es ist allerdings noch unklar, wie viel wir von diesen Omega-3-Fettsäuren brauchen – und ob Supplemente die gleiche Wirkung haben.“ Daher empfiehlt der Ernährungsexperte: „Eine Fischöl- oder Mikroalgenölkapsel nach der Bratwurst macht für mich keinen Sinn. Wir nehmen dann zwar die wichtigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA auf, aber ich halte es für gesundheitlich deutlich besser, wenn wir statt der Bratwurst gleich den Fisch essen würden.“

Kann Vitamin D meine Herzgesundheit schützen?

Vitamin D wird intensiv erforscht – auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das bisherige Ergebnis: Große randomisierte Studien zeigen keinen deutlichen Schutz vor Herzinfarkt oder Schlaganfall bei Gesunden. Bei nachgewiesenem Mangel kann eine Supplementierung, also die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten aber sinnvoll sein. „Nahrungsergänzungsmittel sind – bis auf sehr wenige Ausnahmen – nur zur Ergänzung gedacht, wenn ein Mangel besteht. Sie verbessern nicht per se die Gesundheit“, sagt Prof. Lorkowski. „Ich persönlich supplementiere Vitamin D zum Beispiel ausschließlich im Winter. Aber nicht als Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern weil Vitamin D zum Beispiel eine wichtige Rolle für das Immunsystem spielt, und ich weiß, dass mein Vitamin D-Spiegel im Winter sehr niedrig ist.“ 


Allerdings räumt der Ernährungsexperte ein, dass bislang niemand genau sagen kann, wie viel Vitamin D wir brauchen, damit das Immunsystem möglichst optimal arbeitet. „Auch hier würde ich immer sagen, dass man als Herzpatientin oder Herzpatient immer nochmal ärztlichen Rat einholen sollte, weil es zum Beispiel Überlegungen gibt, ob man zusätzlich zum Vitamin D auch Vitamin K einnehmen sollte.“

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