Frau nimmt Medikament aus Packung

Betablocker nach Herzinfarkt – was neue Studien zeigen

Betablocker gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Medikamenten in der Herzmedizin. Sie verlangsamen den Herzschlag, senken den Blutdruck und entlasten das Herz. Eingesetzt werden sie bei Rhythmusstörungen, Herzschwäche und nach einem Herzinfarkt. Doch neue Studien werfen die Frage auf: Wer profitiert wirklich langfristig von einer Betablocker-Therapie nach Herzinfarkt?

Von Daniela Goldscheck und Romy Martínez
 

10.02.2026

 

Bildquelle (Bild oben): iStock / FilippoBacci

Was sind Betablocker?

Betablocker sind Medikamente, die die Wirkung bestimmter Stresshormone wie Adrenalin blockieren. Dadurch schlägt das Herz langsamer und mit weniger Kraft.

 

Das hat mehrere Vorteile:

 

  • Der Blutdruck sinkt.
  • Das Herz wird entlastet.
  • Herzrhythmusstörungen treten seltener auf.
  • Das Risiko für erneute Infarkte verringert sich.

 

Bekannte Wirkstoffe sind zum Beispiel Metoprolol, Bisoprolol oder Carvedilol.

 

Was hat sich seit den 1980er-Jahren verändert?

„Die Datenlage hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während früher aufgrund beschränkterer Möglichkeiten für alle Infarktpatientinnen und -patienten der Einsatz von Betablockern langfristig sinnvoll war, zeigt sich heute ein differenzierteres Bild“, erklärt Prof. Dr. Thomas Klingenheben, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie in Bonn.


Damals war die Situation klar: Betablocker verbesserten die Überlebenschancen nach einem Herzinfarkt deutlich. Doch die Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert – durch Herzkatheter, moderne Stents, neue Medikamente und bessere Nachsorge.


Aktuelle Studien deuten an, dass der Nutzen von Betablockern nach einem Infarkt bei Patientinnen und Patienten mit normaler Herzpumpfunktion nicht nachweisbar ist, wenn moderne Therapien leitliniengetreu zum Einsatz kommen.

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Prof. Dr. Thomas Klingenheben

Prof. Dr. Thomas Klingenheben ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie in Bonn.

Prof. Thomas Klingenheben

Wann gilt die Pumpfunktion des Herzens als normal?

Als Maß für die Herzpumpfunktion nutzen Medizinerinnen und Mediziner unter anderem die Ejektionsfraktion (EF), also die Auswurfleistung des Herzens. Genauer betrachtet wird dabei die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF). „Sie beschreibt, wie viel Prozent des sauerstoffreichen Bluts die linke Herzkammer bei jedem Herzschlag in den Körper pumpt – und ist damit ein zentraler Wert zur Beurteilung der Pumpkraft des Herzens“, sagt der Kardiologe. 

 

Richtwerte für die LVEF:

 

  • Über 50 %: normale Pumpfunktion
  • 40–49 %: leicht eingeschränkte Pumpleistung
  • Unter 40 %: deutlich eingeschränkte Pumpfunktion


Eine verminderte LVEF kann auf eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) hinweisen und beeinflusst, welche Medikamente – etwa Betablocker – sinnvoll sind.

Was zeigen neue Studiendaten?

Alle Patientinnen und Patienten mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF unter 40 %) profitieren nach einem Infarkt von Betablockern. Nicht so klar ist die Datenlage für Patientinnen und Patienten nach einem Herzinfarkt mit einer linksventrikulären Auswurfleistung über 40 %.

 

Beim weltweit größten Kongress für Kardiologie, dem European Congress of Cardiology, wurden Ende August 2025 in Madrid neue Studien präsentiert, die sich der Frage rund um den Nutzen von Betablockern bei normaler bis leicht eingeschränkter Pumpfunktion widmeten. 

Ergebnisse der REBOOT-Studie

Für die REBOOT-Studie wurden über 8.500 Herzinfarkt-Patientinnen und -Patienten mit normaler Pumpleistung über einen Zeitraum von durchschnittlich fast vier Jahren beobachtet. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gingen der Frage nach, ob die routinemäßige Gabe von Betablockern nach akutem Herzinfarkt auch bei normaler Pumpleistung Vorteile bringt. Das Ergebnis: Es zeigte sich kein Nutzen der Betablocker-Gabe gegenüber Placebo, was darauf hindeutet, dass die routinemäßige Gabe von Betablockern nach akutem Herzinfarkt bei Personen mit normaler Pumpfunktion nicht notwendig ist. Zum gleichen Schluss kam auch die bereits Anfang 2024 beim Kongress des American College of Cardiology vorgestellte REDUCE-AMI-Studie, eine der ersten Studien nach den 1980er-Jahren, die sich mit der Frage rund um die Langzeittherapie mit Betablockern nach akutem Herzinfarkt befasste.

Offene Fragen im Zusammenhang mit der REBOOT-Studie

Die Studie lieferte einen Hinweis, dass Frauen mit einem LVEF-Wert über 50 % sogar möglicherweise Nachteile durch Betablocker haben könnten. Diese Patientinnen waren jedoch insgesamt gesundheitlich stärker belastet und weniger gut vorbehandelt als die männlichen Teilnehmer. „Auf Basis der Studie lässt sich noch nicht sagen, dass Frauen nicht profitieren, weil erheblich weniger Frauen als Männer in die Studie eingeschlossen waren. Außerdem wurden die meisten Männer zuvor viel besser therapiert als die Frauen,“ so Prof. Klingenheben. Hinzukommt, dass Frauen nach einem Herzinfarkt insgesamt eine schlechtere Prognose als Männer haben – u. a. durch eine spätere Behandlung, und weil sie häufiger unter Begleiterkrankungen leiden.

Widersprüchliche Ergebnisse: REBOOT-Studie vs. BETAMI-DANBLOCK

Die Ergebnisse der REBOOT-Studie aus Spanien stehen vermeintlich im Widerspruch mit der ebenfalls vorgestellten BETAMI-DANBLOCK-Studie aus Dänemark und Norwegen, die einen Vorteil für Betablocker ergab. Allerdings unterschieden sich die teilnehmenden Patientinnen und Patienten beider Studien deutlich im Hinblick auf Begleitmedikation und Begleiterkrankungen. Weitere Auswertungen könnten möglicherweise zukünftig genauere Erklärungen liefern.

Metaanalyse nimmt Patientengruppe mit leicht eingeschränkter Pumpfunktion unter die Lupe

Eine ebenfalls beim ESC-Kongress vorgestellte Metaanalyse, in der Daten mehrerer Studien u. a. REBOOT und BETAMI-DANBLOCK ausgewertet wurden, befasste sich gezielt mit der Frage, ob Patientinnen und Patienten mit einer leicht eingeschränkten Pumpfunktion (LVEF 40–49 %) von Betablockern profitieren könnten. Die Auswertung der Daten von 1.885 Patientinnen und Patienten mit einer LVEF von 40–49 % ergab, dass Betablocker in dieser Patientengruppe das Sterberisiko und das Risiko für neue Herzinfarkte senken. „Diese Gruppe macht zwar nur einen kleineren Anteil aller Herzinfarkt-Betroffenen aus, ist aber für die Behandlung besonders bedeutsam“, erklärt Prof. Klingenheben.

Neue Meta-Analyse: Kein Vorteil durch Betablocker nach Infarkt bei normaler Pumpfunktion1,2 

Eine weitere umfangreichere Meta-Analyse, vorgestellt am 09.11.2025 auf dem Kongress der American Heart Association, bestätigte die beiden vorhergehenden Studien REDUCE-AMI und REBOOT: Es konnte kein Nutzen der Betablocker-Therapie nach Herzinfarkt bei Personen mit einer LVEF über 50 % festgestellt werden. Diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse werden vermutlich die Leitlinien-Empfehlungen beeinflussen, sodass zukünftig der routinemäßige Einsatz von Betablockern nach Herzinfarkt nicht mehr als Standardtherapie empfohlen wird, wenn die linksventrikuläre Pumpfunktion mit einer EF über 50 % normal ist.

Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten nach Herzinfarkt?

Aus den aktuellen Erkenntnissen lassen sich derzeit folgende Punkte ableiten:

 

  1. Niemals eigenmächtig absetzen! Betablocker sollten nicht ohne Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt abgesetzt werden.
  2. Individuelle Entscheidung: Bei gut erhaltener Pumpfunktion (LVEF über 50 %) kann ein Absetzen nach rund einem Jahr sinnvoll sein – aber nur nach ärztlicher Rücksprache.
  3. Klare Vorteile bei deutlich eingeschränkter Pumpfunktion: Für Betroffene mit LVEF unter 40 % wirkt die Behandlung mit Betablockern lebensverlängernd. Aktuelle Daten zeigen, dass derselbe Nutzen auch bei leicht eingeschränkter Pumpfunktion (LVEF: 40–49 %) bestehen könnte.
  4. Weitere Daten abwarten: Es bedarf weiterer Analysen, um eine Schlussfolgerung ziehen zu können, ob Frauen mit einer normalen Pumpfunktion (LVEF über 50 %) möglicherweise einen Nachteil durch die Gabe von Betablockern nach Herzinfarkt haben könnten. 

 

Leitlinien gelten weiterhin: Solange es keine offiziellen Änderungen gibt, bleibt die Betablocker-Therapie Standard – Anpassungen erfolgen individuell durch die behandelnden Kardiologinnen oder Kardiologen.

Fazit

Die Betablocker-Therapie nach Herzinfarkt bleibt eine tragende Säule der Behandlung – aber nicht alle Betroffenen profitieren gleich stark und gleich lange davon. Während Betablocker für Menschen mit eingeschränkter Pumpfunktion unverzichtbar sind, liefern aktuelle Studien immer mehr Hinweise darauf, dass Patientinnen und Patienten mit normaler Pumpfunktion keine Vorteile durch die Betablocker-Therapie haben. Die aktuellen Studien zu Betablockern nach akutem Herzinfarkt sprechen außerdem nicht gegen eine Betablocker-Anwendung bei anderen Indikationen, die ebenfalls im Zusammenhang mit akuten Myokardinfarkten stehen, wie zum Beispiel bei Vorhofflimmern oder ventrikulären Arrhythmien.

 

Wichtig bleibt: Änderungen in der Medikation sollten niemals ohne ärztliche Begleitung getroffen werden. 

FAQ – Häufige Fragen zu Betablockern nach Herzinfarkt

Betablocker schützen das Herz, indem sie den Puls senken, den Blutdruck regulieren und Herzrhythmusstörungen vorbeugen. Das entlastet das Herz und verbessert die Prognose, vor allem in den ersten Monaten nach einem Infarkt.

Nicht unbedingt. Viele Betroffene profitieren besonders in den ersten ein bis zwei Jahren. Bei normaler Pumpfunktion kann danach bei manchen Patientinnen und Patienten über ein Absetzen nachgedacht werden – aber nur nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Patientinnen und Patienten mit deutlich eingeschränkter Pumpfunktion des Herzens (LVEF unter 40 %) profitieren deutlich. Hier senken Betablocker das Sterberisiko. Neuere Daten weisen darauf hin, dass Betablocker auch bei Patientinnen und Patienten mit einer leicht eingeschränkten Pumpfunktion (LVEF 40–50 %) nützlich sein könnten, allerdings sind hier weitere Studien zur Bestätigung abzuwarten.

Ein plötzliches Absetzen kann zu Herzrhythmusstörungen, Blutdruckanstieg oder sogar einem erneuten Infarkt führen (sogenanntes Betablocker-Entzugssyndrom, eine mögliche Reaktion des Körpers auf das abrupte Absetzen). Deshalb niemals eigenmächtig absetzen, sondern nur gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt ausschleichen.

Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie Fragen oder Unsicherheiten zur Einnahme von Betablockern haben!

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