„Die Datenlage hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während früher aufgrund beschränkterer Möglichkeiten für alle Infarktpatientinnen und -patienten der Einsatz von Betablockern langfristig sinnvoll war, zeigt sich heute ein differenzierteres Bild“, erklärt Prof. Dr. Thomas Klingenheben, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie in Bonn.
Damals war die Situation klar: Betablocker verbesserten die Überlebenschancen nach einem Herzinfarkt deutlich. Doch die Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert – durch Herzkatheter, moderne Stents, neue Medikamente und bessere Nachsorge.
Aktuelle Studien deuten an, dass der Nutzen von Betablockern nach einem Infarkt bei Patientinnen und Patienten mit normaler Herzpumpfunktion nicht nachweisbar ist, wenn moderne Therapien leitliniengetreu zum Einsatz kommen.
Als Maß für die Herzpumpfunktion nutzen Medizinerinnen und Mediziner unter anderem die Ejektionsfraktion (EF), also die Auswurfleistung des Herzens. Genauer betrachtet wird dabei die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF). „Sie beschreibt, wie viel Prozent des sauerstoffreichen Bluts die linke Herzkammer bei jedem Herzschlag in den Körper pumpt – und ist damit ein zentraler Wert zur Beurteilung der Pumpkraft des Herzens“, sagt der Kardiologe.
Richtwerte für die LVEF:
- Über 50 %: normale Pumpfunktion
- 40–49 %: leicht eingeschränkte Pumpleistung
- Unter 40 %: deutlich eingeschränkte Pumpfunktion
Eine verminderte LVEF kann auf eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) hinweisen und beeinflusst, welche Medikamente – etwa Betablocker – sinnvoll sind.
Alle Patientinnen und Patienten mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF unter 40 %) profitieren nach einem Infarkt von Betablockern. Nicht so klar ist die Datenlage für Patientinnen und Patienten nach einem Herzinfarkt mit einer linksventrikulären Auswurfleistung über 40 %.
Beim weltweit größten Kongress für Kardiologie, dem European Congress of Cardiology, wurden Ende August 2025 in Madrid neue Studien präsentiert, die sich der Frage rund um den Nutzen von Betablockern bei normaler bis leicht eingeschränkter Pumpfunktion widmeten.
Ergebnisse der REBOOT-Studie
Für die REBOOT-Studie wurden über 8.500 Herzinfarkt-Patientinnen und -Patienten mit normaler Pumpleistung über einen Zeitraum von durchschnittlich fast vier Jahren beobachtet. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gingen der Frage nach, ob die routinemäßige Gabe von Betablockern nach akutem Herzinfarkt auch bei normaler Pumpleistung Vorteile bringt. Das Ergebnis: Es zeigte sich kein Nutzen der Betablocker-Gabe gegenüber Placebo, was darauf hindeutet, dass die routinemäßige Gabe von Betablockern nach akutem Herzinfarkt bei Personen mit normaler Pumpfunktion nicht notwendig ist. Zum gleichen Schluss kam auch die bereits Anfang 2024 beim Kongress des American College of Cardiology vorgestellte REDUCE-AMI-Studie, eine der ersten Studien nach den 1980er-Jahren, die sich mit der Frage rund um die Langzeittherapie mit Betablockern nach akutem Herzinfarkt befasste.
Offene Fragen im Zusammenhang mit der REBOOT-Studie
Die Studie lieferte einen Hinweis, dass Frauen mit einem LVEF-Wert über 50 % sogar möglicherweise Nachteile durch Betablocker haben könnten. Diese Patientinnen waren jedoch insgesamt gesundheitlich stärker belastet und weniger gut vorbehandelt als die männlichen Teilnehmer. „Auf Basis der Studie lässt sich noch nicht sagen, dass Frauen nicht profitieren, weil erheblich weniger Frauen als Männer in die Studie eingeschlossen waren. Außerdem wurden die meisten Männer zuvor viel besser therapiert als die Frauen,“ so Prof. Klingenheben. Hinzukommt, dass Frauen nach einem Herzinfarkt insgesamt eine schlechtere Prognose als Männer haben – u. a. durch eine spätere Behandlung, und weil sie häufiger unter Begleiterkrankungen leiden.
Widersprüchliche Ergebnisse: REBOOT-Studie vs. BETAMI-DANBLOCK
Die Ergebnisse der REBOOT-Studie aus Spanien stehen vermeintlich im Widerspruch mit der ebenfalls vorgestellten BETAMI-DANBLOCK-Studie aus Dänemark und Norwegen, die einen Vorteil für Betablocker ergab. Allerdings unterschieden sich die teilnehmenden Patientinnen und Patienten beider Studien deutlich im Hinblick auf Begleitmedikation und Begleiterkrankungen. Weitere Auswertungen könnten möglicherweise zukünftig genauere Erklärungen liefern.
Metaanalyse nimmt Patientengruppe mit leicht eingeschränkter Pumpfunktion unter die Lupe
Eine ebenfalls beim ESC-Kongress vorgestellte Metaanalyse, in der Daten mehrerer Studien u. a. REBOOT und BETAMI-DANBLOCK ausgewertet wurden, befasste sich gezielt mit der Frage, ob Patientinnen und Patienten mit einer leicht eingeschränkten Pumpfunktion (LVEF 40–49 %) von Betablockern profitieren könnten. Die Auswertung der Daten von 1.885 Patientinnen und Patienten mit einer LVEF von 40–49 % ergab, dass Betablocker in dieser Patientengruppe das Sterberisiko und das Risiko für neue Herzinfarkte senken. „Diese Gruppe macht zwar nur einen kleineren Anteil aller Herzinfarkt-Betroffenen aus, ist aber für die Behandlung besonders bedeutsam“, erklärt Prof. Klingenheben.
Neue Meta-Analyse: Kein Vorteil durch Betablocker nach Infarkt bei normaler Pumpfunktion1,2
Eine weitere umfangreichere Meta-Analyse, vorgestellt am 09.11.2025 auf dem Kongress der American Heart Association, bestätigte die beiden vorhergehenden Studien REDUCE-AMI und REBOOT: Es konnte kein Nutzen der Betablocker-Therapie nach Herzinfarkt bei Personen mit einer LVEF über 50 % festgestellt werden. Diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse werden vermutlich die Leitlinien-Empfehlungen beeinflussen, sodass zukünftig der routinemäßige Einsatz von Betablockern nach Herzinfarkt nicht mehr als Standardtherapie empfohlen wird, wenn die linksventrikuläre Pumpfunktion mit einer EF über 50 % normal ist.
Die Betablocker-Therapie nach Herzinfarkt bleibt eine tragende Säule der Behandlung – aber nicht alle Betroffenen profitieren gleich stark und gleich lange davon. Während Betablocker für Menschen mit eingeschränkter Pumpfunktion unverzichtbar sind, liefern aktuelle Studien immer mehr Hinweise darauf, dass Patientinnen und Patienten mit normaler Pumpfunktion keine Vorteile durch die Betablocker-Therapie haben. Die aktuellen Studien zu Betablockern nach akutem Herzinfarkt sprechen außerdem nicht gegen eine Betablocker-Anwendung bei anderen Indikationen, die ebenfalls im Zusammenhang mit akuten Myokardinfarkten stehen, wie zum Beispiel bei Vorhofflimmern oder ventrikulären Arrhythmien.
Wichtig bleibt: Änderungen in der Medikation sollten niemals ohne ärztliche Begleitung getroffen werden.
Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie Fragen oder Unsicherheiten zur Einnahme von Betablockern haben!