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mHealth-gestütztes VHF-Management bei Älteren ohne Vorteil

ESC Congress 2026 | AFFIRMO: Die internationale Studie untersuchte, ob ein Mobile-Health-gestützter Ansatz nach dem ABC-Konzept die Versorgung von älteren multimorbiden Personen mit Vorhofflimmern (VHF) verbessern und ungeplante Hospitalisierungen reduzieren kann. Prof. Gregory Y. H. Lip (Liverpool, UK) präsentierte in der Session Hot Line 8 die zeitgleich publizierten Ergebnisse.1,2


Prof. Christian Meyer (Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf) kommentiert.

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

Expertenkommentar:

Prof. Christian Meyer

Rubrikleiter Rhythmologie

 

01.09.2026

Bildquelle (Bild oben): Sergii Figurnyi / Shutterstock.com

Hintergrund und Studiendesign

Das ABC-Konzept umfasst 3 Säulen: die Schlaganfallvermeidung durch Antikoagulation (A), besseres Symptommanagement (B) und optimale Behandlung der Komorbiditäten (C). Inzwischen wurde das ABC-Konzept, das erstmals im Jahr 2020 in die ESC-Guidelines zum VHF-Management aufgenommen wurde, um eine fortlaufende Evaluation als vierte Säule zum CARE-Konzept weiterentwickelt.3


In die internationale offene, Cluster-randomisierte Multicenter-Studie AFFIRMO wurden ältere Personen (≥ 65 Jahre alt) mit VHF eingeschlossen, die mindestens eine weitere kardiovaskuläre oder nicht-kardiovaskuläre chronische Erkrankung aufwiesen.


Die 50 teilnehmenden Zentren aus Bulgarien, Dänemark, Italien, Rumänien, Serbien und Spanien führten Cluster-randomisiert entweder die iABC-Intervention oder die leitliniengerechte Standardversorgung durch. Die iABC-Intervention kombinierte die AFFIRMO Mobile App mit einem Clinician Dashboard und einem umfassenden geriatrischen Assessment (Comprehensive Geriatric Assessment, CGA). Die App unterstützte die Umsetzung der 3 ABC-Säulen, indem sie unter anderem Vitalparameter, die Adhärenz zur oralen Antikoagulation, VHF-Symptome und Begleiterkrankungen erfasste sowie individualisierte Informationen zu Lebensstil und Komorbiditäten bereitstellte. Über das Clinician Dashboard konnten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte die von den Patientinnen und Patienten eingegebenen Daten sowie die App-Nutzung einsehen und diese Informationen für die weitere Behandlung nutzen.

 

Kontrolluntersuchungen erfolgten nach 3, 6 und 12 Monaten. Als primärer Endpunkt wurden ungeplante Hospitalisierungen jeglicher Ursache innerhalb von 12 Monaten erfasst. 

Ergebnisse

Von den 1.260 teilnehmenden Personen (mittleres Alter 74 Jahre, 44,4 % Frauen, medianer CHA2DS2-VASc-Score 4) waren 634 Personen (50,3 %) in der Interventionsgruppe und 626 Personen (49,7 %) in der Kontrollgruppe.  Insgesamt wiesen 41,0 % (517/1260) mehr als 2 Begleiterkrankungen auf. Die Leitlinienadhärenz war zu Studienbeginn in beiden Gruppen sehr hoch, unter anderem mit einer OAK-Rate von 97,3 %. 40,5 % der Teilnehmenden wurden als prä-frail und 13,7 % frail eingestuft. In der Interventionsgruppe zeigte das CGA bei einem hohen Personenanteil eine normale kognitive Funktion (95,7 %), einen normalen Ernährungsstatus und eine unauffällige Stimmungslage (>83 %) sowie nur selten eine schwere Mobilitätseinschränkung (6,5 %).


Der primäre Endpunkt (ungeplante Hospitalisierungen jeglicher Ursache) trat bei 108 (17,1 %) bzw. 114 (18,2 %) Patientinnen und Patienten in der Interventions- bzw. Kontrollgruppe auf und zeigte keinen statistisch signifikanten Unterschied (adjustierte OR 0,95; 95%KI 0,61–1,49; p=0,84). Die Rate des primären Endpunkts in der Kontrollgruppe lag mit 18,2 % deutlich unterhalb der 30 % der Fallzahlplanung. Zudem war für die Fallzahlplanung eine relative Risikoreduktion um 25 % angenommen worden. Es wurde jedoch lediglich eine numerische relative Reduktion um rund 6 % beobachtet. Auch bei den klinischen Sekundärendpunkten und in den präspezifizierten Subgruppen zeigte sich kein signifikanter Vorteil der Intervention.


Die Nutzung der AFFIRMO-App war suboptimal: 68,5 % (433/632) der Patientinnen und Patienten nutzten sie nur an höchstens einem Drittel der Studientage. Im Median wurde die App an lediglich 56 Tagen (15,1 %) der Beobachtungstage genutzt.

Fazit

In einem Umfeld mit bereits hoher Leitlinienadhärenz zu Studienbeginn und insgesamt niedrigen Ereignisraten reduzierte die iABC-Intervention (Mobile App, Clinician Dashboard, CGA) ungeplante Krankenhausaufenthalte nicht gegenüber der Standardversorgung. Es zeigte sich kein signifikanter Vorteil der Mobile-Health-gestützten Versorgungsmaßnahmen in dieser bereits sehr gut versorgten Population. Dabei war die Nutzung der Mobile App gering und der Gesundheitszustand in der Interventionsgruppe laut CGA insgesamt gut erhalten. 

Expertenkommentar

Digitale Angebote zur Unterstützung der Patientenversorgung sind heute zahlreich verfügbar. AFFIRMO zeigt, wie wichtig es ist, ihren tatsächlichen klinischen Nutzen systematisch zu evaluieren. Trotz eines umfassenden Ansatzes aus Mobile App, einem digitalen Monitoringportal sowie einer umfassenden geriatrischen Beurteilung wurden ungeplante Hospitalisierungen gegenüber der leitliniengerechten Standardversorgung nicht signifikant reduziert (17,1 % vs. 18,2 %).


Für die Einordnung ist die untersuchte Population mit entscheidend. Die Patientinnen und Patienten waren bereits sehr gut behandelt: 97,3 % erhielten eine orale Antikoagulation und bei der geriatrischen Beurteilung zeigten sich insgesamt nur vergleichsweise geringe Einschränkungen. Eine gewisse Selektion gut versorgter und gegenüber digitalen Versorgungsangeboten aufgeschlossener Patientinnen und Patienten ist ebenfalls denkbar.


Bemerkenswert ist allerdings auch die geringe tatsächliche Nutzung der App: Im Median wurde sie nur an 56 Tagen beziehungsweise 15,1 % der Beobachtungstage genutzt. Patientinnen und Patienten zu motivieren, solche Anwendungen dauerhaft und systematisch zu nutzen, bleibt damit eine wesentliche Herausforderung.


AFFIRMO spricht daher nicht grundsätzlich gegen digitale Versorgungskonzepte. Eine App zu entwickeln, wird zunehmend einfacher. AFFIRMO erinnert aber: Nicht alles, was technisch möglich ist, muss auch gemacht werden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Patientinnen und Patienten mit digitalen Anwendungen nachhaltig zu erreichen und zu einer kontinuierlichen Nutzung zu befähigen, um damit letztlich ihre Versorgung tatsächlich zu verbessern.

Zur Person

Prof. Christian Meyer

Prof. Christian Meyer leitet seit 2020 die Klinik für Kardiologe, Elektrophysiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf. Sein Tätigkeitsschwerpunkt ist die interventionelle Kardiologie mit dem Fokus auf die Prävention und Behandlung von komplexen Herzrhythmusstörungen.
Prof. Christian Meyer

Key Facts der Studie

AFFIRMO untersuchte, ob ein Mobil-Health-gestütztes VHF-Management nach dem ABC-Konzept (Mobile App, Clinician Dashboard) einschließlich geriatrischem Assessment bei älteren multimorbiden Personen ungeplante Hospitalisierungen gegenüber der Standardversorgung reduzieren kann.

Die Intervention reduzierte ungeplante Hospitalisierungen nach 12 Monaten nicht (17,1 % vs. 18,2 %; adjustierte OR 0,95; 95%-KI 0,61–1,49; p=0,84). Auch bei den klinischen Sekundärendpunkten zeigte sich kein signifikanter Vorteil.

Bei bereits sehr guter leitliniengerechter VHF-Versorgung zeigte die zusätzliche Mobile-Health-gestützte Intervention keinen klinischen Vorteil.

Referenzen

  1. Lip GYH. Atrial Fibrillation integrated approach in frail, multimorbid and polymedicated older people. Hot Line 8, 30.08.2026, München, ESC 2026.
  2. Lip GYH et al. Integrated care management and comprehensive geriatric assessment using a mHealth-based approach in older multimorbid patients with atrial fibrillation: the AFFIRMO cluster-randomised trial. The Lancet Regional Health – Europe, 2026.
  3. Van Gelder IC et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J. 2024 Aug 30:ehae176. doi: 10.1093/eurheartj/ehae176. Epub ahead of print. PMID: 39210723.

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