herztage-2024-hamburg-shutterstock-2424552865-32zu9-1920x540px herztage-2024-hamburg-shutterstock-2424552865-32zu9-1920x540px

Frühe Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern und Krebs

DGK Herztage 2026 | EAST-AFNET 4: Eine Sekundäranalyse untersuchte Wirksamkeit und Sicherheit einer frühen Rhythmuskontrolle bei Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern und Krebsanamnese. Dr. Djemail Ismaili (UKE Hamburg) stellte die Daten in der Session Therapie von Arrhythmien in verschiedenen Settings vor.1,2 

 

Prof. Shibu Mathew (Universitätsklinikum Essen) kommentiert.

Von:

Dr. Djemail Ismaili

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

 

Expertenkommentar

Prof. Shibu Mathew

Universitätsklinikum Essen

 

15.10.2026

Bildquelle (Bild oben): Sina Ettmer Photography / Shutterstock.com 

Hintergrund

Vorhofflimmern (VHF) tritt bei Patientinnen und Patienten mit Krebs häufig auf. Auslöser können sowohl die maligne Erkrankung selbst als auch onkologische Therapien wie Operationen, Chemotherapie oder Radiotherapie sein. Gleichzeitig haben Betroffene ein erhöhtes Risiko für thromboembolische Ereignisse, Herzinsuffizienz und Mortalität. Auch das Blutungsrisiko ist erhöht. Eine Rhythmuskontrolle kann bei Krebs durch Medikamententoxizität und proarrhythmische Wechselwirkungen mit onkologischen Therapien erschwert sein.


Die EAST-AFNET-4-Studie hatte gezeigt, dass eine frühe Rhythmuskontrolle bei kürzlich diagnostiziertem VHF und kardiovaskulären Risikofaktoren kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren kann.3 Ob dies auch für Personen mit Krebs gilt, war bislang unklar.

Studiendesign

Die vorliegende hypothesengenerierende Sekundäranalyse von EAST-AFNET 4 verglich Wirksamkeit und Sicherheit einer frühen Rhythmuskontrolle bei Personen mit und ohne Krebsanamnese. In EAST-AFNET 4 wurden 2.789 Patientinnen und Patienten mit seit höchstens 12 Monaten diagnostiziertem VHF, kardiovaskulären Begleiterkrankungen und einer Lebenserwartung von mehr als 12 Monaten randomisiert. Die frühe Rhythmuskontrolle bestand aus Antiarrhythmika und/oder Katheterablation; in der Kontrollgruppe stand zunächst die Frequenzkontrolle im Vordergrund. Der primäre Endpunkt umfasste kardiovaskulären Tod, Schlaganfall oder Hospitalisierung wegen Verschlechterung einer Herzinsuffizienz oder eines akuten Koronarsyndroms. Der Sicherheitsendpunkt kombinierte Gesamtmortalität, Schlaganfall und schwere unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Rhythmuskontrolle.

Ergebnisse

Für 2.779 Patientinnen und Patienten lagen Angaben zur Krebsanamnese vor. 216 Personen (7,8 %) hatten eine aktive oder frühere Krebserkrankung, davon 19 eine aktive Erkrankung und 197 eine Krebserkrankung in Remission. Das mittlere Alter betrug 73,4 Jahre, 44,0 % waren Frauen. Die Nachbeobachtung reichte bis 8,6 Jahre.


Für den primären klinischen Endpunkt zeigte sich kein Hinweis auf einen unterschiedlichen Therapieeffekt in Abhängigkeit von der Krebsanamnese (p-Wert für Interaktion=0,23). In der Krebsgruppe waren die Ereignisraten unter früher Rhythmuskontrolle und Standardbehandlung ähnlich (5,1 vs. 4,8 Ereignisse pro 100 Personenjahre; HR 1,08; 95%KI [0,61–1,90]). Auch die Zahl der Krankenhausnächte pro Jahr unterschied sich nicht relevant.
Die frühe Rhythmuskontrolle war jedoch auch bei Krebs wirksam zur Aufrechterhaltung des Sinusrhythmus: Nach 24 Monaten waren 84,9 % der Patientinnen und Patienten unter früher Rhythmuskontrolle im Sinusrhythmus gegenüber 61,4 % unter Standardbehandlung (OR 3,78; 95%KI [1,79–7,98]). Der Therapieeffekt unterschied sich hierbei nicht zwischen Personen mit und ohne Krebsanamnese (p-Wert für Interaktion=0,60).


Beim Sicherheitsendpunkt zeigte sich dagegen ein mögliches Signal: In der Krebsgruppe trat er bei 31,0 % unter früher Rhythmuskontrolle und bei 20,0 % unter Standardbehandlung auf (OR 1,87; 95%-KI [0,98–3,56]; p-Wert für Interaktion=0,055). Schlaganfälle wurden bei 8,6 % vs. 5,0 % beobachtet, schwere unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Rhythmuskontrolle bei 6,0 % vs. 0 %. Die Gesamtmortalität war mit 19,0 % vs. 18,0 % ähnlich.


Zu den Limitationen zählen der Posthoc-Charakter der Analyse, die kleine und heterogene Krebsgruppe mit nur 216 Personen und entsprechend geringer statistischer Power sowie die geringe Ereigniszahl. Die Mehrzahl der Betroffenen befand sich in Remission. Detaillierte Daten zu Art und Zeitpunkt onkologischer Therapien lagen nicht vor. Zudem waren Personen mit einer erwarteten Lebenserwartung unter einem Jahr von EAST-AFNET 4 ausgeschlossen.

Fazit

Eine frühe Rhythmuskontrolle scheint bei Patientinnen und Patienten mit VHF und Krebsanamnese wirksam zu sein und ermöglicht auch in dieser Gruppe häufig den Erhalt des Sinusrhythmus. Gleichzeitig weist die Analyse auf ein mögliches Sicherheitssignal mit mehr Schlaganfällen und mehr schweren rhythmuskontrollbezogenen Nebenwirkungen hin.
Dieses Sicherheitssignal muss aufgrund der kleinen Patientenzahl, der geringen Ereigniszahl und des explorativen Post-hoc-Charakters der Analyse mit Vorsicht interpretiert werden und kann auch zufallsbedingt sein. Dennoch sind die Sicherheitssignale klinisch relevant und werden traditionell auch dann berücksichtigt, wenn noch keine robuste Evidenz vorliegt. Die Beobachtungen sollten daher nicht als Beleg für eine geringere Sicherheit der frühen Rhythmuskontrolle bei Krebs verstanden werden, sondern als Anlass für weitere gezielte Untersuchungen.


Insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit Krebsanamnese können potenzielle Wechselwirkungen zwischen onkologischer Therapie, Antiarrhythmika und Antikoagulation sowie eine erhöhte thromboembolische Vulnerabilität eine Rolle spielen. Die Ergebnisse unterstreichen daher auch die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Kardiologie und Onkologie bei der Auswahl und Überwachung einer Rhythmuskontrollstrategie.

Expertenkommentar

In dieser Arbeit geht es um ein Thema mit einer großen klinischen Relevanz, da hier eine Patientengruppe adressiert wird, die in großen Studien unzureichend repräsentiert wird. Diese Sekundäranalyse der initialen EAST-AFNET-4-Studie untersuchte Patientinnen und Patienten mit einer aktiven Krebserkrankung oder in Remission. Es konnte herausgearbeitet werden, dass auch in diesem vulnerablen Kollektiv eine frühe Rhythmuskontrolle effektiv zu sein scheint. Die Interpretation der klinischen Endpunkte ist jedoch schwieriger. Auch wenn EAST-AFNET 4 in der Gesamtpopulation einen prognostischen Vorteil in der frühen Rhythmisierung zeigte, ist dies in der kleinen Gruppe von Patientinnen und Patienten mit einer malignen Grunderkrankung nicht nachvollziehbar. Auch die nummerisch höhere Anzahl von thrombembolischen Ereignissen ist als Signal zu werten. 


Durch die Heterogenität des Patientenkollektivs und der möglicherweise unterschiedlichen, individuellen Krebstherapien sind in dieser doch immer größer werdenden Patientenpopulation weitergehende Studien notwendig. Die Entscheidung zur Rhythmusbehandlung sollte weiterhin stark individualisiert betrachtet werden, dies impliziert auch das individuelle Schlaganfall- und Blutungsrisiko.

Zur Person

Dr. Djemail Ismaili

Dr. Djemail Ismaili ist Electrophysiology Fellow und Clinician Scientist am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Neben seiner klinischen Tätigkeit in der invasiven Elektrophysiologie forscht er zur zellulären Elektrophysiologie und zu den Mechanismen kardialer Arrhythmien.

Dr. Djemail Ismaili

Zur Person

Prof. Shibu Mathew

Prof. Shibu Mathew ist Bereichsleiter Rhythmologie an der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrums der Universitätsmedizin Essen. Seine Schwerpunkte liegen in der Diagnostik und Therapie kardialer Arrhythmien, insbesondere Vorhofflimmern, sowie in innovativen Katheterablationsverfahren.

Prof. Shibu Mathew

Key Facts der Studie

Die Sekundäranalyse von EAST-AFNET 4 untersuchte, ob Wirksamkeit und Sicherheit einer frühen Rhythmuskontrolle bei Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern durch eine aktive oder frühere Krebserkrankung beeinflusst werden.

Die frühe Rhythmuskontrolle führte auch bei Personen mit Krebsanamnese häufiger zu Sinusrhythmus nach 24 Monaten (84,9 % vs. 61,4 %). Für den primären klinischen Endpunkt zeigte sich kein Hinweis auf einen unterschiedlichen Therapieeffekt nach Krebsstatus. In der Krebsgruppe bestand jedoch ein mögliches Sicherheitssignal mit mehr Schlaganfällen und schweren unerwünschten Ereignissen im Zusammenhang mit der Rhythmuskontrolle

Eine frühe Rhythmuskontrolle erscheint auch bei Vorhofflimmern und Krebsanamnese wirksam. Das beobachtete Sicherheitssignal ist aufgrund des explorativen Charakters der Analyse vorsichtig zu interpretieren, sollte jedoch ernst genommen und in weiteren Studien gezielt untersucht werden.

Referenzen

  1. Ismaili D. Early rhythm control in patients with atrial fibrillation and cancer: A subgroup analysis of the EAST-AFNET 4 trial. DGK Herztage 2026, Hamburg.

  2. Ismaili D et al. Early rhythm control in patients with atrial fibrillation and cancer: A subgroup analysis of the EAST-AFNET 4 trial. EP Europace. 2026.

  3.  Kirchhof P et al. Early Rhythm-Control Therapy in Patients with Atrial Fibrillation. N Engl J Med. 2020;383(14):1305–1316.

  4. Van Gelder IC et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J. 2024;45(36):3314–3414.

     

Zur Übersichtsseite DGK Herztage 2026

Das könnte Sie auch interessieren

Auswahl von Studien-Highlights des EASD 2026: Die wichtigsten neuen Daten zu Abnehmmitteln kompakt zusammengefasst.

DGK Herztage 2026 | Evidenzgenerierung, Versorgungspfade und Kongress-Highlights rund um digitale Kardiologie. Mit Dr. K. Betz und PD Dr. P. Breitbart.

DGK Herztage 2026 | FIND-AF 2: Verkürzung des 24-h-EKGs nach Schlaganfall zur Identifikation von supraventrikulären Extrasystolen. Von Elisabeth Richter und Kommentar von Prof. Karl Georg Häusler.