Heart Teams: Gemeinsam zur besten Herztherapie
Jeden Tag um dieselbe Uhrzeit setzen sich im UKE Heart Teams zusammen, um zu diskutieren, was für ihre Patientinnen und Patienten die beste Therapieoption ist. Denn gerade bei komplexen Herzerkrankungen gibt es häufig nicht die eine, offensichtlich beste Behandlung. Dann setzen sich Expertinnen und Experten aus der Kardiologie und Herzchirurgie – und manchmal auch aus anderen Fachrichtungen – zusammen und diskutieren, was die beste Therapieoption ist. Und das manchmal auch hitzig.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Heart Team besteht aus Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen.
- Das Heart Team wägt unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten ab und entwickelt eine individuell passende Therapie.
- Das Heart Team gibt lediglich eine Empfehlung ab. Der Wunsch der Patientinnen und Patienten wird explizit mit einbezogen.
- Zahlreiche Studien belegen, dass Patientinnen und Patienten von dieser gemeinsamen Entscheidungsfindung profitieren.
Zur Expertin
Prof. Dr. Christina Magnussen
Prof. Dr. Christina Magnussen ist stellv. Klinikdirektorin und Leiterin der Interventionellen Koronartherapie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg.
Zum Experten
Dr. Björn Sill
Dr. Björn Sill ist stellv. Klinikdirektor und Leiter der Lungentransplantation und Koronarchirurgie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg und der Poliklinik für Herz- und Gefäßchirurgie.
„Das Ziel ist immer eine Therapie, die medizinisch sinnvoll ist und zur individuellen Situation der betroffenen Person passt.“
Prof. Dr. Christina Magnussen
Was genau ist ein Heart Team?
Ein Heart Team besteht aus Expertinnen und Experten aus der Kardiologie und Herzchirurgie und – je nach Notwendigkeit – auch aus anderen Fachrichtungen. Im UKE gibt es drei verschiedene Heart Teams: eines für Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzerkrankung (KHK), eines für Menschen mit Herzklappenfehlern und eines, das Herzschwäche-Patientinnen und -Patienten bespricht. „Im Bereich koronare Herzerkrankungen sind meist nur die Kolleginnen und Kollegen aus der Herzchirurgie und Kardiologe involviert, manchmal auch welche aus der kardiovaskulären Bildgebung. Besprechen wir aber beispielsweise eine Intervention im Klappenbereich, nimmt in der Regel auch eine Anästhesistin oder ein Anästhesist an den Besprechungen teil – es kommen immer alle Fachleute zusammen, deren Einordnung in dem individuellen Fall sinnvoll ist“, erklärt Dr. Björn Sill, Herzchirurg und stellvertretender Klinikdirektor der Klinik für Herzchirurgie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg. Gemeinsam beurteilt das Heart Team die Erkrankung, wägt unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten ab und entwickelt dann für die Betroffenen den bestmöglichen Therapieplan.
Wird bei allen Eingriffen am Herz ein Heart Team eingeschaltet?
Ein Heart Team bespricht vor allem Fälle, in denen mehrere Behandlungsmöglichkeiten infrage kommen – das können komplizierte Erkrankungen der Herzkranzgefäße oder schwere Herzklappenfehler sein. So wird zum Beispiel bei einer erkrankten Aortenklappe diskutiert, ob ein chirurgischer Klappenersatz oder ein kathetergestützter Eingriff wie TAVI sinnvoller ist. Dabei werden verschiedene Faktoren berücksichtigt: das Alter der Patientinnen und Patienten, Begleiterkrankungen, Lebenserwartung, Anatomie der Herzklappe und Gefäße sowie die Wünsche der Betroffenen. „Einige unserer Patientinnen und Patienten sind sehr komplex erkrankt, sodass es häufig nicht die eine perfekt passende Strategie gibt“, sagt Prof. Dr. Christina Magnussen, Kardiologin und stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Kardiologie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg. „Umso wichtiger ist es, dass man die möglichen Therapiestrategien und auch die technische Durchführbarkeit wirklich gut abwägt.“
Dr. Björn Sill und Prof. Dr. Christina Magnussen bei einer Heart-Team-Besprechung
Entscheidet das Heart Team über den Kopf der Patientinnen und Patienten hinweg?
Nein. Das Heart Team gibt lediglich eine medizinische Empfehlung ab. Die Behandlung wird anschließend gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten entschieden. Denn es spielen nicht nur die medizinischen Kriterien eine Rolle, sondern auch die persönlichen Wünsche, die Lebenssituation und individuellen Vorstellungen der Betroffenen. „Manche sagen: ‚Ich würde mich niemals Bypass-operieren lassen, egal, wie die Empfehlung lautet.‘ Bei anderen hat vielleicht der Vater bereits mehrere Bypässe – und die wollen dann keine Stents, sondern am liebsten direkt in den OP“, erzählt Prof. Dr. Magnussen. „Wir erklären unseren Patientinnen und Patienten, was wir technisch und langfristig am sinnvollsten finden – aber letztlich geht der Patientenwunsch vor“, sagt auch der Herzchirurg.
Warum reicht die Meinung einer einzelnen Ärztin oder eines einzelnen Arztes nicht aus?
Komplexe Herzerkrankungen eröffnen unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten mit verschiedenen Vor- und Nachteilen. Expertinnen und Experten aus der Kardiologie können beispielsweise kathetergestützte Eingriffe besonders gut beurteilen, wohingegen die Kolleginnen und Kollegen aus der Herzchirurgie die Möglichkeiten einer Operation besser einschätzen können. Das Heart Team bringt diese beiden unterschiedlichen Perspektiven zusammen. „Und manchmal macht sogar ein Hybrid-Vorgehen Sinn – dann operiert die Herzchirurgin oder der Herzchirurg einen Bypass und die Kardiologin oder der Kardiologe setzt zusätzlich noch einen Stent. So bekommen die Betroffenen das Beste aus zwei Welten“, erklärt die Kardiologin.
Beobachtungsstudien weisen darauf hin, dass die gemeinsame Entscheidungsfindung im Heart Team zu besseren klinischen Ergebnissen führen kann. So zeigt zum Beispiel eine Analyse von Aortenklappen-Interventionen, dass die durch ein Heart Team betreute Gruppe eine In-Hospital-Mortalität von 0 Prozent aufwies – im Vergleich zu 6 Prozent in der Kontrollgruppe ohne gemeinsamen Ansatz (Porterie et al., 2023). Eine andere Untersuchung (Scott-Herridge et al., 2022) kam zu dem Ergebnis, dass es in der von einem Heart Team betreuten Gruppe deutlich weniger ungeplante Krankenhaus-Wiederaufnahmen gab: 10,4 Prozent statt 36,5 Prozent in der Kontrollgruppe.
Was passiert in einer Heart Team-Sitzung?
Die beteiligten Expertinnen und Experten tragen die wichtigsten Befunde zusammen – dazu gehören zum Beispiel Ultraschallbilder des Herzens, CT- oder MRT-Aufnahmen sowie Herzkatheterbefunde. Und dann schauen sie sich an: Was sind die klinischen Beschwerden? Welche Nebenerkrankungen liegen vor? Was ist technisch möglich? Was ist sinnvoll? Und wie ist der Patientenwunsch? „Für den Bereich Herzkranzgefäße haben wir zum Beispiel jeden Tag um 13 Uhr einen fixen Termin, in dem wir die Fälle besprechen – meist aus unserer Klinik, oft werden wir aber auch von anderen Kliniken um eine Einschätzung gebeten“, erzählt Dr. Sill.
Kann ein Heart Team auch zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen?
Gerade bei komplexen Erkrankungen gibt es nicht immer die eine eindeutig richtige Lösung. Und manchmal gewichten die unterschiedlichen Fachrichtungen die Vor- und Nachteile einer Behandlung auch unterschiedlich. Aber genau das ist der Vorteil eines Heart Teams: Sie machen die unterschiedlichen Perspektiven sichtbar und wägen dann gemeinsam ab. „Das Ziel ist immer eine Therapie, die medizinisch sinnvoll ist und zur individuellen Situation der betroffenen Person passt. Und da diskutieren wir auch mal länger und durchaus kontrovers“, sagt Prof. Dr. Magnussen. „Aber ich habe es noch nie erlebt, dass wir am Ende den Raum verlassen und nicht wussten, wozu wir raten sollen.“
FAQ – Häufige Fragen zu Herzoperationen
Bei Menschen mit einer koronaren Herzerkrankung (KHK) sind die Blutgefäße verengt oder verschlossen, die das Herz mit sauerstoffreichem Blut versorgen sollen. Die betroffenen Blutgefäße nennt man Herzkranzgefäße oder Koronararterien. Typische Symptome der Erkrankung sind Luftnot, ausstrahlende Schmerzen oder ein Engegefühl in der Brust. Bei Menschen, die besonders stark betroffen sind, kann ein Stent oder ein Bypass notwendig werden.
In der Regel gibt es eindeutige Empfehlungen, welches Verfahren bei der jeweiligen Patientin oder dem jeweiligen Patienten angewendet werden sollte. Wenn die koronare Herzerkrankung sehr stark ausgeprägt ist, zeigen Studien, dass die Bypass-Versorgung das bessere Verfahren ist. Nach zehn Jahren ist das Überleben in dieser speziellen Gruppe besser als bei Menschen, die mit einem Stent versorgt worden sind. Anderen Patientinnen und Patienten kann man mit einem Stent besser helfen – also einer Gefäßstütze, die das Blutgefäß weitet. Die Wahl des Verfahrens hängt unter anderem vom Ausmaß der koronaren Herzerkrankung und dem Gesundheitszustand der Betroffenen ab.
Unsere vier Herzklappen funktionieren wie Rückschlagventile. Sie stellen sicher, dass unser Blut immer in die richtige Richtung fließt. Schließt eine der Klappen nicht mehr richtig, spricht man von einer Insuffizienz. Kann sich eine Klappe nicht mehr ausreichend öffnen, liegt eine Stenose, eine Verengung, vor. In seltenen Fällen sind die Klappenerkrankungen angeboren. Viel häufiger sind sie erworben – zum Beispiel durch Verkalkungen, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen im höheren Lebensalter.
Tendenziell eignet sich eine mechanische Herzklappe aus Carbon eher für unter 60-Jährige, weil diese Klappe potenziell unbegrenzt lange haltbar ist. Besteht dafür eine Kontraindikation oder sind die Patienten älter als 60 Jahre, wird generell ein biologischer Aortenklappenersatz empfohlen. Eine valide Alternative zur biologischen oder mechanischen Klappenprothese ist – in ausgesuchten Zentren mit entsprechender Erfahrung und Routine – die sogenannte Ross-Operation, der Aortenklappenersatz durch die eigene Pulmonalklappe. Sie eignet sich insbesondere für aktive junge Patientinnen und Patienten. Das TAVI-Verfahren wird dagegen vor allem Menschen ab einem Alter von 70 Jahren angeboten oder Jüngeren mit einem höheren Operationsrisiko empfohlen. Welches Verfahren am besten geeignet ist, muss immer individuell betrachtet werden, da es von sehr vielen Faktoren abhängt: von der betroffenen Herzklappe, vom Alter der Patientin oder des Patienten, von Begleiterkrankungen und den anatomischen Voraussetzungen.
Je nachdem, um welche Operation es sich handelt, ist ein kleineres oder größeres Team nötig: Neben der Operateurin oder dem Operateur sind meist noch Assistierende anwesend. Zudem OP-Pflegekräfte, die dafür sorgen, dass die benötigten Instrumente steril und im richtigen Moment zur Hand sind. Hinzu kommt eine Anästhesistin oder ein Anästhesist für die Narkose – und zusätzlich eine Anästhesie-Pflegekraft sowie Kardiotechnikerinnen beziehungsweise Kardiotechniker. Die bedienen die Herz-Lungen-Maschine, falls sie benötigt wird.
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