Berlin/Düsseldorf, 29. September 2026 – Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. Umso wichtiger ist es, die bestmögliche Behandlung für Herzpatient:innen zu finden. Genau das leisten sogenannte Herz-Teams. Herzchirurg:innen, Kardiolog:innen und Kolleg:innen aus weiteren Fachgebieten bringen ihre Expertise zusammen und entscheiden gemeinsam. Zum Weltherztag betonen die Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) und die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) die Bedeutung ihrer gemeinsamen Arbeit.
Robotik, technischer Fortschritt, Innovationen: Herzmedizin wird immer präziser und bietet heute mehr Behandlungsmöglichkeiten denn je. Doch welche ist die richtige? Gerade bei komplexen Herzerkrankungen kommen häufig sowohl eine Operation als auch eine kathetergestützte Intervention infrage – etwa bei der Koronaren Herzkrankheit mit mehreren verengten Herzkranzgefäßen oder Erkrankungen der Herzklappen. „In all diesen Fällen ist das Herz-Team gefragt“, erklärt Prof. Dr. Torsten Doenst, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie und Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie des Universitätsklinikums Jena. „Zahlreiche Studien belegen, dass konsequent gelebte Herz-Team-Entscheidungen die Behandlungsergebnisse verbessern.“ Auch in etlichen Leitlinien, beispielsweise bei Herzklappen-Therapie oder komplexer Koronarer Herzerkrankung, ist das Herz-Team verankert.
“Im Herz-Team beraten sich Kolleg:innen der Kardiologie und der Herzchirurgie strukturiert unter Einbindung der Patient:innen; ergänzt um Kolleg:innen weiterer Fachgebiete wie Anästhesiologie und Radiologie, Intensivmedizin oder Geriatrie; je nach individuellem Krankheitsfall“, erklärt Prof. Dr. med. Holger Thiele, Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie am Herzzentrum Leipzig. „Jedes Fachgebiet bringt seine Expertise ein, um gemeinsam Chancen und Risiken im Ganzen zu bewerten und den besten Therapieweg zu ermitteln.” Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, die Therapie des eigenen Fachgebiets durchsetzen zu wollen, sondern einzig im Sinne des Patienten bzw. der Patientin zu handeln, betont Herzchirurg Prof. Dr. Torsten Doenst. “Es ist wichtig, an dieser Stelle eine korrekte Risiko-Nutzen Abwägung durchzuführen und die Patientin oder den Patienten richtig zu informieren. Ein chirurgischer Eingriff ist natürlich invasiver, aber im Langzeitverlauf oft lohnenswert im Vergleich zu den Alternativen.“
Die Idee der Herz-Teams ist nicht neu. Seit 2015 sind sie in Deutschland bei mehreren Erkrankungen in den Richtlinien verpflichtend verankert. Heißt: Die gemeinsame Beratung im Herz-Team, mit Inaugenscheinnahme der Patient:innen, ist Voraussetzung für Krankenhäuser, um bestimmte Eingriffe wie die kathetergestützte Aortenklappenimplantation (TAVI) überhaupt durchführen zu dürfen. Doch wie sieht das in der Realität aus? In Deutschland gibt es mehr als 600 Kliniken mit einer Fachabteilung Kardiologie inklusive Herzkatheterlabor, aber nur rund 80 Kliniken mit einer herzchirurgischen Fachabteilung. Wie findet an Standorten ohne herzchirurgische Kolleg:innen die Abstimmung statt? „In diesen Fällen sind verlässliche Kooperationen besonders wichtig, beispielsweise über Telemedizin“, sagt Kardiologe Prof. Dr. Holger Thiele. So könnten auch über größere Entfernungen hinweg Befunde gemeinsam beurteilt, Therapieoptionen diskutiert und konsentierte Empfehlungen durch interdisziplinäre Teams gegeben werden. Gerade mit Blick auf die flächendeckende Versorgung wird es deshalb künftig darauf ankommen, solche Strukturen weiter auszubauen und verbindlich zu organisieren.
Schnelle und verlässliche Abstimmung – in der Kinderherzchirurgie funktioniert das besonders gut, betont Prof. Dr. André Rüffer, Direktor der Klinik für Kinderherzchirurgie und Chirurgie angeborener Herzfehler an der Uniklinik RWTH Aachen. “Der Herz-Team-Gedanke ist aus meiner Sicht tief in der historisch gewachsenen, engen Zusammenarbeit zwischen Kinderherzchirurgie und Kinderkardiologie verwurzelt“, sagt er. „Unsere Patientinnen und Patienten haben häufig Nebenerkrankungen wie Leber- oder Nierenschädigungen. Absprachen auch mit anderen Fachgebieten sind also essenziell.“ Oft gebe es nicht den einen ausschließlichen Therapieweg, sondern unterschiedliche vertretbare Ansätze. Entscheidend sei jedoch, dass die gemeinsam getroffene Strategie von allen Beteiligten im Herz-Team konsequent mitgetragen und verfolgt werde.
Teamwork – Herzchirurg Prof. Dr. Torsten Doenst wünscht sich in Zukunft noch mehr davon. Derzeit sieht er den fachgebietsübergreifenden und multiprofessionellen Ansatz in der klinischen Praxis noch nicht überall konsequent umgesetzt; vor allem auch, was die Aufklärung der Betroffenen selbst betrifft. „Unser oberstes Ziel sollte sein, dass Betroffene vollständig über alle Behandlungsmöglichkeiten sowie deren Vor- und Nachteile aufgeklärt sind.“ Am Ende entscheiden die Patient:innen natürlich selbst, welche Therapie sie wählen. Und genau das sollte auf einer guten Grundlage geschehen: nach umfassender und fachgebietsübergreifender Beratung.
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