Im letzten Jahrzehnt hat sich die digitale Gesundheitsversorgung grundlegend verändert. Patientinnen und Patienten aus der Ferne zu betreuen und Rehospitalisierungen zu senken – was anfänglich utopisch wirkte – ist heute durch Studien belegt: von der Datenerhebung über die Diagnostik bis zur pflegerischen Begleitung. Telenursing, definiert als pflegerische Versorgung mittels Telekommunikations- und Informationstechnologie aus der Ferne1, hat sich besonders in der Herzinsuffizienz bewährt, wo pflegegeleitete Teleinterventionen nachweislich klinische Outcomes verbessern2.
In der deutschen Telemedizin arbeiten verschiedene Berufsgruppen eng zusammen und bringen sich ergänzende Kompetenzen ein. Während Pflegefachkräfte stark auf medizinisch-pflegerische Zusammenhänge fokussieren, überzeugen Medizinische Fachangestellte (MFA) durch ihre Expertise in der Praxisorganisation und Ablaufsteuerung. Wird in diesem Artikel von „Telenurse“ gesprochen, sind damit Pflegefachkräfte mit telemedizinischem Schwerpunkt gemeint. Passend dazu hat der International Council of Nurses 2025 das Berufsbild der Pflegefachkraft neu definiert – als Verbindung aus Fachwissen, technischen Fähigkeiten, ethischen Standards und therapeutischer Beziehungsgestaltung.3
Im Bereich der kardiologischen Telemedizin betreuen Telenurses in Deutschland gemäß den gesetzlichen Vorgaben derzeit primär Patientinnen und Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz.4 International werden zunehmend auch Patientinnen und Patienten nach Myokardinfarkt, mit Vorhofflimmern, ventrikulären Tachykardien (VT) oder weiteren chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen telemedizinisch betreut.5 Die Patientinnen und Patienten übermitteln ihre Vitaldaten über spezielle Messgeräte automatisch an ein Telemedizinisches Zentrum (TMZ). Bei Grenzwertüberschreitungen wird eine Warnmeldung generiert, die von der Telenurse gesichtet wird.6 Diese bewertet die Daten ganzheitlich im Kontext von Vorgeschichte, Medikation, psychosozialer Situation und bisherigem Verlauf und entscheidet, ob eine Kontaktaufnahme zur Patientin oder Patienten, eine Medikamentenanpassung oder das Hinzuziehen ärztlicher Kollegen erforderlich ist.7
Ein Praxisbeispiel bietet der 72-jährige Max Mustermann – seit vier Monaten im Telemonitoring mit einer Vorgeschichte von koronarer Herzerkrankung (Diagnose mit 59 Jahren, CABG 2016), Insulinresistenz und ehemaligem Nikotinkonsum.
Nach einer Warnmeldung der Software, die eine Überschreitung des Blutdruckgrenzwerts von 160 mmHg anzeigte, nahm die Telenurse Kontakt auf. Da die Blutdruckwerte seit Beginn des Monitorings wiederholt schwankten, suchte sie das Gespräch – nicht belehrend, sondern empathisch und auf Augenhöhe. Sie erläuterte die kardiale Belastung durch extreme Druckschwankungen und zeigte Verständnis für seinen Alltag. Ermöglicht durch das entstandene Vertrauen räumte Herr Mustermann mangelnde Adhärenz ein: Diuretika ließ er oft weg, Sacubitril/Valsartan nahm er wegen ausgeprägten Schwindels unregelmäßig ein.
Da Autonomie für Herrn Mustermann ein zentraler Faktor seiner Lebensqualität ist und er Behandlungen besser umsetzt, wenn er deren Sinn versteht, erarbeitete die Telenurse gemeinsam mit ihm eine alltagstaugliche Strategie zur Verlangsamung der Herzinsuffizienzprogression:2,8,9
- Anpassung der Diuretika-Einnahme mit mindestens sechs Stunden Abstand zur Nachtruhe.
- Festlegung eines systolischen Untergrenzwerts von 110 mmHg als Orientierung bei Schwindelsymptomen.
- Nach ärztlicher Rücksprache: Halbierung der Sacubitril/Valsartan-Dosis.
Im Gegenzug sagte Herr Mustermann strikte Medikamenteneinnahme und tägliche Blutdruckkontrollen zu. In der Nachkontrolle acht Wochen später zeigte sich eine deutlich verbesserte Lebensqualität mit wiedergewonnener Alltagsautonomie; stabile Blutdruckwerte und gute Medikamentenadhärenz bestätigten den Therapieerfolg.
Dieses Praxisbeispiel spiegelt wider, was Studien zur Telemedizin konsistent belegen: Neben verbesserter Adhärenz zeigen sich erhöhte Lebensqualität, eine reduzierte Hospitalisierungsrate und eine erhöhte Self-Care-Rate durch die Involvierung von Telenurses.10,11,4 Gemäß §91a SGB V wird Telemonitoring als ärztlich geleitete Leistung abgerechnet, die an speziell weitergebildete Pflegefachpersonen delegiert werden kann.12 Die Vergütung der Telenurse-Tätigkeiten selbst bleibt jedoch ungeregelt – ungeachtet ihrer erkennbaren Kompetenz und ihres Beitrags zur Patientenversorgung. Doch wer übernimmt diese Aufgaben innerhalb eines Telemedizinzentrums (TMZ), wenn spezialisierte Telenurses nicht flächendeckend verfügbar sind?
Ein optimaler Skill-Grade-Mix setzt voraus, dass die individuellen Stärken jeder Berufsgruppe gezielt eingesetzt werden: die pflegerisch-klinischen Kompetenzen der Telenurse – insbesondere in der ganzheitlichen Patientenbeurteilung, Schulung und im Notfallmanagement – ergänzen sich mit den koordinatorisch-administrativen Fähigkeiten der MFAs zu einer effektiven Teamstruktur.13 Entscheidend ist dabei nicht die hierarchische Stellung, sondern die Frage, welche Qualifikation in welchem Moment die Versorgung am besten fördert.
Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen des Bereichs: Klare Kompetenzprofile, Rollenverantwortlichkeiten und eine direkte Vergütung der Telenurse-Rolle fehlen ebenso wie standardisierte Curricula für die telemedizinische Versorgung.14 Hinzu kommt das Risiko der Alarmmüdigkeit (alarm fatigue): In TMZ-Umgebungen mit hoher Warnmeldungsdichte können klinisch relevante Signale übersehen werden – ein weiteres Argument für klar definierte Kompetenzbereiche und strukturierte Abläufe. Das Praxisbeispiel illustriert die Tragweite: Eine Medikamentenanpassung ohne Erfassung von Schwindelsymptomatik und Sturzrisiko hätte für Herrn Mustermann gravierende Konsequenzen haben können. Nur mit fundiertem Fachwissen und dem Verständnis möglicher Entscheidungsfolgen kann die Telenurse Verantwortung vollumfänglich übernehmen. Klar definierte, wo sinnvoll voneinander abgegrenzte Kompetenzbereiche – untermauert durch die noch ausstehenden Curricula – sind deshalb unerlässlich für eine standardisiert hochwertige Patientenversorgung. Die daraus resultierende Handlungsautonomie einer kompetenten Telenurse befähigt das interprofessionelle Team, die täglichen Herausforderungen strukturiert zu bewältigen.15
Dennoch überwiegen die Chancen für Betroffene und involviertes Pflege- sowie Assistenzpersonal. Prof. Gerhard Hindricks (Charité Berlin) sieht in der digitalen Kardiologie „die größte Chance, die Qualität der kardiovaskulären Versorgung durch bessere Prävention, frühere und präzisere Diagnosen sowie eine verbesserte Behandlung zu steigern“.16 Neue Rollenbilder, verbesserter Zugang für Patientinnen und Patienten sowie wachsende technologische Kompetenz eröffnen Perspektiven für alle Beteiligten17 – und machen Telenursing durch Befähigung von Patientinnen und Patienten zu einem der dynamischsten Felder der modernen Herzmedizin.
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