Ärztin hält Stethoskop

Impuls aus der Praxis: Die Chefärztin als Wegbereiterin der Karriere von Ärztinnen

Frau PD Dr. Anna Brand ist Chefärztin an den Vivantes-Standorten Klinikum Spandau und Humboldt-Klinikum in Berlin und berichtet über die Etablierung moderner Führungsstrukturen und die Verantwortung der Klinikleitung, als aktiver „Enabler“ der Karrieren von Ärztinnen zu fungieren.

Von:

Dr. Isabel Mattig 

Charité Berlin

 

20.04.2026

Bildquelle (Bild oben): PeopleImages.com / Yuri A / Shutterstock.com

Unterstützungsmöglichkeiten aus Führungspositionen

Mattig: Frau PD Dr. Brand, Sie sind seit dem 1. Juni 2025 kardiologische Chefärztin an zwei Vivantes-Standorten in Berlin. Was bedeutet Führung und Förderung für Sie?


Brand: Als interventionelle Kardiologin habe ich selbst erlebt, wie wichtig Vertrauen und Begleitung in entscheidenden Momenten sind. Für mich bedeutet Führung deshalb vor allem, Menschen Entwicklung zu ermöglichen. Nichts ist mehr wert als ein „Du kannst das!“ im entscheidenden Moment. Gute Führung zeigt sich daran, dass andere wachsen. Eine Klinik ist dann erfolgreich, wenn Kolleginnen und Kollegen Verantwortung übernehmen, wenn Leistung gesehen wird und wenn unterschiedliche Lebensentwürfe respektiert werden – bei Männern/Vätern wie bei Frauen/Müttern. Karrierewege verlaufen nicht immer geradlinig. Individuelle und unkonventionelle Entwicklungen zu ermöglichen, macht eine Abteilung besonders wertvoll – solange die fachliche Qualität im Mittelpunkt steht.

Zur Person

PD Dr. Anna Brand

PD Dr. Anna Brand ist interventionelle Kardiologin und kardiologische Chefärztin an zwei Vivantes-Standorten in Berlin.
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Mattig: Was kann die Leitungsebene für Chancengleichheit tun, wo sind strukturelle Hürden und Grenzen?


Brand: Verantwortliche können durch das Vorleben ihrer inneren Haltung Chancengleichheit, Leistungsorientierung sowie klare und transparente Strukturen fördern: nachvollziehbare Kriterien für Beförderungen, definierte Karrierepfade, faire Auswahlprozesse und flexible, planbare Arbeitsmodelle. Leistung darf dabei nicht mit permanenter Verfügbarkeit gleichgesetzt werden. Strukturelle Hürden liegen häufig in historisch gewachsenen Hierarchien, nicht-leistungsorientierter und ineffizienter Präsenzkultur sowie informellen Netzwerken. Als Kardiologin, Chefärztin und Mutter weiß ich, wie entscheidend verlässliche Strukturen und eine wertschätzende Haltung sind. Führung kann nicht alle Rahmenbedingungen auflösen, aber sie kann bewusst dafür sorgen, dass Ungleichheiten nicht fortgeschrieben, sondern aktiv reflektiert und gerechter gestaltet werden.

Konkrete Maßnahmen und unbewusste Voreingenommenheit

Mattig: Welche Maßnahmen sind am wirkungsvollsten?


Brand: Entscheidend ist das Vorleben einer leistungsorientierten, verlässlichen und verbindlichen Mitarbeiterkultur: klare Ziele, transparente Entscheidungen, Einhaltung von Zusagen und konsequente Verantwortungsübernahme. Gleichzeitig braucht es Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen und Arbeitsmodellen – Leistung definiert sich über Qualität und Ergebnis, nicht über Präsenz. Am Ende entsteht Chancengleichheit dort, wo Leistung klar eingefordert wird, Rahmenbedingungen verlässlich sind und Individualität nicht als Schwäche, sondern als Ressource verstanden wird.

 

Mattig: Welche Rolle spielt ein unbewusster Bias, z. B. in der interventionellen Kardiologie, bei Rotationen etc.?


Brand: Unbewusster Bias spielt gerade in der interventionellen Kardiologie eine relevante Rolle – meist subtil und nicht intentional. Bei Beförderungen oder der Vergabe komplexer Prozeduren wirken implizite Annahmen mit: Wem traut man technische Exzellenz, Belastbarkeit oder Führungsstärke zu? Wer gilt als „dauerhaft verfügbar“? Wer ist mir ähnlich? Solche Zuschreibungen können dazu führen, dass bestimmte Kolleginnen oder Kollegen häufiger gefördert werden als andere. Das Problem ist weniger offene Diskriminierung als die unbewusste Fortführung historischer Strukturen. Deshalb braucht es transparente Rotationspläne, klar definierte Ausbildungskonzepte und reflektierte Förderentscheidungen. Unbewusster Bias verschwindet nicht durch gute Absichten.

Änderungswünsche und Karriere-Tipps für junge Ärztinnen

Mattig: Wenn alles möglich wäre, was würden Sie sofort ändern?


Brand: Wenn ich eine Sache sofort ändern dürfte, dann wäre es die vollständige Transparenz aller Entwicklungs- und Beförderungsprozesse. Klare, schriftlich definierte Kriterien für Rotationen, Prozedurvergaben und Funktionsübertragungen – nachvollziehbar und dokumentiert für alle. Denn Intransparenz ist der Nährboden für unbewussten Bias und informelle Netzwerke. Transparenz schafft Fairness, Planbarkeit und Vertrauen – und damit die Grundlage dafür, dass individuelle Begabungen und Bedürfnisse unabhängig von Geschlecht oder Arbeitszeitmodell gefördert werden.

 

Mattig: Was sind Empfehlungen für junge Ärztinnen mit Karriereambitionen?


Brand: Für junge Ärztinnen mit Karriereambitionen würde ich folgende Dinge empfehlen: Erstens: Fachliche Exzellenz aufbauen und aktiv Verantwortung suchen. Kompetenz ist die wichtigste Grundlage für jede weitere Entwicklung. Zweitens: Sichtbarkeit bewusst gestalten – traut euch, Vorträge zu übernehmen und Projekte zu initiieren. Drittens: Verlässlichkeit, Fairness und Kollegialität vorleben! Und viertens: Nicht primär gefallen wollen, sondern die eigenen Ziele und Werte definieren und konsequent leben. Authentizität, Klarheit und Zielorientierung machen langfristig glücklicher als Anpassung.

Zur Autorin

Dr. Isabel Mattig

Dr. Isabel Mattig ist Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie am Deutschen Herzzentrum der Charité. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Herzklappenerkrankungen und Kardiomyopathien; klinisch ist sie derzeit in den Bereichen Koronarinterventionen und Echokardiografie tätig. Sie engagiert sich in der DGK als Ambassadorin der Young DGK und ist Mitglied der European Society of Cardiology.
Dr. Isabel Mattig

Take-aways

  • Als Führungskraft auch individuelle und unkonventionelle Karrierewege zu ermöglichen, kann für eine Abteilung wertvoll sein, wenn die fachliche Qualität weiterhin im Mittelpunkt steht.
  • Die Führungskraft kann dabei klare und transparente Strukturen sowie Chancengleichheit und Leistungsgedanken fördern, indem sie es mit ihrer inneren Haltung vorlebt.
  • Historisch gewachsene Hierarchien oder eine nicht-leistungsorientierte Präsenzkultur können für Karrierepfade strukturelle Hürden bilden. Eine leistungsorientierte und verbindliche Mitarbeiterkultur ist entscheidend.
  • Voreingenommenheiten – vor allem unbewusste – können für Ungleichheiten in der Förderung sorgen. Transparente Rotationspläne, klare Ausbildungskonzepte und Förderentscheidungen sind notwendig.
  • Die Transparenz von Entwicklungs- und Beförderungsprozessen ist wünschenswert, durch sie ensteht Fairness, Planbarkeit und Vertrauen, was wiederum eine Grundlage zur idealen Unterstützung von individuellen Talenten darstellt.

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